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Den Kapitalismus vor sich selber retten?

21 Mrz 2015

Streifzüge 63/2015

von Lorenz Glatz

Vielleicht ist es ja unvermeidlich, dass über die Rettung einer herrschenden Lebensweise am erbittertsten gestritten wird, wenn sie nicht mehr zu retten ist, wenn sie sich allenthalben aufzulösen beginnt. Es wird „um Arbeitsplätze gekämpft“, als ob Hackeln der Sinn des Lebens wäre. Und für das Gedeihen von Kapital und Arbeit zittert man allenthalben um das „Wirtschaftswachstum“, als ob das nicht das Krebsgeschwür des Lebens auf der Erde wäre.

Man merkt das nicht unbedingt sofort, denn so wie die Menschenwelt heute aussieht, erscheint das Geld als der Boden, auf dem das Leben wächst. Der globale Standard für Glück, Moral, Erfolg ist der Lifestyle der Metropolen. Nicht so, wie er ist, sondern so, wie die Arbeits- und Konsumhysterie ihn in tausend Facetten des ewig Gleichen in die Köpfe einpaukt. Die hier verordneten Konsumpflichten und Konkurrenzen lassen die Monaden laufen und hetzen, in der Arbeit, auf der Suche nach einer und während des Freigangs. Und Verzweiflung greift nach denen, die den besagten Boden ganz zu verlieren fürchten, schon verloren haben oder von ihm nur träumen können.

Die Marktwirtschaft ist nach ihren eigenen Kriterien bankrott. Ihr Betrieb lässt sich nur noch mit wachsenden Schulden und mit Spekulation auf eine Zukunft, die es nicht mehr geben wird, aufrechterhalten. Selbst von den Gründerstaaten der EU erfüllt nur mehr der Banken- und Schwarzgeldstandort Luxembourg die Aufnahmekriterien. Der Kapitalismus ist eine Glaubensgemeinschaft. Ihr Credo ist der Glaube an den Credit, die eitle Hoffnung, dass die sich auftürmenden Geldversprechen und Schulden noch was wert sind.

Im Fall der hochverschuldeten USA zögern „die Märkte“ und Lieferanten noch nicht, Billionen Dollar und die „Sicherheit der Arbeitsplätze“ auf den Sand des Defizits zu gründen. Das kapitalistische Grundvertrauen in die blanke Gewalt meint unverdrossen, dass die US-Armee notfalls dem Dollar noch ganz direkt Wert verleihen kann.

Zwar sind auch in der EU die Schulden des Südens im Norden Arbeitsplätze. Aber der Glaube an die Zahlungsfähigkeit weicht dem Zweifel, der sich vergewissern will. Das Pfändungsregime der Troika hat jedoch in Griechenland Verarmung, Hunger, Wut und Verzweiflung ausgebreitet, die Wirtschaft in die Rezession getrieben – und den Schuldenstand immens erhöht, weil das neu geborgte Geld für alte Zinsen und die Bankenrettung draufgeht. Das Land könnte als erstes im Domino von EU-Pleitestaaten fallen, dem Euro, ja der EU droht der Zerfall mit allen Folgen für das globale System von Geld und Arbeit.

Doch eine Art Rettung steht bereit. Im Süden macht sie sich als radikale Linke an die „Rettung des Kapitalismus vor sich selbst“ (Y. Varoufakis, jetzt griechischer Finanzminister). Das Problem soll mindestens auf Ebene der EU angegangen werden. Weitgehende Entschuldung der maroden Länder (wie 1953 Deutschland), und den Rest der Verbindlichkeiten „aus neuem Wachstum“ zahlen. Dazu braucht es einen „europäischen New Deal mit öffentlichen Investitionen für Wachstum“, mit dem man „Arbeitsplätze schaffen“ kann. Dazu soll die Staatsverschuldung EU-weit nochmals einen großen Sprung nach vorn machen und ein neues Wirtschaftswunder stiften wie weiland vor fünfzig, sechzig Jahren. Ob dazu das Geldvertrauen in der EU noch reicht? Für den liberalen Ökonomen und Nobelpreisträger Paul Krugman aus den USA immerhin klingt das griechische Ansinnen weniger links als vielmehr zahm: „Das Problem der Pläne Syrizas“, meint er, könnte sein, „dass sie vielleicht nicht radikal genug sind.“

Seit den 80er Jahren wird immer wieder nach einem neuen „New Deal“ und „Marshallplan“ gerufen. Selbst wenn er heute unternommen wird, kann er vielleicht verzögern, d.h. auch: die Wucht der multiplen Krise schließlich steigern. Die globale Blase von Spekulation und Schulden ist ein unhaltbares Fundament. Und die vom Kapital zum Zwecke seiner Vermehrung voran getriebenen Technologien sind so hochproduktiv geworden, dass sie mehr Arbeit „freisetzen“ müssen als neu sich einverleiben. Der Ramsch, mit dem sie die Märkte jetzt schon überschwemmen, vergiftet und vermüllt bei Herstellung und Entsorgung die Luft, die Erde und die Meere. Das Erbe schon des alten Wirtschaftswunders ist eine ökologische Katastrophe, wer ein neues will, mag sich nicht wirklich. Wieviel Konsumismus und Zugriff des Staats und seiner Wirtschaft aufs Leben von der Wiege bis zur Bahre noch?

Der Staat ist, ob rechts, ob links regiert, vor allem Staat, eine Maschine, die sich vom Geld der Wirtschaft nährt und für eine Ordnung sorgt, die dazu passt. Er kann besser oder schlechter auszuhalten sein, aber Selbstbestimmung, freie Entfaltung der Menschen in Eintracht miteinander und der Mitwelt ist weit jenseits seiner Sorge. Diese heißt vielmehr würgende Kontrolle, selbst dort, wo er im Notfall, den er herbeiführt, einmal hilft.

Weithin auf der Welt hat der grassierende Zerfall von Staat und Wirtschaft Menschen aufgescheucht. Zu fanatisch-rassistischem Weitermachen um jeden Preis zum einen. Zugleich aber tun sich überall Menschen zusammen. Sie „versuchen, sich selbst zu organisieren, etwas zwischen uns in Bewegung zu setzen, aufbauend auf Vertrauen, Solidarität und Gleichheit, im Grund ein paar Dinge umzusetzen, eine Art zusammen zu leben und zu arbeiten“, ja es ist zu hören, „dass Profit Beziehungen schlecht macht, er macht sie nicht menschlich. – Also gefällt vielen Menschen die Idee, das Geld loszuwerden und menschlicher zu sein.“ (Bericht aus Griechenland) Diese Leute haben senkrecht.

Projekte kollektiver Selbsthilfe, aus denen solche Worte und Haltungen kommen, werden auch von Kritikern des Kapitalismus oft als bloßer „Notbehelf“ unsichtbar gemacht. Was eins als Monade in der „Gesellschaft der Sachen“ lebender Mensch leicht übersieht, ist der Umstand, dass sich hier in nuce das bildet, was allein uns noch in eine bessere Welt führen könnte: die „power of community“. Vom Standpunkt und von den Bedürfnissen der Entwicklung solcher Selbsthilfe her sollte eins herangehen an alles, was der Menschheit da im Niedergang der alten Ordnung an Grausig-Brutalem zugemutet, aber auch als „Rettung des Kapitalismus vor sich selbst“ angetragen wird. Staat und Geld jedoch brüten auf menschenfeindlicher Gewalt.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Wolfgang Oesters meinte am 9. Mai 2015, 10:02 Uhr

    Meinen herzlichen Dank an den Autor für seinen wohlgelungenen Aufsatz, der bei mir volle Zustimmung findet und den ich im hier Folgenden der Vollständigkeit wegen nur noch ein wenig ergänzen – bzw. dessen Inhalt ich mit meinen Worten nur noch etwas deutlicher betonen will. Den Satz „ihr Credo ist der Glaube an den Credit, die eitle Hoffnung, dass die sich auftürmenden Geldversprechen und Schulden noch was wert sind“ würde ich daher gerne um folgende, mir persönlich doch recht wichtige Anmerkungen ergänzen:

    Was der Kapitalismus hingegen offenbar gar nicht vorsieht bzw. gerade durch die längst schon geradezu rituell praktizierte Glaubensvorschrift namens Kreditwürdigkeit unterminiert, ist das Vertrauen der Menschen untereinander, denn – um mehr und mehr persönliche Kaufkraft sozusagen als persönliche Sicherheitsgarantie zu generieren, wird doch (wir können das ja bislang auch immer und immer wieder beobachten) oft völlig rücksichtslos anderen Menschen gegenüber vorgegangen, dabei aber das eigentlich in unserem Leben entscheidende, das gegenseitige Vertrauen dann auch bald schon – von immer mehr Menschen – zunehmend in Frage gestellt. – Das Geld bzw. möglichst umfangreichen Geldbesitz (ebenso wie den Besitz unzähliger materieller Güter) als (allgemein) vertrauensbildende Maßnahme zu betrachten ist daher als BUCHSTÄBLICH BARER UNSINN anzusehen; gegenseitiges Vertrauen hingegen ist äußerst notwendig, ja – unverzichtbar – und somit auch durch nichts Anderes zu ersetzen!
    Gerade das Geld stellt meines Erachtens nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein sehr nützliches Transportmittel innerhalb des Wirtschaftskreislaufs dar, dem Blut im Blutkreislauf vergleichbar sollte es allein dafür sorgen, daß alle Bestandteile des Gesamtkörpers auch alle lebensnotwendigen Versorgungsgüter erhalten; das Geld hingegen zu horten und an anderer Stelle für einen dementsprechenden Mangel zu sorgen, scheint mir nach meiner Art der „Buchführung“ einem Blutstau zu gleichen, der bekanntlicherweise zu lebensbedrohlichen Krisensituationen führt.

    Solange der Wert des Geldes immer noch so gewaltig überschätzt wird wie derzeit, solange es nicht als das gilt, was es eigentlich ist, nämlich (siehe oben – ein reines Transportmittel), werden alle anderen „flankierenden“ Maßnahmen dazu, seien sie auch noch so raffiniert erdacht – nur ein mehr oder weniger nutzloses Beiwerk sein und die ganze Geschichte (unsere gemeinsame Geschichte!) auch immer wieder sinnlos – und wohl auch zunehmend dramatisch – weiterhin „aus dem Ruder laufen“. Wir sollten meines Erachtens genauer darüber nachdenken, was wir eigentlich wertschätzen wollen, und auch, wie das dann jeweils auch tatsächlich am besten handzuhaben ist! – Mein Fazit lautet daher schließlich: Es ist die fundamentale Schwäche des Kapitalismus, daß er so viele Menschen bislang immer wieder dazu verführt, den Wert des Kapitals – vollkommen zu überschätzen.

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