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Marx’ Kritik am Gothaer Programm oder: Kein Weg aus dem Kapitalismus

01 Apr 2010

Streifzüge 48/2010

von Ulrich Weiß

Auf die Marxsche Kritik am Gothaer Programm der Sozialdemokratie von 1875 bezogen sich die Theoretiker der „sozialistischen“ Warenproduktion positiv und zwar zu Recht. Die Annahme einer Übergangsgesellschaft, in der auf dem Weg ins „Reich der Freiheit“ noch Kategorien der Warenproduktion und des bürgerlichen Rechts gelten sowie der Staat unerlässlich ist, erschienen auch mir zu DDR-Zeiten überzeugend.

Ernsthafte Kapitalismuskritiker müssen sich auch heute die Frage stellen: Wie ist der Übergang denkbar? Kann eine besondere Übergangsgesellschaft mit heute herrschenden Kategorien beschrieben werden? Wenn nicht, wie dann?

Gemessen an der behaupteten geschichtlichen Mission geriet der Real-„Sozialismus“ samt seiner Warenproduktion in ein Dilemma. Auch in der Aufstiegsphase eröffnete die nachholende Modernisierung keinen Weg aus dem Kapitalismus (oder um ihn herum), sondern nur einen in ihn hinein. Dieser Prozess dauert in China noch an. „Sozialistischer“ Staat, „sozialistische“ Warenproduktion und entsprechende Ideologie sind nicht vorrangig als das zu begreifen, was sie auch waren – Ausdruck eines grundsätzlichen theoretischen Irrtums. Auch hier gilt, was Marx über die vulgärsozialistischen Auffassungen Proudhons und der Arbeiterbewegung sagte: ein „historisch gerechtfertigter Standpunkt“. (MEW 2:33) Durch die Geschichte belehrt sind heute das Gothaer Programm, Marx’ Kritik daran und seine „Gegen“-Vorstellungen von der so genannten ersten Phase des Kommunismus als geradezu klassische Ausdrücke praktischer und theoretischer Unmöglichkeiten zu begreifen.

Von einem historischen Niveau aus, da die bürgerliche Gesellschaft noch über enorme zivilisatorische Potenzen verfügte, wurde versucht, den Übergang zum Kommunismus in einer solchen Weise zu antizipieren, dass er den Lebensnotwendigkeiten realer Bewegungen entspricht – eine vergängliche Unmöglichkeit.

Die zweite grundsätzliche Unmöglichkeit, eine vom Entwicklungsstand der bürgerlichen Gesellschaft unabhängige, bestand darin, vom Standpunkt einer kapitalistischen Hauptklasse, vom Proletariat aus, Kommunismus denken zu wollen, zu erwarten, den Proletariern als Proletariern könnte es noch um mehr gehen als um die innerkapitalistischen Verbesserungen ihrer Lebensverhältnisse, erfassbar in den Kategorien der bürgerlichen politischen Ökonomie.

Das Gothaer Programm machte Marx fassungslos: „Verwerflich, demoralisierend“ (MEW 19:21), „ungeheuerliches Attentat auf vorhandene wissenschaftliche Einsicht in unsrer Partei“ (MEW 19:25f), ideologische Flausen. Vom demokratischen Wunderglauben und Untertanenglauben an den Staat verpestet, überschreite es nicht das bürgerliche Niveau. (MEW 19:21ff)

Marx Wut richtete sich gegen die Autoren, doch die Programmforderungen entsprachen offenkundig einem im Proletariat sich immer wieder reproduzierenden Bedürfnis. Nur gegen den Widerstand der Parteiführer, „der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und der Redaktion des Vorwärts “ (MEW 22:582) konnte Engels 1891 die Marxkritik veröffentlichen – in entschärfter Variante. Das für den Erfurter (Programm-)Parteitag angeblich „wichtigste … Aktenstück“ (MEW 22:90) provozierte „einen Sturm in der sozialistischen Presse … Es fielen damals sehr bittere Worte, und sie würden noch viel herber ausgefallen sein, wenn nicht eben Friedrich Engels der Veröffentlicher und Karl Marx der Verfasser gewesen wäre. Aber energisch betont wurde, das von Karl Marx in so schroffer Weise verurteilte Programm habe seine Aufgabe herrlich erfüllt. Und bis zu einem gewissen Grade war das auch richtig. Warum? Weil das Gothaer Programm mit all seinen Fehlern auf der einen Seite doch den realen Bedürfnissen der Arbeiterbewegung … genügenden Ausdruck lieh und auf der anderen ihr Prinzip deutlich und energisch betonte.“ (Bernstein E., Noch etwas Endziel und Bewegung. Ein Brief an Otto Lang (Oktober 1899), In: Sozialistische Monatshefte , Jg. 1899, Nr. 10, S. 504)

Wut

Was empörte Marx? Redensarten über die Arbeit und die Gesellschaft. Das Programm vermeide klare Bestimmungen der „in der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft [geschaffenen] … Bedingungen …, welche die Arbeiter befähigen und zwingen, jenen geschichtlichen Fluch zu brechen.“ (MEW 19:17) Statt die kapitalistische Gesellschaft, die zu überwinden die revolutionäre Sozialdemokratie angetreten war, „als Grundlage des bestehenden Staates … zu behandeln“, sieht sie diesen „als selbständiges Wesen … ,das seine eignen geistigen, sittlichen, freiheitlichen Grundlagen’ besitzt.“ (MEW 19:28)

Im Programm ist die Rede vom unverkürzten Arbeitsertrag, vom gleichen Recht, gerechter Verteilung, progressiver Einkommensteuer, vom freien Staat, Volksstaat. Marx zeigt den Unsinn dieser Lassalleschen Stichworte bezüglich der kapitalistischen Produktionsweise bzw. der kommunistischen Gesellschaft. Was die Bourgeoisie unter gerechter Verteilung verstehe – Kauf, Verkauf von Waren nach ihrem Wert, Ware Arbeitskraft eingeschlossen, – sei tatsächlich „die einzige ‚gerechte‘ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise“. Es würden eben nicht „die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt“, es entspringen „umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen“. (MEW 19:28) In der kommunistischen Produktionsweise sei dagegen die Gerechtigkeits- und Gleichheitsforderung gegenstandslos. Da gilt „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Sozialistische Sektierer schwatzen „über ‚gerechte‘ Verteilung“, aber wieso geschieht das in der deutschen Partei, in der „die realistische Auffassung … Wurzeln … geschlagen“ hatte? Es sei „überhaupt fehlerhaft …, von der sog. Verteilung Wesens zu machen und den Hauptakzent auf sie zu legen“. Das Programm folge dem Vulgärsozialismus und den bürgerlichen Ökonomen, „die Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln, daher den Sozialismus hauptsächlich als um die Distribution sich drehend darzustellen“ (19:21f).

War die Popularität solcher Heilserwartungen in der Arbeiterbewegung (heute bei Attac, in linken Parteien) Ausdruck mangelnder Bildung und der Demagogie bürgerlicher Ideologen? Ich folge Marx’ Religionskritik und begreife dies nicht vorrangig als Betrug einer irrenden Führerschicht, nicht als Opium für sondern als Opium des Volkes (MEW 1:378). Solche Ideologien gehen vor allem aus den jeweiligen Existenzbedingungen hervor, sind also nicht durch Aufklärer aufhebbar, sondern nur durch Selbstaufklärung in Verbindung mit wirklicher Aufhebung der Zustände, die solcher Vorstellungen bedürfen. (vgl. MEW 1:379)

Mit diesem Marx ist zu verstehen, dass das Debakel von Gotha tiefer wurzelt, als er es selbst in seiner Wut sieht. Die Theorie „ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem , sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen“. (MEW 1:385) Marx’ Theorie – sofern sie die Möglichkeit des Kommunismus begründet – schlug in der Arbeiterbewegung keine Wurzel. Ihrer Existenz und die ihrer eigenen politischen und gewerkschaftlichen Bewegung legte den Proletariern offenkundig Anderes nahe als die Verwirklichung der ihr zugeschriebenen „weltgeschichtliche[n] Rolle.“ (MEW 2:38)

Wenn sich die Proletarier dem theoretisch begründeten Marxschen Kommunismus nicht öffneten, Publikationen und Schulungen verpufften, konnte man damals noch auf die Zukunft hoffen. Doch gerade die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise bis zum heute erkennbaren Punkt, da die Voraussetzungen für die Aufhebung der kapitalistische Produktionsweise tatsächlich erst entstehen (vgl. MEW 42:598ff), trifft die einstige kämpferische Arbeiterbewegung in ihrer Auflösung.

Handlungen

Er zweifelte nicht an der „historischen Mission“, entsprechend ihrer Lebenslage würden die Proletarier seine Theorie doch massenhaft aufgreifen.

Zweitens greift er auf seine Kritiken am Proudhonschen Vulgärsozialismus zurück und belegt, dass die Vorstellungen Lassalles die Unterwerfung der Arbeiterbewegung unter die gegebenen Verhältnisse bedeuten.

Drittens setzt er seinerseits den Lassalleschen Phrasen fassliche Bilder eines Weges in die kommunistische Gesellschaft entgegen.

Dieser Textteil wurde vom „Sozialismus“ und der geschichtsmächtigen revolutionären Arbeiterbewegung wie eine Bibel behandelt – es entsprach deren Existenzbedingungen und ging in die so genannte Politische Ökonomie des Sozialismus ein. Dies hat wirklich Geschichte gemacht. Doch sozusagen nach der Feier und gemessen an Marx’ sonstigem theoretisch-praktischen Anspruch – die Arbeiterbewegung müsste immer auch das Endziel der Bewegung im Auge haben – zeigt sich dies als ein extrem widersprüchliches, ein quasi antimarxsches Marxdokument. Es steckt voller vulgärsozialistischer Zugeständnisse. Man kann das als Taktik verstehen, als Versuch, überhaupt noch eine geistige Brücke zwischen dem tatsächlichen Horizont der Arbeiterbewegung und Marx’ Kommunismusvorstellungen zu schlagen. Doch gerade dieses Dilemma – es blieb für die revolutionäre Arbeiterbewegung und den Real-„Sozialismus“ bestehen – drückt die logische Konsequenz jeder marxistischen Grundentscheidung aus, das Proletariat als Subjekt der kommunistischen Umwälzung anzusehen. Das zwingt dazu, zumindest den Beginn des Kommunismus in den Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft zu beschreiben, das zu betreiben, was Marx an Proudhon kritisierte: „Kritik der Nationalökonomie vom nationalökonomischem Standpunkte aus“. Dieser bis weit ins 20. Jahrhundert hinein „historisch gerechtfertigte Standpunkt“ war ein nichtkommunistischer.

Der junge Marx: Proudhon verfolge „keine abstrakt wissenschaftlichen Zwecke …, sondern [stelle] unmittelbar praktische Forderungen an die Gesellschaft … [Das ist] motiviert und berechtigt durch die ganze Entwicklung, die er gibt, sie ist das Resumé dieser Entwicklung“. Proudhon: „Gerechtigkeit, nichts als Gerechtigkeit; darin fasst sich meine Darlegung zusammen.“ (MEW 2:24f) „Nachdem er sich die Frage aufgeworfen, ob und warum die Menschheit sich [im Streben nach Gerechtigkeit – UW] so allgemein und so lange habe irren können, nachdem er die Lösung gefunden, dass alle Irrtümer Stufen der Wissenschaft sind, dass unsre unvollständigsten Urteile eine Summe von Wahrheiten einschließen, die für eine gewisse Zahl von Induktionen wie für einen bestimmten Kreis des praktischen Lebens ausreichen … kann [Proudhon] sagen, dass selbst eine unvollkommne Erkenntnis der moralischen Gesetze für einige Zeit dem gesellschaftlichen Fortschritt genügen könne.“ (MEW 2:27) Genau dies hatten Bernstein und andere für das Gothaer Programm als durch die Bewegung gerechtfertigt geltend gemacht. Genau das war wohl der Grund, warum Marx letztlich das Programm so stehen ließ, es nicht öffentlich anprangerte und selbst in seinen positiven Bildern der Übergangsgesellschaft eine „unvollkommene“ (nämlich innerkapitalistische) Darstellungen gab.

Heute ist leichter zu begreifen: Die tatsächliche Rolle der Arbeiterbewegung bestand darin, die kapitalistische Entwicklung auf einen einigermaßen zivilisationsverträglichen Weg zu zwingen. Die allgemeine Gerechtigkeitsforderung war dafür eine scharfe Waffe. Doch heute, da die kapitalistische Produktionsweise selbst ihre zivilisatorischen Potenzen vernichtet, ist diese Waffe stumpf geworden. Wege aus dem Kapitalismus eröffnet sie nicht.

Proudhon fasste „Gestaltungen des Privateigentums, z.B. Arbeitslohn, Handel, Wert, Preis, Geld etc. nicht … selbst als Gestaltungen des Privateigentums.“ (MEW 2:33) Seine Kritik der Nationalökonomie blieb „in Voraussetzungen der Wissenschaft, die sie bekämpft, befangen“, im Privateigentum. (MEW 2:32) Er begriff das Ganze der kapitalistischen Produktionsweise und dessen Grundlage, den Tauschwert, nicht. Bei ihm hat jedes ökonomische Verhältnis „eine gute und eine schlechte Seite“, die gute „von den Ökonomen hervorgehoben, die schlechte von den Sozialisten angeklagt“. Die erblicken im „Elend nur das Elend“ (MEW 4:143). Das „Verhältniss der Waren zum Geld “ verkennend betrachtete Proudhon „das zinstragende Kapital als die Hauptform des Kapitals “. Er wollte den zinslosen Kredit und auf ihm basierend die Volksbank , also „besondere Anwendung des Kreditwesens, angebliche Abschaffung des Zinses, zur Basis der Gesellschaftsumgestaltung machen“, eine „spießbürgerliche Phantasie“ (MEW 16:30f). Proudhon habe aber die Revolution nicht verraten. „Es war nicht seine Schuld, wenn er … unberechtigte Hoffnungen nicht erfüllt hat.“ (MEW 16:29) Das kann ergänzt werden: Es ist nicht Schuld des Proletariats und seiner Parteien und Organisationen, wenn es seinen begrenzten, aber „historisch gerechtfertigten Standpunkt“ nicht überschreitet. Und: Wo der spätere ML die Hoffnung auf die proletarische kommunistische Mission mit der praktischen Arbeiterbewegung zu verbinden versuchte, gab es gar keine andere Möglichkeit als die Zukunft in den Kategorien der bürgerlichen politischen Ökonomie darzustellen, etwa eine sozialistische Warenproduktion und sozialistische Lohnarbeit anzunehmen.

In den Grundrissen stellte Marx die Ware mit ihrem Doppelcharakter als ökonomische Zellform des Kapitalismus dar und übertrug deren Bestimmung sogleich auf die Ware Arbeitskraft. (MEW 42) Über sein Kapital I schrieb er: „Das Beste an meinem Buch ist 1. (darauf beruht alles Verständnis der facts) der gleich im ersten Kapitel hervorgehobene Doppelcharakter der Arbeit , je nachdem sie sich in Gebrauchswert oder Tauschwert ausdrückt; 2. die Behandlung des Mehrwerts unabhängig von seinen besondren Formen als Profit, Zins, Grundrente etc. Die Behandlung der besondren Formen in der klassischen Ökonomie, die sie beständig mit der allgemeinen Form zusammenwirft, ist eine Olla Potrida [Mischmasch].“ (MEW 31:326)

Solches Mischmach-Denken führt zur Idee, die Übel der kapitalistischen Produktionsweise durch Geld- und Bankreformen zu überwinden. Marx: „Nicht die in den Produkten inkorporierte Arbeitszeit, sondern die gegenwärtig nötige Arbeitszeit ist das Wertbestimmende.“ Diese schwankt beständig, sinkt im Maße der Ausbeutung durch Verlängerung der Arbeitszeit (bei gleichem Wert der Ware Arbeitskraft) bzw. durch Steigerung der Produktivität. Um ein sozusagen authentisches Geld zu erhalten, das Schwankungen der Preise, Spekulationen, Krisen, Ausbeutung ausschließen und Gerechtigkeit sichern soll, schlagen Weitling und Proudhon „Papiergeld, ein bloßes Wertzeichen“, quasi Stundenzettel, vor. Durch dieses würde der Arbeiter „der steigenden Produktivität seiner Arbeit froh werden, statt dass er jetzt im Verhältnis zu ihr fremden Reichtum, eigne Entwertung schafft. … Goldgeld mit dem plebejischen Titel: „x Arbeitsstunden “ steigt oder fällt gegenüber der „gegenwärtige(n) lebendige(n) Arbeitszeit“ in dem Maße wie „die in einem bestimmten Quantum Gold enthaltne vergangne Arbeitszeit beständig steigen oder fallen muss … Um es konvertibel zu erhalten, müsste die Produktivität der Arbeitsstunde stationär gehalten werden.“ (MEW 42:70f) Papiernes Arbeitsgeld, Stundenzettel, folgen demselben Gesetz wie das goldene.

Verschiedene Geldformen, „Metallgeld, Papiergeld, Kreditgeld“, können durchaus „der gesellschaftlichen Produktion auf verschiedenen Stufen besser entsprechen, die eine Übelstände beseitigen, denen die andre nicht gewachsen ist; keine aber … solange das Geld ein wesentliches Produktionsverhältnis bleibt, kann die dem Verhältnis des Geldes inhärenten Widersprüche aufheben, sondern sie nur in einer oder der andern Form repräsentieren. Keine Form der Lohnarbeit, obgleich die eine Missstände der andren überwältigen mag, kann die Missstände der Lohnarbeit selbst überwältigen.“ Kein „sozialistisches“ Arbeitsgeld kann das Erträumte erreichen, „ohne das in der Kategorie Geld ausgedrückte Produktionsverhältnis selbst aufzuheben“. Proudhon vermag nicht zwischen Wert und Preis zu unterscheiden. Er kann die „allgemeine Frage über das Verhältnis der Zirkulation zu den übrigen Produktionsverhältnissen … nicht einmal in ihrer reinen Form aufstellen, sondern nur gelegentlich darüber deklamieren.“ (MEW 42:58f)

Marx hatte auf „die wissenschaftliche Einsicht in unsrer Partei“ gesetzt, „dass der Arbeitslohn nicht das ist, was er zu sein scheint , nämlich der Wert respektive Preis der Arbeit , sondern nur eine maskierte Form für den Wert resp. Preis der Arbeitskraft .“ Doch nun „kehrt man zu Lassalles Dogmen zurück, obgleich man nun wissen musste, dass Lassalle nicht wusste , was der Arbeitslohn war, sondern … den Schein für das Wesen der Sache nahm.“ (MEW 19:25f) Auf Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe wird gesetzt, als ob „man mit Staatsanleihen ebensogut eine neue Gesellschaft bauen kann wie eine neue Eisenbahn!“ Der Staat wird verstanden als „Regierungsmaschinerie und sonst nichts. … Einkommensteuer setzt die verschiednen Einkommensquellen der verschiednen gesellschaftlichen Klassen voraus, also die kapitalistische Gesellschaft.“ (19:29f) – der längst überwunden geglaubte Proudhonismus. (MEW 29:462)

Kommunistische Entgegnung

1. „Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus.“

2. „Ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren. … Das Wort ‚Arbeitsertrag‘, auch heutzutage wegen seiner Zweideutigkeit verwerflich, verliert so allen Sinn.“ (MEW 19:19f)

Soweit so klar, doch dann entwirft Marx eben Bilder der „ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft“, später Sozialismus genannt. Da diese sich nicht auf ihrer eignen kommunistischen Grundlage entwickele, sondern „aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht , … ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft“, gelten hier noch nicht die gerade genannten Bestimmungen. „Demgemäß“ – das soll wohl heißen: gemäß der genannten Nähe zum Kapitalismus – erhält „der einzelne Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr gibt. Was er ihr gegeben hat, ist sein individuelles Arbeitsquantum. … Er erhält von der Gesellschaft einen Schein, dass er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der andern zurück.“ (MEW 19:19)

Nach Marx’ Feldzug gegen Stundenzettel eine verblüffende Aussage! Marx gibt dem Unbehagen auch gleich Ausdruck: „Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist“, also das bürgerliche. Was soll dem Ganzen aber eine andere soziale Form geben als die der Warenproduktion, die auf der erreichten Stufenleiter nur eine kapitalistische sein könnte? „Inhalt und Form“ dieses Prinzips seien gegenüber der Warenproduktion „verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehn kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht.“ „Das gleiche Recht ist hier daher immer noch – dem Prinzip nach – das bürgerliche Recht , obgleich Prinzip und Praxis sich nicht mehr in den Haaren liegen, während der Austausch von Äquivalenten beim Warenaustausch nur im Durchschnitt , nicht für den einzelnen Fall existiert.“ „Trotz dieses Fortschritts ist dieses gleiche Recht stets noch mit einer bürgerlichen Schranke behaftet. Das Recht der Produzenten ist ihren Arbeitslieferungen proportionell ; die Gleichheit besteht darin, dass an gleichem Maßstab , der Arbeit, gemessen wird.“ (MEW 19:19) Die verschiedenen Individuen werden auch hier „von einer bestimmten Seite (ge-)fasst, … nur als Arbeiter betrachtet und weiter nichts“ (MEW 19:21)

Proudhon und Weitling könnten jubeln. Ihre Stundenzettel sind wieder da – Geld, angeblich gereinigt von seinen Übeln. Vom Arbeiter, der für den Zettel, für Geld arbeitet, vom Lohnarbeiter also wird „weiter nichts“ angenommen, nur die vom Bösen gereinigte gute Seite! Proudhon taucht als Marx der ersten Phase des Kommunismus wieder auf. Marx nennt dies „Missstände“, die erst durch eine entschieden höhere „ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft“ überwunden würden. Dann sei „die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden.“ (MEW 19:21) Knechtende Arbeitsteilung aber in einer Produktion auf hohem Niveau, so der Kritiker der politischen Ökonomie Marx, bedeuten Warenproduktion, Lohnarbeit, Geld, Kapital und Arbeit. Wo Arbeit „nur Mittel zum Leben“ und nicht „selbst das erste Lebensbedürfnis“ ist, da muss es wenigstens den stummen Zwang der Ökonomie geben, sollen die Produktionsmittel und die Arbeiter, die jene eben nicht besitzen, zusammengebracht werden. Nur das kann die Arbeiter zwingen, ihre Arbeitskraft der Verfügung eines fremden Kommandos zu unterwerfen: Scheine, Arbeitszettel, also Anspruch auf die in den von ihnen benötigten Produkten enthaltene Arbeitszeit anderer Arbeiter – was kann der Maßstab für die Vergleichbarkeit der Produkte sonst sein als die in ihnen enthaltene Arbeit überhaupt, gesellschaftlich notwendige abstrakte Arbeit? Was sind solche Produkte?: Waren. Und Arbeitsscheine?: Lohn. Und was sind die Arbeiter? Marx geht hier stillschweigend davon aus, dass nicht die Ware Arbeitskraft gekauft und verkauft wird, sondern dass – Abzüge abgerechnet – eine eindeutige Äquivalenzbeziehung zwischen geleisteter Arbeit und Anspruch auf Waren besteht, vermittelt durch die Arbeitsscheine. Jedes der Marx-Argumente gegen Proudhon trifft auf diesen Marx dieser Übergangsgesellschaft selbst zu.

Mit dem Proudhonkritischen Marx wird schon logisch das klar, was sich im Real-„Sozialismus“ dann tatsächlich entwickelte: unter den genannten Voraussetzungen reproduzieren sich in der „ersten Phase“ die wesentlichen Verhältnisse der Warenproduktion. Der Arbeiter bleibt Lohnarbeiter. Ein Staat, die angebliche Diktatur des Proletariats, regelt und dirigiert eine Produktion, in der in entfremdeter Tätigkeit Produkte hergestellt werden, die dem Produzenten äußerlich sind, die ihm nicht gehören, sondern dem, der darüber verfügt, dem Staat. Was ist dieser Staat anderes als der Ausdruck der Zerrissenheit dieser Gesellschaft, eine entfremdete Form der Gemeinschaftlichkeit, was sind die Staatsfunktionäre anderes als Manager des Staatskapitals? Was wird produziert?: Waren, Wert und Mehrwert.

Ein einziges Argument führt Marx an, dass die erste angeblich kommunistische Phase, mehr sein soll als eine besondere staatskapitalistische Variante der kapitalistischen Produktion: Es könne „unter den veränderten Umständen niemand etwas geben … außer seiner Arbeit“ und es könne „nichts in das Eigentum der einzelnen übergehn … außer individuellen Konsumtionsmitteln“. (MEW 19:20) Das soll wohl heißen, es könne keine Ausbeutung stattfinden.

Dem zuzustimmen, bedeutete Marx’ sonstiges Denken zu verleugnen. Nicht nur der junge Marx wusste, dass knechtende „Teilung der Arbeit und Privateigentum identische Ausdrücke“ sind. (MEW 3:32) Dem „sozialistischen“ Staat als Gesamtunternehmer und Eigentümer der Produktionsmittel stehen die Lohnarbeiter gegenüber. Und Marx hatte die Annahme widerlegt, auf hoher Vergesellschaftungsstufe könne es für den Produktenaustausch arbeitsteilig agierenden Produzenten, deren Tätigkeit nicht selbst Lebensbedürfnis ist (das ist hier ja ausdrücklich ausgeschlossen), ein Mittel geben, das sich auf die im Produkt verkörperte Arbeitszeit bezieht, aber nicht Geld ist. Ist es aber Geld, verhindert auch der Marxsche Stundenzettel nicht, dass alle die Übel einer Warenproduktion reproduziert werden und seine Übergangsgesellschaft theoretisch und später auch praktisch einen Weg in den Kapitalismus hinein bedeutet.

Man kann das u.a. bei Ingo Elbe vertiefen. Das behauptete „Vergesellschaftungsprinzip in der Übergangsgesellschaft“ zeigt, dass auch Marx „gelegentlich den ‚seichten Utopismus‘ eines ‚Arbeitsgelds‘ (MEW 23:109)“ propagiert. (Elbe, I., Marx vs. Engels – Werttheorie und Sozialismuskonzeption, November 2001, www.rote-ruhr-uni.com:cms:Marx-vs-Engels-Werttheorie-und.html) Dieser Teil der Gothaer Programmkritik ging als legitime Sozialismusvorstellung in die marxistische Tradition ein. Deren tatsächlich innerkapitalistische Funktion hat sich erfüllt. Die wirkliche Arbeit nach Wegen aus dem Kapitalismus zu suchen ist nicht nur praktisch sondern auch theoretisch noch zu leisten.

7 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Wege aus dem Kapitalismus » Kommunismus is da! meinte am 5. Mai 2010, 13:52 Uhr

    […] Finally: Uli Weiss: Marx’ Kritik am Gothaer Programm oder: Kein Weg aus dem Kapitalismus […]

  2. 2 Walther Schütz meinte am 3. Juni 2010, 09:30 Uhr

    Wirklich verblüffend, wie sich die Diskussionen – auf einer anderen Stufe kapitalistischer Entwicklung – wiederholen, siehe Kampagne http://www.wege-aus-der-krise.at oder ÖGB-Kampagne Fair teilen!
    Habe das selbst neulich als Teil des Podiums bei einer Podiumsdiskussion am 27.5.2010 in Villach erlebt: Es isz beinahe unmöglich zu argumentieren, ohne sofort in volkswirtschaftliche Kategorien und Denkschemata zu verfallen.
    Jedenfalls DANKE für den erhellenden Beitrag.

  3. 3 Wege aus dem Kapitalismus » Marxistische Kommunismusvorstellungen meinte am 13. Dezember 2012, 16:06 Uhr

    […] 3,00 Euro plus Versand) oder hier als PDF heruntergeladen werden. Eine Kurzfassung des Textes ist hier […]

  4. 4 Aprilscherzthesen? | mehr (Öko-) Kommunismus wagen ;-) meinte am 20. März 2013, 19:43 Uhr

    […] sich als “magazinierte Transformationslust” päsentierende Onlinepräsens der “Streifzüge” macht natürlich (was sonst?) Scherze. Wer Ulrich Weiß dort eingestellte Kritik an Marx […]

  5. 5 Hans-Hermann Hirschemann meinte am 25. Mai 2013, 15:51 Uhr

    Die zweite grundsätzliche Unmöglichkeit, eine vom Entwicklungsstand der bürgerlichen Gesellschaft unabhängige, bestand darin, vom Standpunkt einer kapitalistischen Hauptklasse, vom Proletariat aus, Kommunismus denken zu wollen, zu erwarten, den Proletariern als Proletariern könnte es noch um mehr gehen als um die innerkapitalistischen Verbesserungen ihrer Lebensverhältnisse, erfassbar in den Kategorien der bürgerlichen politischen Ökonomie.

    Das kommt allerdings einer grausamen Verstümmelung der marx/engelschen Perspektive gleich. Wäre die radikale Linke im Westdeutschland der 1970er Jahre, als sie sich ins soziale Getümmel stürzte, d.h. deren Aktivisten sich den zahlreichen Bürgerinitiativen gegen das Atomprogramm anschlossen (oder selber welche gründeten) noch auf diesem theoretischen Niveau gewesen, gäbe es wohl heute immer noch vom DGB organisierte Pro-AKW-Demos.

    Die von Ulrich Weiss eingenommenen Perspektive kommt nicht nur einem arroganten Herabblicken auf die, die genötigt sind, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen müssen geich, es lässt sich damit auch keinerlei Fortschritte innerhalb der Arbeiter(innen)schaft ausmachen.

    Marx/Engels gingen von der Notwendigkeit einer Verbindung sozialistischer bzw. kommunistischer Philosophie bzw. Theorie und Wissenschaft mit den unvermeintlichen (sich aus der Naturgewaöt Kapitalismus ergebenen) Interessenskämpfen derer aus, die zur Lohnabhängigkeit genötigt sind. Denn ohne eben diese Verbindung könnten letztere lediglich ein gewerkschaftliches Bewusstsein entwickeln. (Unter anderem entwickelt ins Engels Untersuchung zur Lage der arbeitenden Klasse in Engand)

    Diese originär marxistische Perspektive wurden etwa von der Autonomia Aktivisten (besonders in Itaien) http://de.wikipedia.org/wiki/Autonomia der 1970er Jahre als akademische Arroganz aufgefasst und bekämpft.

    Was die Sache mit dem revolutionären Potenzial angeht, speiste sich die aus der Erwartung, dass die sich gesetzmäßig vollziehende Kapitalkonzentration große und notgedrungen organisierte Belegschaften schaffen würde, die gegebenenfalls in der Lage sein könnten, den ganzen Laden lahm zu legen.

    Was allerdings nur dann in Richtung eines organisierten Übergangs zu kommuinistischen Weisen der Arbeitsteilung gehen könne, wenn bestimmte andere Voraussetzungen erfüllt sind wie die eine hinreichende Globalisierung.

    Die Ergründung dieser historischen Bedingen sind das Terrain empirischer Forschung und natürlich der jeweiligen Gegenwart, die heute andere sind als die des 19. Jahrhunderts.

    Die Perspektive der Arbeitsremanzipation und, dass dies vor allem auch eine kollektive Selbstbefreiung sein müsste, ist jedenfalls eingebettet in die einer weltgemeinschhaftlichen Aneignung der Steuerungsmacht bezüglich der menschlichen Produktionsbedingungen.

    Und denken wir etwa an die Ereignisse in Bangladesch und die Notwendigkeit einer raschen Radikalisierung der wetweiten Klimapolitik aus, so ist BEIDES in die Perspektive eines – am Ende wetgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagement doch gut aufgehoben. Oder etwa nicht?

    Gruß hh

  6. 6 MartinG meinte am 6. Mai 2014, 15:03 Uhr

    Marx und Engels hatten mehrmals damit zu tun, wie sie sich dem ‚Bewusstseinsgrad‘ ihres revolutionären Subjekts Proletariats gegenüber verhalten sollen – sie agierten im Spagat zwischen ihrem ‚Außenblick‘ jenseits von Wert und Ware und einem proletarischen Bewusstsein, dass sich lediglich in den erfahrbaren Kategorien des Interessenkampfes konstituieren konnte. Davon zeugt auch ein Brief von Engels an Bebel von 1875, in welchem er – m.E. leicht verzweifelt – erklärt, warum er und Marx ihre Kritik am Gothaer Programm nicht vollends öffentlich führen: „Die Arbeiter (nehmen das Gothaer Programm) ganz ernst. Es ist dieser Umstand allein, der es Marx und mir möglich gemacht hat, uns nicht öffentlich von einem solchen Programm loszusagen.“ MEW 34, S. 158. Ganz ähnlich ist es eben bei dem von Ulrich Weiss für die Frage einer Übergangsgesellschaft konstatierten „proudhonistischen Marx“ zu beobachten, der sich damit rumquält, wo man den Proletarier mit seinem am Schein und damit innerhalb des Gedankeninventars der Politischen Ökonomie gefangenen Bewusstseins „abholen“ muss.

    Das Problem ist auch bei Abkehr von der gestrigen Fragestellung „Reform oder Revolution“ und entsprechender Hinwendung zu „Transformationsstrategien“ nicht aufgehoben, denn auch von Minderheiten gelebte Transformationsexperimente können auf einen „Goodwill“ der Mehrheit nicht vollends verzichten, wollen sie sich nicht der Gefahr aussetzen, infolge von den Mob erreichenden Krisenideologien zerschlagen zu werden… Dabei sind „InteressenkämpferInnen“ mit ihrem zwangsläufig an den bürgerlichen Kategorien gefangenen Emanzipationsverständnis ernst zu nehmen – jedenfalls, wenn ihren Kampf für einen erfolgreichen gesamtgesellschaftlichen „Exit“ für unabdingbar hält; gibt es mittlerweile eigentlich schon einen von Ulrich Weiss angeforderten Text, der sich zu den von ihm dargelegten theoretischen Fragen der Übergangsgesellschaft äußert?

  7. 7 MartinG meinte am 6. Mai 2014, 15:24 Uhr

    Überarbeitet, sorry.

    Marx und Engels hatten mehrmals damit zu tun, wie sie sich dem ‚Bewusstseinsgrad‘ ihres revolutionären Subjekts Proletariat gegenüber verhalten sollen – sie agierten im Spagat zwischen ihrem ‚Außenblick‘ jenseits von Wert und Ware und einem proletarischen Bewusstsein, das sich lediglich in den erfahrbaren Kategorien des Interessenkampfes konstituieren konnte. Davon zeugt auch ein Brief von Engels an Bebel von 1875, in welchem er – m.E. leicht verzweifelt – erklärt, warum er und Marx ihre Kritik am Gothaer Programm nicht vollends öffentlich führen: “Die Arbeiter (nehmen das Gothaer Programm) ganz ernst. Es ist dieser Umstand allein, der es Marx und mir möglich gemacht hat, uns nicht öffentlich von einem solchen Programm loszusagen.” MEW 34, S. 158. Ganz ähnlich ist es eben bei dem von Ulrich Weiss für die Frage einer Übergangsgesellschaft konstatierten “proudhonistischen Marx” zu beobachten, der sich damit rumquält, wo man den Proletarier mit seinem am Schein gefangenen Bewusstsein “abholen” muss.

    Das Problem ist auch bei Abkehr von der gestrigen Fragestellung “Reform oder Revolution” und entsprechender Hinwendung zu “Transformationsstrategien” nicht aufgehoben, denn auch von Minderheiten gelebte Transformationsexperimente können auf einen “Goodwill” der Mehrheit nicht vollends verzichten, wollen sie sich nicht der Gefahr aussetzen, infolge von wirksamen Krisenideologien zerschlagen zu werden… Dabei sind “InteressenkämpferInnen” mit ihrem zwangsläufig in den bürgerlichen Kategorien gefangenen Emanzipationsverständnissen ernst zu nehmen – jedenfalls, wenn man ihren Kampf für einen erfolgreichen gesamtgesellschaftlichen “Exit” für unabdingbar hält; gibt es mittlerweile eigentlich schon einen von Ulrich Weiss angeforderten Text, der sich zu den von ihm dargelegten theoretischen Fragen der Übergangsgesellschaft äußert?

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