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Hart arbeiten?

18 Feb 2018

Streifzüge 71/2017

von Franz Schandl

Völlig unbeeindruckt herrscht in der politischen Arena der Jargon der Arbeit. Ob das der ehemalige niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll ist, der in der ihm eigenen Penetranz stets „Hart arbeiten“ plakatieren ließ, oder Kurzzeitkanzler Christian Kern, der im abgelaufenen Wahlkampf nicht müde wurde, euphorisch von den „hart arbeitenden Menschen“ zu schwadronieren. Wir haben nicht nur zu arbeiten, wir haben hart zu arbeiten.

Die Figur des hart arbeitenden Menschen ist restriktiv, weil sie die edle Sorte der hart Arbeitenden gegen jene ausspielt, denen unterstellt wird nichts zu tun. Diese Figur und ihre Figuren treten nach unten und spucken nach oben. Wobei Spucken in diese Richtung schon das höchste der Gefühle darstellt, meist buckeln sie und lassen sich dann die Wintermärchen der Mehrwertigen reindrücken. Leistung muss sich lohnen, schreien auch die Minderwertigen. Die, die gar viel haben, sind tüchtig, denn sonst hätten sie nicht gar so viel.

Die permanente Verdächtigung, dass wir zu wenig leisten und uns rechtfertigen müssen, wo wir doch insbesondere durch Produktion und Produkte den Planeten gefährden, Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge ruinieren, ist absurd, ja debil. So denken Konformisten im Koma. Arbeiten meint schuften. Hart arbeiten meint sich blöd zu schuften. Hart arbeiten ist keine Tugend, sondern gemeingefährlicher Unsinn. Ein Fluch.

Hart ist die Arbeit. Hart ist das Leben. Hart. Hart. Hart. Was wie triviale Lyrik klingt, ist allerdings grausame Realität. Die Folge diverser Härtungen sind verhärtete Subjekte, die wenig bis nichts mehr spüren. Das Ziel der hart Arbeitenden ist ja nicht, dass es allen, also auch den anderen, besser geht – wo kämen wir da hin? – , nein, den anderen hat es gefälligst so zu ergehen wie einem selbst. Besser geht es einem nur, wenn es dem anderen noch schlechter ergeht, behauptet die dümmste aller Logiken. Doch sie regiert. Missgunst, Neid und Gier zeichnen die bürgerlichen Subjekte.

Hart Arbeiten ist eine Zumutung. Arbeit und Leistung, Karriere und Konkurrenz sind schwere Infektionskrankheiten des Kapitalismus. Ihnen zu entkommen ist schwierig. Wenn ich von mir sagen könnte, ich hätte mein Leben lang nie hart gearbeitet, dann wäre das durchaus fein. Leider ist dem nicht so. Zwar habe ich mich vor der Arbeit so oft wie möglich gedrückt, aber meine Möglichkeiten waren zu begrenzt, um mich dem schöpferischen Müßiggang, der emanzipatorischen Tätigkeit und sonstigen Leidenschaften und Lüsten hinzugeben. Es ist mir viel entgangen und viel weniger gelungen als für ein gelingendes Leben notwendig wäre. Derweil bin ich noch gut dran.

Wir leben in finsteren Zeiten: Die Angst vor dem Sozialmissbrauch ist größer als die Angst vor dem Sozialabbau. Dass der Sozialmissbrauch, was die finanzielle Dimension betrifft, absolut vernachlässigbar ist, resp. andersrum viel weniger Sozialleistungen abgeholt werden als abholbar wären, interessiert diese Neidgenossenschaft nicht. Bluten sollen die andern. Über die Einschränkung sozialer Leistungen für Asylwerber besteht jedenfalls Konsens der eingeborenen Ausgeburten weit über die Wählerschaft von FPÖ und ÖVP hinaus. Bedrohte Menschen verhalten sich zueinander keineswegs solidarisch, sondern feindselig.

So ist der Weg Richtung Hartz IV auch hierzulande nicht ausgeschlossen, befeuert und begrüßt auch von jenen, die am meisten gefährdet sind, aber es partout nicht schnallen wollen. Wenn es Asylwerbern schlechter geht, geht es Arbeitslosen nicht besser und wenn Arbeitslose schlechter gestellt werden, werden die schlecht bezahlten Arbeiter nicht besser gestellt. Die Vorletzten treten auf die Letzten so gerne hin wie die Vorvorletzten auf die Vorletzten.

„Unser Leben ist der Mord durch Arbeit, wir hängen 40 Jahre lang am Strick und zappeln, aber wir werden uns losschneiden“, schreibt Georg Büchner in Dantons Tod. Befreiung besteht darin, sich nur anzustrengen, wenn man sich anstrengen will. Kreativität und Muße haben Arbeit zu ersetzen. Dass wir dann nichts mehr tun, ist Humbug. Die Arbeit ist das Irrlicht der Moderne. Schalten wir es ab.

6 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Peter Oberdammer meinte am 19. Februar 2018, 14:21 Uhr

    Weil in meinem Printexemplar die Kommentarfunkton ausgeschaltet war, ein Nachtrag:

    Brilliante Zusammenfassung des Unwesens der Arbeitsgesellschaft.

  2. 2 Emil meinte am 19. Februar 2018, 22:53 Uhr

    Nun ist ja Arbeit an sich und damit auch harte Arbeit nicht zu verdammen. Darf Arbeit wirklich nur eine Frage des WOLLENS sein? Wie sähe dann unsere Gesellschaft aus, wenn ein Herzchirurg lieber mit einem Glas Wein im Lesesessel säße statt zu operieren, oder wenn der Kriminalpolizist des schönen Wetters wegen zum Angeln fährt und die Aufklärung eines Gewaltdelikts lieber auf morgen verschiebt?
    Jeder Arbeiter muss vor allem den Zweck seines Schaffens sehen und seine Arbeit als Teil des Ganzen begreifen. Er darf sich dabei nicht isoliert, losgelöst betrachten, sondern als Teil der Gesellschaft. Er muss von der Notwendigkeit und Nützlichkeit seiner Tätigkeit überzeugt sein, sei es das Reinigen von Sanitäranlagen, sei es das Fahren eines Busses oder Bewässern von Parkpflanzen. Mußezeit ist notwendig und wird durch eine stetige Reduzierung der Arbeitszeit erreicht. Abzulehnen ist hingegen aber jene Arbeit, bei der Profit erwirtschaftet wird, also der Arbeiter als Ware fungiert, um Mehrwert zu produzieren.

  3. 3 Dagmar meinte am 24. Februar 2018, 19:01 Uhr

    „Arbeit ist das Feuer der Gestaltung.“ (Marx)

    Das Problem mit der Muße ist, dass sie schnell in Müßiggang umschlägt.

  4. 4 Peter Oberdammer meinte am 27. Februar 2018, 12:57 Uhr

    Das Problem mit dem Müßiggang hat nur, wer in der Arbeitsgesellschaft gründlich verlernt hat, aus eigenem Antrieb zu agieren, und ohne außenbestimmten Zwang zur Arbeitskraftverwertung nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Freizeit ist das Pendant zu Arbeitszeit und nicht Muße. Unbefriedigende Langeweile ist als Mangel von Motivation und Energie die Zwillingsschwester der Arbeitskraftverwertung, denn letztere demotiviert und erschöpft, die Muße ist hingegen das untrennbare Gegenstück der Leidenschaft, die uns antreibt, nicht zu Rastlosigkeit sondern Intensität im Tun, Denken, Betrachten oder sinnlichem Erleben. Letztere erwächst aus ersterer, und letztere bedarf der ersteren, um uns auf Dinge ganz einlassen zu können.

    Worauf wir uns nicht umfassend einlassen können, das machen wir nicht gut, im Sinne von befriedigend. Weder Multitasking, noch Wecker und Stechuhr haben die Geistesgeschichte angetrieben, sondern viel Muße und Leidenschaft. Übrigens die so genannte „Hochintelligenzforschung“ hat versucht herauszufinden, warum Nobelpreisträger in ihren Gebieten so „gut“ seien, und kam zu dem banalen Ergebnis, sie widmeten ihren Themen ziemlich viel Zeit, einfach weil Sie es sehr gerne tun. Muße ist die Aufhebung der Trennung von Arbeits- und Freizeit, und das gilt nicht nur für hochgeistige Tätigkeiten.

    Jeder gute Handwerker betrachtet einmal sehr lange seinen Auftrag, bevor er zum Werkzeug greift. Unangenehm für den Kunden ist daran ja nur, dass er nach Arbeitszeit bezahlen muss, also der Fetisch des abstrakten Werts zwischen den Produzenten, den künftigen Nutzer und die Sache tritt. Es hat in der Geschichte verdammt lange gedauert, bis die modernen Subjekte so abgerichtet waren, dass sie dies streng trennten. Die Erfindung des Mehrfach-Drahtziehens in Ferlach im 19. Jahrhundert, immerhin schon am Beginn der Industrieepoche, war das Verdienst eines einfachen Drahtziehers der dortigen Eisenwerke, Anton Schauniggs. Niemand hatte dem Mann einen „Rationalisierungsauftrag“ erteilt. In seiner Muße hatte jener, den man heute einen Tüftler nennen würde, seine geistige Energie auf ihm aus der Arbeit bekannte Vorgänge gerichtet, ein später Zeuge einer gewissen Einheit des Lebens in den alten, vorkapitalistischen Industrien.

  5. 5 Sabi meinte am 28. Februar 2018, 10:39 Uhr

    Zu Langeweile, Muße und Nichtstun – was ist der Unterschied?
    Langweile empfinden wir immer als etwas Quälendes und Unwohles. Sie kann auch aufkommen, während wir tätig sind (beispielsweise, indem wir Dokumente abstempeln). Müßig ist man hingegen, wenn man etwas aus eigener Entscheidung heraus tut, selbst, wenn es das Nichtstun ist. Im Unterschied zur Langweile empfinden wir Muße als Genuss. Die Entscheidung, ein Buch zu lesen oder sich entspannend aufs Sofa zu legen ist also Muße. Das gleiche Liegen auf dem Sofa kann aber auch der Langweile zugeordent werden. Das Nichtstun ist Merkmal beider Kategorien. Das Kriterium der Unterscheidung ist somit weniger die Tätigkeit, sondern der freie Wille.

  6. 6 Das Goldene Kalb namens Arbeit vom 1. Mai 2018 meinte am 1. Mai 2018, 17:05 Uhr

    […] Hart arbeiten? Eine kritische Reflexion von Franz Schandl (hier) […]

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