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Hohe Menschen und niedrige Tiere

09 Dez 2013

Geht’s um Naturverhältnisse, sinkt das Niveau linker Debatten schlagartig

Streifzüge 59/2013

von Susann Witt-Stahl

Die linksneoliberale Partei Die Grünen versuchte im deutschen Bundestagswahlkampf mit der nicht neuen Idee der Einführung eines „Veggie-Days“ pro Woche in öffentlichen Großküchen und Kantinen zu punkten. Dieses Vorhaben scheiterte kläglich. Gegen die drohende „Öko-Diktatur“ übte ein wutschäumender Bürgermob den Schulterschluss mit Vertretern der Regierungsparteien. So bewegte sich ein von Jungen Liberalen und Mitgliedern der Jungen Union angeführter anachronistischer Zug mit Bier und Würsten vor die Berliner Zentrale der Grünen. „Grill-Protest! Sie fordern: ,Bürgerrechte stärken.‘“, lautete die Vollzugsmeldung der Bildzeitung.

Unverhoffte Schützenhilfe bekam die Bürgerwehr gegen Tier- und Klimaschutz von einem Sozialisten: Der Bundesgeschäftsführer der Partei Die Linke, Matthias Höhn, warf sich sogleich in Aschermittwochsreden-Pose, bei dieser Gelegenheit auch gleich alle keynesianischen Grundsätze seiner Partei über Bord und war mit den Marktradikalen ganz einer Meinung: Der Staat hat „den Menschen nicht vorzuschreiben, was sie wann zu essen haben“ – also das milliardenfache pulsierende Gemetzel in den Schlachtstraßen gefälligst nicht zu regulieren. Darüber hinaus ließ Höhn es sich nicht nehmen, die Forderung eines ohnehin nur symbolischen wöchentlichen Fleischgenuss-Interruptus als „antiemanzipatorisch“ zu geißeln. Was im Umkehrschluss an der von ihm propagierten neandertalensischen (dazu sozioökonomisch und ökologisch untragbaren) Alltagspraxis „emanzipatorisch“ sein soll, bleibt sein Geheimnis und hier getrost unerörtert.

Höhns Ausraster ist allerdings symptomatisch für den abrupten Niveauabfall in linken Debatten und die regressiven Bedürfnisse der Akteure, die sich nicht selten als Idealisten, Sozialdarwinisten und andere Reaktionäre entpuppen, sobald es um das im Mittelalter zur Bestie, im Frühkapitalismus zum Automaten, im Neoliberalismus vollständig zur Ware erniedrigte Tier geht.

Die Gewalt des identitätssetzenden Geistes

Von im fleischlinken Milieu kursierenden „Scherzen“ über das Elend und Leiden der Tiere (sowie das Mitleiden von Menschen, die deren Qualen nicht ignorieren können), die ohnehin nichts anderes bezeugen als den Verlust jeglicher humanen Orientierung ihrer Urheber, einmal abgesehen: Wenn’s um Tiere geht, ist der Mut vieler Marxisten, hinter die erkenntnistheoretischen Errungenschaften des Historischen Materialismus zurückzufallen, schier grenzenlos: „Im Gegensatz zu anderen Spezies hat die Menschheit eine Geschichte“, heißt es in dem Diskussionspapier „Zur Kritik des Antispeziesismus“ der Jungen Linken gegen Kapital und Nation. Dieser ist offenbar entgangen, dass der Mensch noch in der Hölle der Vorgeschichte schmort und von der bewussten Gestaltung der Geschichte weit entfernt ist. Entscheidend aber ist: Die der Leugnung einer nichtmenschlichen Naturgeschichte immanente Behauptung einer „Antithesis von Natur und Geschichte“ ist „falsch, weil sie die Verdeckung der Naturwüchsigkeit der Geschichte durch diese selber vermöge ihrer begrifflichen Nachkonstruktion apologetisch wiederholt“, wie Adorno solchen idealistischen Vorstellungen entgegenhält, „Abdruck jener Gewalt“ sind, „welche der identitätssetzende Geist der Natur antut“ (Fortschritt 102).

Die ins Metaphysische abgleitende Verwirrung der Jungen Linken ist ein charakteristisches Beispiel für die intellektuelle Misere der speziesistischen Linken. Wie viele von ihnen geht diese immerhin 8.000 Mitglieder zählende Organisation in ihren Publikationen fälschlicherweise davon aus, dass ihr vom Kantischen Idealismus und Krypto-Idealismus durchwirktes Naturverständnis in der Gesellschaftskritik der marxistischen Theoriebestände beheimatet ist. In Wirklichkeit denken die Jungen Linken dualistisch, nicht dialektisch. Sie reden von einer „Grenze“ zwischen Mensch und Tier, von „grundsätzlichen“, „qualitativen“ Unterschieden und singen ein Hohelied auf die ihrer Ansicht nach erst vom Menschen auf die Welt gebrachte Vernunft, die sie partout nicht als bereits elementar in der „Tierseele“ angelegte (Dialektik der Aufklärung 263f.) verstehen können. Die Instinkte, Gefühle, das unbewusste zielgerichtete Handeln der Tiere bilden Vorformen, das Substrat menschlicher Vernunft.

Diese ist als in der Unfreiheit der zweiten Natur die innere und äußere Natur (noch) nicht begreifende, sondern nur beherrschende Vernunft mit Natur identisch und nichtidentisch. „Dass Vernunft ein anderes als Natur und doch ein Moment von dieser sei, ist ihre zu ihrer immanenten Bestimmung gewordene Vorgeschichte“, so Adorno. „Naturhaft ist sie als die zu Zwecken der Selbsterhaltung abgezweigte psychische Kraft; einmal aber abgespalten und der Natur kontrastiert, wird sie auch zu deren Anderem.“ (Negative Dialektik 285) Das zwanghafte Bedürfnis des Menschen nach Abgrenzung von den Tieren spiegelt ideologisch das im Zuge blinder Naturbeherrschung gespaltene menschliche Bewusstsein, das nach wie vor Natur ist und sich einbildet Nicht-Natur zu sein.

„Es ist ja bloß ein Tier“

Wie so viele andere durch den Neoliberalismus konditionierte Linke steht auch die Junge Linke nicht nur auf Verballhornungen des Historischen Materialismus, sondern auch – und vor allem – auf „leckeres Essen und coole Klamotten“. Das zur Geldmonade verkümmerte bürgerliche Subjekt findet es einfach geiler, wenn man dumpfen Konsumismus irgendwie mit Marx oder so begründen kann. Vorstellen kann es sich gesellschaftliche Naturverhältnisse nur – die Gesetzmäßigkeiten der zweiten Natur, der Klassengesellschaft, hat es artig internalisiert und trachtet vorbewusst danach, sie in der Herrschaft des Menschen über die Tiere zu verewigen – als Verhältnis von oben zu unten: „Wenn man das Tier nicht zum Menschen erhöhen kann, muss man den Menschen eben zum Tier erniedrigen“, attackieren die Junge Linken die Tierbefreiungsbewegung und werfen ihr „Menschenfeindlichkeit“ vor.

Sie wollen nicht wahrhaben, dass die „Niedrigkeit“ der Tiere gesellschaftlich hergestellt und kein Naturgesetz ist – „Hierarchie war von je Zwangsorganisation zur Aneignung von fremder Arbeit“ (Adorno), im Fall der Tiere, wie auch von menschlichen Sklaven, zum Zweck der Zurichtung zu Produktionsmitteln und Waren. „Wir beuten Tiere nicht aus, weil wir sie für niedriger halten, sondern wir halten Tiere für niedriger, weil wir sie ausbeuten“, räumt der marxistische Philosoph Marco Maurizi mit einem verbreiteten Irrtum auf.

Dass das Tier aber auch gesellschaftlich zum Tier erniedrigt wird, um Menschen gesellschaftlich zum Tier erniedrigen zu können – dieses von Adorno mit allen erschütternden Konsequenzen dargelegte Problem haben die offenbar auf der vom Sozialdarwinismus des 19. Jahrhunderts geprägten zoologischen Hierarchie der Brüll’schen Pyramide und sonstigem Jägerlatein beharrenden „Marxisten“ noch gar nicht in Erwägung gezogen. „Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen“, so Adorno in dem Aphorismus „Menschen sehen dich an“, „enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom“. Aber dessen Möglichkeit entsteht eben nicht erst angesichts der zu Tieren erniedrigten Menschen, sondern bereits „in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tiers den Menschen trifft“ und dieser sagt: „Es ist ja bloß ein Tier“ (Minima Moralia 133). Die von Idealisten stets in Stellung gebrachte Behauptung einer fundamentalen Differenz zwischen Mensch und Tier – die Missachtung der Tatsache, dass der Mensch ein „gesellschaftliches Tier“ (Karl Marx) ist –, so Adorno, habe zur Folge, dass „Humanität unablässig droht, in Inhumanität umzuschlagen“ (Beethoven 123).

Solidarität des Lebens

Wer den Menschen als Antithese oder als das ganz Andere zum Tier setzt, der leugnet auch den allen Menschen wie den Tieren innewohnenden mimetischen Impuls, der sich in entwickelter und vergesellschafteter Form als Mitleid äußert. Schopenhauer hatte eine „kategoriale Auftrennung der Kantischen Einheit von Vernunft und Moral“ vorgenommen, eine „ursprüngliche Wesensgleichheit der intellektuellen Ausstattung von Tier und Mensch“ vorausgesetzt und das Mitleid aus gutem Grund als einzig sinnvollen Ausgangspunkt für eine Ethik begriffen, die der vom blinden Selbsterhaltungstrieb motivierte bellum omnium contra omnes als ewig gültige höchste Ordnung der Dinge (Grundlage kapitalismuskonformer Anthropologie) nicht akzeptiert. Die von Schopenhauer ausgehende „Entzauberung des idealistischen Vernunftbegriffs“ durchzieht die Kritische Theorie als Kritik der instrumentellen Vernunft (Schmid Noerr 157). Adorno und Horkheimer betrachteten das Mitleid, auf Basis einer Kritik an Schopenhauer, als zentrale Kategorie ihrer negativen Moralphilosophie, deren Keimzelle der Impuls der „nackten physischen Angst ist und das Gefühl der Solidarität mit den, nach Brechts Wort, quälbaren Körpern, der dem moralischen Verhalten immanent ist“(Negative Dialektik 281) und den das aus der Bewusstlosigkeit blinder Naturbeherrschung erwachte und zum Eingedenken der Natur fähige Subjekt in Form einer speziesübergreifenden „Solidarität des Lebens überhaupt“ (Materialismus und Moral 136) exekutiert.

Entsprechend erheben die jungen linken Krypto-Idealisten heftig Einspruch, wenn das Mitleid „als eine Art Natureigenschaft“, als „Naturinstinkt“ erkannt wird, „welcher auch in die menschliche Natur hereinragt“ und nur dadurch unterdrückt werden kann, dass der Mensch mittels seiner Vernunft etwas anderes als wichtiger setzt (Junge Linke: kritik-am-veganismus). Die Kantische Ethik mit „ihrem transzendentalen Anspruch, dass der Mensch der Natur die Gesetze vorschreibt“, lässt „fürs Mitleid keinen Raum“(Adorno, Beethoven 123). Der Ökonom Friedrich Pollock, ebenfalls ein führender Vertreter der Kritischen Theorie, sieht das Problem der Unterdrückung der Wahrheit, dass der natürliche mimetische Impuls existiert und unverzichtbarer Treibstoff für einen gelungenen Zivilisationsprozess ist, in der „verkehrten Metaphysik“ des Kapitalismus angelegt: „Diese setzt voraus, dass die bürgerliche Welt, in der jeder nur für sich sorgen kann, die natürliche ist“, der „individuelle Selbsterhaltungstrieb das allein Entscheidende im Menschen ist, und dass man für das eigentlich Menschliche, das heißt, alles, was sich erst unter besseren Bedingungen entwickeln kann, noch einer Begründung bedarf“ (Zum Problem der Moral).

Die „blinde Freiheit“ der Natur

Fanatisch für Fleisch und dumm wie Brot? Wenn Linke, die sich im Lager der Historischen Materialisten verortet wähnen, nicht selten aggressiv für die Fortexistenz der Schlachthöfe inklusive der darin praktizierten Alltagsbarbarei streiten, dann ist weitaus mehr im Spiel als Ignoranz. Wer wie die Junge Linke stolz verkündet, dass er sich „total diskriminierend“ ausschließlich um Menschen kümmert (Junge Linke: ueber-uns – vor einigen Jahren hat sie eine Überarbeitung einiger ihrer Positionen angekündigt, die bis dato nicht erschienen ist), der ist emotional und intellektuell erstarrt in der eigenen bürgerlichen Kälte, die empfindungsfähige Lebewesen zum Exemplar verdinglicht. Er hat sich längst gemütlich arrangiert mit dem auf das Recht des Stärkeren pochenden neoliberalen Konsens und will vor allem das eine: dass die Welt so bleibt, wie sie ist.

Wahrhafte Marxisten hingegen empfinden wie Engels „eine schmähliche Verachtung gegen die idealistische Überhebung des Menschen über die anderen Bestien“ (MEW 29, 338) – nicht zuletzt weil dieser Spezieschauvinismus die Selbsterkenntnis von uns als mit quälbaren Körpern ausgestattete menschliche Tiere, die im kapitalistischen Gesellschaftsbau gefangen sind, vereitelt und den Blick auf die Möglichkeit der Befreiung des Menschen verstellt. Der Historische Materialist wird daher nicht müde, an dem falschen Mensch-Tier-Dualismus zu rütteln, das in der Natur vorhandene Potential „blinder Freiheit“ aufzuspüren, jene, wie es Herbert Marcuse forderte, von ihrer Blindheit erlösen und ihr endlich helfen, die „Augen aufzuschlagen“ (Konterrevolution und Revolte 80f.).



Literatur

Adorno, Theodor W.: Fortschritt, in: Philosophie und Gesellschaft. Fünf Essays, Stuttgart 1984.
ders.: Negative Dialektik, Frankfurt a.M. 1975.
ders.: Minima Moralia, Frankfurt a.M. 1997.
ders.: Beethoven. Philosophie der Musik, Frankfurt a.M. 1999.
Engels, Friedrich: Briefe MEW 29.
Horkheimer /Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a.M. 1992.
Horkheimer, Max: Materialismus und Moral, in: Gesammelte Schriften Bd. 3.
Junge Linke: www.jungelinke.de/zu-meine-freunde-ess-ich-nicht-kritik-am-veganismus-1 und bewegung.taz.de/organisationen/jimmyboyle/
Marcuse, Herbert: Konterrevolution und Revolte, Frankfurt a.M 1973.
Maurizi, Marco: www.tierrechtsgruppe-zh.ch/wp-content/files/marco_maurizi_interview.pdf
Pollock, Friedrich: Zum Problem der Moral. Philosophische Notizen, Manuskript.
Schmid Noerr, Gunzelin: Gesten aus Begriffen, Frankfurt a.M. 1997.

9 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 hartmut meinte am 9. Dezember 2013, 13:06 Uhr

    Wow! Danke!

  2. 2 friederike meinte am 12. Dezember 2013, 07:12 Uhr

    Danke – das war überfällig!
    Schön das zu lesen in Zeiten in denen die allgemeine Ignoranz scheinbar undurchdringbare Ausmaße angenommen hat.

  3. 3 Ruben meinte am 29. Januar 2014, 09:04 Uhr

    Klasse Text!

  4. 4 Carin meinte am 29. Januar 2014, 22:20 Uhr

    Ich bin nicht so informiert über diese Diskussion, aber dem Text stimme ich absolut zu! Wenn es keine Solidarität mit allen leidenden und ausgebeutetetn Lebewesen gibt, gibt es überhaupt keine Solidarität. Außerdem: Denken diese „Linken“, wenn ihnen die Tiere schon nichts wert sind, an die Menschen, die in deutschen Schlachthöfen zu Hungerlöhnen und unter sklavenähnlichen Umständen arbeiten und an die Menschen, die in Südamerika von ihrem Land vertrieben wurden, damit Platz ist für den Futtermittelanbau? Die tägliche Wurststulle gibt es nicht nur deshalb so billig, weil Tiere gquält werden dürfen! Nirgends wird deutlicher, wie eng Tier- und Menschenausbeutung sowie Naturvernichtung zusammenhängen, als in der Fleischindustrie.

  5. 5 Richard meinte am 19. Mai 2014, 07:57 Uhr

    Sehr guter Text! Das hat mich an „den Linken“ schon immer gestört. Über die Ungerechtikeiten der Welt lamentieren und gleichzeit ein Wurstbrot essen ist nichts als Heuchelei!

  6. 6 Von Kritikern und Geistersehern « Antispeziesistische Aktion Tübingen meinte am 19. August 2014, 19:06 Uhr

    […] „Geht’s um Naturverhältnisse, sinkt das Niveau linker Debatten schlagartig“, hat die von Schadt kritisierte Susann Witt-Stahl einmal festegestellt. So auch hier: In seinem Vortrag fordert Schadt eine materialistische Kritik am Idealismus – wie wir und andere, die eine kritische Theorie der Tierbefreiung vertreten, sie üben; er selbst fällt allerdings, geht es ums Tier, in bürgerliche Ideologie zurück, ja sogar weit hinter die Positionen von Marx selbst. Im Gegensatz zur marxistischen, historisch-materialistischen Geschichtsauffassung reproduziert er, hier alles andere als ideologiekritisch, den Mensch-Tier-Gegensatz in idealistischer Manier und postuliert, die Behauptung „Der Mensch ist kein Tier“ sei richtig – da man über den Menschen etwas aussagen könne, „was nun wirklich auf kein einziges anderes Tier zutrifft.“ Nämlich: „Sich mit Wille und Verstand zur Welt zu stellen und mit Bewusstsein, ist nun wirklich dem Menschen zu eigen!“ Es ist frustrierend zu beobachten, wie Marx und Engels vor über 150 Jahren die Erkenntnisse Darwins offenbar besser begreifen und verarbeiten konnten als heute so manche Linke. Immer wieder lässt sich feststellen, dass das heutige Alltagsbewusstsein die darwinistische Revolution noch lange nicht gänzlich vollzogen hat. Wissenschaftlich korrekt ist: Der Mensch ist ein Tier; und was die meisten Menschen gegenüber anderen Tieren unterscheidet, ebenso wie das, was Menschen voneinander unterscheidet, ist weniger ihre Biologie, es sind nicht in erster Linie ihre grundsätzlichen Fähigkeiten oder angeborene Eigenschaften, sondern es ist vor allem ihre aktuelle, materielle Lebenssituation. In der Deutschen Ideologie konkretisieren Marx und Engels die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier folgendermaßen: „Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst“. Idealistische Positionen bleiben in der Betrachtung der Spezies dem metaphysischen Denken verhaftet: Sie sehen das Bewusstsein des Menschen nicht als eine in einem geschichtlichen Prozess entstandene Eigenschaft, die, wie Marx vorschlägt, der Mensch durch die Veränderung der Natur, durch Arbeit und die dadurch veränderten Verhältnisse, erworben hat; stattdessen wird es zur Wesenseigenschaft des Menschen hochstilisiert. Marx und Engels kritisieren in der Deutschen Ideologie solche „Geisterseher“ scharf, unter anderem mit den Worten, sie blieben „bei dem Abstraktum ,der Mensch‘ stehen“. Der Marxismus dagegen erkennt die Bezeichnung „der Mensch” als eine Abstraktion an; im Lichte der marxschen Theorie ist es „noch religiös“, abstrakt von Begriffen wie „das Selbstbewußtsein“ und „der Mensch“ zu sprechen. Schadt aber lässt vollkommen unerwähnt, dass Marx und Engels sowie Vertreter der Kritischen Theorie und auch jene, die dabei sind, eine kritische Theorie der Tierbefreiung entwickeln, von der Arbeit als bewusstseinsverändernder Tätigkeit sprechen, während er selbst in bürgerlich-idealistischer Weise „Wille, Verstand und Bewusstsein“ als allgemein anerkannte Unterschiede zwischen Mensch und Tier voraussetzt. So entpuppt derjenige, der von anderen eine materialistische Kritik fordert, sich hier selbst als „Geisterseher“. […]

  7. 7 Angela meinte am 3. November 2014, 21:28 Uhr

    Wunderbarer Artikel.
    Danke.
    Ich verschicke ihn weiter.

  8. 8 Hinweise des Tages | NachDenkSeiten – Die kritische Website meinte am 10. November 2014, 08:52 Uhr

    […] verweist in diesem Zusammenhang auf einen schon älteren, aber immer noch aktuellen Text hin: Hohe Menschen und niedrige Tiere – Geht’s um Naturverhältnisse, sinkt das Niveau linker Debatten […]

  9. 9 Horst Beller meinte am 10. November 2014, 18:30 Uhr

    Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben.

    Leo Tolstoi (1828 – 1910), russischer Erzähler und Romanautor

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