Was heißt „Decroissance“?

Ein nüchterner Blick auf einen interessanten Vorschlag

Streifzüge 48/2010

von Massimo Maggini (aus dem Italienischen übersetzt und bearbeitet von Lorenz Glatz)

Es ist eine üble Sitte, die sich auch in der radikalen Linken immer weiter ausbreitet (nicht nur in der etablierten, die aus dieser Praxis schon einen Lebensstil gemacht hat), über Fragen und Probleme zu streiten, ohne zu wissen, worüber man eigentlich redet. Für diese Mentalität ist es oft ausreichend, den Verdacht zu hegen, dass der Verlag, der gewisse Texte herausbringt, „politisch“ nicht „korrekt“ ist oder dass der Autor verdächtigen Umgang pflegt, um drakonische und irreversible Urteile zu stanzen. Diese Urteile beruhen zum Großteil auf dem Hörensagen, das einer oberflächlichen und vorurteilsgeladenen Lektüre vorausgeht, um dann die Frage mit einem Hieb durch den gordischen Knoten abzuschließen, ohne sich je wirklich auf die Sache einzulassen und ohne sich mit dem Streitobjekt gründlich vertraut zu machen.

Was ich hier machen möchte, ist das umgekehrte Vorgehen, d.h. zu verstehen trachten, was jene These uns sagen, auf welche Weise sie zu einem emanzipatorischen Diskurs beitragen und welche Richtungen der Ausarbeitung, ob theoretisch oder praktisch, sie anregen kann.

Eine antikapitalistische Betrachtungsweise

Serge Latouche wird mit gutem Recht als Ziehvater der „decroissance“ betrachtet, die im Italienischen mit „decrescita“ und im Englischen mit „degrowth“ sehr eng ans Original angelehnt übersetzt, im Deutschen aber mit „Wachstumsrücknahme“ nicht sehr glücklich wiedergegeben wird, sodass für diesen Text das französische Wort beibehalten wurde. Latouche hat zuletzt einen Traktat zum Thema publiziert1, der für eine Darstellung und Auseinandersetzung gut geeignet ist. Auch wenn man stellenweise sein Denken vielleicht der Naivität und des Utopismus bezichtigen könnte, so muss man doch anerkennen, dass das theoretische Gerüst, auf dem seine Überlegungen beruhen, zumindest beachtenswert ist. Versuchen wir also zu verstehen, wovon wir sprechen.

Um den klassischen Fehler einer voreiligen Auffassung zu vermeiden, empfiehlt es sich gleich einmal klarzustellen, dass „decroissance“ nicht die Büchse der Pandora ist und noch weniger eine Rezeptur für die Befreiung und das glückliche Leben aller. „Decroissance“ ist, sagt Latouche, vor allem ein „Slogan“, eine „Wortbombe“, deren Zweck es ist, einen Horizont zu sprengen, der von der Rechten wie von der Linken als unproblematisch angesehen wird: Das Schlagwort hat vor allem den Zweck, die Notwendigkeit zu unterstreichen, das Ziel eines unbegrenzten Wachstums aufzugeben, dessen Motor ganz wesentlich das Profitstreben der Kapitalinhaber ist. Der Gegenstand der Polemik ist also das kapitalistische Wachstum. Aber hier kommt auch schon der erste Einwand: Kann es auch ein nichtkapitalistisches Wachstum geben? Oder ist „kapitalistisches Wachstum“ eine Tautologie oder gibt es z.B ein „sozialistisches Wachstum“, vielleicht sogar auch ein bisschen ein „ökologisches“?

Nein, in Latouches und jeder an „decroissance“ orientierten Sichtweise ist Wachstum immer und einzig kapitalistisch, genauso wie „Entwicklung“. Man hat Wachstum, d.h. Akkumulation von Produkten und Wert, nur um die verrückten Erfordernisse des Kapitalismus zu erfüllen. Alles, was existiert, ist in Ware und Wert zu verwandeln – in einem Wiederholungszwang, der sich in einer Spirale permanenten Wachstums ins Unendliche fortsetzen muss (müsste). Hätte es ohne Kapitalismus irgendeinen Sinn, eine derart entfesselte Produktion von meist unnützen Dingen aufrechtzuerhalten samt allen ökologischen und sozialen Folgen, die das mit sich bringt? Oder könnte man nicht vernünftigerweise daran denken, mit den Zielen zu produzieren, Bedürfnisse zu befriedigen, die man nicht erst schaffen muss, sowie ein glückliches Leben für die Menschen zu gewährleisten statt den Geldwert der Waren zu realisieren? Hätte es noch Sinn, täglich Millionen Elektrogeräte, Autos und was sonst noch alles zu produzieren, mit dem einzigen – zwanghaften – Ziel, sie zu verkaufen, um Profit zu machen?

Offenkundig nicht. Wenn „decroissance“ Wachstum und Entwicklung kritisiert, dann hat sie die Verrücktheit und Unbrauchbarkeit eines Produktionssystems im Auge, das in höchstem Maß Leid und Zerstörung verursacht, und hält nach einem vernünftigeren Ausschau, das auf Mensch und Umwelt achtet. Das ist in Kürze die Quintessenz des Vorschlags der „decroissance“, die man im Auge behalten sollte, um ihrem Geist gerecht zu werden.

Eins der verbreitetsten Missverständnisse behauptet, dass von „decroissance“ zu sprechen heute bedeute, die Völker der Dritten Welt, die wir Bewohner des Westens ausbeuten, um unseren wunderbaren Lebensstandard zu garantieren, irreversibel zum äußersten Elend zu verurteilen. Die „decroissance“ predigt derlei aber mitnichten. Sie vertritt vielmehr eine kulturelle Abkehr vom Wachstum noch vor der ökonomischen, eine Abkehr, die auch jenen Völkern, die heute der Herrschaft des Westen unterworfen sind, erst einen echten Zugang zu Wohlergehen und Reichtum öffnet. Ein Westen, der nicht mehr kapitalistisch ist, nicht mehr ökonomisches Wachstum als sein Ziel sieht, das er um jeden Preis und vor allem auf Kosten der sogenannten Drittweltländer erreichen muss, ließe dem „Rest der Welt“ Platz für eine echte und dauerhafte Zusammenarbeit für ganz andere Ziele als die Anhäufung von Profit.

Entscheidend ist also, vor allem einmal den kulturellen Horizont des Wirtschaftswachstums zu überschreiten. „Decroissance“ in einer Gesellschaft des Wachstums wäre in der Tat bloß eine ungeheure Katastrophe – so wie sie sich ja ganz real mit der jetzt entstandenen kapitalistischen Krise abzeichnet: eine Arbeitsgesellschaft ohne Arbeit und eine Wachstumsgesellschaft, in der das Wachstum ausbleibt. „Decroissance“ ist nur im Rahmen eines gesellschaftlichen Umfelds konzipierbar, das schon auf einer anderen Logik basiert.

In diesem Sinn ist „decroissance“ nicht nur unverträglich mit einer „nachhaltigen Entwicklung“ oder dergleichen, sondern stellt sich radikal dagegen. Ökonomische „Entwicklung“ kann weder nachhaltig noch dauerhaft sein. „Entwicklung“ ist ein sehr zweifelhafter Begriff, der seinerseits auf noch zweifelhafteren wie „Fortschritt“ oder „Modernität“ beruht – er ist schlicht die andere Seite des Wirtschaftswachstums. Kein vom Westen kolonisiertes Volk hat je danach verlangt „sich zu entwickeln“ (wohin und warum?), so wenig wie je eines hat „wachsen“ wollen. Ein Wirtschaften, das sein Gleichgewicht darin findet, dass eine Bevölkerung zufriedenstellend mit Lebensmitteln versorgt wird, muss sich nicht „entwickeln“. Diese Notwendigkeit ergibt sich erst, wenn sie als Diktat von einer äußeren Macht auferlegt wird. Viele „fortgeschrittene“ Zivilisationen (um einmal diesen entschieden unangemessenen Terminus zu verwenden) haben Jahrtausende bestanden, ohne auch nur einen Schritt fortzuschreiten, und sie haben daran nicht besonders gelitten noch sind sie deshalb ausgelöscht worden.

Viele dieser Kulturen hatten die technischen Mittel, um eine industrielle Revolution lange vor England in Gang zu setzen: die griechische z.B. oder die altägyptische, aber auch die auf dem amerikanischen Kontinent vor der verheerenden Ankunft des modernen Europäers. Sie haben sich aber davor gehütet, ein so verrücktes und selbstzerstörerisches System wie das unsrige einzuführen. Warum? Weil sie „inferior“ oder „primitiv“ waren? Es geht hier nicht darum, die vielen dunklen Flecken und mindestens problematischen Züge dieser Kulturen zu verteidigen, sondern man sollte sich ab und zu gewissen Fragen ernsthaft stellen, ohne die unerträglichen Vereinfachungen und Unterstellungen, die unter dem Diktat der späteren Fortschrittsideologie bis heute einen klareren Blick auf die Vergangenheit verstellen.

„Dekolonisierung der Vorstellungswelt“

Um zu unserem Thema zurückzukommen: Ich begnüge mich hier damit, soweit möglich zu klären, was „decroissance“ zum Projekt der Befreiung vom Kapitalismus beitragen kann. Eine bündige Kritik an „Entwicklung“, ob einer „nachhaltigen“ oder sonst einer, und an ihren eher unheimlichen Begleitideologien ist in diesem Zusammenhang der Kernpunkt. Der erste Schritt dazu, so Latouche muss eine „Dekolonisierung der Vorstellungswelt“ sein, ein Überschreiten des Glaubenshorizonts der unbegrenzten Akkumulation. Ein Weg nicht ohne Probleme, vor allem wenn wir mit Marx anerkennen, dass der Kapitalismus als „automatisches Subjekt“ agiert und nicht Ergebnis von tiefgründiger Reflexion ist. Transformation und Befreiung allerdings sind ohne bewussten und überlegten Kurswechsel unmöglich. Aber gerade angesichts der kapitalistischen Krise, in der wir uns befinden und höchstwahrscheinlich lange bleiben werden, von entscheidender Bedeutung.

Es handelt sich mit anderen Worten um die Durchsetzung eines „Paradigmenwechsels“, der vielleicht von der Krise begünstigt wird. Das stets gegenwärtige Risiko dabei ist jedoch, dass jede Revolte steckenbleibt, wenn sie das „automatische Subjekt“ nicht ausdrücklich zum Gegenstand der Auseinandersetzung macht und sich auf eine immanente Reform eben dieses Subjekts beschränkt – und so zu einer unverhofften Hilfe für dieses verkommt. Allerdings enthält gerade Latouches Gedanke, dass „decroissance“ in einer Gesellschaft, die im Horizont des Wachstumsdenkens befangen bleibt nicht möglich ist, die Antikörper gegen jenes Abdriften. Es liegt jedoch an uns selbst, die Kritik und die Konfliktaustragung in die richtige Richtung zu lenken. Sonst geht bloß das klägliche Spiel der „Interessenvertretung“ weiter, statt dass wir das eigene Leben in die eigenen Hände nehmen.

Der anstehende Kurswechsel, meint Latouche, lässt sich nicht mit Wahlen, einer neuen Mehrheit und einer besseren Regierung realisieren. Es braucht nicht mehr und nicht weniger als eine „Kulturrevolution“. Denn bevor an eine Umwälzung der Strukturen zu denken ist, geht es darum, auf einer anderen Ebene zu arbeiten, auf einer „mehr menschlichen“: Dem Altruismus gegen den Egoismus, der Kooperation gegenüber der Konkurrenz, der Freude an freier Zeit und Spiel gegen die Arbeitsbesessenheit, dem geselligen Umgang über die Konsumwut, der Selbstbestimmung gegen die Fremdbestimmung, der Lust am schönen Werk über die Effizienz der Arbeit die Oberhand verschaffen. Alles, was hier gefördert werden soll, hat in der Massenkultur einen gewissen Platz, ist unter den Leuten durchaus lebendig, wird aber negiert, behindert und ist vor allem vom erwähnten „automatischen Subjekt“ dienstbar gemacht.

Kritik der Wahrheit

Zu diesem schwierigen, aber notwendigen Ausweg gehört auch die Suche nach einem anderen Umgang mit der Umwelt und folglich auch eine Kritik der mathematisch-experimentellen Naturwissenschaft, um ihren Einfluss und ihre absolutistischen und universalistischen Anmaßungen in Frage zu stellen (was aber keineswegs heißt, sich in eine Welt des Aberglaubens zu flüchten, der ja in Wirklichkeit bloß die Kehrseite des wissenschaftlichen Absolutismus ist). Die Natur ist nicht beherrschbar, es geht um eine harmonische Eingliederung in sie. Die Einstellung eines Räubers ist durch die eines guten Gärtners zu ersetzen, wie Latouche sagt. Dazu muss man die Anmaßung eines Galilei aufgeben, dass, was nicht mess- und berechenbar, auch nicht real ist, also nicht existiert, keine Wirkung zeitigt, nicht den Rang von „Wahrheit“ hat.

Nur so überschreitet man zugleich den Horizont des Kapitalismus. Das Ergebnis soll nicht, man muss das wiederholen, ein Abgleiten in einen neuen mittelalterlichen Obskurantismus sein (falls das Mittelalter wirklich so finster war). Es geht vielmehr darum, die Hypertrophie naturwissenschaftlicher Wahrheit als der heute einzig gültigen, dazu bestimmt über den Wahrheitsgehalt des Existierenden zu befinden, zu redimensionieren. Über den Mond z.B. kann man sagen, er sei der Satellit der Erde. Er ist aber auch jenes Ding am Himmel, in dem das Kind in Hebels Gedicht „Der Sommerabend“ ein Männchen in Jacke dahingehen sieht, oder jener, der Leopardis Gedicht „Alla luna“ inspiriert hat. Bloß hat eine poetische Aussage nicht die Bedeutung einer wirklichen, für die Menschen relevanten Wahrheit, sie wird höchstens als eine ästhetische Improvisation angesehen, eine Art rhetorischer Freiheit, die man sich in der Rede nimmt und dabei natürlich die einzige, letzte und definitive Wahrheit der alles beherrschenden naturwissenschaftlichen Aussage nicht anzweifelt. Es geht darum, auch die Ansprüche zur Geltung zu bringen, die gerade von einer Redeweise wie der poetischen erhoben werden, die sich ausdrücklich nicht auf solide naturwissenschaftliche Grundlagen stützen, die deswegen aber nicht weniger ihre raison d’être, ja geradezu Notwendigkeit für den Menschen haben, die wieder anerkannt und als „wirkliche Wahrheit“ im alltäglichen Leben der Menschen geschätzt werden muss.

Genau das könnte auch für gewisse Züge von Populärkulturen gelten, die im allgemeinen als Ausdruck primitiver und naiver Beziehungen zwischen den Menschen und der Erde abgehandelt werden, sowie für die handwerklichen Fertigkeiten, die ebenso als ineffektiv und insuffizient für die Erfordernisse einer Zivilisation verachtet werden, die auf einer industriellen Kultur mit in alten Zeiten unvorstellbarer Produktivität beruht.

Eine solche Redimensionierung bedeutet jedoch nicht – ich sage es noch einmal –, auf die Naturwissenschaft und ihre Methoden einfach zu verzichten, sondern meint eben Neubemessung, Beschneidung ihrer absolutistischen Anmaßungen und Eingrenzung in den ihr eigenen Bereich sowie Rückbindung an andere, weniger objektivierende Instanzen von Erkenntnis. Eine Suche nach dem „Maß“ also gegenüber der „Hybris“ der Moderne, dem „Unmaß“, das dem verrückten prometheischen Ehrgeiz und Machtwillen des modernen Mannes eigen ist. Die Hybris, das Unmaß des Herrn und Meisters der Natur hat den Platz des Sich-Einfügens in eine Umwelt eingenommen, die man in vernünftiger Weise ausbeutet, wie sich Latouche ausdrückt. Eine „vernünftige Ausbeutung“, die voraussetzt, dass man das kapitalistische Paradigma der Ökonomie und Produktivität aufgegeben hat, das Paradigma einer Welt, die sich auf eine Art von Wissenschaft stützt, die nicht zufällig mit ihr entstanden ist. Ein Ökonomismus, der natürlichen Überfluss mittels künstlicher Schaffung von Mangel und Bedürfnis in Knappheit verwandelt, indem Natur privatisiert und kommodifiziert wird.

Paradoxe Revolution

Eine echte Revolution also, die sich auf Vertrauen in die Fähigkeiten des Menschen stützt, wenn er sich einmal vom Zugriff des „automatischen Subjekts“ befreit hat, auf den großen Reichtum gesellschaftlichen Erfindergeists, sobald einmal Kreativität und Genie nicht für Ökonomie und Produktivismus verschwendet oder von ihnen gedämpft werden. Auch die Arbeit bekommt in diesem Kontext eine neue Bedeutung. Sobald sie einmal nicht mehr von den kapitalistischen Erfordernissen der Akkumulation und Ausbeutung bestimmt ist, verschlingt sie nicht länger das Leben der Menschen. Sie wird zu einer weder hektischen noch totalitären Betätigung, zu einer, der es um die Herstellung von Gütern geht, die den Menschen nützen und ihr Wohlbefinden fördern, das nunmehr in Begriffen sozialer Beziehungen, des Freiseins und des Glücks statt des Besitzes und der Entfremdung gefasst wird.

Die zügel- und sinnlose Produktion von Waren, die de facto niemand je gewünscht hat (und die, um verkauft zu werden unaufhörliche Werbefeldzüge brauchen, die den Bedarf erst herstellen), die Verwüstung der natürlichen Umwelt, der mörderische Angriff auf Länder und ihre Bewohner, deren einzige Schuld es ist, auf Ressourcen zu sitzen, die für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Verrücktheit unabkömmlich sind – dies alles soll verschwinden zu Gunsten sinnvoller Herstellung mit völlig anderer Ausrichtung.

„Decroissance“ schließt zugleich quantitative Reduktion und qualitative Transformation der Arbeit ein. Freilich ist auch dieser Übergang um einiges komplexer, als man sich vorstellen mag. Es handelt sich nicht „einfach“ darum, die geltende ökonomische Ordnung umzustürzen, das unrechtmäßig Entzogene den Ausgebeuteten zurückzuerstatten und eine den Bedürfnissen angemessene Verteilung der Güter einzuführen. Es braucht mehr: den Zauber des Lebens, freie Zeit und Spiel und reiche soziale Beziehungen. Latouche schließt an Hannah Arendt an: Nicht nur die beiden verdrängten Bestandteile der vita activa, die Tätigkeit des Handwerkers und Künstlers und das eigentliche politische Handeln sollen ihr Bürgerrecht wiederfinden, auch die vita contemplativa selbst soll rehabilitiert werden.

„Decroissance“ ist nicht jene rückwärtsgewandte und tendeziell rechte Ideologie, als die sie zuweilen dargestellt wird. Das Risiko dahin abzudriften, besteht aber zweifellos, wenn sie in verwässerter und verbogener Form zu einem systemimmanenten Ausweg gemacht wird. Die Menschen müssten bloß ein „nüchternes“ und moralisches Leben in den Tugenden der Sparsamkeit und Genügsamkeit führen, damit der „Standort“ auch in diesen dunklen Krisenzeiten reüssieren könne. Gegen derlei Verdrehungen ist „decroissance“, wie Latouche sie beschreibt, sicherlich ein gutes Antidot. Der Wandel, den sie erfordert, ist in der Tat unvereinbar mit den Erfordernissen kapitalistischer Produktion und Akkumulation. Ihre realistischen und vernünftigen Vorschläge haben daher paradoxerweise wenig Chancen auf konkrete Realisierung und noch weniger auf Erfolg ohne einen vollständigen Umsturz des Bestehenden und die Schaffung von dessen Voraussetzung, der Änderung der Vorstellungswelt, die allein die Perspektive einer selbstbestimmten und convivialen (Ivan Illich) Gesellschaft hervorbringen kann.

Andererseits schließt die Kritik der Moderne nicht ihre schlichte Ablehnung ein als vielmehr ihre Überwindung. Es ist durchaus im Sinne des Emanzipationsvorhabens der Aufklärung und der Errichtung einer selbstbestimmten Gesellschaft, dass wir das Scheitern der Moderne angesichts der herrschenden kapitalistischen Fremdbestimmung verkünden. Mit einer paradoxen Verwirklichung jener Ideale, die die „decroissance“ in der Tat zu bekämpfen propagiert, vertritt Latouche ein Denken, das m.E. verdient, bedacht und anerkannt zu werden. Die wahrlich finsteren Zeiten, die wir jetzt zu durchqueren haben, verlangen Erklärungen und Auswege, die auf Möglichkeiten verweisen, die vielleicht utopisch und fern erscheinen, aber anziehend und mitreißend sind. Ob sie verwirklicht werden, können wir nicht sagen. Eins aber ist sicher: Es wird nicht damit gehen, dass man die Regierenden, die Unternehmer und dergleichen anfleht, jene doch bitte zu realisieren. Das werden wir eher in erster Person tun und zur Befreiung vom Kapitalismus einen neuen selbstbestimmten Anlauf nehmen müssen, der uns hoffentlich einmal über dieses kriminelle und verrückte System hinausbringt und zu einer neuen Epoche führt, in der – um eine berühmte Metapher von Marx aufzunehmen – der Mensch sich auf die Füße stellt und endlich auf seinen Beinen zu laufen beginnt. Es geht gewissermaßen darum, eine Wette abzuschließen, auch diese vielleicht so paradox wie jene von Pascal, aber nötig wie noch nie. Was wir zu verlieren haben, sind heute im Grund mehr denn je unsere Ketten. Und eine Welt zu gewinnen.


1Serge Latouche, Petit traité de la décroissance sereine, Mille e une nuits 2007.
Serge Latouche, Breve trattato sulla decrescita serena, Bollati Boringhieri 2008.
Serge Latouche, Farewell to Growth, Polity Press 2009.
Eine deutsche Übersetzung ist bis dato noch nicht erschienen.

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