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Schlecht kalibriert

06 Aug 2015

Streifzüge 64/2015 – 2000abwärts

von Franz Schandl

René Otto Knor, laut Eigendefinition „Österreichs Nr. 1 Coach“ und Haupttrainer der NLP Akademie weiß es: „Warum sind viele Unternehmer nicht so erfolgreich wie sie es gerne wären? Was unterscheidet finanziell wohlhabende und reiche Menschen von jenen, die den Sprung zur finanziellen Freiheit nicht schaffen oder denen gar am bekannten Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist…?“ Und nun wird es weihevoll: „Es ist der Geist der Armut oder Reichtum schafft“, lässt er in einer Anzeige im Wirtschaftsreport. Das Magazin für den Mittelstand (Ausgabe 03/2014, S. 8) ausrichten. „Der Schlüssel zu unseren finanziellen Ergebnissen liegt nicht im Außen, sondern im Innen: Bei unserer Unbewussten Zielkalibrierung (UZK). Wir alle haben eine UZK, die unsere Ergebnisse determiniert – einen unserem Wertesystem entsprechenden Fokus. (…) Der Schlüssel zum finanziellen Erfolg liegt also darin, unsere UZK so einzustellen, dass sie mit Glaubenssätzen und Wertesystem im Einklang steht.“

Glaube-Werte-Einklang, da jauchzt das esoterische, den Mittelstand magazinierende Herz. Die finanzielle Position ist die kalibrierte Disposition des Geistes. Je schärfer die Kalibrierung, desto größer das ökonomische Kaliber. Die Logik ist bestechend einfach: Wer zu Geld kommt, ist gescheit, wer nicht, gescheitert. Schlecht kalibriert. Ein Depp oder, wie es im Fachjargon heißt, eine Person mit „suboptimalen Strategien“. An der Höhe des Einkommens erkennt jeder seinen Wert. Ganz simpel.

Zweifellos ist das die ordinärste Rechnung, die aufgestellt wie ausgesprochen werden muss. Falsch ist die nicht, bloß unerträglich. Auch der „Sprung zur finanziellen Freiheit“ konstatiert, dass der bürgerliche Grundzustand in dieser kapitalen Welt die finanzielle Unfreiheit ist, was ja ebenfalls stimmt. Einer wie Knor weiß, was er zu sagen hat, aber nicht, was er sagt. Nur so einem kann es gelingen, via UZK das Unbewusste ganz bewusstlos einzustellen und die lechzende Geschäftswelt mit und in ihrem Irresein zu zelebrieren.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Egon W. Kreutzer meinte am 6. August 2015, 12:01 Uhr

    Ich bin gewiss kein Freund von NLP (Neurolingusitisches Programmieren), halte die sehr oberflächliche Abqualifizierung des Themas allerdings nicht nur für unangemessen, sondern sogar für gefährlich – eben weil NLP wirkt.

    Es ist die intensivste und am schnellsten Wirksame Form einer Umprogrammierung, die mir bekannt ist. Im Grunde handelt es sich um eine auf die zivile und gewinnorientierte Nutzung abgemilderte Form der Gehirnwäsche.

    Wenn Knor davon spricht, eine unbewusste Zielkalibrierung (UZK) so umzustellen, dass sie mit Glaubenssätzen und Wertesystem in Einkläng steht, mogelt er allerdings ein bisschen. Es geht letztlich darum, Glaubenssätze und Wertesystem so umzustellen, dass ein auf Reichtum und Raffgier ausgerichtetes Zielsystem davon nicht ausgebremst wird, bzw. überhaupt erst installiert werden kann.

    Primär wird hier mit Eigenliebe und Egoismus gearbeitet und aufkommende Skrupel mit dem Argument gekontert: Jeder hat es selbst in der Hand. Diejenigen, deren Geld du nimmst, haben sich entschieden arm zu sein, bzw. nicht reich zu werden.

    NLP liefert das Instrumentarium, um das Wohlgefühl einer guten Tat, eines gelungen Werkes auf jede beliebige Aktion zu übertragen, selbst auf eindeutig kriminelle Aktivitäten und dieses Wohlgefühl gegen die eventuell bis dahin vorhandenen Skrupel auszutauschen.

    Das ist das Gefährliche. Es werden im Menschen Energien freigesetzt, die bislang vom „Gewissen“ gebändigt wurden. Der „ehrbare Kaufmann“ wird zum „Raubtierkapitalisten“ umgestrickt.

    Wo NLP benutzt wird, um Rauchern die Entwöhnung zu erleichtern, um die Abneigung gegen Mathematik auszulöschen oder Marotten eines Partners nicht als abstoßend, sondern als liebenswerte Eigensschaft wahrzunehmen, mag die Methode ja unter dem Strich hilfreich sein.
    Wo sie jedoch angewendet wird, um negative Energien freizusetzen, was zweifellos gelingt, führt sie die Gesellschaft ein Stück tiefer in die Krise.

    Egon W. Kreutzer

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