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Fallhöhe horizontal

30 Mrz 2013

Streifzüge 57 /2013

von Ilse Bindseil*

1.

Hoch aufgestiegen muss man sein, um tief fallen zu können: das war das Lernpensum des Literaturunterrichts noch in den Jahrzehnten nach dem zweiten Krieg, und das ist heute das Modell der medialen Inszenierung. Wer mit der BILD-Zeitung hinaufbefördert wird, wird von ihr vom Sockel hinuntergestoßen werden. Im spektakulären Fall des Einzelnen, so die Voraussetzung, wird das Schicksal eines jeden erlebbar gemacht. Und tatsächlich, in der Maske der Erhabenheit bekommt das unfassbar Fremde eigenen Unglücks etwas greifbar Vertrautes.

Daneben hat sich eine andere Form von Fallhöhe etabliert, die den Begriff scheinbar ad absurdum führt und deren Besonderheit darin liegt, dass sie nur gelegentlich herangezogen werden kann, wenn sie sich nicht abnutzen, sondern ihren Zweck erfüllen soll, auf die aller Dramatisierung zugrunde liegende Realität zu verweisen. Am tiefsten fällt dabei, wer mit der bösen Sache am wenigsten zu tun hat, von ihr nicht erhoben worden ist, von ihr auch nicht hinuntergestürzt werden kann und – trotzdem fällt. Der fehlende Bezug würde durch den Begriff der Unschuld eher verharmlost, wahrt der doch noch einen Bezug zur Schuld und wird der ursächlichen Rolle des Zufalls, die die horizontale Fallhöhe charakterisiert, nicht gerecht. Prompt hat sich der als Inbegriff von Zynismus gewürdigte Begriff des Kollateralschadens eingestellt. Formal durch Dabeisein, eine durch einen übergeordneten oder vielmehr anders angeordneten Sinn bewirkte Betroffenheit ausgelöst, ist der Kollateralschaden gewissermaßen eine Dynamisierung des Zufalls. Die Verwendung von lebenden Schutzschildern – ob in der Strategie oder Gegenstrategie, als Schachzug oder als Unterstellung – ist dagegen Ausdruck der vollzogenen Integration der Nichtbeteiligten in dasselbe System, dem auch die Drohne als die Verkörperung des unbeteiligten Aggressors entspringt. Unbeirrt verfolgt das Verhängnis die Nichtgemeinten und macht aus ihnen – Symbole.

Fallhöhe vertikal, Fallhöhe horizontal: Spannender, als den Gegensatz zu bewundern, wäre es, die Möglichkeit eines dritten oder gar vierten Modells ins Auge zu fassen, das den gebannten Blick vom hierarchischen System löst und den traditionellen Bezugsrahmen sprengt. Obwohl sich mit dem horizontalen Modell zur klassischen Fallhöhe eine Alternative eingefunden hat, die sie in ihrer schockhaften Eindrücklichkeit übertrifft, gilt die Ausschließlichkeit nach wie vor, wenn auch in der erweiterten Form des Gegensatzes, in der das Alte sich eisern behauptet. Die horizontale Fallhöhe ist der vertikalen ja nicht nur sprachlich unterworfen. Auch die Dynamik ist die alte. Wer mit der Sache, die für ihn tödlich ausgeht, am wenigsten zu tun hat, ist der Unglücklichste, ihm gebührt der Preis, sein Bild geht um die Welt. Die inhaltliche Vorstellung von den Großen, Glücklichen bleibt unangekratzt: Wer „nichts damit zu tun“ hat, muß irgendwie klein sein, er ist allein aus diesem Grund klein; eingeordnet in das Schicksal, das den Großen vorbehalten war, wird er nicht groß, aber sein Fall tief. Wenn also die vertikale Fallhöhe in ihrem horizontalen Gegensatz die logische, wenn auch unerwartete Ergänzung findet, scheint eine dritte Variante ausgeschlossen. Ein neues Modell müßte her, das das System sprengt. Die Fallhöhe müßte beiseite gelassen und der Blick zurück auf das Unglück gewendet werden: Kann es nicht selbst ein Rahmen sein oder durch etwas anderes nicht schlüssiger bestimmt werden? Daß die Vertikale und die Horizontale das Achsenkreuz bilden, von dem sich so schlecht wegdenken läßt, sollte kein Hinderungsgrund sein. Ein anderer Gesichtspunkt könnte sich der Erfahrung ja als so kongruent erweisen, daß man in ihm den Maßstab für Unglück erkennt. Es selbst wird sich dabei nicht groß geändert haben; auch das Leid der Nichtgemeinten gibt es nicht erst, seitdem der Kollateralschaden eingeräumt und auf diese verquere Weise in Sachen humanity ein Fortschritt erzielt worden ist. Freilich muß der Blick für das Neue im Alten geschärft werden. Trifft im vertikalen Fall das Unglück die Glücklichen, so im letzteren eben nicht die Unglücklichen, sondern andere, und nur wenn man dem hierarchischen Modell verhaftet ist, glaubt man zu wissen, um wen es sich bei denen handelt: nicht mal Unglückliche. Durch eine von der Fixierung auf die Höhe befreite Betrachtung könnte bereits die horizontale Fallhöhe aus der Abhängigkeit von der vertikalen befreit werden. Darüber hinaus würde die Reihe wieder offen gemacht, der Maßstab der Höhe, perspektivisch, durch einen anderen abgelöst, dieser wiederum durch einen anderen und so fort. Der paradoxe Vorteil: Jedes Unglück stünde für sich, genauer gesagt, keine Kategorie lappte auf das Feld einer anderen über.

Buffo-Versionen gab es freilich schon immer. Im Stehen fallen – ermäßigt: über die eigenen Beine stolpern – persifliert nicht nur die kategorische Notwendigkeit der Höhe, sondern zugleich das Konzept der Vorbedingung. Grundlos zu fallen, einfach nur so, das ist doch die Höhe! Über die fatalen Folgen eines solchen Sturzes weiß sogar die Unfallchirurgie zu berichten. Die Komik resultiert aus dem Fehlen des Schwungs, von dem man gewohnt ist, daß er dem Leben hinzufügt, was er sich sodann vom Leben nimmt. Prompt verschärft sich der Vollzug; der Drehbruch, wenn man nur eben in der Erde gescharrt hat und beim Fall das eigene Gewicht ohne Verlust in die Hebelkraft übergeht, ist berüchtigt.

Auch in Christa Reinigs „Ballade vom Blutigen Bomme“ wird eine Buffo-Version durchexerziert. Sie persifliert die Fallhöhe, indem sie sie wörtlich nimmt: „Wenn die schwere Klinge fällt/Spürt er, daß sie recht behält.“ Die Wahrnehmung ist archaisch – die Höhe ganz auf der Seite des Beils, die Metapher in den Sachverhalt zurückgekehrt –, die Erfahrung aber weist nach vorn. Das Spüren ersetzt beim tumben Raubmörder das Begreifen, so wie es das Begreifen auch bei denen ersetzen wird, die mit der Sache nichts zu tun haben. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht. Je weniger sie wissen, desto mehr werden sie spüren; von der Sache und von den Sinnen her gesehen. Auch von daher die Dringlichkeit, zugleich die Hoffnung, durch das rechte Verständnis kommendem Unglück zumindest gedanklich den Wind aus den Segeln nehmen zu können, so daß man weniger spürt; durch eine Umkehrung von Ursache und Folge, gewissermaßen, wobei das Begreifen an die erste, das Unglück an die zweite Stelle käme. Es träte nach wie vor ein, träfe aber nicht unvorbereitet. Womit wir bereits die Wucht der antiken Tragödie begründen und was dann den sogenannten Kollateralschaden so schreckensvoll macht – nennen wir es unscharf das Übergewicht des Sachverhalts gegenüber der Vorstellung –, das wäre hier aufgehoben. Das Unglück wäre weniger groß, seine Herrschaft wenigstens über das Begreifen gebrochen.

Daß es, in Gedanken beherrscht, fortan die Gedanken beherrschte, diese Erfahrung bleibt dabei außen vor.

2.

In ihrer Erzählung „Die Sintflut von Norderney“ erinnert Tania Blixen an das Projekt eines – nach dem Alten Testament, das dem Vater, und dem Neuen, das dem Sohn zuordnet ist – noch ausstehenden Dritten Testaments, in dem sich der Heilige Geist offenbart und mit dem die Trinität, man weiß nicht recht, historisch oder systematisch, erst vollendet wäre. Ein Kardinal, der sich ausgerechnet auf Norderney zurückzieht, um dieses dritte Testament zu schreiben, wird daran prompt gehindert: durch eine nur mit dem alttestamentarischen Begriff angemessen bezeichnete Überschwemmung, die an den Chancen zweifeln läßt, neben dem AT sagen wir als Heimstatt für Kampf und dem NT als für Heimstatt für Liebe eine eigene Heimstatt eben für den Geist zu schaffen. Was könnte letztere im Kern enthalten, wenn nicht die Aufhebung des Unterschieds zwischen Kampf und Liebe, auch des so wichtigen zwischen Groß und Klein, abstrakt zwischen Diesseits und Jenseits, als die sich Erleuchtung definiert und die zum Buddhismus längst so gehört wie zum Christentum der Glaube? Die Trinität hätte sich, wie nicht anders zu erwarten, als Dialektik herausgestellt, der Zauber des hoffnungsvoll Absurden, der ihr anhaftete, aber verflüchtigt; je nach religiösem oder philosophischem Blickwinkel stünde der dritte Schritt entweder am amorphen Anfang oder am erhabenen Ende des Verlaufs, wäre Ausgang oder Aufhebung. Da zum Dreischritt aber sowenig ein Viertes oder Fünftes paßt wie zum Entweder-Oder ein bloß Ähnliches oder Anderes, taugt er nicht für die vorausgreifende Suche nach einem Unglück, das eine andere Orientierung als die an der Höhe enthält und selbst wiederum eine andere Orientierung erlaubt. Allenfalls könnte der Platz der horizontalen Fallhöhe noch einmal bedacht werden: Folgt sie wirklich auf die vertikale und stünde, wenn überhaupt, an der zweiten Stelle der Dialektik, verwiese zwangsläufig also auf ein Drittes? Vielleicht ist sie ja der dritte Schritt, kann also vollständig bestimmt werden, sofern nur der zweite sinnvoll bezeichnet ist.

Dafür bietet sich die bürgerliche Innerlichkeit an. Sie sublimiert die Fallhöhe, löst sie von den Fakten ab, ohne ihre Geltung in Frage zu stellen – im Gegenteil –, und kann damit als Voraussetzung der horizontalen Fallhöhe fungieren. Die Horrorvorstellung des bürgerlichen Individuums ist ja nicht der Kummer, sondern die Willkür. Noch im horizontalen Fall wird das exemplarisch deutlich. Im Grunde ein kontinuierliches Schicksal, eine versachlichte Fortsetzung der feudalen Laune, ist er zugleich ein Hohn auf die Subjektivität, die sich ihr entgegengestellt hatte, ein Potlatch der Vernichtung von Sinn. Freilich wird er nicht mehr original erlebt; in seiner Reinform ist die Zerstörung von Sinn für die andern, die für die Bedeutung des Geschehens einen ‚Sinn’ haben, das Schicksal, als vorgeführtes, in seiner Ungreifbarkeit und zugleich Unmittelbarkeit würdigen können. Wer sich durch seine Subjektivität definiert, fühlt sich besonders beim Zuschauen bedroht. Hier kommt die exquisite Rolle zum Tragen, die die Subjektivität bei der Entstehung der Bedrohung spielt, die sie bekämpft; bedroht letztere vorzugsweise doch die Subjektivität, wäre also hinfällig, wenn es die nicht gäbe. Die Subjektivität wiederum entfaltet sich vorzugsweise auf der Metaebene, da, wo Empfinden und Erleiden, um zu existieren, keineswegs mehr paßgenau aufeinandertreffen, im Idealfall vielmehr einander gegenüberstehen, das eine als Beobachter des anderen. Diese Ebene muß versorgt werden, sonst existiert sie nicht. Das bürgerliche Individuum, das sich über sie definiert, muß sich daher unablässig anstrengen, um seinem Fall das Willkürliche zu nehmen, das es im vertikalen System als sein Klassenschicksal entdeckt hatte und das ihm im horizontalen nun in einer seltsam allgemeinen, weniger universalisierten, als skelettierten Form wiederkehrt, als anonyme Drohung, krude Tatsache; die wirkt wie der Inbegriff der Sinnlosigkeit, zugleich wie eine absurde Indienstnahme von Unfall oder Zufall, wie die Kolonialisierung eines bislang exterritorialen, wüsten Gebiets. Je mehr Subjektivität es dagegen mobilisiert, desto mehr hat es zu verlieren. Aus dieser Zwickmühle findet es nicht heraus: der Nichtbezug, der in der modernen Katastrophe, im ‚menschlichen Versagen’ technischer oder moralischer Art dramatisch zum Ausdruck kommt, muß kontinuierlich in Bezug umgewandelt werden, und das Paradigmatische der Kampfs, bei dem nicht nur die ganze Welt zur Bühne, sondern auch das Schicksal der anderen zum eigenen wird, betrifft konsequent nicht den Fall, vielmehr den Zufall. Es zeigt sich hier eine andere Facette der Tragik, geht es doch weniger um Verderben als vielmehr um den einzigartigen Tatbestand, daß, wie es im Epos heißt, „noch nie jemand so unglücklich war wie …“. Die innere Fallhöhe grenzt sich nicht nur von der bündigen Tragödie, sondern ebenso von den medial übertragenen Schreckbildern ab, in denen die Konfiguration von Leid nur mit Nachhilfe gelingt, in den zerdehnten „Bildern, die um die Welt gehen“, im sekundenkurzen Fokussieren von Menschen, die „alles verloren“ und doch „gar nichts damit zu tun haben“. Dem nicht etwa grundlosen, aber nur als Zufall erlebbaren Leid korrespondiert die Momentaufnahme; sie hebt die Sinnlosigkeit ans Licht. Das subjektive Leid dagegen kann vom Platz für die Darstellung und Erklärung nicht genug kriegen. Es vergegenständlicht sich in seinen Verästelungen; wenn es nicht wahrgenommen wird, ist es nicht, bis hin zur Umkehrung: daß es nur in der Wahrnehmung ist. „Wo ist das Problem?“ lautet denn auch die konsternierte Frage derer, die anders drauf sind.

Über den exklusiven Charakter der Subjektivität, die im bürgerlichen Bewußtsein einen ähnlichen Alleinvertretungsanspruch erhebt wie die feudalen Voraussetzungen der antiken Fallhöhe, soll hier nicht gestritten werden. Immerhin läßt sich auch so bis drei zählen, ausgehend von der äußeren, übergehend zur inneren Fallhöhe, endend bei der Horizontale, die der abendländischen Dramaturgie als der tiefste Fall des Subjekts gilt, es sei denn, es brächte sich aus eigenem Entschluß in den buddhistischen Modus und behielte noch in der Selbstaufhebung die geistige Oberhand. Dabei läßt sich nicht nur die starre Reihenfolge auflösen, sondern auch die historische Bindung jederzeit in Frage stellen. Schimmern nicht bereits in der alttestamentarischen Hiob-Episode die drei Erscheinungsformen des Unglücks durch: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt“? Immerhin scheint die Verflüchtigung des Herrn zum bloß noch grammatikalischen Subjekt die Voraussetzung für die postmoderne Beweglichkeit der Prädikate zu sein, die sich in beliebiger Reihenfolge zu ein und demselben Tun arrondieren. Dadurch verstärkt sich der Eindruck, daß der Weg von der antiken über die idealistische Fallhöhe zum kollateral bewirkten Fall sich nicht nur der Entwicklung sagen wir oberflächlich hin zum Technischen, damit einhergehend vielmehr der Freisetzung der Empfindung verdankt. Was wir jeweils wahr- und also tragisch nehmen, ist variabel nicht nur im Sinne von ‚historisch bedingt’, sondern weil die Empfindung sich emanzipiert hat. Je weniger verbindlich der Bezug zur Ursache ist, desto freier kann sie sich entwickeln. Der Grund für das lebhaft empfundene Leid ist dafür nicht mehr eindeutig zu fassen (und auch das wäre schon ein Grund für Kummer): Ist die Welt aus den Fugen, wie es in der Tragödie heißt, oder ist uns nur ihr Sinn abhanden gekommen? Heißt den Boden unter den Füßen verlieren, daß die Ordnung bedroht oder daß die Orientierung souverän geworden ist? Und wie kommen wir etwa zu der gewieften Einsicht, daß es auf uns nicht ankommt beziehungsweise, nun in einem weiteren Schritt, auf die Welt womöglich auch nicht? Ist hier noch Unglück im Spiel oder nur noch Durchblick? Die Grundfragen verschwimmen.

Wenn die Wahrnehmung mit allem, was daraus erwächst, auf der Seite des Betrachters, auf der Seite des Betrachteten bloß noch der Schreck ist, verliert das Unglück seinen Halt und wird fiktiv; es wird grenzenlos. So kann die Empfindsamkeit des Couch-Potatoes neue Maßstäbe für das Unglück setzen. Die Umstände des Erlebens assoziieren sich mit den Vorgängen auf dem Bildschirm dabei zu einem kontingenten Geschehen eigener Art, zu einem Fall von ungeahnter Höhe: Wenn das mich träfe, hier auf dem Sofa! Kommt es dagegen nicht auf das größtmögliche, sondern auf das wirkliche Unglück an, dann bedarf es einer Bedingung, die der klassischen Einheit von Ort, Zeit und Handlung durch die Einheit der Person einen neuen, zeitgemäßen Ausdruck gibt: wer erlebt, muß auch erleiden. So ist das Unglück von zwei Seiten begrenzt, kann es doch nicht größer sein, als es der erlebt, der es erleidet; umgekehrt dessen Leid nicht größer, als er es erlebt. An dieser Forderung ändert nichts, daß die klassische Fallhöhe hierin nicht den modernen Standards genügt; es reicht, wenn einer für alle fällt, im Grunde reicht der Fall. Und es ändert auch nichts, daß beim horizontalen Fall das Erleben der Geschädigten gewissermaßen unter einer Kommunikationsblockade leidet. Ihr Erleiden ist ja nicht weniger blockiert, warum soll das Erleben es nicht sein. Auch wenn die Einheit der Person offenbar nur für die innere Fallhöhe gilt bzw. mit dieser zusammenfällt, muß sie als conditio sine qua non für alles Folgende angenommen werden, liefert sie doch den Maßstab für die mangelhafte Erscheinung des Leids, wie sie sich im horizontalen Fall kristallisiert. Dem Mangel wird zum wenigsten dadurch abgeholfen, daß als Ersatz für das blockierte Erleben andere ihre freie Empfindung zur Verfügung stellen, mag diese Freiheit auch in ungeahnte Höhen führen. Da die Gefühle des Couch-Potatoes so unübertroffen wie haltlos sind, da andererseits der Verzicht auf die haltlose Empfindsamkeit exakt jene depravierte Sachlichkeit hervorbringt, für die der Kollateralschaden ein hervorragendes Beispiel ist, ergäbe sich als perspektivische Lösung nur der Verzicht: Nichts erleben, was man nicht selbst erleidet.

Auch auf die Informationsfrage, wie das Unglück von denjenigen erlebt wird, die es ereilt, ist längst die transzendentale Antwort gegeben: Unser Erleben – kantisch: nach Grad und Art – ist es nicht. Eine ebensolche Scheinfrage wie die aus der Erlebnisperspektive gestellte nach den Empfindungen des Opfers ist ferner die sich immer wieder aufdrängende Frage nach der Wirklichkeit des Leids, das dem abgehobenen Erlebnis korrespondiert. Existiert es überhaupt? Etwas muß doch daran sein. Ist es vielleicht ganz und gar im Erleben aufgegangen, letzteres hätte sich als das eigentlich steigerungsfähige Leid herausgestellt? So sehr das Erleben durch die ihm eigene Authentizität imponiert, so rasch diskreditiert es sich durch die Abwehrstrategie, mit der ihm beizukommen, ja die noch wie ein Teil von ihm ist und das bloß Fiktive des enormen Aufwands entlarvt: Muß ich mir das antun? Da stelle ich den Fernseher doch lieber ab. Auch ob das Mitgefühl dem Mitmenschen gilt oder der Angst um sich selbst entspringt, gehört noch in den Bereich des Erlebens und ist letztlich egal. Was als Leid dem Erleben zugrunde liegt, könnte sinnvoll allein als Spaltung beschrieben und als solche gewissermaßen dingfest gemacht werden. Das Sinnlose, Zufällige, Horizontale dessen, was unter den Bedingungen der Spaltung erlebt wird, wäre ein Reflex dieser Spaltung; dennoch kein Fake, da der Emotionalisierung des Erlebens, dem kein Erleiden entspricht, ja ein emotionsloses Zufügen von Leid, Stichwort Kollateralschaden, an die Seite tritt.

3.

Der ebenso vermessen wie kindlich anmutende Versuch, dem Unglück durch Ersinnen einer neuen Grundlage vorauszueilen, hat also durchaus ein Ergebnis gebracht: Die alten Grundlagen müssen geklärt werden. Die innere Fallhöhe liefert die Voraussetzung für den horizontalen Fall. Sie setzt die Empfindung frei, wodurch der Fall einerseits schwindelnde Höhen erreicht, andererseits uneindeutig wird. Der vertikale Fall ist zugleich real und symbolisch, das eine begrenzt das andere. Form und Inhalt sind an ihm so wenig zu unterscheiden wie im übrigen Unglück und Schuld, ja Täter und Opfer. In der Evidenz des vertikalen Falls scheint noch das Geschehen durch, das die Vorlage des Begriffs ist. Der vom Dolch Getroffene fällt. Die Höhe, Sinnbild, ja Inbegriff sozialer Differenz, ist ein physikalischer Teil des Falls, Moment der analytischen Zerlegung ebensowohl wie der anschließenden Sinngebung; oben stehen und fallen sind Teil ein und derselben Definition.

Die entfremdende Zufälligkeit des horizontalen Modells ist dagegen so schlüssig nicht, wie es durch seinen strengen Bezug zum vertikalen den Anschein hat. Es ist eben radikal aus der vertikalen Perspektive gedacht. Was in ihm durchscheint, ist die Erfahrung der inneren Fallhöhe, nicht das versachlichte Geschehen, das es fassen soll. Erleiden und Erleben sind hier bereits doppelt getrennt: jeweils andere beziehen sich auf etwas anderes. Von daher der seltsam tautologische Effekt, der zugleich etwas vom Draufsatteln hat, als griffe ein und dieselbe Strategie auf unterschiedlichen Ebenen. Das horizontale Unglück ist nicht nur sinnlos in der Weise, wie etwas, dessen Gründe man noch nicht erforscht hat, sinnlos ist; es ist seinem Wesen nach sinnlos, dergestalt daß auch die, die es ereilt, keinen Sinn haben, dafür zum Inbegriff von Sinnlosigkeit werden können. Das ist etwas anderes als das „Wir haben nichts getan, wir können doch nichts dafür“, das zur Bestätigung herangezogen wird. Der horizontale Fall ist das blinde Schicksal in der Maske des Verstandes oder vielmehr umgekehrt, der Verstand in der Maske des Schicksals. Was daran ‚unsittlich’ wirkt, die Ambiguität des Horizontalen als Merkmal gleichermaßen des Schicksals wie des von ihm Getroffenen, auch die Zweideutigkeit der Kontingenz als blinder Zustand und erhellende Diagnose, die Identität von Objektivität und Zynismus also, zeigt an, daß das Subjekt-Objekt-Verhältnis eine Metaebene erreicht hat, auf der es ins Unverständliche kippt. Derlei Mystifikationen kommen nur zustande, wo es um verkappten Selbstbezug geht. Für das Ich ist es abgrundtief traurig, wenn der Fall – horizontal ist; es ist ein Widerspruch in sich, folglich zerreißend. Für alle andern, da sie in dieser Rolle kein Ich sind, ist es logisch; erst die nachträgliche Auffüllung mit Ich-Inhalten macht es zum Skandal. Die Vorstellung, daß es auf das Ich so wenig ankommen könnte wie auf die, denen es den horizontalen Fall bescheinigt, ist ganz und gar von den Schrecken der Fallhöhe imprägniert. Daß womöglich auch die Welt nicht zählt – „Wenn nicht einmal wir, wie dann die Welt?“ –, oder sich in Gleichmut und Gleichgültigkeit zu üben, als wäre man selbst die Welt – und sie so, wie man ihr unterstellt –, gehört bereits in den Bereich der Abwehrstrategien, die trösten sollen, anstatt zu helfen, unglücklich zu sein.

Der so abwiegelnd wie aufstachelnd bezeichnete Kollateralschaden hat hier exemplarische Bedeutung. Er wird zum Skandal durch den Rigorismus, mit dem die gewöhnliche Herrschaft der Abstraktion über die Person auch auf der Begriffsebene durchgesetzt wird. Die Person verschwindet. Der Schaden ist sachlich begründet, also ist auch die Person, den sie trifft, als Sache zu behandeln. Eine solche Sprache, die in der Darstellung leugnet, was in der Sache erst vernichtet werden muß, gilt als zynisch. Insofern sie die normale Leistung der Sprache, Sachliches als Persönliches vorzustellen, drastisch verweigert, scheint zugleich eine wunderbare Ehrlichkeit auf, so als ließe sich hier einen Schritt vorankommen. Um die Frage nach der Hardware des Erlebens noch einmal zu stellen: Stellt der Kollateralschaden nicht nur ein besonders zynisches Bündnis dar zwischen den Fakten und den Personen, die ihnen eine Sprache geben, sondern verkörpert auch einen Sachverhalt, der so ist, wie er ist? Könnte man ihn vom Zynismus durch eine korrekte Zuordnung also befreien? Da Urteile und Klassifizierungen stets im Verdacht stehen, nutzlose Abwehrgesten zu sein, wäre das im Sinne unserer Unternehmung.

Ein Schaden ist in der Umgangssprache undramatisch und behebbar; er arbeitet nicht wie eine Infektion, eine schwelende Wunde, er expandiert nicht und hat keine Folgen, die über ihn hinausgehen; er selbst ist bloß eine Folge. Archaisch, aber durchaus zutreffend ausgedrückt: es ist keine Rache zu befürchten. So gesehen ist der Schaden die Utopie eines beherrschbaren Unglücks. In der zeitgenössischen Sozialpsychologie ist dieser Begriff dagegen mit allem gefüllt, wovon er sich tröstlich unterschied. Ein Schaden – wieder führt der Weg vom Objekt zum Subjekt zurück – ist ebenso wie eine (Persönlichkeits-)Störung nicht ein isolierbarer Teil, sondern eine konstitutive Befindlichkeit des Ganzen. Daraus folgt eine in doppelter Hinsicht fatale Prognose, steht mit der Klassifizierung des Ganzen als Abweichung doch die Geltungs- oder Machtfrage ins Haus, die Diskurs- oder Interpretationshoheit in Frage.

Kollateralschaden – der gedankliche Umweg macht den Blick frei – bedeutet nicht bloß den in Kauf genommenen Personenschaden, er spiegelt die Inkaufnahme; die Personen, deren Schaden in der sachlichen Erwägung kein Gewicht hatte, kommen in dem Begriff nicht mehr vor. Aber ganz so statisch, wie es erscheint, ist nicht einmal diese Schadensversion. Der dynamische Übergang zwischen zufälligen Opfern und „lebenden Schutzschilden“, etwa, deutet auf Dynamik: es arbeitet in ihr. Noch die sachlichste Entscheidung, so sie Personen in Mitleidenschaft zieht, muß sich offenbar nach der Personseite absichern, und sei es im zugespitzten Sinn, daß aus Nichtgemeinten oder Nicht-einmal-Gemeinten potentielle Täter gemacht werden. Der konstitutiven Bedeutung des Schadens, als Störung, kommen wir damit näher. Es geht um die persönlichen und sachlichen Anteile des Subjekts, die, in einer Bewegung, so undramatisch und unvermeidlich wie Ebbe und Flut, das Subjekt durch seine Hervorbringung beschädigen beziehungsweise durch seine Beschädigung hervorbringen. Beides ist sowenig zu trennen wie die Unbeteiligten von der strategischen Maßnahme, die sie trifft.

Dies wäre die nichtzynische Bedeutung des Kollateralschadens, die auf das Angrenzende abhebt – Stichwort Metonymie –, nicht auf irgendeine der aufgeladenen Implikationen der Beteiligung oder Nichtbeteiligung: Macht oder Ohnmacht, Unschuld oder Schuld. Es geht um die ‚ontologische’ Variante des Schadens, die so dynamisch ist wie der dialektische Prozeß, nur nicht entwickelnd, sondern zersetzend; für das Verständnis des horizontalen Unglücks lehrreich. Die Ursprungsfrage nach einer Prävention zumindest auf der gedanklichen Ebene, nach den Möglichkeiten einer Regulierung des Unglücks durch die Weigerung, seine Definition zu akzeptieren, hat sich ja längst in die gegenteilige nach der Bedingung der Möglichkeit von Unglück verkehrt. Wem daran liegt, daß dem empfundenen Unglück ein wirkliches Unglück entspricht, der sollte über den eigenen Schaden trauern, wie er im übersachlichen „Kollateralschaden“ in naiver Aufrichtigkeit zum Ausdruck kommt: so als wäre es der Schaden anderer. Wobei es schwerfiele, der Trauer eine andere als analytische Qualität zuzuerkennen. Empathie spielt hier keine Rolle. Auf die Aufwertung des längst zur unerreichbaren Utopie avancierten Unglücks anderer käme es nicht an; das wäre nur das Gegenstück zum Kleinreden. Andererseits, sollen wir mit denen fühlen, die den sprichwörtlich harten Job machen, oder mit uns, die wir vor dem Bildschirm leiden? Nicht darum geht es, dem Selbstentwurf des idealistischen Subjekts eine äußerste Rechtfertigung abzuzwingen. Der systematische Rückbau des hypertrophierten Subjekts wäre vielmehr die Perspektive. Diese kann nur als regulative Idee hochgehalten werden. Was sie an Wirklichkeit enthält, fällt aus dem Verständnis logischerweise heraus, bleibt dem realen Leben vorbehalten. Die Einheit von Erleiden und Erleben ist durchaus wörtlich zu nehmen.



* Als ich in Villandry, einem der berühmtesten Gärten Frankreichs, der der Renaissance gewidmet ist, einen Zugang oder Anfang suchend, auf der Grenze zwischen bebautem und unbebautem Land, gewissermaßen zwischen Baum und Borke herumstolperte und mich unwillkürlich an den vertrauten Wald hielt, der bis an den Garten heranreichte, wurde ich von einer Stelle angezogen, die noch in einer normalen Umgebung als unordentlich aufgefallen wäre und bei der ich im ersten Moment an einen flüchtig umzäunten Ameisenhaufen, einen für Kompost eingerichteten Abfallplatz dachte; geblendet von der detaillierten Pracht des Gartens mit seinen thematisch geordneten Abteilungen, konnte ich mich nicht orientieren. Mich befremdete der Verzicht auf Illusionismus und Täuschung noch in Sichtweite des Gartens; hatte der veredelnde Elan an seiner formalen Grenze haltgemacht, so als könnte man über diese nicht hinausblicken und als gehörte nicht auch dieser Blick nach draußen noch zum Anblick des Innern, hatte er nur bis hierhin und nicht weiter gereicht? Beim Näherkommen wurde der Eindruck merkwürdigerweise immer undeutlicher, auch trübseliger: Welches armselige Stück Restnatur hatte man an einer Stelle umzäunt? Es war ein Schößling, das Stämmchen krumm, die spärlichen Blätter angefressen und verpilzt, unmöglich zu sagen, ob im Entstehen oder im Vergehen, kurz eine richtige Eiche. Eine nicht weniger unauffällige Tafel oder ein Stein kennzeichnete sie als eine Eiche aus Buchenwald; Mithäftlinge hatten sie zum Gedenken an ihren Genossen Villandry, einen Dreißigjährigen, der sich dem Widerstand angeschlossen hatte und in Buchenwald umgekommen war, hierher gebracht; wann, diese Frage wurde nicht beantwortet. Dieser Gedenkort – mehr eine Stelle als ein Ort – stand am Anfang meines Rundgangs durch den Garten, der nicht nur rundum bezaubernd ist, sondern ein Dokument selbstbewußter Gestaltung, durchdrungen vom Vertrauen in den Sinn der eigenen Unternehmung, und gewiß den größtmöglichen Gegensatz zu dem Schicksal verkörpert, das die KZs für die Deportierten bereit hielten. Der Gegensatz begleitete mich als eine Aufforderung, das nicht Zusammenpassende zusammenbringen, was, je mehr es abstrakt gelang, desto gründlicher am Konkreten scheiterte. In das Unvermögen, mit der Sache fertig zu werden, schlich sich der Begriff Fallhöhe ein und begleitete mich, solange ich auf dieser Reise unterwegs war. Mit dem Folgenden hat dieser Anlaß nur noch wenig zu tun, es geht um eine rein gedankliche Arbeit: wie immer um das Beseitigen selbst aufgerichteter Hindernisse. Kurz vor dem Abschluß meiner Überlegungen fiel mir ihr Auslöser wieder ein, als ich, des zauberhaften Herbstwetters und der Kraniche wegen, „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ besuchte und mich, um den zahlreichen Besuchern zu entgehen, auf den Familienfriedhof flüchtete. So winzig er war, hatte er doch Platz für gleich mehrere Gedenksteine für einen Herrn von Ribbeck, der, den Nationalsozialisten schon immer abhold, bei einem konkreten Zusammenstoß aus seinem stolzen Herzen keine Mördergrube gemacht und in Sachsenhausen dafür mit seinem Leben bezahlt hatte. Da fiel mir wieder ein, wie ich auf die Fallhöhe gekommen war.

8 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Heilige Dreinigkeit meinte am 30. März 2013, 13:30 Uhr

    Der erste Absatz des Artikels war mir verständlich. Im zweiten Absatz Punkt I fing ich mich an zu fragen, worum es eigentlich geht. Im vierten Absatz bekam ich dann schönerweise eine Idee; in den folgenden Abschnitten wechselte meine Wahrnehmung regelmäßig. Da es meinem besten Freund gerade ähnlich geht, traue ich mich meine Verständnisschwierigkeiten mitzuteilen.

  2. 2 Ilse Bindseil meinte am 31. März 2013, 17:47 Uhr

    Der Text ist eine gedankliche Übung. Als solche war er im Ursprung gar nicht gedacht. Nachdem mich, wie berichtet, in Villandry der Begriff der Fallhöhe mal wieder heimgesucht hatte, wollte ich ‚nur mal rasch’ für mich klären, ob er zu bewahren oder als ein feudaler Schein aufzulösen ist. So kam ich auf den horizontalen Fall, der mir als Idee so gut gefiel, daß ich mißtrauisch wurde: ob er nicht auch bloß eine Form sei, sich Unglück und Leid, speziell anderer Menschen, durch Verständnis vom Hals zu schaffen und ob es eine adäquatere Form der Wahrnehmung und des Umgangs mit ihnen gibt.

    Die besondere Schwierigkeit des Textes rührt sicherlich daher, daß der inhaltliche Wunsch, dem Unglück nicht ausgeliefert zu sein, und der formale Wunsch, nicht auf die trügerischen Angebote der Begriffe hereinzufallen, also nicht nur ‚Herr’ über das Unglück, sondern auch über das falsche Denken zu werden, daß also dieser doppelte und nur als kindlich zu entschuldigende Wunsch den Gang der Untersuchung bestimmt. Beide Absichten winden sich sozusagen umeinander. Das formale, man kann auch sagen spekulative Interesse nimmt im Verlauf sogar noch zu: speziell wenn zwischen der vertikalen und horizontalen Fallhöhe vermittels der Innerlichkeit die Brücke geschlagen wird. Hier siegt das Interesse am zusammenhängenden Denken entschieden über das am wirklichen Unglück.

    Wenn ich an diesen Text denke, befällt mich regelmäßig ein schlechtes Gewissen ob seiner unverfrorenen Unverständlichkeit. Wenn ich, wie bei dieser Gelegenheit, aber in ihn hineinlese, rührt mich die Ernsthaftigkeit des aus der Luft gegriffenen Vorhabens, so als gäbe es nichts Wichtigeres im Leben zu tun, als zu klären, wie man von A nach B kommt, vom vertikalen zum flachen Fall oder vom eigenen (Un-)Glück zum Unglück der andern. Das Wie ist der Schauplatz der Wahrheit, zugleich die sicherste Gewähr dafür, daß sich die Dinge komplizieren.

    Ich könnte noch weiter aus dem Nähkästchen plaudern und erzählen, daß der Begriff der Fallhöhe schon immer, das heißt schon in den existentialistisch gefärbten Zeiten, wo wir in der Schule mit verteilten Rollen und natürlich auf französisch Anouilhs „Antigone“ lasen, für mich nicht bloß eine Bedingung für Unglück, sondern gewissermaßen das Unglück selbst war. Formales und Inhaltliches gingen mir also schon immer durcheinander; wird Zeit, daß ich das mal getrennt kriege, sagte ich mir nach Villandry. Binnen vier Wochen hatte ich die Sache abgehandelt, in den folgenden sechs Monaten nahm ich sie dann Wort für Wort auseinander.

    Ob es Sinn hat, sich eine solche Lektüre zuzumuten, kann ich natürlich nicht entscheiden. Wenn man an ihr scheitert, kann man sie sich ja auch nicht zumuten. Ich könnte mir aber vorstellen, daß man sich das Gedankliche der Übung oder richtiger das Übungshafte des Denkens zunutze machen könnte: indem man z.B. in der Mitte oder von hinten anfängt, um den Verständniszwang zu brechen und das Denkangebot anzunehmen, oder indem man den einen oder andern Absatz zu zweit liest, nicht, um einem womöglich unnötigen Text zu huldigen, sondern um das eigene Denken gespürt zu haben.

    PS Die „Idee“ zum 4. Absatz hätte mich schon interessiert, und ich hätte auch zum einen oder andern unverständlichen Gedanken etwas gesagt, wenn ich mich in der Zählung, zwischen Absätzen und Abschnitten zurechtgefunden hätte. Wann sind Kapitel gemeint, wann Absätze, oder spielt sich alles im 1. Kapitel ab? Schöne Grüße

  3. 3 Heilige Dreieinigkeit zum Zweiten meinte am 31. März 2013, 23:27 Uhr

    Liebe Ilse,

    deine ausführliche Stellungnahme auf mein Bedauern, deinen schönen geistigen Erörterungen nicht folgen zu können, ehrt dich. Du weißt meine Beobachtung zu bestätigen, dass einige deiner Ausführungen für den Leser wohl unverständlich bleiben müssen. Lassen wir das damit so stehen, du hast ja in deiner Antwort auf meinen Kommentar einiges aufgeklärt.

    In Verneigung vor der Zärtlichkeit deiner Sprache verbleiben freundlichst zwei zuweilen zu sprachlichen Rabaukentum neigende Polit-Linke aus Deutschland.

  4. 4 Ilse Bindseil meinte am 30. Mai 2013, 12:10 Uhr

    Ilse Bindseil
    [Vorbemerkung: Ich habe Deine Bemerkungen und Fragen, Christian, wie einen Katalog behandelt, in dem man bald das letzte, bald das erste bearbeitet. Mancher ‚Fortschritt’ findet sich also am Anfang, obwohl er doch eher ans Ende gehörte. Durch „s. u., s. o.“ habe ich versucht, ebenfalls zu einer anders strukturierten Lektüre anzuregen oder auch einfach meine Reihenfolge zu verdeutlichen. Meinen Kommentar habe ich kursiv gesetzt.]

    Christian Banse
    Deine Denkübungen, Ilse, haben etwas entwaffnend Konkretes und provozierend Allgemeines. Sie vereinfachen und vertiefen, lösen auf und irritieren.
    Es gefällt mir, wie Du die unterschiedlichen Perspektiven auf die Fallhöhe in Bezug zueinander setzt; wie aus dem beispielhaften Fall dessen, der (Hochmut kommt vor dem Fall) fallen muss, über das Subjekt, das seine bürgerliche Innerlichkeit zum Maßstab macht, der horizontale Schaden wird, der als Störung empfunden werden kann, die auf das Ganze verweist. (wenn das jetzt keine unzulässige Kurzverknüpfung ist)

    Ilse Bindseil
    Erstaunlich, beinahe befreiend, in jedem Fall ganz außerordentlich erstaunlich ist für mich, wie du in deinem Dreischritt jenen allerersten Schritt eliminierst, der meine Überlegungen in Gang setzt, von dem mich zu emanzipieren als das einzige Ziel der ganzen Anstrengungen bezeichnet werden könnte: den aristokratischen Fall durch (!) Höhe. Allenfalls könnte man in dem von dir an seine Stelle gesetzten Hochmut noch den Rest oder Stellvertreter erkennen, in dem freilich eher ein überzeitliches, harmlos sprichworthaftes Allgemein-Menschliches zum Ausdruck kommt als das, was ich dank Herkunft und Erziehung ebenfalls als ein Überzeitliches, aber ein Erhabenes mit mir herumschleppe: verliehene Höhe als, wie du unten sagst, zugleich Modell und Realität (s. u.). Kommt nicht von ungefähr der Kardinal mit der nicht als abstrus, sondern als spannend präsentierten Idee eines dritten Testaments ins Spiel, so daß die ‚feudal-klerikale Fraktion’ also vollständig wäre …

    Christian Banse
    Zwischenfrage: Aber warum beschädigen die persönlichen und sachlichen Anteile (sachlich ist das Unglück, persönlich das Erleiden/Erleben?) des Subjekts es in seiner Hervorbringung (oder bringen es hervor durch seine Beschädigung)? Heißt das, dass nur im/durch ‚Schaden‘ das Subjekt denkbar ist? (Dann gibt es heute kein Subjekt ohne Schaden und keinen Schaden ohne die Störung Subjekt?)

    Ilse Bindseil
    Ich kann das in Klammern Gesagte besser verstehen als den ‚Klartext’. Also zuerst zu den Klammern. Am deutlichsten hat es die Psychoanalyse gemacht: Das Ich ist die Neurose, und wenn die Neurose zugleich eine das Ich störende Erkrankung ist, also von diesem als getrennt, nämlich als Leidensdruck wahrgenommen wird, so ist das eine der unendlichen Spiegelungen der Neurose im Ich, des Ich in der Neurose. Oder aber, gröber ausgedrückt, das Ich entstammt einem anderen Begriffssystem und hat sich mitsamt den ihm zugeschriebenen vernünftigen Eigenschaften in den neurotischen Kontext, in dem es begrifflich schon anderweitig besetzt ist bzw. anderweitig charakterisiert werden müßte, eingeschmuggelt. Dadurch entsteht dann der Eindruck einer Vielfalt von Eigenschaften, die einfach ‚doppelt gemoppelt’ auftauchen, einmal als Neurose eben, ein andermal als Ich. Und auf diese Weise entsteht dann eine Perspektive, als könne das Ich von der Neurose geheilt werden. Dabei kann es, in aller Verkürzung gesagt, lediglich auf seine Ansprüche auf eine ‚wahre’, nichtneurotische Konstitution verzichten lernen, und wenn ihm das gelingt, wird es das Erreichte als Heilung empfinden.

    Auch der hermeneutische Zirkel der Philosophie faßt übrigens auf seine Art das Subjekt als Störfall bei dem Unternehmen auf, das es betreibt. Ich verweise halb unfreiwillig darauf, denn ich kenne mich da nicht aus, habe zugleich aber so etwas wie eine schlagende Erinnerung daran: immer wenn ich nicht mehr weiterkomme, fällt mir der hermeneutische Zirkel ein, und ich vermute, das liegt nicht nur an meiner geisteswissenschaftlichen Ausrichtung, sondern auch daran, daß der hermeneutische Zirkel bereits ein Spätprodukt der Subjekt-Objekt-Spaltung ist, von der Plausibilität und Unfruchtbarkeit eines sozusagen routinierten Symptoms. Etwas – soll heißen: nicht wenig – von dieser trügerischen Plausibilität haftet auch dem Kollateralschaden an. Er benennt/verschweigt nicht nur die, die ins Unglück gestürzt werden, obwohl sie gar nicht wahrgenommen wurden oder gemeint sind und räumt auf diese Weise mit der Grund- und Schuldversion von Unglück auf. Er verbaut auch jener anderen Erklärung den Weg und entzieht ihr gewissermaßen erkenntnistheoretisch den Boden, die auf ganz konventionelle Weise den Schaden als die vollständige, unentstellte Repräsentation einer so und nicht anders gemeinten Tat nimmt: die und die Opfer wurden aus dem und dem Grund ins Visier genommen. „Die und die Opfer“ sind die Menschen in einer als strategisch aufgefaßten Situation, und „der und der Grund“ ist zugleich der strategische Grund und, entsprechend, der politische, ökonomische Hintergrund. Für Psychologie, Wahrnehmungstheorie, Medientheorie gäbe es hier also wenig zu gewinnen, aber in den ‚Realwissenschaften’ könnte tüchtig geackert werden. Wir wären hier auf dem Feld dessen, was man im weitesten Sinn als ‚investigativ’ bezeichnen könnte: gegen den Schein angehen, von der Seite der Tatsachen. Auch diese beiden Herangehensweisen sind Parallelunternehmen, sie schließen sich auf Grund ihrer identischen Absicht bei ‚räumlicher’ Entfernung aus.
    Ich glaube, ich bin darauf zu sprechen gekommen, weil hier ein wichtiger Einwand gegen mein Verfahren der Denkübung an einem realen Gegenstand sich ergibt und weil du vielleicht darauf mit der Nicht-Klammer gezielt hast. Vermutlich müßte genau das bei deiner Frage nach dem Verhältnis von Modell und Wirklichkeit ausgeführt werden (s.u.).

    Christian Banse
    Noch eine: Die Perspektive als regulative Idee (als Reaktion auf die übermächtige Subjektvorstellung) – ist damit gemeint, dass das Unglück anderer auch das eigene ist?

    Ilse Bindseil
    Hier vielleicht als einziges: Nein. Zumindest müßte die Folgerung weit nach hinten geschoben werden: vielleicht, wenn das Subjekt nicht mehr jegliches normale Verhältnis zum Unglück anderer – als Unglück anderer! – verhindert, braucht/kann fremdes von eigenem Unglück nicht länger unterschieden werden. Zuallererst aber gilt: reduzieren, reduzieren, reduzieren, die eigenen Anteile, da wo sie nicht hingehören, die Übergriffe also, auflösen und das Weitere als unvorhersehbar der Zukunft überlassen. Dies wäre das ‚Büßen’. Die parallele Gegenversion, die Alternative also, wäre das ‚Teilen’ oder ‚Spüren’. Was man durch geistige Vermittlung nur entstellen kann, kann man unentstellt nur durch ein vorbehaltloses Teilen erfahren (s. u.).

    Christian Banse
    Etwas naiv wahrscheinlich frage ich mich (übrigens immer wieder), wie Modell und Realität bei Dir zueinander stehen (oder ob sie überhaupt Gegensätze sind).

    Ilse Bindseil
    Nein, sie sind (leider) keine Gegensätze, weil, autobiographisch ausgedrückt, in meinem Denken die allseits im Frühkindlichen verordnete Magie, auch die platonische Idee eine weniger flüchtige Rolle als bei andern spielt (wahrscheinlich würden bei genauerem Hinsehen diese anderen sich kräftig reduzieren). Ich könnte es auch so beschreiben: Ich bin offenbar mit dem unumstößlichen Glauben an die Realität von Begriffen (Wahrheit, Unglück, Höhe, Wirklichkeit) auf die Welt gekommen – auch wenn’s peinlich ist, muß ich auf den „Realienstreit“ verweisen –, und wenn ich etwas erkennen will, dann muß ich diese Begriffe zertrümmern. Ich zertrümmere sie freilich wie Realitäten, und von daher wahrscheinlich das komische Verhältnis zwischen Modell und Realität. Zur Rechtfertigung oder Kritik, kurz zur Relevanz dieses Ansatzes bzw. dessen, was bei einem solchen Ansatz herauskommen kann, will ich jetzt gar nichts sagen; das Erzählerische und das Theoretische kämen sich dabei in die Quere. Er sorgt dafür, daß ich bei der Stange bleibe, und auf diese verquere Weise wird er dem Denken vielleicht sogar eher gerecht als manche keimfreie Konstruktion. (Wer sich dafür interessiert, den verweise ich auf die Stichworte „Anekdote“ und „Erziehung“, auch bezeichnet als „Porträt des 19. Jahrhunderts I und II“, in „Von A bis Zett – meine Welt im Porträt“, aber natürlich auch auf „Aus allen Wolken – Roman meiner Kindheit“, http://www.ilsebindseil.de)

    Christian Banse
    Ich denke mir den Zusammenhang als eine Denkübung, die den falschen gedanklichen Umgang mit dem Unglück reduziert; und damit ist sie als Selbstaufhebung doch sehr nah am realen, wirklichen Unglück, das man nicht wegdenken kann. (Manchmal hat für mich eine solche Denkübung – trotz so manchem ‚harten‘ Gedanken – etwas Tröstliches, aber nur weil es nicht rechtfertigt – ich weiß nicht, ob Du mich verstehst).

    Ilse Bindseil
    Zum Zweck der Überprüfung deiner Version lese ich als Subtext: „Ich denke mir den Zusammenhang als eine Denkübung, die den gedanklichen Umgang mit der Wirklichkeit reduziert; und damit ist sie als Selbstaufhebung doch sehr nah an der Wirklichkeit, die man nicht wegdenken kann. (Manchmal hat für mich eine solche Denkübung – trotz so manchem ‚harten‘ Gedanken – etwas Tröstliches, aber nur weil sie nicht rechtfertigt.)“

    Und um das Unglück wieder einzufügen: „Ich denke mir den Zusammenhang als eine Denkübung, die, angestoßen von der nicht hintergehbaren Tatsächlichkeit von Unglück, den gedanklichen Umgang mit der Wirklichkeit reduziert; und damit ist sie als Selbstaufhebung doch sehr nah an der Wirklichkeit, die man, wie, wie nicht nur das Unglück, sondern auch das Nachdenken darüber beweist, nicht wegdenken kann. (Manchmal hat für mich eine solche Denkübung – trotz so manchem ‚harten‘ Gedanken – etwas Tröstliches, aber nur weil sie nicht rechtfertigt.)“

    Inwiefern ich dem zustimmen kann: Man kann den gedanklichen Umgang mit dem Unglück reduzieren, aber man kann das Unglück nicht reduzieren. Um dieser bitteren Einsicht willen muß man den gedanklichen Umgang mit dem Unglück reduzieren. Nur eins ist noch bitterer: die gedankliche Abwehr eines Unglücks, das man nicht reduzieren kann. Aus dieser letzteren Perspektive bekommt das Unglück utopische Züge oder, wie du sagst, „etwas Tröstliches“.
    Da wir bei der Denkübung sind, will ich deine Übungsfrage hervorheben: „… damit ist sie als Selbstaufhebung doch sehr nah am realen, wirklichen Unglück, das man nicht wegdenken kann.“ Da, wie ich meine, die Selbstaufhebung die ureigene gedankliche Tätigkeit und also höchst befriedigend, nämlich befreiend ist, ist mir die Nähe zur Wirklichkeit, darin zum Unglück, nicht gewiß. Ich gerate hier in Widersprüche. Soll ich sagen: Um das Denken mit dem Denken zu attackieren, muß ich von einem Bündnis mit der Seite der Wirklichkeit ausgehen, die sich von jener Seite des Denkens unterscheidet, die wir als ‚in Gedanken’ bezeichnen, zugleich von der Instanz des Denkens sich distanziert, die wir als ‚ich’ bezeichnen? Oder soll ich sagen: Um aus der Selbstaufhebung des Denkens Befriedigung zu ziehen und darin Freiheit zu erspüren, muß ich mich soweit auf das Denken einlassen, daß die Realität darüber in weite Ferne rückt, zu einem anderen, vermutlich parallelen Gegenstand wird? Denn Selbstaufhebung bedeutet ja nicht nur, daß es das selbst tut, sondern daß es auf sein Selbst zielt, seine Form, und damit etwas tut, was kein anderer tun könnte, auch nicht ‚die’ Realität. Ich denke, als Selbst oder in seiner Form ist das Denken die perfekte Parallelkonstruktion zu dem, was wir unter Wirklichkeit verstehen. Und deshalb sind wir bei dem Projekt der Selbstaufhebung des Gedankens immer ganz nah an der Wirklichkeit und, wie es bei Parallelen so ist, ferner von ihr als alles andere. Man darf ja nicht vergessen, was wir oben abgehandelt haben: Die einzige Möglichkeit, in ein angemessenes Verhältnis, d. i. eine angemessene Nähe zum Unglück anderer zu kommen, ist, es zu teilen. Ich habe das seit eh und je als ein alles andere als willkürliches Bild vor Augen: auf der einen Seite die Aussortierten, auf der anderen Seite die andern. Die einzige Möglichkeit, das Unglück der Aussortierten zu teilen, ist, von der eigenen auf die andere Seite hinüberzugehen; siehe Janusz Korczak, den ich hier lediglich paraphrasiere oder dessen Entscheidung/Handlung, die von ihm betreuten jüdischen Kinder ins Vernichtungslager zu begleiten, ich, mich an kindliche Auswahlspiele erinnernd, mir genauso vorstelle. In weniger manifest dramatischen Zeiten wird niemand oder fast keiner auf die Idee kommen, zum Beispiel in ein Hungergebiet zu reisen, nicht um dort Leuten zu essen zu geben, sondern um mit ihnen zu verhungern. Die Alternative, also, ihnen entweder in der Realität zu essen zu geben – die Widersprüche dieser nur vermeintlich einfachen Handlung sind bekannt – oder in Gedanken zu verhungern – vielleicht so wie du meinst: um auf diese Weise an der Wirklichkeit teilzuhaben, was aber dem Wahnsinn Tür und Tor öffnet –, ist bizarr und kann einem in ihrer radikalen Spaltung schon einen Schrecken einjagen.

    Christian Banse
    Diese nächtlichen Gedanken/Fragen zu Deinem sehr anregenden Text (Luhmann sagte ja mal, man kann nicht nicht kommunizieren, ich denke, Du würdest sagen, man kann nicht nicht denken, deshalb denkst Du gegen das selbstverständlich Gedachte im Kopf), vielen Dank dafür, ich gehe nun ab ins Bett! (01:46 Uhr)

  5. 5 Werder meinte am 5. Juni 2013, 12:29 Uhr

    Prost! Den Grauburgunder bitte.

  6. 6 Christian Banse meinte am 11. Juni 2013, 11:22 Uhr

    Unglaubliche Gedanken über die Selbstaufhebung, vielen Dank für die Ausführungen; ein Aphorismus erster Güte, der Unglück/Realität und das betrachtende Selbst ins Verhältnis setzt!
    Ich bin von Deiner Antwort sehr angetan und glaube, dass die erkenntniskritische Perspektive, aus der Du das Unglück und seine Verarbeitung über die Fallhöhe angehst, sehr deutlich wird: als Reflexion der eigenen Voraussetzungen, über Unglück/Realität nachzudenken; die andere Perspektive, die in politischen Kreisen vorherrscht, ist wohl die eher soziologische, die – wie Du schön schreibst, von der Seite der Tatsachen kommt. Man denkt dann über etwas ganz anderes nach, obwohl auch beides real ist.
    Einzige Bemerkung, die mich etwas irritiert hat: Glaubst (oder erfährst) Du wirklich, dass man Freiheit verspürt, wenn man den Gegenstand des Denkens: die Realität wegrückt? Kann das Denken nicht auch – nur anders – Anstrengung (statt Entlastung) und auf gewisse Weise (durch seine Unabschließbarkeit, seine notwendige Wiederholung) etwas sein, das sein muss (ob man es dann tut oder nicht), und in diesem Sinn auch ‚Zwang‘?
    Und anschließend daran: Ist nicht ein Problem gerade das, dass auch von der Seite der Realität (vom Unglück her) die Aufhebung droht (und umgekehrt das Unglück/die Realität zur Selbsterhaltung drängen?

  7. 7 Ilse Bindseil meinte am 15. Juni 2013, 14:16 Uhr

    Zu den drei Sätzen deiner „einzigen Bemerkung“:

    Zu Satz 1: Gegenstand des Denkens ist nicht die Realität, sondern das Denken. Das ist zumindest die Bewegung des Denkens: je einschlägiger/richtiger es wird, desto mehr entfernt es sich von der Realität und landet bei sich, das es aufheben soll. Insofern Denken nichts anderes ist als ein Nein, das wiederum nur dann vollständig, wahr und also erheblich ist, wenn es auf sich selbst gerichtet ist (nicht also auf Guantanamo oder Nigeria, das wäre, was ich investigativ genannt habe, oder Kritik), ist nicht das Wegschieben der Realität befriedigend und befreiend, sondern die Ankunft beim eigenen Denken, das aufgehoben werden muß, damit die Realität sich ungehindert breitmachen kann. Es geht nur um diese Grenzbestimmung: aufheben (nicht gründen).

    Zu Satz 2: Denk an die Parallelen, dieses zwanghafte Neben-der-Realität-Herlaufen des Denkens. Was für eine Befreiung, bei diesem Aufeinander-Bezogensein doch noch Spuren von Unabhängigkeit auszumachen: Probleme, die sich beim Denken aus dem Denken ergeben, und auf der anderen Seite die völlig unangefochtene Realität, die sofort sichtbar wird, wenn man nur aufhört, sie ‚wegdenken’ zu wollen, bzw. von der in diesem punktuellen Verzicht ebenfalls eine Spur erkennbar wird!

    Zu Satz 3: Nur ganz (und sicher zu) kurz: Ich denke, daß diese mir nicht ganz klare Vorstellung an der kindlichen „Allmacht des Gedankens“ festhält oder richtiger vielleicht, daß sie Kummer um das liebe Denken ausdrückt, das, obwohl es sogar zur Selbstaufhebung bereit ist, von der Realität ungerührt hinweggefegt wird. Der Kummer geht ja in Ordnung, und vor Zynismus muß man sich hüten; am besten dadurch, daß man die Unterscheidung zwischen Denken und Realität hochhält und nicht das eine mit der Plakette des andern belegt.

  8. 8 Fabian meinte am 31. Dezember 2015, 17:16 Uhr

    Ein großartiger Text, der das bürgerliche Tagesschau-Bewusstsein durch das kleistsche Tor zwängen will – man könnte eine ganze Dramentheorie daraus entwerfen. Vielen Dank an Ilse Bindseil, auch für das Beantworten der Fragen!

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