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Gentrification und urbane Bewegung

01 Dez 2009

„My lifestyle determines my deathstyle.“ Metallica, „Frantic“

Streifzüge 47/2009

von Roger Behrens

Die einstige Hoffnung der funktionalistischen Planung, die moderne Stadt sei in ihrer Raumgestalt fertig, und hätte zumindest soviel Dauer und Bestand, dass in ihr die Menschen noch im neuen Jahrtausend leben könnten, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Seit den achtziger Jahren zeichnet sich immer deutlicher ein Prozess der massiven Umgestaltung der Metropolen und ihrer Grundstruktur ab, in dem sich die allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen der politischen Ökonomie manifestieren: Die fordistische Stadt (eine Stadt der Inklusion) wird von der postfordistischen Stadt (eine Stadt der Exklusion) abgelöst. Welche Veränderungen das sozial und architektonisch nach sich zieht, zeigt sich an den paradox scheinenden Diagnosen der ‚Endless Cities‘ einerseits, der ‚Shrinking Cities‘ andererseits. Tatsächlich sind die bis in die siebziger Jahre hinein in Beton gegossenen Riesenstädte keineswegs statisch, stabil, „steinern“; vielmehr sind sie höchst veränderbar, dynamisch, von Krisen und Katastrophen gekennzeichnet, die sich im Einsturz, Abbruch, Leerstand, Zerfall und Verwüstung äußern.

Mitten in den Metropolen Shanghai, Dubai oder Berlin gibt es Brachen, Neuland als Baufläche, auf der ganze urbane Zonen neu entstehen. In Hamburg wird im Zentrum mit der „Hafen City“ ein neuer Stadtteil gebaut – ein in diesem Ausmaß und dieser Lage weltweit einzigartiges Bauvorhaben. Das hat Auswirkungen auf die umliegenden Stadtteile: vor allem das Schanzenviertel, St. Pauli und, im Zuge des Hafen City-Projekts, Wilhelmsburg.

In diesen Vierteln gibt es ohnehin Wandlungsprozesse, die zunächst auf der Erscheinungsebene auffällig geworden sind: Andere Leute, andere Läden etc. Es manifestieren sich Veränderungen, die nur zu offensichtlich scheinen. „Gegner“ dieser Prozesse – Stadtteilaktivisten, Hausbesetzer und Wohnprojektler, Autonome und sonstige Engagierte sprechen von Gentrifizierung. Mittlerweile ist dieser der kritischen Stadtsoziologie entnommene Begriff kaum mehr als ein Schlagwort, mit dem in seiner allgemeinsten Definition beklagt wird, dass vorgeblich alteingesessene, „ursprüngliche“ Bewohner durch steigende Mieten von beruflich und finanziell gut situierten „Reichen“ verdrängt werden. Damit einher geht eine Verwandlung des gewohnten und liebgewonnenen Straßenbildes und damit ein Verschwinden des das jeweilige Viertel – angeblich – bestimmenden Lebensgefühls: die eine „Viertelkultur“, bei der suggeriert wird, dass sie „authentisch“ sei, werde zerstört und ersetzt durch eine neue „Kommerzkultur“, die „hier“ gar nicht hingehöre: Modeläden, Bars, Restaurants der Neuen Küche (Fingerfood etc.) und ein damit identifiziertes Publikum prägen fortan die Szenerien.

Die in der Regel nur durch vage Informationen bestätigte Meinung, dass sich die meisten der bisherigen Bewohner diesen Kommerz beziehungsweise die Verteuerungen nicht mehr leisten können, ist nur ein Aspekt der gentrifizierungskritischen „Bewegungen“. Tatsächlich konzentriert sich darauf gar nicht die Hauptkritik der Gentrifzierungsgegner; gerade die bei diesen beliebte Parole „Reclaim the Streets“ zeigt an, dass es primär um das Leben auf der Straße geht, um den dort präsenten und repräsentierten Lifestyle. Es geht nicht um Haushalts- und Wohnformen, radikale Kritik an Immobilieneigentum; weder um sozialreformerische Forderungen nach infrastrukturellen Verbesserung der Versorgung, noch um stadtkritische Utopien. Verteidigt werden die eigene Position innerhalb des „öffentlichen Raums“, und damit das postmoderne Derivat der „Privatsphäre“, die längst in diese „Öffentlichkeit“ aufgelöst wurde.

Diese Verschiebung des „Privaten“ ins „Öffentliche“ kündigte sich ebenfalls in den achtziger Jahren an, allgemein durch den Neokonservatismus der Ära Reagan-Thatcher-Kohl, in der Linken in Bezug auf das Stadtleben durch das Ende der Hausbesetzerbewegung und die Konzentration auf kulturelle Freiräume (in Hamburg zum Beispiel: Kemal-Altun-Platz, Rote Flora, Park Fiction). Mit der Abspaltung des „Politischen“ durch die Etablierung einer Poplinken und eines vermeintlich hedonistischen Lebensstils wurde diese Verschiebung schließlich besiegelt: in der urbanen Selbststilisierung durch Mode, adaptierte Rollen und Stereotypen und andere Formierungen eines repräsentativen Geschmacks.

Eine Kritik des Kapitals, das seit der Neuzeit in Produktions- wie Reproduktionsverhältnissen in den Städten seinen vielfältigen Ausdruck gefunden hat, kommt in den Auseinandersetzungen um die Gentrifizierung zumeist nur als abstrakte quantitative Größe vor: „Alles wird teurer“, das Leben wird kommerzialisiert beziehungsweise die Stadt wird ökonomisiert. Diese Kritik bleibt insofern abstrakt und bloß quantitativ, weil sie eine viertelspezifische – also scheinbar nur hier wirkende – Erhöhung der Lebenshaltungskosten unterstellt, die an steigenden Mietpreisen und einem mit „Luxus“ assoziierten Konsumangebot (etwa Boutiquen, Cafés mit extravaganten Sortimenten) festgemacht wird; dadurch, so die These, werden die bisher ansässigen Bewohner „verdrängt“, das heißt gezwungen wegzuziehen. Faktisch zielt diese Kritik nicht auf das Kapital, sondern auf ein bestimmtes Publikum, das mit der Kommerzialisierung identifiziert wird.

Fassadenkritik

Es ist dies zudem ein Publikum, das in seiner Haltung und Mode vom eigenen kulturlinken pseudohedonistischen Lebensstil gar nicht so weit entfernt scheint, gleichzeitig aber diesen Lebensstil (waren)ästhetisch überformt und damit „verrät“. Eine weitere Teilnahme an diesem Lifestyle ist – wie es die Poplinke bereits vorlebte – einem permanenten Legitimationszwang unterworfen, der jetzt aber nicht mehr an als „politisch“ verstandene kulturelle Einverständnisse gebunden ist, sondern an spektakuläre Inszenierungen der Simulation eines gelungenen, (ökonomisch) erfolgreichen und somit auch kulturell wertvollen Lebens, das man führt oder vielmehr führen möchte.

Diese Kritik ist oberflächlich und bleibt buchstäblich an den Fassaden hängen: Gentrifizierung als soziales Verhältnis wird weder in der ökonomischen noch demografischen Struktur der Stadt analysiert; eine gesellschaftskritische Klassenanalyse fehlt ebenso wie eine Kritik der politischen Ökonomie der Stadt. Stattdessen konzentriert sich die gegenwärtige Gentrifizierungskritik auf die Verteidigung eines linkskulturellen, alternativen Status Quo, das heißt auf die Verteidigung vermeintlicher urbaner Freiräume. Sie sind Gegenstand der Auseinandersetzungen, weil man in ihnen selber wohnt oder einen repräsentativen Teil der Lebenszeit verbringt; es sind mithin genau deshalb Freiräume, weil man hier präsent ist und einen bestimmten „alternativen“ Lifestyle etabliert hat. Kraft der Illusion, dass man sich mit seinem eigenen Lebensstil stets außerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik glaubte, ergo dass das durch den eigenen Lebensstil definierte Viertel von einer nicht aggressiv-kapitalistischen Ökonomie gekennzeichnet sei (sondern durch fairen Tausch, Plattenläden mit den Soundtracks der Freiräume, günstige Second Hand-Läden, gemütliche Flohmärkte etc.), hat sich die paradoxe Ideologie verdichtet, dass einerseits die Gentrifizierung nur das eigene Viertel betrifft und nachgerade als persönlicher Angriff auf die „eigenen Freiräume“ deklariert wird, dass andererseits sich erst mit der Gentrifizierung eine Ökonomisierung des Stadtteils vollzieht, die in anderen, nicht von der Gentrifizierung betroffenen Stadtteilen schon längst abgeschlossen scheint.

Aufwertung

„Mit Gentrification wird die bauliche Aufwertung eines Quartiers mit nachfolgenden sozialen Veränderungen bezeichnet, die in der Verdrängung einer statusniedrigen sozialen Schicht durch eine höhere resultieren. Zu beobachten waren solche Prozesse in Deutschland zum ersten Mal in den späten siebziger Jahren, als Studenten und Künstler (,Pioniere’) sich in leerstehenden Wohnungen und Gewerbegebäuden in Quartieren aus der Zeit der Industrialisierung einrichteten, durch ihre baulichen, kulturellen und ökonomischen Aktivitäten das Milieu und das Image der verfallenden Nachbarschaft veränderten und so einen neuen Investitionszyklus auslösten, an dessen Ende dann das Quartier überwiegend in den Händen von überdurchschnittlich gut verdienenden, jungen Haushalten lag – überwiegend Haushalte von Alleinstehenden, in hochwertigen Dienstleistungstätigkeiten beschäftigt. In den USA wurden sie als young urban professionals charakterisiert, und die Abkürzung Yuppies ist auch in Deutschland zum gängigen Begriff in der Beschreibung dieses ungeplanten Wandels von innerstädtischen Altbaugebieten geworden.“ (Hartmut Häußermann, Dieter Läpple, Walter Siebel, Stadtpolitik, Ffm. 2008, S. 242f.)

Der aus der US-amerikanischen New Urban Sociology der achtziger Jahre kommende Begriff „Gentrification“ ist kritisch gemeint und bedeutet zunächst, der üblichen stadtsoziologischen Definition nach, die „Aufwertung innerstädtischer oder Innenstadt naher Viertel“. Damit sind die drei wesentlichen Aspekte der Gentrification angedeutet: Erstens: Gentrification findet in Großstädten, Metropolen, urbanen Ballungszonen statt, nicht in Dörfern oder ländlichen Regionen; zweitens: Gentrification betrifft Viertel in der Nähe der Zentren, nicht Randgebiete, Trabantenstädte etc.; drittens: Gentrification ist eine ökonomische Aufwertung, die in einer sichtbaren und erlebbaren Erhöhung der Lebensqualität in einem Viertel ihren Ausdruck findet – und das setzt voraus, dass es überhaupt signifikant etwas aufzuwerten gibt (in Hamburg dürften Innenstadt nahe Viertel wie Pöseldorf, Eppendorf oder Rotherbaum kaum gentrifiziert werden), dass es aber auch einen Bedarf an Aufwertung gibt, der eine lebensstilistische Identifikation mit dem eigenen Alltag, der über die Parameter „Wohnen“ und „Arbeiten“ hinausgeht, voraussetzt (die städtischen Bau- und Planungsmaßnahmen in Hamburger Vierteln wie Hammerbrock, Hamm, Dulsberg, Stellingen etc. werden eben nicht als Gentrification registriert).

Aufwertung ist auch in diesem Kontext nicht anders denn als ökonomischer Begriff zu verstehen, mit dem allerdings angezeigt ist, inwieweit eine abstrakte kapitalistische Verwertungslogik sich im Alltagsleben konkretisiert, nämlich in Hinblick auf die Herausbildung städtischen Lebens in den letzten zwei Jahrhunderten. Menschen verorten sich sozial nicht mehr in ihrer Klasse, sondern in einem an die urbane Umgebung gekoppelten Lebensstil. Diese Identifikation vollzieht sich durch permanente Repräsentation des Lebensstils, wodurch sich letztendlich überhaupt erst ein bestimmter Charakter eines Viertels ergibt. Dafür brauchen die Menschen vor allem Zeit, in der sie sich nicht mit vorgegebenen Angeboten der Reproduktion ihrer Arbeitskraft beschäftigen (Einkaufen, Kino, Fernsehen, Sport etc.), sondern ihre leibliche Anwesenheit in ihrer Wohnumgebung zur (Selbst-) Beschäftigung machen – gewissermaßen anfangen, sich selbst in ihrer urbanen Existenz zu konsumieren. Sich selbst in dieser Weise auszustellen und seinen Lebensstil repräsentieren zu wollen, muss jedoch auch als Bedürfnis erzeugt werden.

Konsumistisches Selbstverständnis

Erst mit der vollständigen Durchsetzung der kapitalistischen Warenproduktion in allen Lebensbereichen, die sich seit den fünfziger Jahren in der Formierung einer Popkultur vollzog, in der der Konsum und ein konsumistisches Selbstverhältnis zum Lebensmittelpunkt der Menschen ideologisiert werden, wird auch das Wohnen – sei’s in den Städten, sei’s in den Neubausiedlungen oder nostalgischen Dörfern – neu in seiner gesellschaftlichen Bedeutung konfiguriert: Immobilien, Häuser, Eigenheime werden zu Orten, an denen der Mensch nicht nur Zeit verbringt, sondern die dort verbrachte Lebenszeit wird zum Ausdruck der Persönlichkeit. Dieser Prozess ging mit einer Veränderung der Wohnorte selbst einher und aus der Rückkopplung zwischen dem privaten Wohnraum und seiner Lage verallgemeinerte und individualisierte sich zugleich eine Ideologie der Lebensweise, bei der die Gestaltung des architektonischen Raumes mit Lebensqualität verbunden wurde. Vorbilder gab es dafür nicht nur etwa in den handwerklich-vorkapitalistischen Lebensweisen (eine Linie, die sich von der mittelalterlichen Stadt über Fourier, Morris u.a. bis Le Corbusier nachzeichnen lässt) oder in der lebensreformerischen und sozialistisch inspirierten Gartenstadtbewegung um Neunzehnhundert, sondern auch – und das ist ein Bild, das bis heute propagiert wird – in den inszenierten Wohnformen des prosperierenden Adels, der mit den allgemeinen positiven Vorstellungen vom Großbürgertum konvergiert: Das Häuschen im Grünen, eine barocke Möblierung der guten Stube, überhaupt die Idee des Wohnzimmers (statt Diele), die Ausstaffierung der Wohnung mit Tinnef und Kitsch, schließlich eine bizarre Idee von „Design“ gehören dazu. Bis in die siebziger Jahre äußerte sich dies, finanziert durch Bausparverträge und mit staatlichen Subventionen unterstützt, in einer Stadtflucht, in deren Zuge riesige Areale, ganze Dörfer und Kleinstädte baulich erschlossen wurden.

Mit dem Ende des „goldenen Zeitalters“ der Wohlstandsgesellschaft sind die Städte selbst ungeheuren Transformationen unterworfen: Die rücksichtslose Kommodifizierung des Wohnens heißt nun nicht mehr, einfach aus der Vermietung eines Schutz- und Ruheraums Profit zu schlagen, sondern den Wohnraum als Ware sich über die „urbane Lebensqualität“ gleichsam selbst rechtfertigen zu lassen: das heißt nicht nur, bereitwillig in einem als „chic“ geltenden Stadtteil überproportional mehr Miete zu zahlen, sondern auch die endgültige Bestätigung des Fetischcharakters dieser Ware, nämlich dass Wohnraum, Strom, Wasser etc. natürlich, d.h. selbstverständlich bezahlt werden müssen.

Transformation der Städte

Auch diese Transformation der Städte wird nach wie vor von einer Idee des Wohnens begleitet, die sich an der wie auch immer idealisierten Vorstellung der Lebensweise des Adels orientiert. Deshalb verwundert es nicht, dass bei einigen dieser städtischen Veränderungen in den achtziger Jahren nun von „Gentrification“ gesprochen wird: der Begriff leitet sich vom englischen ‚Gentry‘ her, womit ehedem der niedere Adel vom höheren Adel (‚Peers‘, ‚Nobility‘) unterschieden wurde; die Gentry waren indes den einfachen Bürgern sozial und rechtlich übergeordnet. Einer der Protofälle der Gentrifizierung war in den achtziger Jahren in Manhattan (New York), insbesondere in Soho zu beobachten: In den von Zerfall und Armut betroffenen und von „sozial Schwachen“ bewohnten Viertel zog nun ein neuer „niederer Adel“, nämlich jugendliche und jung-erwachsene deklassierte Bürger und Kleinbürger, die ihre Lebensweise zwar vom Establishment abgrenzten, aber dennoch aufwerteten, indem sie ihre Lebensweise als bewussten Lebensstil erhöhten; sie – Studenten, Künstler, erfolglose Kleinunternehmer, gut ausgebildete Teilzeit-Jobber, die ersten professionellen Computer-Nerds etc. – eroberten Stadteile wie Soho als Bühne, für die Häuser, Straßen und alle anderen Bewohner nur eine – letzthin austauschbare – Kulisse darstellten: so konnten sie gerade in diesen Problemgebieten ein innerhalb der allgemeinen etablierten Maßstäbe nicht sonderlich erfolgreiches, kohärentes Lebensmodell als homogene, schließlich an diesem Ort auch hegemoniale Subkultur inszenieren; dies war schnell ökonomisch attraktiv, weil diese Subkultur einen riesigen neuen Arbeits- und Absatzmarkt bot, über den sich dieser „neue niedere Adel“ scheinbar autark und alternativ, schließlich finanziell erfolgreich versorgen konnte: Was Anfang der achtziger Jahre in den USA als Yuppisierung (Yuppie = young urban professionals) begann, endete mit dem Zerplatzen der New Economy-Blase um 2000.

Was sich in diesem Zeitraum in den Metropolen an Gentrification vollzog, war zwar räumlich auf einzelne Stadtteile beschränkt, fand aber seine Parallele in einer neuen Form des konsumistischen Individualismus, mit der sich ein Sozialcharakter des „autonomen Konformisten“ konstituierte, der sich vorrangig über verschiedene Selbst-Ästhetisierungsstrategien definiert. Zu diesen Strategien gehört nach wie vor die „bewusste“ Entscheidung für einen Wohnort, der mit einem Lebensstil beziehungsweise mit Lebensqualität identifiziert wird. Diese Identifikation ist allerdings heute keine produktive und kreative mehr (wonach ein bestimmtes Image eines Viertels erst im Alltag hergestellt wird), sondern funktioniert reproduktiv und rezeptiv als reiner Schematismus (wonach ein erwartetes, vorgegebenes Image eines Viertels adaptiert beziehungsweise konsumiert wird).

Für die gegenwärtig in den Städten zu beobachtenden Transformationsprozesse, vor allem dort, wo auch heute wieder von Gentrifizierung gesprochen wird, hat dies aberwitzig erscheinende Konsequenzen: Gerade in den Stadtteilen Schanzenviertel, St. Pauli, Altona, Karolinenviertel und auch Wilhelmsburg sind es Gentrifizierungsgegner, die eine erste Gentrifizierungswelle vor zehn oder fünfzehn Jahren selbst in Gang gesetzt haben. Insgesamt wird deutlich, dass die Idee kultureller Aufwertung mit ihrem eigentlichen ökonomischen Zweck nicht kompatibel ist und eine Gentrifizierungskritik, die nur den eigenen Freiraum, Lifestyle oder einen sonstigen subkulturellen Status Quo verteidigt, ins Leere läuft. Aufwertung im Sinne der Gentrifizierung braucht Akteure, braucht Menschen, die sich für diese Formen der „kulturellen“ Aufwertung interessieren, insofern es ihnen wichtig ist, Wohnen mit bestimmen Werten und Qualitäten zu verbinden, also die Lebensqualität selbst einem Wertmaßstab zu unterwerfen, der sich in der Inszenierung des (eigenen) urbanen Lifestyles widerspiegelt. Das Viertel, um das es dabei geht, reduziert sich auf eine überschaubare Bühne mit Darstellern, Publikum und einer diffusen Menge von Statisten und Komparsen (in der Regel sind das die „ursprünglichen“ Bewohner, auf die sich berufen wird und „für die man das alles macht“, die aber selbst keine aktive Rolle in diesem Schauspiel abbekommen). Die Bühne, auf der unterschiedliche Bekenntnisse zur Viertelidentität aufgeführt werden, wird zeitlich und räumlich immer weiter eingeengt.

Beispiel Hamburg

In den achtziger Jahren waren die meisten Hamburger Viertel von einer – wenn auch zum Teil absurden – links-alternativen Alltagskultur geprägt: Barmbek, Harburg, Eimsbüttel, Winterhude, selbst Horn, Hamm, Rahlstedt, Billstedt etc. hatten ihre Szenen, dazugehörige Kneipen und es gab regelmäßig links-alternative Stadtteilfeste oder andere Veranstaltungen. Die Auseinandersetzung mit dem Stadtraum war noch nicht identitär auf den (eigenen) Lebensstil bezogen, sondern vielmehr die Verlängerung einer allgemeinen gesellschaftskritischen Politik, die einerseits noch stark bestimmt war von den klassischen Themen der Arbeiterbewegung (auch wenn es die Arbeiterbewegung selbst nicht mehr gab) und gewerkschaftlichen Kampagnen (35-Stunden-Woche, § 116 [der so genannte Streikparagraf], „Mach’ meinen Kumpel nicht an!“ etc.); andererseits von den Neuen Sozialen Bewegungen und ihren Themen (Feminismus, Häuserkampf, Ökologie etc.).

Das Schanzenviertel, um einen Blick zurück zu werfen, war von einer heterogenen links-alternativen (Sub-) Kultur geprägt, zu der „urige“ Studentenkneipen (‚Frank & Frei‘, ‚Golem‘ etc.) ebenso gehörten wie „kommerzielle“ Szenetreffs (das so genannte Bermuda-Dreieck, bestehend aus dem ‚Pickenpack‘, ‚Stairways‘ und ‚Zartbitter‘) und „unkommerzielle“ Szenetreffs (‚Kir‘, ‚Café Tuc Tuc‘, ‚Subotnik‘, ‚Marktstube‘ etc.). Damals gab es in der Schanze und St. Pauli noch soviel Leerstand, dass immer wieder Besetzungen stattfanden; die Hafenstraße ist zwar nicht das einzige Überbleibsel dieser Zeit, gleichwohl lässt sich aber gerade an den Auseinandersetzungen um diese Häuser nachvollziehen, wie sukzessive das Thema „Stadt“ zum eigenständigen linkspolitischen Gegenstand wurde und langsam, in den neunziger Jahren, in die links-hedonistische Selbstbeschäftigung abrutschte.

Flair und Atmosphäre

Damit etablierte sich in den achtziger Jahren ein neuer Typus sozialer urbaner Bewegung, in der sich Leute formierten, denen es um „kulturelle Identität“ mit „ihrem Viertel“ ging. Für sie stand nicht mehr wie für die klassischen sozialen urbanen Bewegungen der Kampf um eine bessere Versorgung (Schulen, Nahverkehr, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte etc.) auf der Agenda, aber auch nicht die – basis- und sozialdemokratische, an den Staat gerichtete – Forderung nach mehr Mitbestimmung in Stadtentwicklungsangelegenheiten, sondern eine Kulturalisierung des Lebensalltags und Alltagslebens.

Schon Ende der achtziger Jahre ist in diesem Zusammenhang von einer „Dethematisierung des Sozialen“ die Rede. Vor allem wurde die Stadt nicht mehr als Manifestation von sozialen Klassenstrukturen thematisiert; Armut war nicht mehr Indikator für Lebensbedingungen in einem Viertel, sondern verwandelte sich in eine ästhetische Erscheinung von „Flair“ oder „Atmosphäre“. Ohne sich auf einen sozialen Klassenkampf beziehungsweise die politische Verteidigung von Klasseninteressen einzulassen, gelang es so einem sozial instabilen Teil der Mittelklasse (Studenten, Künstler, Kulturarbeiter) die kollektive Erfahrung von Deprivilegierung in ein individuelles Erlebnis der Privilegierung umzulenken. Damit wurden im Verlauf der neunziger Jahre aus den sozialpolitischen „Bewegungen“ (denen es um Armut, Arbeitslosigkeit, Mieterinteressen etc. ging) letztendlich die heute aktiven individuellkulturellen „Bewegungen“ (denen es um Lebensstandard, gutes oder exotisches Essen, Multikulturalismus im Sinne von „Lebendigkeit“ und „Vielfalt“ sowie hohe Mobilität & Flexibilität geht). Begleitet wird dies von einem Prozess der sozialen Segregation (Entmischung), dessen Konsequenzen sich in den vergangenen zehn Jahren abzeichnen: Deutlich treten wieder soziale Unterschiede hervor, deren Demarkationslinien nunmehr mitten durch die Viertel verlaufen. Endgültig scheint die fordistische Standardisierung der Lebensweisen aufgebrochen; nicht mehr geht es um die „Verteilung des kollektiven Konsums“, sondern um die Realisierung individualistischer Interessen. Als Kollektiv formiert sich diese „Bewegung“ nur noch als ‚angry middleclass‘, die sich neuerdings als „Präkariat“ stilisiert. Ihr politisches Programm ist ein konfuses, plakatives Gemenge aus Meinungen, Populismus und Propaganda, wobei sowohl alte Themen wie „Mietpreise“ und „Yuppisierung“ vertreten sind, als auch neue Themen wie „Schutz“, „Sicherheit“, oder reaktionäre Abbiegungen in die Drogen- und Asylpolitik.

In verschiedenen Stufen sowohl arrivierter als auch marginalisierter Viertel-Bewohner stellt sich mittlerweile das Leben in der Schanze als disparates demografisches Gemenge dar: drastisch ausgedrückt leben hier Modernisierungsverlierer und Postmodernisierungsgewinner zusammen, und dies nur unter der Regie einer Art Burgfrieden, mit dem diverse Widerstände, Anomalien, Unruhen und Delinquenzen verdeckt werden. Anders gesagt: Gentrification vollzieht sich gegenwärtig als ein Mehrfrontengefecht, wobei die Hauptkampflinien, die immer noch dem schematischen Muster „‚Wir‘ versus ‚die anderen‘“ organisiert sind, mehrfach mitten durch das Viertel verlaufen; gleichwohl können diese Konflikte durch die Gentrifizierung selbst strategisch als Elemente einer „Erlebniswelt“ abgefedert werden, von der die „linke Szene“ (oder was sich als solche geriert) mittlerweile ein integraler Bestandteil ist. Die groteske Wendung besteht darin, dass schließlich die Gentrifizierung selbst als „weicher Standortfaktor“ erscheint…

Krise der Stadt

„Die größte revolutionäre Idee über den Urbanismus ist selbst weder urbanistisch noch technologisch oder ästhetisch. Es ist die Entscheidung, den Raum nach den Bedürfnissen der Macht der Arbeiterräte, der anti-staatlichen Diktatur des Proletariats, des vollstreckbaren Dialogs vollständig wiederaufzubauen. Und die Macht der Räte, die nur wirklich sein kann, wenn sie die Totalität der bestehenden Bedingungen verändert, wird sich, wenn sie anerkannt werden will und sich selbst in ihrer Welt wieder anerkennen will, keine geringere Aufgabe stellen können“, schreibt Guy Debord (Die Gesellschaft des Spektakels, Abs. 179).

In der Krise der Städte manifestiert sich die Krise der kapitalistischen Gesellschaft. Ihren konkreten Ausdruck findet die Krise in den Wirklichkeiten der urbanen Lebensweise; und dies nicht einfach nur in einer Veränderung der kulturellen Ansprüche der Stadtbewohner an „ihre“ Stadt, „ihr“ Viertel, „ihre“ Siedlung, „ihre“ Straße oder schließlich „ihr“ Haus und „ihre Wohnung“, sondern überhaupt in einer Kulturalisierung der subjektiven Selbstverortung (die gleichwohl in die Selbstautorisierung und Authentifizierung der eigenen Viertel-Identität unmittelbar zurückschlägt).

Im Zuge dieser Dynamik zwischen urbanisiertem Individualismus und individualisiertem Urbanismus wird „das Soziale“ zum Teil in „das Kulturelle“ übersetzt, zum Teil auch vom „Kulturellen“ überlagert. Trotz der sich eklatant und brutal vermehrenden sozialen Miseren in den letzten Jahrzehnten (Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Zusammenbruch des Sozialsystems, i.e. Renten- und Krankenversicherung, rapide steigende Lebenshaltungskosten, Verschuldung und Privatinsolvenzen, Obdachlosigkeit etc.), scheint sich das Augenmerk in Bezug auf die Sicherung der eigenen Situation selbst in den so genannten Problemvierteln immer mehr auf periphere und temporäre „kulturelle“ Angebote zu beziehen. Das ist Ideologie, die allerdings gerade durch die Selbstinszenierungen einer so genannten Kulturlinken gewissermaßen „vorgelebt“ wird: Unter der Parole, dass das Private das Politische ist, wurde im Verlauf der neunziger Jahre das Politische privatisiert. Heute meint selbst in den Resten einer ‚politischen Linken‘ „Politik“ nicht mehr eine Gesamtheit gesellschaftlicher Aktivitäten; statt dessen wird „Politik“ von gesellschaftlichen Themenfeldern abgetrennt und rückt in den Nahbereich des Lebensumfeldes und privater Interessen, oder wird gänzlich aus dem eigenen Handlungsbereich ausgelagert.

Gerade in der Zeit, in der soziale Probleme im urbanen Raum massiv und für alle sichtbar in Erscheinung treten, konzentriert man sich in der Beschäftigung mit dem urbanen Raum als (eigenes) Lebensumfeld vorrangig, wenn nicht ausschließlich mit isolierten kulturellen Phänomenen. Auffällig zudem, in welchem Maße die heute sich Engagierenden ohne Beziehungen zueinander operieren und Auseinandersetzungen auch auf einzelne Stadtteile oder sogar Straßenzüge isoliert bleiben. Selbst die Kritik der Gentrifizierung orientiert sich nicht mehr am ganzen Viertel oder gar an einer Kontextualisierung der betreffenden Vierteln mit anderen Vierteln oder der Gesamtstadt, sondern konzentriert sich auf einige wenige, repräsentative, eher symbolisch als für die urbane Struktur bedeutsame Gebäude und Bauvorhaben.

So war im Schanzenviertel das Wasserturm-Hotel (Schanzenpark) das einzige Bauprojekt, an dem sich Widerstand entzündete; nahezu alle übrigen Baumaßnahmen, Sanierungen wie Neubau, konnten ohne jedweden faktischen Protest durchgeführt werden, das betrifft sowohl den riesigen Messe-Komplex als auch die Neubauten im Schulterblatt, die mit ihren Fassaden mittlerweile den architektonischen Charakter der Straße vollkommen verändert haben. Themen wie Umweltschutz, Infrastruktur-Angebote (Kindergärten, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten etc.), Mieten scheinen sich in den Partikularismus einer individualisierten Interessenverteidigung verschoben zu haben; an ihnen entzünden sich nur noch punktuelle (zeitliche wie räumliche) Defensivkonflikte. Was darüber hinaus im städtischen Bereich noch an explizit oder implizit urbanen Bewegungen übrig geblieben ist, oder vielleicht auch deklariert, sich als Bewegung neu zu formieren (man denke an den Euromayday und die dem einhergehende Präkarisierungsdebatte) unterliegt einem Zustand der Starre, wenn nicht Paralyse.

Radikalität als Ritual

Entscheidend für die Gentrification genannten Prozesse ist nicht nur eine „Aufwertung“ des betreffenden Viertels durch neue Bewohnergruppen, die bereit sind höhere Mieten zu zahlen und die ihre Identifikation mit dem Viertel mit neuen Codes permanent demonstrieren, die eben durch solche – sei’s auch unbewussten Strategien „einkommensschwache“ Bewohner verdrängen; entscheidend ist auch der politisch-ökonomische Eingriff in das Viertelleben, nämlich die Übernahme von staatlichen und marktwirtschaftlichen Funktionen und Posten. Es werden Läden und Kneipen eröffnet, Waren verkauft, und zum Teil die Verfolgung und sogar Bestrafung von Regelverstößen in Eigenregie in die Hand genommen (Diebstahl unter Freunden, inakzeptables Verhalten bei Partys, sexuelle Übergriffe etc.). „Linke“ verhalten sich hierbei in Bezug auf die Gentrification nicht anders als Yuppies. Das Ganze erinnert an die amerikanische Siedlerbewegung, an mafiotische Dorfstrukturen, an autarke Zonen, wie es sie in einigen der brasilianischen Favelas oder in Christiania in Kopenhagen gibt; tatsächlich tendierten das Schanzenviertel oder das Karoviertel im Zuge der Gentrifizierungsprozesse in den neunziger Jahren zur politisch-ökonomischen Abschottung und – scheinbaren – Selbstversorgung sowie -verwaltung. (In St. Pauli war das deshalb anders, weil es erst Ende der Neunziger langsam gelang, in der von der Sex- und Unterhaltungsbranche dominierten Ökonomie Fuß zu fassen – man wohnte hier und hatte seine zwei, drei Kneipen, die man sich aber mit einem Publikum teilte, das in diesem Viertel sich nur vergnügen, nicht wohnen wollte.)

Die als legitim verteidigte Präsenz im Viertel, mit der sich die Gentrifizierer der endachtziger und neunziger Jahre mit den „alteingesessenen“ Bewohnern gemein machen wollten („Das ist unser Viertel“), erforderte einen Pragmatismus, der einerseits eine soziale, politische und ökonomische Sicherung der eigenen Position bedeutete (Hafenstraße, Rote Flora…), der andererseits aber zulasten der politischen Radikalität ging: Eine grundsätzliche antikapitalistische Praxis war mit der kulturellen, sich mit dem Viertel ständig identifizierenden Praxis nicht auf Dauer vereinbar. Von der politischen Radikalität bleiben Rituale und Mythen übrig.

Zur selben Zeit – im Zuge der Etablierung des Postfordismus – zog sich der Staat immer weiter aus der Stadtpolitik zurück; zu den Forderungen eines autonomen Viertellebens passend, war tatsächlich in den neunziger Jahren die Polizei im Alltag kaum noch präsent. Dafür kehrte sie aber mit der zweiten Gentrifizierungswelle umso hemmungsloser zurück und prägt durch Patrouillen das Straßenbild wie nie zuvor.

Überhaupt finden sich in der jetzigen Gentrifizierung im Vergleich zu den neunziger Jahren drastische Unterschiede. Die mit dem bestimmten, „angesagten“ Vierteln verbundene Idee des urbanen Lebensstils ist mittlerweile vollständig kulturalisiert; die ehedem noch erkennbare Klassenstruktur ist im Zuge dessen gänzlich nivelliert worden. Auch hierbei fällt noch einmal ins Gewicht, dass es zum Beispiel keine kollektive Praxis in Bezug auf Mieterinteressen gibt. War die Gentrifizierung in den neunziger Jahren noch offensiv an der Idee neuer und alternativer Lebensformen orientiert (Hausgemeinschaft, WG, Singledasein als bewusste Entscheidung gegen die Familie etc.), so ist das Wohnen, wie die gesellschaftliche Ideologie es auch allenthalben propagiert, wieder auf den potenziellen Kleinfamilienhaushalt ausgerichtet.

Die WG als alternative Lebensform wird zur reinen Zweckform, ist nicht der Antizipationsversuch einer gesellschaftlichen Utopie, sondern Übergangslösung. Zugleich wird die Architektur der WGs als großzügig geschnittene Altbauwohnung mit Holzfußboden, weitläufigem Flur, hohen Decken, Stuck und geräumiger Küche zur Privatutopie; man muss als Student mit der konkreten Wohnsituation in der WG im Schanzenviertel nicht zufrieden sein, um doch die Räume, in denen man lebt, zum Teil der kulturellen Identität zu machen und sogar zum Schlüssel eines Lebensstils, der sich identifikatorisch eben auf den Satz „Ich wohne in meinem Viertel“ zusammenziehen lässt. WG- oder Single-Haushalte existieren nicht mehr als eigenständige Form (der Junggeselle, der Yuppie etc.), sondern als Übergang, als Derivat einer noch zu gründenden Familie. Ebenso werden Einzelpersonen, die mit (ihren) Kindern zusammenleben, als alleinerziehende Mütter oder Väter geführt. In jedem Fall heißt das Ziel nicht Kommune, sondern Familie, und sei es wenigstens eine Patchwork-Familie.

Auch die Gentrifizierung der achtziger und neunziger Jahre war schon von der postfordistischen Stadt bestimmt: Während für die fordistische Stadt noch eine klare Trennung von Arbeiten, Wohnen und Freizeit signifikant war, überlagern sich in der postfordistischen Stadt diese Bereiche – gerade in den von der Gentrifizierung betroffenen Stadtteilen, wie es sich anschaulich an der Situation des Schanzenviertels während der Hochzeit der New Economy nachvollziehen lässt. Mit der gegenwärtigen Stufe der Gentrifizierung bricht diese (ideale) Einheit von Wohnen, Arbeiten und Freizeit wieder auseinander; mehr noch: Freizeit tritt in den Vordergrund, Wohnen und Arbeiten werden scheinbar zu Funktionen eines vollkommen auf Unterhaltung ausgerichteten Lebens. Dadurch wird die Gentrifizierung aber nicht nur ausschließlich von den neuen Bewohnergruppen vorangetrieben, sondern vor allem von spaßorientierten Besuchergruppen, die durch ihr regelmäßiges Auftreten im Stadtteil aber ebenso wie die Bewohner eine kulturelle Identität mit „ihrem Viertel“ behaupten können. Auch dadurch kommt es zu Vertreibungen, allerdings nicht aus sozialen oder ökonomischen Gründen, sondern aus kulturellen.

Wir gehen davon aus, dass der Begriff Gentrification nur Ausgangspunkt einer kritischen Theorie sein kann, die sich auf den Zusammenhang von Kapitalismus und urbanen Veränderungen richtet, und die zugleich notwendige Grundlage einer erst noch zu situierenden radikalen Praxis ist. „Stadt“ ist keineswegs eine vorgegebene Raumordnung, in der sich das Profitmotiv realisiert, sondern eine Matrix, die durch die Logik kapitalistischer Wertvergesellschaftung überhaupt erzeugt wird.

6 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Mark vom Hamburg meinte am 16. Dezember 2009, 09:23 Uhr

    Wow. Das nenn ich mal einen Artikel. Beachtlich. Da er so lang ist, muss er bis zwischen den Jahren warten, um von mir gelesen zu werden.

  2. 2 Strickliesel meinte am 15. Februar 2010, 13:52 Uhr

    Hallo,
    interessanter und diskussionswürdiger Artikel. Hab ein paar Anmerkungen dazu, die finden sich hier:
    http://schaetzchen.blogsport.de/2010/02/15/kritik-radikal-schick/

  3. 3 liza meinte am 8. März 2010, 20:25 Uhr

    passend dazu; http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=32417

  4. 4 Gentrification und urbane Bewegung « Gentrifizierung und Segregation meinte am 14. März 2010, 19:13 Uhr

    […] streifzuege.de, Dezember 2009 […]

  5. 5 Kritik: radikal-schick « from town to town meinte am 14. März 2010, 21:46 Uhr

    […] Ökonomie der Stadt aus? Diese richtigen Fragen stellt auch Roger Behrens in seinem Text „Gentrification und Urbane Bewegung“ in der Dezemberausgabe der […]

  6. 6 Attila Kotányi meinte am 2. April 2010, 12:26 Uhr

    Ein bemerkenswert uninformierter Artikel zum Thema Gentrification, von wann ist denn der? Das hätte vor ein paar Jahren ein Debattenbeitrag sein können – heute erinnern die Argumentationsmuster an die narzisstisch- selbstanklägerisch um den eigenen Bauchnabel kreisenden Debatten in der Roten Flora der Jahrtausendwende, wie sie mittlerweile von den „Grünen“ und der „FAZ“ übernommen wurden. Wer zum Beispiel spricht heute (oder in den vergangenen zwei Jahrzehnten) von „kultureller Identität“ „ihres Viertels“? Von „Schutz“ und „Sicherheit“? Oder kennt sich der Autor einfach nicht aus?

    Schwach bleibt der Text vor allem, weil der Autor nicht begreift, was die neue Bedeutung von Städten im und für den Kapitalismus ist, nach welchem neuen Paradigma Städte deshalb funktionieren – und was für eine zentrale Bedeutung in dem Zusammenhang das Schanzenviertel für eine Stadt wie Hamburg hat (erstmal unabhängig davon ob einem die Entwicklung dort schmeckt oder nicht) – weil all das, was mit Gentrifizierung (und bei Behrends mit den unzureichenden Begriffen „Lebensqualität“ oder dem Postmodernen Kracher „Soho als Bühne“) beschrieben wird, zu einer sich verändernden Produktionsweise gehört, die Stadt die Fabrik als Produktionsort ablöst. Die darin sich verändernden Rollen von Subkulturen (genauso wie akademischen Schreibern) ausserhalb moralischer Kategorien zu analysieren, wäre sinnvoll, passiert aber nicht hier – sondern woanders.

    Roger Behrends‘ „Kritik“ besteht tatsächlich aus Vorhaltungen. Erst werden „Kultur“ und „Politik“ sauber auseinander gerechnet, bis am Ende der Gleichung die Ohnmacht herauskommt, der man die herbeigewünschte Allmacht in Form von Überpapa Debord als Pappkamerad am Horizont gegenüberstellt. (Ist der allerdings, wie hier geschehen, auf das von ihm favorisierte „Rätesystem“ zu reduzieren? Ging es nicht gerade den Situationisten um eine – von Behrends im Namen des Sozialen kritisierte – „Stadt aus Leidenschaften“, um Umherschweifen und Psychgeographie?). Zwischen den beiden Feuern Ohnmacht und Allmacht lässt es sich gut wärmen: man bekommt den Eindruck, dass der pompöse Stil des Textes sich aus einer Ignoranz füttert, die die eigene Passivität durch sorgfältiges Einspinnen in einen Kokon aus wohlgehegten Vorurteilen zu schützen versucht. Üblich ist das hier demonstrierte Verfahren, die Kritik, die von der Bewegung selbst formuliert wurde, nun aus dem Sessel des akademischen taz-Journalisten heraus gegen die AutorInnen der Kritik in Anschlag zu bringen. Sowas kann sich des Applauses einer pensionierten Linken immer sicher sein.

    Von „Transformationslust“ ist diese behäbige Überheblichkeit allerdings Lichtjahre entfernt.

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