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Heine und die Menschenware

30 Mai 2016

 

Streifzüge 66/2016

von Hermann Engster

Heinrich Heine gilt nach landläufiger Meinung als der romantische Dichter überhaupt. Das ist zu einem kleinen Teil richtig, zu einem größeren aber falsch. Er hat in der Tat einige höchst romantische Gedichte geschrieben, wie z.B. das rätselhafte Der Tod, das ist die kühle Nacht, er beherrscht virtuos das romantisch-poetische Repertoire und ist ein brillanter Reimkünstler, der es fertigbringt, Teetisch auf ästhetisch zu reimen: Sie saßen und tranken am Teetisch, / Und sprachen von Liebe viel. / Die Herren waren ästhetisch, / Die Damen von zartem Gefühl. In strengen Sinn „romantischer“ als Heine sind hingegen andere, wie z.B. Wackenroder, Novalis, Brentano, Eichendorff.

Die literarische Romantik hat ja schon in den Neunzigerjahren des 18. Jahrhunderts eingesetzt, und dies gleich mit großartigen Werken. Da wurde Heine gerade geboren. Als er seine Gedichte schreibt, wird bereits der Untergang der literarischen Romantik eingeläutet. Das ist Heines Schicksal. Denn, um ein Diktum von Karl Valentin auf ihn anzuwenden: „Es ist alles schon gesagt, nur noch nicht von allen.“ Und Heine weiß das. Er seufzt darüber, dass die Rosen, Veilchen, Lilien, Narzissen von Dichtern seinesgleichen zu Tode besungen worden sind, und er phantasiert sich bis an die Ufer des fernen Ganges, um die poetisch noch unverbrauchte exotische Lotosblume anzuhimmeln. Es ist eine eminente Sprachnot, die Heine quält, und in dieser Not ruft er, desperat wie weiland Shakespeares Richard III.: „Ein Bild, ein Bild, mein Pferd für’n gutes Bild!“ Er scheut sich aber auch nicht, rücksichtslos gegenüber sich selbst und seine Zunft, in einem Gedicht mit der Überschrift Wahrhaftig festzustellen: Lieder und Sterne und Blümelein, / Und Äuglein und Mondglanz und Sonnenschein, / Wie sehr das Zeug auch gefällt, / So macht’s doch noch lang keine Welt.

Die Zumutungen der Moderne

Er hat erkannt, dass die Romantik in sich tief fragwürdig ist. Sie ist eine Reaktion auf die Zumutungen der Moderne: der Moderne mit der Anfang des 19. Jahrhunderts sich durchsetzenden technisch-industriellen Unterwerfung der Natur, der kapitalistischen Formierung der Wirtschaft, dem allgegenwärtigen Zwang zur Konkurrenz samt den Mechanismen der nüchternen Rechenhaftigkeit, einer Konkurrenz, welche die Gesellschaft bis in die persönlichen Beziehungen der Menschen hinein durchdringt. Marx und Engels haben dies 1848 in ihrem Manifest der Kommunistischen Partei scharfsichtig und kritisch analysiert (nebenbei bemerkt: ein Glanzstück deutscher Prosa!); ein halbes Jahrhundert später hat der bürgerliche Soziologe Max Weber diesen Prozess – diesmal in durchaus affirmativer Absicht – mit den populär gewordenen Formulierungen von der „Entzauberung der Welt“ und dem „stählernen Gehäuse der Rationalität“ prägnant beschrieben, einem Gehäuse, in welchem der moderne Mensch sich gefälligst einzurichten habe. (M. Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, 1905; Wissenschaft als Beruf, 1919)

Im Zauberreich der Innerlichkeit

Die Romantik ist eine Protestbewegung gegen die Moderne, aber eine durchaus unpolitische, ja mehr als das: eine regressive und eskapistische. Unter dem Fanal der „Poetisierung der Welt“ wollen die Dichter das Reich der Poesie wiedererrichten, wie es in früheren, vorzivilisatorischen Zeiten, so imaginieren sie, geherrscht habe – Ideen, wie sie schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts von Rousseau und Herder entwickelt worden sind. Friedrich von Hardenberg, der sich selbst Novalis nennt, formuliert das Programm: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Aussehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Der Poesie wird eine mystische weltverändernde Kraft zugemessen, wenn Eichendorff dichtet: Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort. Einher geht damit eine Verklärung des Mittelalters mit seiner noch ungeteilten christlichen Religion und der gemütvollen Eintracht von Monarch und Volk, einer Ideologie, die noch Jahrzehnte später in Wagners Meistersingern spukt. Es ist die bleierne Zeit der Metternich’schen Repression, aus der sich die Dichter hinausträumen; die tieftraurige Musik eines Franz Schubert reflektiert dieses Elend, wortlos, wahrhaftig.

Die Dichter blenden die Wirklichkeit der sozialen Not und der politischen Repression aus. Es geht ihnen um den inneren Menschen, um die Erweiterung des Bewusstseins: Die Poesie wird alles richten. Und da die Realität des Tags zu hart ist, tauchen sie in die mystische Sphäre der Nacht ein. Und sie haben dabei wunderbare Schöpfungen deutscher Sprache hervorgebracht.

Der entlaufene Romantiker

So auch Heine, und doch auch nicht mehr. Er zieht sich nicht in das Innere zurück, sondern – als Jude von Diskriminierungen selbst früh gedemütigt und daher mit scharfem Blick für alles Unrecht begabt – richtet den Blick auf die politische Unterdrückung und das soziale Elend der sich herausbildenden Arbeiterklasse. Hat er als junger Schriftsteller schon in Berlin in den literarischen Salons der Rahel Varnhagen und anderer verkehrt, so sucht er nun den Kontakt zu kritischen Intellektuellen, lernt Marx, Engels, Lassalle, den Kreis der Frühsozialisten um Saint-Simon kennen, arbeitet an Marxens Zeitschriften Vorwärts! und den Deutsch-Französischen Jahrbüchern mit. Er hat einen scharfen Intellekt, aber theoretische Reflexionen liegen ihm nicht, viel eher sind es Satire und Polemik, die er in Verse und Prosa kleidet, scharfzüngig, ironisch, zuweilen bösartig, aber immer elegant. Das bringt Zensur und Geheimdienst auf den Plan, und von den zunehmenden Repressionen und antisemitischen Anfeindungen zermürbt, geht Heine 1831 nach Paris ins Exil.

Zwölf Jahre später kehrt er nach Deutschland zurück. Die Verhältnisse, auf die er hier trifft, beschreibt er in seinem Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen. Zunächst überkommt ihn Rührung, als er beim Grenzübertritt die deutsche Sprache wieder hört. Doch das gibt sich bald, als er gleich danach ein Mädchen mit wahrem Gefühle und falscher Stimme eine fromme Weise singen hört: Sie sang das alte Entsagungslied, / Das Eiapopeia vom Himmel, / Womit man einlullt, wenn es greint, / Das Volk, den großen Lümmel. Die Weise, stellt er sarkastisch fest, sei ihm allzu bekannt, und hält dagegen: Ein besseres Lied / O Freunde, will ich euch dichten, / Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten. Denn der Reichtum der Erde ist ungerecht verteilt, weil eine herrschende Klasse ihn auf Kosten der unteren Klassen sich aneignet: Es wächst hienieden Brot genug / Für alle Menschenkinder, / Auch Rosen und Myrten, / Schönheit und Lust, / Und Zuckererbsen nicht minder. / Ja, Zuckererbsen für jedermann, / Sobald die Schoten platzen! / Den Himmel überlassen wir / Den Engeln und den Spatzen. Um wie viel mehr gälte das, was vor zweihundert Jahren eine Utopie war, in Anbetracht hochentwickelter Produktivkräfte für unsere Zeit!

Seine Kritik steigert sich zur Empörung und Auflehnung. Anstoß dazu gibt der Aufstand der schlesischen Weber 1844. In der Konkurrenz mit billiger und in besserer Qualität produzierter Ware aus England und durch die Veränderung der Produktionsstruktur – die bis dahin selbständigen Handwerker wurden zu Lohnarbeitern – gerieten die Weber in eine Armut, die sogar zu Hungerrevolten führte. Der Aufstand, oft herablassend als „Maschinenstürmerei“ bespöttelt, richtet sich nicht gegen die Maschinen selbst , von denen es bislang nur wenige gibt, sondern gegen die ausbeuterischen Lohndiktate der Verleger. Er wird schließlich vom preußischen Militär niedergeschlagen; viele Weber kommen ins Zuchthaus, andere wandern nach Amerika aus.

Mit heißem Herzen …

Zornbebend – und diesmal nicht mit dem Florett, sondern mit dem Säbel – schreibt Heine ein Gedicht, das später als Weberlied berühmt wird. Marx veröffentlicht es im Vorwärts!, 50.000 Flugblätter mit dem Lied werden in den Aufstandsgebieten verteilt, Engels übersetzt es ins Englische. Der preußische Innenminister bezeichnet es in einem Bericht an König Friedrich Wilhelm IV. als „eine in aufrührerischem Ton gehaltene und mit verbrecherischen Äußerungen angefüllte Ansprache an die Armen im Volke“ und lässt es verbieten; einer, der das Weberlied öffentlich rezitiert, landet im Zuchthaus. Heine ist in Paris und in Sicherheit.

Die schlesischen Weber

 Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne;
Deutschland, wir weben dein Leichentuch.
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterkälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie Hunde erschießen lässt –
Wir weben, wir weben!
(…)

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!

Der Text ist meisterhaft gebaut: wuchtig der Gleichlauf der Sätze, hämmernd die Jamben, bohrend die den Takt des Webstuhls nachahmende Formel Wir weben, wir weben, die jede Strophe drohend abschließt, denn es ist Deutschlands Leichentuch, das hier gewebt wird – wohlgemerkt Altdeutschlands, so nennt Heine dieses feudal-reaktionäre, unterdrückerische Deutschland, auf das er den Fluch schleudern lässt. Das Gedicht ist grandios: zornerfüllt, staatsfeindlich, blasphemisch. Gleichwohl ist es unzulänglich, denn es verharrt im Moralischen, die politisch-ökonomische Dimension bleibt verschlossen.

… und kühlem Blick

Da ist ein anderes Gedicht, im Ton einer Ballade gehalten, von anderem Format. Heine schreibt es im Jahr 1854, in den meisten Werkausgaben fehlt es (die des Aufbau-Verlags aus DDR-Zeiten hat es). Es ist ein Gedicht von der Art, die zu erklären vermag, warum die Benennung der neugegründeten Düsseldorfer Universität nach dem in Düsseldorf geborenen Heinrich Heine seitens des Senats der Universität und politischer Kreise auf Ablehnung stieß. Der Streit begann 1972 und endete 1988. Ein prächtiges Sujet für Heines Spottlust, wobei zu fragen ist, ob er überhaupt interessiert gewesen wäre, seinen Namen für eine Universität herzugeben, wo er für die in Göttingen doch nur Hohn übrig hatte. Aber hier nun, leicht gekürzt, die Ballade:

Das Sklavenschiff

                      I 

Der Superkargo Mynheer van Koek
Sitzt rechnend in seiner Kajüte;
Er kalkuliert der Ladung Betrag
Und die probabeln Profite.
 „Der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut,
Dreihundert Säcke und Fässer;
Ich habe Goldstaub und Elfenbein –
Die schwarze Ware ist besser!

 Sechshundert Neger tauschte ich ein
Spottwohlfeil am Senegalflusse.
Das Fleisch ist hart, die Sehnen sind stramm,
Wie Eisen vom besten Gusse.

 Ich hab zum Tausche Branntewein,
Glasperlen und Stahlzeug gegeben;
Gewinne daran achthundert Prozent,
Bleibt mir die Hälfte am Leben.

 Bleiben mir Neger dreihundert nur
Im Hafen von Rio-Janeiro,
Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück
Das Haus Gonzales Perreiro.“

 Da plötzlich wird Mynheer van Koek
Aus seinen Gedanken gerissen;
Der Schiffschirurgius tritt herein,
Der Doktor van der Smissen.

 Das ist eine klapperdürre Figur,
Die Nase voll roter Warzen –
„Nun, Wasserfeldscherer“, ruft van Koek,
„Wie geht
s meinen lieben Schwarzen?“

 Der Doktor dankt der Nachfrage und spricht:
„Ich bin zu melden gekommen,
Dass heute Nacht die Sterblichkeit
Bedeutend zugenommen.

 Im Durchschnitt starben täglich zwei,
Doch heute starben sieben,
Vier Männer, drei Frauen – ich hab den Verlust
Sogleich in die Kladde geschrieben.

 Ich inspizierte die Leichen genau;
Denn diese Schelme stellen
Sich manchmal tot, damit man sie
Hinabwirft in die Wellen.

 Ich nahm den Toten die Eisen ab;
Und wie ich gewöhnlich tue,
Ich ließ die Leichen werfen ins Meer
Des Morgens in der Fruhe.

 Es schossen alsbald hervor aus der Flut
Haifische, ganze Heere,
Sie lieben so sehr das Negerfleisch;
Das sind meine Pensionäre.

 Sie folgten unseres Schiffes Spur,
Seit wir verlassen die Küste;
Die Bestien wittern den Leichengeruch
Mit schnupperndem Fraßgelüste.

 Es ist possierlich anzusehn,
Wie sie nach den Toten schnappen!
Die fasst den Kopf, die fasst das Bein,
Die andern schlucken die Lappen.

 Ist alles verschlungen, dann tummeln sie sich
Vergnügt um des Schiffes Planken
Und glotzen mich an, als wollten sie
Sich für das Frühstück bedanken.“

 Doch seufzend fällt ihm in die Red
Van Koek: „Wie kann ich lindern
Das Übel? Wie kann ich die Progression
Der Sterblichkeit verhindern?“

 Der Doktor erwidert: „Durch eigne Schuld
Sind viele Schwarze gestorben;
Ihr schlechter Odem hat die Luft
Im Schiffsraum so sehr verdorben.

 Auch starben viele durch Melancholie,
Dieweil sie sich tödlich langweilen;
Durch etwas Luft, Musik und Tanz
Läßt sich die Krankheit heilen.“

 Da ruft van Koek: „Ein guter Rat!
Mein teurer Wasserfeldscherer
Ist klug wie Aristoteles,
Des Alexanders Lehrer.

(…)

Musik! Musik! Die Schwarzen solln
Hier auf dem Verdecke tanzen.
Und wer sich beim Hopsen nicht amüsiert,
Den soll die Peitsche kuranzen.“

                         II

 Hoch aus dem blauen Himmelszelt
Viel tausend Sterne schauen,
Sehnsüchtig glänzend, groß und klug,
Wie Augen von schönen Frauen.

 Sie blicken hinunter in das Meer,
Das weithin überzogen
Mit phosphorstrahlendem Purpurduft;
Wollüstig girren die Wogen.

 Kein Segel flattert am Sklavenschiff,
Es liegt wie abgetakelt;
Doch schimmern Laternen auf dem Verdeck,
Wo Tanzmusik spektakelt.

 Die Fiedel streicht der Steuermann,
Der Koch, der spielt die Flöte,
Ein Schiffsjung
schlägt die Trommel dazu,
Der Doktor bläst die Trompete.

 Wohl hundert Neger, Männer und Fraun,
Sie jauchzen und hopsen und kreisen
Wie toll herum; bei jedem Sprung
Taktmäßig klirren die Eisen.

 Sie stampfen den Boden mit tobender Lust,
Und manche schwarze Schöne
Umschlinget wollüstig den nackten Genoss

Dazwischen ächzende Töne.

 Der Büttel ist Maître des plaisirs,
Und hat mit Peitschenhieben
Die lässigen Tänzer stimuliert,
Zum Frohsinn angetrieben.

 Und Dideldumdei und Schnedderedeng!
Der Lärm lockt aus den Tiefen
Die Ungetüme der Wasserwelt,
Die dort blödsinnig schliefen.

 Schlaftrunken kommen geschwommen heran
Haifische, viele hundert;
Sie glotzen nach dem Schiff hinauf,
Sie sind verdutzt, verwundert.

 Sie merken, dass die Frühstückstund
Noch nicht gekommen, und gähnen,
Aufsperrend den Rachen; die Kiefer sind
Bepflanzt mit Sägezähnen.

 Und Dideldumdei und Schnedderedeng –
Es nehmen kein Ende die Tänze.
Die Haifische beißen vor Ungeduld
Sich selber in die Schwänze.

(…)

Und Schnedderedeng und Dideldumdei –
Die Tänze nehmen kein Ende.
Am Fockmast steht Mynheer van Koek
Und faltet betend die Hände:

 „Um Christi willen verschone, o Herr,
Das Leben der schwarzen Sünder!
Erzürnten sie dich, so weißt du ja,
Sie sind so dumm wie die Rinder.

 Verschone ihr Leben um Christi willn,
Der für uns alle gestorben!
Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück,
So ist mein Geschäft verdorben.“

 Diese Ballade – in einem teils geschäftsmäßig nüchternen, teils in einem von Rendite-Erwartung optimistisch bewegten Ton gehalten, dazu mit romantischen Versatzstücken behängt – diese Ballade verschlägt einem die Sprache. Löst das Weberlied im Leser moralische Empörung aus, so lässt diese Ballade ihn in stummer Verstörung zurück. Wie kommt das? Sehen wir uns das Gedicht genauer an!

Gewinn- und Verlustrechnung

Die ersten fünf Strophen bestehen aus einer nüchternen Kalkulation: Der Kaufmann Mynheer van Koek überschlägt sein Wareninventar und berechnet die Gewinnaussichten, die probablen Profite. Aus Afrika importiert er verschiedene Waren: Gummi, Pfeffer, Gold, Elfenbein, und deren Rendite schätzt er als gut ein. Mehr Profit freilich verspricht er sich von einer anderen Ware. Es ist schwarze Ware, die er spottwohlfeil gegen Plunder wie Glasperlen, Branntewein, Stahlzeug eingetauscht hat, Menschenware von bester Qualität, wie er schwärmt: Das Fleisch ist hart, die Sehnen stramm, / wie Eisen vom besten Gusse.

Von dieser Ware hat er sechshundert Stück gelagert. Wie eine solche Lagerung aussieht, kann man am Belegungsplan eines Sklavenschiffs studieren, wo jeder Quadratmeter im Unterdeck optimal ausgenutzt ist, siehe etwa: de.wikipedia.org/wiki/Sklavenschiff oder de.wikipedia.org/wiki/Atlantischer_Sklavenhandel.

Das Problem mit dieser Ware ist allerdings, dass sie leicht verderblich ist. Das hat Mynheer van Koek als vorausschauender Kaufmann natürlich schon einkalkuliert. Die Hälfte hat er von vornherein als Verlust abgeschrieben, aber selbst dann bleibt ihm ein immenser Gewinn: (ich) Gewinne daran achthundert Prozent, / bleibt mir die Hälfte am Leben.

Gewinnwarnung

Doch reißt ihn eine alarmierende Nachricht aus seinen Renditeträumen. Die überbringt der Schiffsarzt, der eine dramatische Mortalitätsrate feststellen muss: Während durchschnittlich vertretbare zwei Warenexemplare pro Tag starben, so ist über Nacht die Zahl auf sieben gestiegen. Der Doktor hat das gewissenhaft überprüft: Denn diese Schelme stellen / sich manchmal tot, damit man sie / hinabwirft in die Wellen. Diese arbeitsscheuen Afrikaner ziehen es offenbar vor, eher von Haien gefressen zu werden, als einen Job auf einer Plantage zu übernehmen. Dabei verliert sich der Medikus in eine genüssliche Beschreibung der Haimahlzeiten: Denn die Haie lieben so sehr das Negerfleisch, und es sei possierlich anzusehn, / wie sie nach den Toten schnappen und nach erfolgter Sättigung zu ihm hochschauen, als wollten sie / sich für das Frühstück bedanken.

Für des Arztes idyllische Betrachtungen hat Mynheer van Koek freilich kein Ohr. Ihn bekümmert die Sorge um das Geschäft: Wie kann ich lindern / das Übel? Wie kann ich die Progression / der Sterblichkeit verhindern? Die Progression – nüchterner und präziser kann man den Sachverhalt nicht ausdrücken.

Doch der Doktor hat sowohl Diagnose als auch Therapie parat. Die Schwarzen sind selber schuld, denn ihr schlechter Odem hat die Luft / im Schiffsraum so sehr verdorben. Er baut hier aufmunternd einen Scherz ein, indem er statt „Atem“ das (von Luther geprägte) feierliche Wort „Odem“ gebraucht. Als Therapie empfiehlt er die Zufuhr von Frischluft; und weil manche wohl durch Melancholie gestorben sind, da sie sich auf der langen Überfahrt tödlich langweilen, soll ein wenig Bewegung durch Musik und Tanz ihre Lebensgeister wieder auffrischen. Das gefällt dem Mynheer van Koek ausnehmend gut, und wer von der schwarzen Ware, so verfügt er, qualitätsmindernd und damit geschäftsschädigend seine Heilung hintertreiben sollte, indem er sich beim Hopsen nicht amüsiert, / den soll die Peitsche kuranzen (i.e. prügeln).

Romantik als Ramsch

Für die Darstellung des vom Schiffsherrn angeordneten Tanzvergnügens greift Heine generös in die Kiste der romantischen Requisiten. Es ist wie beim Schlussverkauf: Alles muss raus! (Nur dass wegen des Hochseemilieus die abgenutzten Veilchen, Rosen und Lilien leider nicht dabeisein können.) Der Himmel über dem Meer wird zum blauen Himmelszelt verklärt, aus dem viel tausend Sterne schauen, / sehnsüchtig glänzend … wie Augen von schönen Frauen; das Meer ist überzogen mit phosphorstrahlendem Purpurduft, und die Wogen girren wollüstig. Auf dem Deck schimmern Laternen, Tanzmusik spektakelt, und das Schiffspersonal stellt das Orchester. Ein Offizier gibt den Maître des plaisirs und stimuliert mit der Peitsche diejenigen Warenträger, die bei diesem Fitnesstraining zur Optimierung ihrer Vernutzung nicht motiviert genug mitmachen.

So wird auf dem Schiffsdeck eine Danse macabre inszeniert: Die Schwarzen jauchzen und hopsen und kreisen / wie toll herum; die Musik macht fröhlich Dideldumdei und Schnedderedeng, und bei jedem Sprung klirren die Eisen, nämlich die Fußketten, die den Rhythmus der Tanzenden gleichsam instrumental begleiten. Mynheer van Koek sieht dem Schauspiel ergriffen zu. Hoffnung, dass seine Ware nicht verderbe, erfasst ihn, und in frommer Rührung ruft er um der Erlösungstat Jesu Christi willen, der für uns alle gestorben, Gott den Herrn an, das Leben dieser schwarzen Sünder zu verschonen, denn – so fleht er – bleiben mir nicht dreihundert Stück, / so ist mein Geschäft vedorben.

Die Hölle ist kalt

Es ist davon auszugehen, dass Mynheer van Koek ein frommer Mann und sein Gebet ernst und wahrhaftig ist. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Ist Mynheer van Koek ein böser Mensch?

Er ist es nicht. Ganz und gar nicht. Er hat als Geschäftsmann im „stählernen Gehäuse der Rationalität“ (M. Weber) Wohn- und Arbeitsräume bezogen und handelt gewissenhaft nach der hier geltenden Hausordnung. Es sind die Normen betriebswirtschaftlicher Rationalität, die er in der unerbittlichen Marktkonkurrenz befolgen muss, will er nicht obdachlos werden.

Dasselbe gilt analog für die unwillig sich gebärdenden Schwarzen, denen diese Normen mit der Peitsche in Haut und Hirn eingraviert werden müssen. Sie gelten ja als Menschenspezies niederer Ordnung: Große Philosophen wie Kant und Hegel haben das unfehlbar festgestellt, die Deklaration der Menschenrechte 1776 in den Vereinigten Staaten von Amerika und 1791 in Frankreich gilt praktischerweise nicht für Schwarze (und übrigens auch nicht für Frauen), und die zeitgenössische Rassenforschung hat die Rangordnung schließlich auf eine solide wissenschaftliche Basis gestellt. Schwarze sind demnach, wie Mynheer van Koek feststellt, ohnehin nur dumm wie die Rinder. Deshalb kann man ihnen die Unterwerfung unter die Normen kapitalistischer Zwänge – wie den Lohnarbeitern – auch nicht bequem als freie Vertragsvereinbarung unter gleichen Sozialpartnern vortäuschen. Haben die Lohnarbeiter mittlerweile den „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx) verinnerlicht, so muss dieser bei den zivilisatorisch unterentwickelten Schwarzen noch unmittelbar an deren Körpern praktiziert werden: mit Halseisen, Fußketten, Peitschen, Brandeisen.

Heines Weberlied bezieht seine Wirkung aus dem moralischen Zorn, der in ihm lodert. Anders – und ungleich größer – ist die Wirkung des Sklavenschiffs. Heine wertet und moralisiert nicht, er analysiert, oder genauer: lässt analysieren. Sein poetisches Verfahren ist, den Leser in die Figur des Mynheer van Koek hineinzuversetzen, mit ihm dessen nüchterne Analyse und Kalkulation zu vollziehen und dabei zu erkennen: Das bist du selbst.

Es ist diese Kälte der kapitalistischen Rationalität, in deren stählernem Gehäuse wir selbst eingesperrt sind und die uns beim Lesen erstarren lässt. Die romantischen Bilder, die das Ganze gespenstisch drapieren, sind die grelle Schlusskadenz, mit der Heine die romantische Traummusik von der Poetisierung der Welt dissonantisch abstürzen lässt. Da ist kein Eichendorff’sches „Zauberwort“ mehr, das die Welt „zum Singen“ bringt, sondern nur der Schrei der Entrechteten und Gequälten. Aber ein anderer ist an Heines Seite auf den Plan getreten, fordernd, die „versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zu zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt“. (Karl M.: Zur Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosopie. Einleitung. MEW I, 381)

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 uwej meinte am 14. Juni 2016, 12:31 Uhr

    Ich bin über einen Kommentar in einem blog (feynsinn.org) auf diese Seite „gestoßen“.

    Danke für die Vorstellung und anregende Betrachtung dieser Gedichte. Ich mache mir ein Lesezeichen, aber erstmal ausdrucken und noch mal in Ruhe lesen.

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