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Christoph Türcke: Mehr! Philosophie des Geldes. Rezens

04 Mai 2017

Streifzüge 69/2017
von Andreas Fischer

Christoph Türcke: Mehr! Philosophie des Geldes. C.H. Beck, München 2015,
480 Seiten, ca. 29,95 Euro

Das Geld würde auf das archaische Menschenopfer zurückgehen. Gegen David Graeber wendet Christoph Türcke ein, man dürfe nicht von den ersten 5000 Jahren sprechen, sondern von den letzten und müsse viel weiter in die Altsteinzeit zurück. Das naive Bewusstsein der Menschen damals erklärt er mit dem Vergleich zu Kindern, die ich und Welt nicht trennen. Nicht selten empfinden Kinder Schuld, wenn Eltern sich streiten. Unsere Vorfahren empfanden Schuld gegenüber dem Schrecken der feindlichen Natur. Würde diese Schuld gesühnt, wäre die Natur versöhnt. Das Opfer musste wehtun. Die höheren Mächte waren imaginär, die Bezahlung war von Anfang an real. Das Menschenopfer hat sich im Lauf der Zeit profaniert (entweiht). Mit der neolithischen Revolution wurde es durch Tier- und Speiseopfer ersetzt, dann durch Metallopfer, dann durch Geld. Soweit die Würdigung. Nun zur Kritik. Marx ist für Türcke nur ein moralischer Zeuge gegen den Kapitalismus, seine theoretische Stärke versucht er zu widerlegen. Dass Leistung und Belohnung nur säkulare Derivate von Schuld und Sühne sind, bleibt Türcke verborgen. So macht er auch keine wirkliche Differenz zwischen vormodernen Sozietäten persönlicher Verpflichtungsverhältnisse und dem modernen Selbstzweck des Geldes. An der Werttheorie kritisiert er, dass sie Qualität zu quantifizieren sucht und bringt damit, ohne es zu merken, ein Argument gegen den Kapitalismus vor. Denn dem Geld wird die magische Eigenschaft zugeschrieben, Unvergleichbares vergleichen zu können. Sonst bliebe nur noch das „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ als Ende mit Schrecken.

5 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Peinhart meinte am 5. Mai 2017, 09:28 Uhr

    Dem kann ich mich nur anschließen. Türcke hat offenbar zentrale Punkte bei Marx einfach nicht verstanden. So argumentiert er gegen die Arbeitswertlehre, dass sie ja schon deshalb nicht stimmen könne, weil vergleichsweise kleine Internetklitschen mit nur wenigen Mitarbeitern viel mehr ‚Wert‘ sein könnten als große traditionelle Unternehmen mit tausenden Angestellten. Und zum Warenfetischismus fällt ihm nichts anderes ein als der frühkapitalistische Tulpenzwiebelwahn in den Niederlanden. Beides offenbart ein, gelinde gesagt, ziemlich ‚verkürztes‘ Marx-Verständnis.

    Die Herkunft des Geldes aus dem Opfer ist dagegen gut und nachvollziehbar dargestellt, wenn auch nichts wirklich Neues. Davon wusste Polanyi in seiner ‚Great Transformation‘ vor gut 70 Jahren auch schon. Trotzdem lesenswert, auch wenn einen im zweiten Teil zunehmend Verdruss befällt.

  2. 2 andi meinte am 11. Mai 2017, 19:09 Uhr

    Ist denn die Arbeitswertlehre tatsächlich so wichtig, dass eine valide Kapitalismuskritik ohne sie nicht auskäme? Immer wenn ich mit Marxadepten über die Arbeitswertlehre kommuniziere, verweisen sie als erstes darauf, dass Wert nicht gleich Preis sei. Dennoch sollte der Preis doch über den Wert erklärt werden oder? Gesetzt der Fall, dass dies zutrifft, müsste im Prinzip eine funktionale Beziehung zwischen Wert (im Sinne gesellschaftlich notwendiger abstrakter Arbeitszeit) und Preis angegeben werden können, formelhaft p=f(w).

    Sollte sich anhand meiner obigen Ausführungen zeigen, dass irgendetwas an der Arbeitswertlehre nicht verstanden habe, bitte ich darum, darüber aufzuklären, was!

  3. 3 Peinhart meinte am 11. Mai 2017, 20:02 Uhr

    Tatsächlich gibt es eine solche Funktion mE nicht. Man kann sich das bildlich vielleicht in etwa so vorstellen: bei der Produktion wird zwar eine gewisse Arbeitsmenge (= Wert) in eine Ware ‚hineingesteckt‘, über ihren Preis entscheiden dann allerdings erst Marktprozesse, der andere Funktionen wie Angebot/Nachfrage und auch durchaus solche Kalküle wie dem Grenznutzen zugrunde liegen. Geschicktes Marketing wie zB bei Apple kann dazu führen, dass ein solches Unternehmen am Markt sehr viel mehr Wert abgreift, als es selbst in seine Waren investiert hat.

    Das geht aber notwendig zu Lasten anderer Unternehmen, da die Gesamtnachfrage ebenfalls durch den insgesamt hineingesteckten Wert begrenzt ist – denn spiegelbildlich zum in den Waren steckenden Wert werden ja auch die jeweiligen Arbeiter entlohnt. Alltägliche Beispiele für viel zu teure, aber auch viel zu billige Waren, die notgedrungen ‚verramscht‘ werden, um überhaupt noch ein bisschen was abzubekommen, findest du leicht. Das Hauen und Stechen auf dem Markt bestimmt so die Preise relativ unabhängig vom Wert. Das einzige, was sich über die Beziehung Wert-Preis sagen lässt, ist dass kein Unternehmen dauerhaft ‚unter Wert‘ verkaufen kann – dann nämlich droht irgendwann und unvermeidlich die Pleite. Über Wert dagegen jederzeit und gerne.

    Marx ist kein Vorwurf zu machen, dass er das ‚Transformationsproblem‘ nicht gelöst hat: es gibt dieses Problem so einfach nicht, und daher auch keine Lösung. Der Markt ‚richtet‘ das im wahrsten Sinne des Wortes.

  4. 4 andi meinte am 12. Mai 2017, 14:27 Uhr

    Versuche, das Transformationsproblem zu lösen, wurden in den vergangenen Jahrzehnten zuhauf unternommen, doch überzeugen konnten sie nach Ansicht vieler Kommentatoren nicht. Statt in der Lohnarbeit die Substanz des Geldes zu sehen, wäre ein Blick darauf, was Geld Geltung verschafft vielleicht angebracht:
    Frei nach Aristoteles gilt Geld, wenn die Menschen es akzeptieren und an den Schein seines Wertes glauben. Sie glauben aber nur daran, wenn das Geld einen stabilen Wert für ihre alltäglichen Kalkulationen besitzt, Geld also gilt. Es handelt sich um einen Zirkel, der ganz ähnlich wie die Relation Herr-Knecht funktioniert.

    Wenn ein Unternehmen seine Waren unter Wert verkauft, dann liegen betriebswirtschaftlich gesprochen die Stückkosten über den Stückerlösen. Das Phänomen der Pleite lässt sich daher auch ganz ohne den Begriff des Wertes beschreiben.

  5. 5 Knut Hüller meinte am 17. Mai 2017, 15:20 Uhr

    Der Grundfehler in der (bürgerlichen wie marxistischen) Rezeption der Arbeitswertlehre besteht darin, das Thema quantitativ anzugehen statt logisch oder funktional, beginnend mit dem Zusammenhang zwischen aufgewandter Arbeit und ‚Preis‘ (gemeint ist damit meistens der Tauschwert, hier taucht schon die nächste Begriffsverwirrung auf)

    Logisch ist Arbeit notwendige Voraussetzung für die Existenz der Ware, die konkrete Arbeit für die stoffliche Seite der Ware, und die abstrakte Arbeit für ihre abstrakte (geldliche) Seite. ‚Abstrakt‘ heißt hier ‚von allen bekannten stofflichen (sinnlichen, physischen) Eigenschaften absehend‘. Wegen der Verrücktheit, daß man alles in Geld ausdrücken bzw. damit honorieren kann, den Bau eines Hauses genau wie sein Zerschießen, nehmen alle ‚Tätigkeiten‘ zunehmend die dazu gehörige verrückte Form der ‚Arbeit‘ an, in der es auch keine Rolle mehr spielt, was man wofür herstellt. Kriterien sind nur noch ‚möglichst viel‘ und ‚verkäuflich‘.

    Funktional erklärt Arbeit das Zustandekommen der Waren, während Tauschwerte ihre Verteilung regeln. Beides muß in Konflikt kommen, denn ein Teil der Arbeit(sergebnisse) darf nicht bezahlt werden, wenn allgemein Gewinn erzielt werden soll. Der Gesamtgewinn wäre null, falls die Gesamtheit der Arbeiter an Lohn ausbezahlt bekäme, was auf dem Markt die Gesamtheit V+M der Endprodukte kostet (M gäbe es dann nicht mehr). Der zunächst den Arbeitern vorenthaltene Teil M verteilt sich dann im nächsten (logischen!) Schritt unter die Kapitale mittels der Tauschwerte der Güter des konstanten Kapitals C.

    Man macht sich letzteres am einfachsten daran klar, was passieren würde, falls in einer ansonsten unveränderten Welt der Preis einer Ware wie Stahlblech angebots-, nachfrage- oder katastrophenbedingt fiele oder stiege; es würde sich Mehrwert zwischen den Erzeugern und den Verarbeitern des Blechs auf andere Weise verteilen. Warum soll dabei die geleistete Arbeit eine Rolle spielen, wenn schon der (logisch!) davor liegende Verteilungsschritt, die Aufteilung des Endprodukts als V+M zwischen Arbeiter und Kapitale auf einem nicht bezahlten Anteil an Arbeit(sleistung) beruht?

    Je höher mit der materiellen Produktivität die Ausbeutungsrate M/V steigt (nicht verwechseln mit der Profitrate M/(V+C)!), desto bedeutender wird der unbezahlt angeeignete Anteil am gesamten Endprodukt. Zu erwarten wäre, dass das kapitalistische System dann einer VÖLLIGEN Ablösung der Mehrwertaneignung von der Mehrwertschaffung (d.h. der Tauschwerte von den Arbeitswerten) zustrebt. Verselbstständigt sich dies als sichtbare Struktur, spricht man von einem ‚Finanzwesen‘.

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