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Diese „lästige Rüstung“

14 Aug 2017

Streifzüge 70/2017

von Maria Wölflingseder

Gebrauchswert? Gebrauch und Wert – wie soll das zusammengehen? – Wer würde auf den ersten Blick hinter dem Wort „brauchen“ die ursprüngliche Bedeutung „genießen, nutzen, ausüben“ vermuten? „Brauchen“ hat sich aus dem althochdeutschen „bruhhan“ entwickelt, welches mit dem lateinischen „frui“ für „genießen, Nutzen ziehen“ verwandt ist. Aus „frui“ erwuchs auch die „Frucht“. Die Grundbedeutung war „Nahrung aufnehmen“. Daraus entstanden die Bedeutungen „genießen, teilhaben, verwenden“.

Die Arbeitswerttheorie, die über die letzten Jahrhunderte entwickelt wurde, besagt, dass Tauschwert und Gebrauchswert einer Ware nicht identisch sein müssen, weil letzterer individuell verschieden sei. – Heute geht es nicht nur um den Gebrauchswert der Waren, die durch die wirtschaftlichen Umwälzungen immer „billiger“ wurden, sondern in immer desaströserer Weise um den Gebrauchswert des Menschen, um den Gebrauchswert seiner Ware Arbeitskraft. Dieser ist ebenfalls höchst individuell. Die Kriterien der Brauchbarkeit der Ware Arbeitskraft sind vielfältig: Alter, Herkunft, Überqualifizierung oder Unterqualifizierung, aber auch Körpergröße, Aussehen und vor allem der „Stallgeruch“, das Commitment, die Höhe der Unterwerfungsbereitschaft können wertsteigernd oder wertmindernd wirken.

Der aktuelle Sprachgebrauch ist gespickt mit ökonomisch einschlägigen Begriffen, die die „Verwertung“ des Lebens in allen Bereichen widerspiegeln. Der entscheidendste Begriff ist wohl der des „Humankapitals“. Entscheidend für die Wirtschaft als „Human Ressource“ und entscheidend für jeden Einzelnen, angesichts der Überlebensfrage. – Absurd, dass aber auch jene, die diese alles verschlingende Verwertung kritisieren, sich besonders gerne dieser Diktion bedienen. Da ist ungeniert die Rede von „Bruttonationalglück“, von all den tollen „Win-win-Situationen“ oder von „Biokapital“. So der Titel eines wohlmeinenden Buches von Andreas Weber, das „die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit“ zum Thema hat. Und die „Sozialistische Jugend“ bewarb ihren traditionellen Fackelzug am Vorabend des 1. Mai 2017 sogar mit dem Slogan „Wir sind ALLE mehr wert! Schluss mit Politik nur für die Reichen!“ – Nun ja, wenn alles verwertet und kapitalisiert wird, braucht es niemanden zu wundern, wenn nichts mehr zu gebrauchen, nichts mehr zu genießen ist. Die Welt wird ungenießbar und die Menschen werden ungenießbar. Die Rüstung Wert und Verwertung engt nicht nur immer mehr ein, sie ist komplett verrostet und anachronistisch. Dass wir von fruchtbarem Genuss Lichtjahre entfernt sind, beweisen nicht nur die täglichen Katastrophen, sondern auch die schleichenden Entwicklungen.

Eine solche wird mittlerweile wenigstens vereinzelt zum Thema gemacht. Nicht alle Eltern, Lehrerinnen und Ärzte nehmen unwidersprochen hin, wie sehr bereits auch die Kinder zu „Humankapital“ geworden sind: zum Leistungsträger, zum Wirtschaftsfaktor und Investitionsobjekt. Die Hamburger Psychotherapeutin und Mutter von vier Kindern, Felicitas Römer, gab 2011 das Buch „Arme Superkinder – Wie unsere Kinder der Wirtschaft geopfert werden“ heraus. Ihr viertes Kind bekam sie 18 Jahre später als die anderen. Sie war höchst erstaunt, wie dramatisch sich in der Zwischenzeit die Welt der Familien verändert hat. Diese neue Elterngeneration ist höchst verunsichert und hat große Angst, etwas falsch zu machen. „Ein ausgeklügeltes Förderprogramm sowie permanentes Dauerbespaßen des Juniors gehören heute zum ganz normalen Mütteralltag.“ Es „wird am Kind herumgebastelt, was das Zeug hält“, damit es ja die besten Noten bekommt und sich in der globalisierten Welt einmal behaupten kann. Und „Erzieherinnen beäugen das Kind kritischer denn je und schicken es rasch zum Ergotherapeuten, wenn es nicht ordentlich malt oder zu wenig spricht. Oder gleich mit Verdacht auf ADHS zum Kindertherapeuten, wenn es ,aggressiv‘ zu sein scheint.“ „Und wenn die Superkinder schließlich am Förderwahn zu zerbrechen drohen, profitieren Therapeuten und Pharmaindustrie.“

Auch Günther Loewit, Arzt in einer kleinen Niederösterreichischen Gemeinde, hat ein Buch (2016) über seine einschlägigen Erfahrungen geschrieben: „Wir schaffen die Kindheit ab! Helikoptereltern, Förderwahn und Tyrannenkinder“. Er kritisiert: „Wir fördern unseren Nachwuchs, wo es nur geht – und sorgen dadurch für dauernde Überforderung bei Eltern, Erziehern und Kindern. Zahllose medizinische Untersuchungen sollen perfekte Gesundheit garantieren, bei jeder kleinsten Abweichung von der Norm rufen wir panisch nach Medizinern und Psychologen – und machen gesunde Kinder damit zu Patienten.“ – Gerüstet fürs Leben werden sie mit dieser Rüstung wohl nicht.

Auf ganz ungewöhnliche Weise hingegen hat sich einer der Welt genähert. Einer, der aus mehreren Schulen flog und mit 18 überzeugt war, aus ihm würde nie etwas werden. Ein unersättlicher Wanderer und Weltenbeschreiber ist er geworden. Seine atemberaubenden Bücher erzählen nicht nur von der feinfühligen Intensität seiner Erlebnisse, sondern auch von all dem Wissen über Literatur und Musik, Geschichte und Architektur, Sprachen, Trachten und Traditionen, das er sich selbst angeeignet hat. Nicht nur seine Prosa ist unvergleichlich (sie „funkelt und strahlt und federt“, bemerkt Alexander Kluy), sondern auch sein Blick auf die Welt, die Menschen und sich selbst. Der Brite Patrick Leigh Fermor (1915–2011) beschreibt in seinem Buch „Rumeli“ (2012; übersetzt von Manfred und Gabriele Allié) „die Art wie Griechen einen Neuankömmling auf der Stelle, freundlich und auf Augenhöhe, als ihresgleichen annehmen. Eine Begrüßung, die alle Barrieren von Hierarchien, Herkunft und Vermögen dahinschmelzen lässt und – abgesehen von ein paar uralten Stammesfehden – auch diejenigen von Politik und Nationalität. Nichts Konventionelles ist daran, sondern diese Freundlichkeit gedeiht im Gegenteil in nahezu paradiesischer Unkenntnis all dessen. Befangenheit, Unterwürfigkeit und Herablassung (und das elende Gegengift erzwungener Gleichbehandlung), … all die düsteren Wolken, die die Weiten des Lebens einengen und einem in Westeuropa die Luft zum Atmen nehmen, sind hier unbekannt. … Der Fremde beginnt zu begreifen, dass er die lästige Rüstung und das Arsenal, das er schon ein halbes Leben lang mit sich herumschleppt, nicht mehr braucht. An ihre Stelle tritt eine wundersame Leichtigkeit.“

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