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Kleine Philosophie des Fouls

02 Jul 2016

von Franz Schandl

Vielleicht habe ich ja auch irgendetwas überlesen, aber tatsächlich kommt es mir so vor, als würde sich trotz der Allgegenwart des Fußballs so ziemlich niemand Gedanken über den spezifischen Charakter des Fouls machen. Ein unvoreingenommener Beobachter müsste, zwänge man ihn das Spiel zu interpretieren, zuallererst feststellen, dass da Männer ohne Ball Männer mit Ball regelmäßig zu Fall bringen. Alles andere, Tore, Eckbälle, Freistöße, Outs, Dribblings würden ihm als nachrangig erscheinen. Wir hingegen, die routinierten Zuschauer, haben gar kein Gespür mehr für das Foul, eben weil es als obligates Mittel zum Zweck erscheint.

Das Foul schafft eine neue Lage, die ohne es so nicht gewesen wäre. Fouls passieren nicht, sondern werden begangen, die Tätlichkeit ist Absicht. Das Foul ist die vorsätzliche Nichtung eines tatsächlichen oder eines möglichen Spielzugs. Das Foul ist also ein destruktiver Akt, es will kaputt-machen. Aus Rivalität wird Brutalität. Ziel des Fouls ist die Zerstörung des Laufs, es führt nicht nur zur Unterbrechung des Spiels, es ist jeweils ein elementarer Bruch des Spielflusses.

Nicht erst die Zeitlupe offenbart Grausamkeiten am Feld, diese zeigt aber in ihrer Verzögerung überdeutlich an, dass man gelegentlich nicht nur einen Kontrahenten stoppen will, sondern ihm richtig wehtun möchte. Man steigt ihm auf den Fuß, tritt gegen die Waden, versetzt ihm mit dem Ellbogen einen Schlag ins Gesicht u.v.m. In dieser Auseinandersetzung ist der Ballbesitzer fast immer im Nachteil gegenüber dem Nicht-Ballbesitzer. Konzentriert sich ersterer auf das runde Leder, so letzterer auf den Körper eines Feindes. Ihm gilt die Beeinträchtigung. Verletzungen im Fußball rühren fast ausschließlich aus einer bewussten Zufügung, sie sind nicht wie beim Autorennfahren oder beim Schifahren subjektives Risiko (worüber sich freilich auch einiges sagen ließe).

Das Foul ist eherner Bestandteil der Konkurrenz, gehört zum unentbehrlichen Kalkül, wird allseits in Kauf genommen. Wie in der Wirtschaft geht es um Verwertung, eigene Chancen müssen verwertet und die Chancen der Gegner müssen verhindert oder vermindert werden. Das Ergebnis misst sich in verwandelten Möglichkeiten. Wie diese Möglichkeiten verwandelt werden, ist ziemlich egal. Effizient muss es sein. So liegt der bittere Ernst des Marktes in Gestalt nationaler Konkurrenz über Spielfeld und Fanzonen. Wie in der Ökonomie herrscht das Berechnende. Die Konkurrenz ist an den Produkten nur hinsichtlich der gefallenen Tore interessiert und nicht eines gefallenden Matches. Kommerz dominiert in weiten Bereichen. Wie könnte es auch anders sein. Welt- und Europameisterschaften dienen primär nationaler Formierung und Selbstvergewisserung. Das Match im Auftrag der Nation degradiert Fußballkunst. Stets wird das Spiel auf den Boden jener Realität zurückgeholt, soll ja nicht selbsttätige oder gar selbstverliebte Sinnlichkeit werden.

Die Erotik des Spiels verunglückt allzu oft an der Neurotik des Fouls. Das aktuelle Soccer lässt die Körperverletzung als Kollateralschaden durchgehen. Fein ist das nicht und gesund schon gar nicht. Aber zweifellos ist es sehr lebensnah. Und doch ist diese Grobheit keine archaische Größe, kein natürlicher Tatbestand, sondern nur vor einem bestimmten kulturellen Hintergrund entzifferbar. Der gesellschaftliche Trieb der Konkurrenz besagt, dass in ihr alles erlaubt und möglich ist, wenn es irgendwie zum Ziel führt. „Hau ihm nieder!“, schreit der falsche Dativ der Fans, und der schreit oft. Die Gliedmaßen der Spieler sind das, was sie hinhalten, auch wenn ganze Mannschaften gelegentlich Lazaretten gleichen. So folgt das Spiel der scheinbar unvermeidlichen Logik von Opfer und Täter, von Treten und Getreten-Werden.

Die De-facto-Hinnahme von Fouls sollte entschieden problematisiert werden. Wie kommen die Messi und Ronaldo dazu, niedergeschlagen zu werden und gegebenenfalls, schließlich werden sie darauf trainiert, zurückzuschlagen? Oder ganz allgemein: Wie kommt ein Gegenspieler etwa dazu, ein edles Dribbling durch einen Übergriff kaputt zu machen? Diese Selbstverständlichkeit ist nicht so selbstverständlich, sondern demonstriert, wie eines der ansprechendsten Spiele, die je erfunden wurden, im Reißwolf des Marktes seine Begrenzungen findet. Das Foul im Fußball gleicht der rücksichtslosen Durchsetzung der Konkurrenten am Markt – koste es, was es wolle! Wie viele geniale Einfälle und begnadete Spielzüge sind so durch diverse körperliche Attacken zerstört worden! Und wie viele Spieler mussten verletzungsbedingt aufgrund solcher Tritte und Schläge pausieren oder gar ihre Laufbahn vorzeitig beenden!

Ein neuer Kodex sollte auf folgender Grundlage basieren: Fouls sind zu ächten und Gegenspieler sind zu achten. Sie sind kein Material, das im Interesse eines Ergebnisses zu verletzen ist. Niedermähen ist nicht! Wie foule ich richtig?, Wie simuliere ich ein Foul an mir?, Wie verstecke ich mein Foul? – das sind doch alles Unfragen. Körperliche Untergriffe sind nicht einfach zu tolerieren, sie sind als Störfälle zu betrachten. Ein befreites Spiel müsste gewährleisten, dass der Nachteil des Fouls größer ist als sein Vorteil. Heute ist das nicht der Fall. Das Foul ist eines Spielers unwürdig und es ist dem Spiel in jeder Hinsicht abträglich.

Doch das ist wohl Zukunftsmusik bei all dem Lob für die gesunde Härte, die Gewalt und Einsatz verwechselt. Was am Fußball entzückt, das sind doch Eleganz und Originalität der Ballführung, die Staffetten und Kombinationen, die Dribbligns und Schüsse. Nicht geschundene und getretene Körperlichkeit von robusten Recken, sondern das Gefühl und Gespür für Ball und Raum, für Pass und Mitspieler. Fußball soll nicht sein Angst und Foul, auch nicht Überwachen und Strafen, sondern Laufen und Laufen-Lassen.

4 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Rapid+WErder: Eine Seele, ein Elend meinte am 3. Juli 2016, 11:26 Uhr

    Weil das Foulspiel heutzutage von den Schiedsrichtern konsequenter unterbunden wird und es beim heutigen schnellen Kombinationsspiel der eigenen Mannschaft mehr schadet als nutzt, wird im Leistungsfußball ausdrücklich das Spiel ohne Foul trainiert (Körpereinsatz ist nicht gleich Foul!); ein „Ruppsack“ zieht sich heute mehr als früher den Zorn der Zuschauer wie auch der Mitspieler zu; die englische „Play Fair-Mentalität“ ist kein Mythos, sondern Wahrheit – ich fahre einmal im Jahr auf die Insel, um mir dort – betrunken – ein Spiel anzuschauen. Und dieser „Fair-Play-Gedanke“ ist in den Satzungen vieler kontinentaler Fanklubs mittlerweile festgeschrieben…

    Meine unmittelbaren Erfahrungen taugen natürlich nicht zur Beweisführung schlechthin, eher das ein Foulspiel im modernen Fußball in der Regel eine Schwächung der eigenen Mannschaft bedeutet, seltener eine Stärkung; das Verhältnis liegt bei 3,5 zu 1. Aber diese „1“ sind dann sehr wohl ein Problem – hier liegt Schandl mit seinen Äußerungen richtig.

    Ich war froh, dass der Autor bei seiner Analyse nicht versucht hat, den „Wert“ mit ins Spiel zu bringen. Danke!

    P.S.
    „Mein“ Verein stöbert gerade dieses Jahr bei Rapid; eure größte Mittelfeldhoffnung haben wir euch kurzerhand weggekauft – womit bewiesen ist, das Geld zuweilen auch nützlich sein kann…

    Herzlich

  2. 2 Martin meinte am 3. Juli 2016, 11:46 Uhr

    Noch eins:
    Macht Fußball nicht auch Hoffnung? Bei den Römern war es normal, dass eine Familie im Kolosseum Beifall klatscht, wenn gerade ein Mensch von einem Tier zerrissen wurde; heute beschränkt sich „die nicht gelungene Ablösung von der Natur“ (Horkheimer) darauf, dass wir fanatischen Fans auch mal ein Foulspiel der eigenen Mannschaft ideologisch wie aber vor allem emotional zu rechtfertigen wissen, wenn damit denn ein Konter verhindert werden konnte. Vielleicht ist es in der Zukunft ja so, dass das Quälen von Tieren in der Massenhaltung unvorstellbar ist. Wäre doch was…
    Rapid+Werder: Eine Seele, ein Elend.

  3. 3 Gohlke meinte am 3. Juli 2016, 12:44 Uhr

    Man könnte mich ruhig mal zu einem Spiel von Rapid einladen. Rapid gegen Klagenfurt könnte mich interessieren…

  4. 4 Sigbert meinte am 20. Juli 2016, 08:23 Uhr

    Das Foul im Sport ist wahrlich ein Mittel, um den Rivalen aggressiv fertigzumachen. Parallelen zur Gesellschaft bieten sich an. Dennoch scheint das Phänomen davon abgekoppelt zu sein; so gab es Fouls auch im Sport nichtkapitalistischer Staaten und es fragt sich, ob der Fußball jemals ohne Fouls auskommen wird. Bei genauerer Betrachtung scheint diese Problematik weit tiefere Einsichten zu vermitteln, als zunächst gedacht. Was sit die wahre Quelle des Fouls? Was bringt Spielerinnen und Spieler dazu, zu foulen? Und lassen sich die Antworten auch wieder rückwirkend auf die Gesellschaft übertragen?

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