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Happy, Meta-Ware (I)

28 Mai 2016

 

Streifzüge 66/2016

von Roger Behrens

„Aber letzten Ende werden die Medien als Kanäle für Bilder und Interessen nicht nur benutzt; sie arbeiten auch, im Sinne einer virtuellen Maschine, an eigener Erzeugung. Das Fernsehprogramm, beispielsweise, verkauft nicht nur Waren und die eigene Hard- und Software, es verkauft Lebensweisen, nationale Identitäten, Organisation von Öffentlichkeit und Intimität. Das Medium ist nicht mehr allein nur die Botschaft, das Medium ist die Meta-Ware: Nur hier erscheinen die erworbene Ware und die soziale Praxis bereits vollkommen miteinander identisch.“ – Markus Metz & Georg Seeßlen, Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität (Frankfurt am Main 2011, S. 407)

Die besten Hits des 21. Jahrhunderts kommen musikalisch aus dem 20. Jahrhundert. Auf ihrem vierten Studioalbum ,Random Access Memories‘ fordern Daft Punk ihre Fans auf: ,Get Lucky‘! Nile Rodgers – Musiker der legendären Chic (deren Hits u. a. ,Le Freak‘ und ,Good Times‘ heißen) – spielt Gitarre, Pharrell Williams reist nach Paris, um mit dem eigentlich Zwei-Personen-Projekt Daft Punk (Guy-Manuel de Homem-Christo, Thomas Bangalter) noch Text und Melodie für ,Get Lucky‘ zu basteln. In achtzehn Monaten produziert, wird der schließlich im April 2013 veröffentlichte, mitunter als „elegant“ gelobte Song zum Number-One-Hit, gilt vielen als der beste Song des Jahres. – Dann erscheint im November 2013 Pharrell Williams ,Happy‘ (als Single, nachfolgend auf seinem zweiten Album ,G I R L‘); das Neo-Soul-Stück entwickelt sich Anfang 2014 zum kulturindustriellen Großerfolg: in der Bundesrepublik ist ,Happy‘ zusammen u. a. mit Helene Fischers ,Atemlos durch die Nacht‘ seither auf Platz 11 der meistverkauften Singles (Platz 1: Elton John mit ,Candle in the Wind‘ von 1997).

Auf der Internetseite 24hoursofhappy.com wird ,Happy‘ als „das erste 24-Stunden Video der Welt“ präsentiert: 360 vierminütige Versionen von ,Happy‘ sind hintereinanderkopiert; in jedem Abschnitt ist jeweils – zumeist – eine Person zu sehen, die zu dem Song auf der Straße, in der Fußgängerzone, im Flughafen oder ähnlichen urbanen Orten tanzt, zu jeder vollen Stunde ist es Pharrell Williams selbst, ansonsten auch viele Gaststars wie Poprockmusikerin Kelly Osbourne, Basketballspieler Magic Johnson oder Bossa Nova-Arrangeur Sérgio Mendes. Das Video ist 1950mal nachgeahmt worden von Leuten, die zu diesem Song irgendwo auf der Welt ebenso tanzend durch die Straßen ziehen (vgl. www.wearehappyfrom.com). Wie beim Original der als „Bestes Musikvideo“ bei den Grammy Awards 2015 prämierten Produktion sind es auch in den Remake-Clips meistens einzelne, die sich zu dem Song bewegen (Ausnahme z. B. eine Version in bzw. aus Teheran: hier tanzen fünf junge Leute; weil sie dies unverschleiert machten, wurden sie wegen „Verletzung der öffentlichen Sittsamkeit“ zu 91 Peitschenhieben verurteilt).

,Happy‘ ist ein Liebeslied. Williams singt: „Es mag verrückt erscheinen, was ich sagen werde: Sonnenschein! – Sie ist da, Du kannst ’ne Pause machen! Ich bin ein – Heißluftballon, der ins All abhauen könnte … Mit der Luft, Baby, ist es mir übrigens egal: Denn ich bin glücklich … Klatsch mit, wenn Du Dich wie ein Zimmer ohne Dach fühlst. Klatsch mit, wenn Du Glücklich-Sein als Wahrheit fühlst …“

In der Talkshow bei Oprah Winfrey ist Williams zu Tränen gerührt und weint vor Glück: „Es ist überwältigend, weil ich liebe, was ich tue. Und ich bin dankbar, dass die Menschen so lange an mich geglaubt haben, dass ich es bis hierhin schaffen konnte.“ Jedoch: die Menschen – das sind die Konsumenten, die als Käufer einer Ware (Schallplatte, CD, Download etc.) bestenfalls das zu erwerben hoffen, was Williams in dem Song verspricht; wahrscheinlich wollen sie einfach nur hübsche Musik. Sie glauben nicht an Williams, sondern an den doppelten Fetischcharakter dieser besonderen Ware, in der Gebrauchs- und Tauschwert ästhetisch konvergieren. Markus Metz und Georg Seeßlen haben das „Meta-Ware“ genannt.

Nachzulesen ist das allerdings schon bei Marx, einerseits: „Der Rock ist ein Gebrauchswert.“ (MEW 23, S. 56; vgl. Streifzüge 34/2005). Und andererseits: „Z. B. Milton, who did the ,Paradise Lost‘ for 5 Pounds Sterling, war ein unproduktiver Arbeiter. Der Schriftsteller dagegen, der Fabrikarbeit für seinen Buchhändler liefert, ist ein produktiver Arbeiter. Milton produzierte das ,Paradise Lost‘ aus demselben Grund, aus dem ein Seidenwurm Seide produziert. Es war eine Betätigung seiner Natur. Er verkaufte später das Produkt für 5 Pfund Sterling. Aber der Leipziger Literaturproletarier, der unter Direktion seines Buchhändlers (z. B. Kompendien der Ökonomie) fabriziert, ist ein produktiver Arbeiter; denn sein Produkt ist von vornherein unter das Kapital subsumiert und findet nur zu dessen Verwertung statt. Eine Sängerin, die auf eigene Faust ihren Gesang verkauft, ist ein unproduktiver Arbeiter. Aber dieselbe Sängerin, von einem entrepreneur engagiert, der sie singen lässt, um Geld zu machen, ist ein produktiver Arbeiter; denn sie produziert Kapital.“ (Theorien über den Mehrwert, MEW 26·1, S. 377)

Marx markiert mit diesen Sätzen eine Wahrheit, die der Kapitalismus im 19. Jahrhundert noch vehement bestritt und erst mit der Etablierung der regulativen Betriebsökonomie im 20. Jahrhundert unverhüllt zu seinem Programm erhob: dass es um Profit geht, ökonomisch um nichts anders. Kulturindustriell ist das im Pop destilliert; seit Elvis’ ,50.000.000 Elvis Fans can’t be wrong‘ (1959) ist das unverhohlen zum Prinzip erklärt, auch wenn es zunächst nicht ganz ohne Widerspruch akzeptiert wurde – heute schließlich, nach ,We are only in it for the Money‘ (Mothers of Invention, 1968) und Punk (Crass’ ,Punk is dead‘, auf: ,The Feeding of the 5000‘, 1978), ist alle Ironie und Provokation entschärft: Pharrell Williams singt ,Happy‘ und lässt die Menschen fröhlich tanzen, naiv, als wenn die Welt in Ordnung wäre; formal und inhaltlich ist das von Helene Fischers ,Atemlos‘ nicht weit entfernt. Nur wesentlich besser, und das macht den Unterschied bei Williams – zu Fischer (produktiv) im Übrigen ebenso wie zu Milton (unproduktiv): in seiner Selbstkonfiguration als Produzent (in mehrfacher Hinsicht) ist es nämlich gleichgültig, ob er produktiver oder unproduktiver Arbeiter ist. Er ist ein arbeitendes Produkt, das mit seinen Arbeitsresultaten den Menschen offenbar ziemlich viel Freude und Spaß bereitet. Wäre das der Gebrauchswert, liefen die Menschen nicht bloß alleine tanzend durch die Straßen, sondern hätten ,Happy‘ als Soundtrack der Umwälzung bestehender Verhältnisse des Unglücks. Solange das nicht passiert, verdoppelt der Gebrauchswert selbst der besten Musik nur ihren Tauschwert.

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