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Der traumlose Traum

30 Apr 2011

Streifzüge 51/2011

Kolumne Rückkopplungen

von Roger Behrens


Das Kino vermag das Unwirkliche als Wirklichkeit, das Unmögliche als Möglichkeit darzustellen. Indem das Kino die Bilder in einer ihm eigenen Logik in Bewegung setzt, ist es ein dialektischer Apparat, der Ideologie produziert und reproduziert, aber zugleich auch Ideologie als solche destruiert – beziehungsweise aufklärt. Als durch und durch materialistische Maschine setzt das Kino fort, womit die idealistische Philosophie im neunzehnten Jahrhundert aufhörte: mit der Erkenntnis, dass es einen Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung gibt und dass das, was ist, nicht unmittelbar ist. Das Kino ist insofern ein Vermittlungsapparat, der in Bildern bewegt, was Begriffe nicht zu fassen vermögen. Die Matrix, mit der das Kino dabei arbeitet, ist der Traum.
Das Kino folgt dabei im Übrigen nicht nur historisch, sondern auch systematisch parallel der Psychoanalyse. Filme wie etwa Orson Welles’ „Prozess“ oder Victor Flemings „The Wonderful Wizard of Oz“ funktionieren noch ganz so, wie Freud es sich in der „Traumdeutung“ dachte: dass a) Träume überhaupt deutbar sind, und b) diese Deutung etwas über das Seelenleben und seine eventuellen Störungen verrät.
Ein Jahrhundert plus ein Jahrzehnt nach Freuds wegleitender Traumdeutung bricht Christopher Nolan allerdings mit allen Konzepten der Psychoanalyse: die Träume, um die es in seinem letzten Film „Inception“ (USA 2010) geht, verlangen keine Deutung; mehr noch – es gibt in diesen Träumen auch gar nichts zu deuten. Sie geben nichts frei von dem, was nach Freud im Un bewussten verborgen ist: kein Begehren, keine Ängste, keine Sorgen und keine Lüste; stattdessen arbeitet Nolans Film mit der hierarchischen Architektur von Bewusstsein und Unter bewusstsein, die er sozusagen sozialpsychologisch als vollkommen in Ordnung voraussetzt.
Freud nennt Traumarbeit jenen Prozess, nach dem der latente Traumgedanke in (visuelle, akustische etc.) Bilder umgesetzt beziehungsweise manifest wird, also sich in das verwandelt, was wir gegebenenfalls als Traum erinnern. Die Traumdeutung kehrt dies um, versucht im manifesten Trauminhalt den latenten zu entschlüsseln. – In „Inception“ ist dies teils auf den Kopf gestellt, teils banalisiert: Das Seelenleben ordnet sich hier in Levels, einem Computerspiel ähnlich – Probleme bilden verschiedene, zu bewältigende Schwierigkeitsgrade, keine Neurosen oder Störungen, die psychoanalytisch zu behandeln wären.
Die Differenzen zwischen manifesten und latenten Trauminhalten sind eingeebnet, die Traumarbeit fällt mit der Traumdeutung zusammen. Mithin obliegt in „Inception“ die Traumarbeit nicht dem Träumenden, sondern Dom Cobb (Leonardo DiCaprio): Er hat aus der Fähigkeit, in anderer Leute Träume eindringen zu können, um sie zu manipulieren, seinen Beruf gemacht; spezialisiert hat er sich dabei auf die Träume der personifizierten Herrschaft, nämlich auf Träume von Führungspersönlichkeiten des Großkapitals – passend zu einer Welt, die ohnehin nur noch aus konkurrierenden Wirtschaftsimperien besteht; das sind zumindest die Parameter, mit denen im Film das Universum abgesteckt, das heißt kinografische Glaubwürdigkeit fürs Publikum erzeugt wird. Das bedeutet zum Beispiel: Cobb, der Traumexperte, ist kein Mediziner, also kein Irrenarzt und eben kein Analytiker, sondern – ganz im Sinne der vorgeführten Welt der Filmhandlung – Ingenieur, Informatiker.
Die Aufgabe, die in spannenden einhundertfünfzig Minuten gelöst wird: Cobb soll Robert Fischer (Cillian Murphy), dem Sohn eines im Sterben liegenden Unternehmers, den „Gedanken“ einpflanzen, das Unternehmen nach dem Tod des Vaters aufzuteilen; einem Konkurrenten soll das Vorteile bringen. Dafür braucht es ein Team, wozu vor allem Ariadne (Ellen Page) gehört. Die junge Frau, die in dem Film zugleich als attraktive Retterin fungiert, ist „Architektin“, und das meint hier: sie konstruiert Traumwelten (das heißt, sie hat diesmal nicht den Faden, der aus dem Labyrinth herausführt, sondern konstruiert überhaupt erst das Labyrinth – gleichsam um den Faden herum).
Die Schwierigkeit der Aufgabe besteht nun darin, dem Träumenden ein möglichst authentisches Traumreich zu schaffen; nur so kann tief genug in sein „Unterbewusstsein“ eingedrungen werden, um die so genannte „Inception“, wie nämlich die Gedankeneinpflanzung genannt wird, zu vollziehen. Und so führt das Drehbuch die Schauspieler von einer Traumschicht zur nächsten und es entsteht ein Traum im Traum im Traum … im Traum … usw.
Doch jeder Traum ist nur der noch perfektere Nachbau der Wirklichkeit. Der Modus, in dem sich das im Traum wie in der Wirklichkeit gleichermaßen vollzieht, ist die Technik. So haben die von der Architektin gebauten Gebäude mit etwa den Traumhäusern, die Benjamin für das neunzehnte Jahrhundert beschrieben hat, nichts zu tun: Diese Architektur ist mit der Wirklichkeit identisch, die ihre surrealen Abweichungen und Irritationen längst hinter sich gelassen hat. Im Grunde ist diese Traumwelt phantasielos, auch wenn die kinografische Tricktechnologie, mit der hier die Wirklichkeit als Traum kopiert wird, phantastisch erscheinen mag. Was allerdings fehlt, sind jene Traumelemente des Unheimlichen, Verrückten, Spontanen und Un-, wenn nicht Wahnsinnigen, die seit den Anfängen des Kinos die Filmbilder bereicherten.
Was heute fehlt, ist jedoch das utopisch-emanzipatorische Potenzial der Traumfabrik (wie Ilja Ehrenburg schon 1931 seine „Chronik des Films“ betitelte): nämlich dass der Film Träume liefern kann, nach denen die Wirklichkeit umzugestalten wäre, um schließlich die Wirklichkeit selbst als Traum zu konstruieren. Was bleibt, ist gute Unterhaltung. Und das ist, nach Leo Löwenthals Befund, Massenkultur als Psychoanalyse verkehrt herum. Die Träume, die hier geträumt werden, sind bloß noch ein „die gesamte sinnliche Welt in einem alle Organe erreichende[s] Abbild“, wie es Adorno fürs Fernsehen fasste: ein „traumloser Traum“ (GS Bd. 10·2, S. 507). Und das ist, weil es für die höchste Spannung sorgt, der technisch ausstaffierte Alptraum, der schließlich auch insofern traumlos ist, als dass er den realen Alptraum gegenwärtiger sozialer Verhältnisse völlig unberührt lässt.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Spirituelle Deutung meinte am 1. März 2014, 15:08 Uhr

    Lernen wir träumen«

    Bevor wir versuchen, einen Zugang zu scheinbar unverständlichen Träumen zu
    gewinnen, möchten wir Sie auf einen weiteren Effekt unserer Träume
    hinweisen: Sie arbeiten für uns gleichsam Nacht für Nacht und helfen uns,
    unsere Probleme zu lösen, auch wenn wir sie nicht deuten. Fast jeder von uns
    hat von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, als er dem bekannten Rat
    folgte, vor einer schwerwiegenden Entscheidung die Sache erst einmal eine
    Nacht zu überschlafen. Am nächsten Morgen hat sich vieles davon
    entschieden oder wie von selbst erledigt. Ein geübter Träumer wird von dieser
    Methode systematisch Gebrauch machen, auch wenn er sich am nächsten
    Morgen nicht an einen Traum erinnern kann. Wie sehr sich diese Möglichkeit
    weiterentwickeln läßt, wollen wir an zwei scheinbar unterschiedlichen
    Beispielen deutlich machen.

    Das neue Buch von http://www.spirituelle-deutung.de gibt hier aufschluss.

    Betrachten wir die scheinbare Unverständlichkeit der Träume näher, dann
    stellen wir fest, daß unsere Träume nur im Lichte unseres Tagbewußtseins als
    unverständlich erscheinen. Während wir träumen, haben wir diesen Eindruck
    nicht. Im Traum leben wir in einer für uns ebenso selbstverständlichen Welt wie
    im Wachen. Auch die Beziehungen zu unserer Umgebung, zu unserem Tun und
    zu unseren Ideen sind uns so selbstverständlich, als seien wir wach. Diese
    Erfahrung verliert sich erst, nachdem wir aufgewacht sind, und wir begreifen
    nicht mehr, wie vertraut uns alles im Traum war. Eine schöne Geschichte des
    chinesischen Weisen Dschuang Dsi (etwa 400 Jahre v. Chr.) macht das
    anschaulich:
    »Einst träumte Dschuang Dschou, daß er ein Schmetterling sei, ein flatternder
    Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von
    Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und
    wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou
    geträumt hat, daß er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt
    hat, daß er Dschuang Dschou sei« (9).
    Man hätte Dschuang Dsi eine Antwort geben können, die ihn vermutlich nicht
    zufrieden gestellt hätte. Sie stammt vom griechischen Philosophen Heraklit von
    Ephesos, der etwa l 00 Jahre vor Dschuang Dsi gelebt hat. Er stellte fest, daß die
    Wachenden eine gemeinsame Welt haben, während sich von den Schlafenden
    ein eder seiner eigenen zuwende (10). Wäh-„• rend wir träumen, merken wir
    das nicht. Dies bedeutet jedoch nicht, daß wir uns im Traum in eine
    Privatweltzurückziehen würden. Im Gegenteil! Fast in jedem unserer Träume
    teilen wir unsere Welt mit anderen: Die Welt im Traum ist nicht privat, wohl aber
    subjektiv. Daß

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