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EINlauf Streifzüge 67 – ALLTAG

17 Jul 2016

von Martin Scheuringer

Diesmal war es einfach, die Nummer zu füllen. Aber unsere Fragen aus dem Call – ob die beantwortet wurden? Ich bin unschlüssig, aber wer ist das nicht nach der Lektüre der Streifzüge? Ich vermute, dass dies der Grund ist für die wenigen Rückmeldungen, die wir erhalten.

Vielleicht überladen wir euch auch, und dann ist Feedback recht schwer. Die Menge an Gelesenem ist groß, die Verbindung mit euch durch Texte ist sehr distanziert und sie geht in eine Richtung. Es kann auch so bleiben – vielleicht ist für ein Magazin nicht mehr an Nähe und Kommunikation möglich. Essays öffnen sich bloß den Geöffneten, sie stabilisieren eine Gemeinschaft der Wissenden, aber können sie Menschen in diese Gemeinschaft reinholen? Wir wünschen uns lange schon den genialen einführenden Text, aber geschrieben hat ihn noch keiner.

Wünschenswert ist ein lokaler Theoriebetrieb des gesprochenen Wortes, bei dem sich Menschen treffen und nicht bloß Texte. Es sollte nicht nur Hacker-Spaces und Fablabs geben, Theorie-Labs täten uns auch gut.

Aber wer kann seinem Nachbarn den Mechanismus der Verwertung in klaren Sätzen beschreiben und die Folgen daraus ableiten? Im Text besteigen wir steilere Gipfel als im Gespräch. Denn da fragt wirklich jemand nach. Und dann kommt es drauf an: Hat man die Haltung eines Dozenten eingenommen – wie man das im Text ja so gerne macht –, so ist einem nichts peinlicher als die Erklärungslücke. Ganz anders aber, wenn man gemeinsam etwas verstehen möchte und jeder zum Verständnis der Sache beiträgt. Das wäre ein gemeinschaftliches Produzieren unter Peers. Gemeinsame Recherche, Lektüre, Verständigung darüber, welche Fragen wie beantwortet werden könnten. Womöglich als lang andauernde Auseinandersetzung mit vielleicht nur einer Person. Und am Ende ist kein Text, sondern vielleicht eine Freundschaft entstanden.

7 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Michael Neubert meinte am 17. Juli 2016, 12:02 Uhr

    Liebe Streifzügler,

    Was heißt und bedeudet: ‚Hacker-Spaces und Fablabs und Theorie-Labs‘?Ich weiß das nicht. „Wer kann mir das in klaren Sätzen beschreiben und dabei nicht die Haltung eines Dozenten einnehmen?
    Im Voraus vielen Dank für die Beantwortung meiner Frage.

  2. 2 Martin meinte am 19. Juli 2016, 08:32 Uhr

    Lieber Michael,

    hacker spaces sind Orte in denen Menschen, die etwas können, ihr wissen mit anderen Teilen: in repair-cafes z.b. oder wenn man in einer solidarischen Landwirtschaft mithilft und dort lernt welches Gemüse sich mit welchem gut im Beet verträgt.
    Ein Fablab – dort stehen Geräte rum und Hacker dir die erklären: 3D Drucker, CNC, und anderes je nach Ausstattung;
    Theorie-Lab: gibt es noch nicht, das Wort hab ich erfunden, weil ich mir wünsche nicht mehr in den herkömmlichen Zusammensetzungen zu diskutieren, also Seminar, Vortrag, usw. das alles ist recht bieder. Das Wort bezeichnet also eine Leere, die mit Versuchen zu füllen ist. Ich selbst hab noch keine gute Idee, daher das komische Wort.

    LG Martin

  3. 3 Bastian meinte am 21. Juli 2016, 02:25 Uhr

    Ich hab kürzlich auf dem Freilerner-Sommercamp (das ist ein jährliches Treffen für Menschen, die an Unschooling interessiert sind) einen Vortrag gehalten zur Frage, wie man Lernen aus den vorgebahnten Wegen befreien kann, wieder in den Alltag integrieren, raus aus den Institutionen, nicht im stillen Kämmerlein, sondern in der Gesellschaft, sichtbar, herrschaftsfrei und jenseits von Verwertungslogik. Leider (oder auch nicht) bin ich nicht über die Einführung „Was ist Anarchismus? Was bedeutet herrschaftsfrei? Warum ist das bedeutsam? Was bedeutet Verwertungslogik? Warum ist der Kapitalismus an sich ein Problem und nicht irgendwelche Auswüchse des selbigen?“ hinaus gekommen.

    Was mir spontan zu dem Text einfällt, sind die spanischen Ateneos (kenne ich aber selbst nicht, nur aus Texten von Stowasser, siehe z.B. hier: https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/anarchismus-weltweit/6511-barcelona-heimliche-anarcho-hauptstadt ). Weiter haben z.B. ebenfalls spanische Freunde von uns in ihrer WG eine Lerngruppe gestartet, um mal rauszufinden, was eigentlich „Smart Cities“ bedeutet, dass sie gerade in ihrer Stadt eingeführt haben (einfach als Beispiel, dass man sich ja einfach mal ein Thema vornehmen kann und rumfragen, wer Lust hat nächsten Dienstag mal vorbei zu kommen und sich das mal gemeinsam erarbeiten möchte).

    Prinzipiell fände ich es klasse, wenn Leute sagen: Lass uns jeden Sonntag um 11:00 im Park der nächsten Stadt treffen und gemeinsam das Verständnis unserer Probleme vertiefen und auch Aktionen aushecken, projekte Starten. Alles ganz offen, ohne geschlossene Gruppe ohne Sprecher und Pressemitteilungen, ohne Dozenten und Schüler, … und bei schlechtem Wetter dann eben irgendwo, wo es keinen Konsumzwang gibt. Einfach mal anfangen. Termin festsetzen, im Freundeskreis rumerzählen, paar Zettel ausdrucken und in der Nachbarschaft verteilen. Einer wird schon kommen :)

    Die Frage ist halt, wie einerseits derart einen herrschaftsfreien Raum erschaffen kann, aber andererseits das Grundwissen darüber nicht voraussetzen muss. Auf der Ebene von Parteipolitik, NGOs und Clicktivism macht es jetzt nicht so viel Sinn zu diskutieren. Vielleicht kann man Themen vorschlagen, wie „Warum scheitern Parteien, deren Gründer und Mitstreiter eigentlich Gutes im Schilde geführt haben?“ oder „Wie könnten wir wirtschaften jenseits von Kapitalismus und Planwirtschaft?“ oder „Was ist der Unterschied zwischen einer friedlichen und einer befriedeten Gesellschaft?“ oder „Warum identifiziere ich mich eigentlich mit einer Nation (falls ich das tue)?“ … ich hör jetzt aus.

  4. 4 Martin meinte am 21. Juli 2016, 07:51 Uhr

    danke, lieber Bastian, für deine Anregungen, du hättest ruhig mehr schreiben dürfen :-)

  5. 5 Jürgen meinte am 21. Juli 2016, 20:27 Uhr

    Fehlende Rückmeldung liegt bei mir oft auch daran, daß ich einfach nur zustimmend nicken kann, und es mir albern vorkäme, jedes Mal ein „super Martin“ oder „perfekt geschrieben, Franz“ uä abzusondern ;o)

  6. 6 Martin meinte am 22. Juli 2016, 20:07 Uhr

    :-) Danke lieber Jürgen, das ist sehr schön zu lesen! Und es ist wichtig, das uns zu sagen, weil wir wollen ja nicht nur zum eigenen Freude schreiben.

  7. 7 Bastian meinte am 7. August 2016, 01:39 Uhr

    Hab vor Kurzem auf einem Podcast einen Beitrag mit zwei sehr interessanten Texten gehört. Das waren Texte bzw. Auszüge daraus, über die kurz darauf in der anarchistischen Bibliothek Wien diskutiert wurde. Das hier ist auf einer Seite jener Bibliothek zu lesen:

    „Wir stellen jeden zweiten Freitag im Monat einen Text zur Diskussion.
    Diese Diskussionen stellen einen Versuch dar, eine anarchistische
    Debatte in Gang zu setzen. Wir wollen weder Expert_innen, noch
    Konsument_innen. Kommt bitte vorbereitet, lest den Text und macht euch
    dazu Gedanken (evtl. Notizen). Wir wollen unsere Ideen und Vorstellungen
    teilen und diskutieren um unsere Kritik zu schärfen.“
    https://a-bibliothek.org/2016/05/20/fr-10-06-2016-1930-textdiskussion-wir-sind-alle-sehr-aengstlich-sechs-thesen-ueber-die-angst/

    Den Podcast-Beitrag gibts hier zum Anhören:
    http://www.a-radio.net/2016/2840

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