von Maria Wölflingseder
Dass es um unser menschliches Miteinander nicht gut bestellt ist, wird zwar bemängelt, aber selten werden die Ursachen genauer ergründet. Welche Rolle spielt dabei unter anderem der modifizierte Gebrauch unserer Sinnesorgane? Ich möchte ein paar Blicke auf die Genese von Veränderungen werfen, die zum kontinuierlichen Shutdown der Sinnlichkeit beigetragen haben.
Viele, die zur Generation 65 plus gehören, beteuern oft: „Bin ich froh, dass ich nicht heute jung bin!“ Auch mir geht es so. Unsere Lebensbedingungen waren ganz andere in den Jahren wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg. Es musste zwar vieles erst erkämpft werden, aber das Leben und Lieben, das Studieren und Arbeiten, das Feiern und Reisen waren aufregend und anregend, interessant und spannend, spontan und lustvoll. Die Atmosphäre widerständig und offen, übermütig und sinnlich, voller Neugierde und Möglichkeiten.
Der Unterschied zu heute wird augenscheinlich, wenn alte Menschen über ihren Lebensweg erzählen. Für viele war die Entscheidung für ihren Beruf mehr von glücklichen Zufällen geleitet als von akribischer Planung. Eines ergab das andere im Reigen so vieler Kontakte, Beziehungen und regen Schaffens. Heute hingegen muss jede Karriere – damit überhaupt noch eine möglich ist – von Geburt an minutiös geplant werden. Ohne frühzeitige Anmeldung für den passenden Kindergarten, für die richtige Schule, ohne Frühförderung für dieses und jenes geht gar nichts mehr. Heute kann es sich niemand mehr leisten, etwas dem Zufall zu überlassen. Die Argusaugen der Helikopter-Eltern wachen über ihre Kinder und deren Zukunft. Weniger Privilegierte haben es wesentlich schwerer.
Die Wende begann in den 1980er Jahren. Sie beendete das gesellschaftliche „Zwischenhoch“ voller emanzipatorischer Ansätze in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Zunehmend prägten Neoliberalismus, Marktsättigung und Globalisierung die Lebensbedingungen. Die Arbeitslosigkeit stieg stetig. Viele versuchten sich als Ich-AGs und im dot-com-Business. Wirtschaftskrisen und Privatverschuldung blieben dennoch nicht aus. – Die Folge, ein radikal verändertes gesellschaftliches Klima. Leistungs- und Anpassungsdruck, Konkurrenz, Neid und Ressentiments breiteten sich rasch aus. Die prägendsten Gefühle heute: Verunsicherung und Angst. Sowohl das Selbstvertrauen und die Selbstsicherheit schrumpften zusehends als auch das Vertrauen zu den Mitmenschen. Die Entfremdung von sich, der Welt und dem Nächsten ist durchaus vorteilhaft für die Aufrechterhaltung des Systems. Beziehungslosigkeit und Vereinzelung sind das beste Mittel gegen Widerstand und Emanzipation. Nicht verwunderlich, wenn Lebenslust, Unbefangenheit, Offenheit und Sinnlichkeit kein leichtes Spiel mehr haben.
Kontaktarmutszeugnisse statt Blickplankton
Seit 20 Jahren erleben wir einen enormen Digitalisierungsschub, der weitere (zwischen)menschliche Veränderungen mit sich brachte. Unübersehbar: das Smartphone ist wie zu einem Körperteil geworden. In der U-Bahn, beim Rendezvous, beim Schwimmen am Paddle-Board im Meer, am Klo, in der Badewanne, im Bett. Es gibt kaum einen Ort und keine Gelegenheit ohne Brett vorm Kopf. Nehmen unser Seh- und unser Hörsinn bereits mehr wahr, was uns die digitalen Geräte bieten als das, was die reale Welt bietet? Was den Tastsinn betrifft, der Touchscreen wird sicher wesentlich ausgiebiger gestreichelt als unsere menschlichen Gegenüber. Und an der Möglichkeit, über digitale Geräte Gerüche wahrzunehmen, wird eifrig gearbeitet.
Auffällig ist auch die Gewohnheit, nicht nur das anzusehen, was auf den Bildschirmen flimmert, sondern die reale Welt lieber durch die Linse zu betrachten als ohne Gerät. Wo sie nicht überall mit ihren Handys fuchteln, fummeln, fingerln, fotografieren und filmen. Alles muss gespeichert werden, das Essen, die Natur, das Konzert, die Erfolge oder Misserfolge der Schönheits-OPs oder auch der Haarausfall nach der Chemo, einfach alles. Online gestellt, wird es wiederum in aller Welt am Screen betrachtet. So wird alles plastisch Lebendige zum Abziehbild. – Früher schwebte ich wie in Wasser durch die Stadt. Ein wonnig nahrhaftes Bad in so viel schelmisch verschmitztem Blickplankton. Heute halten sie alle ihre Smartphones wie ein Kontaktarmutszeugnis hoch.
Erstaunlich, wie Günther Anders diese Entwicklungen bereits in den ersten 1950er Jahren anhand von Radio und Fernsehen vorausgesehen hat. Er prägte den Begriff der „prometheischen Scham“, wonach der Mensch zum „Hofzwerg seines eigenen Maschinenparks“ geworden sei, und sich seiner Unzulänglichkeit schäme angesichts der Perfektion seiner Apparaturen.Im ersten Band der „Antiquiertheit des Menschen – Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution“ schreibt er im aufschlussreichen Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ über jene Welt, die uns via TV ins Haus geliefert wird. Sie ist weder gegenwärtig noch anwesend.
Dating-Burnout
Diese Analysen von Günther Anders bekommen heute, 70 Jahre später, in Anbetracht der digitalen Medien neue treffende Bedeutungen. Etwa bei der weitverbreiteten digitalen Partnersuche. Die Auswahl an potentiellen Partnern ist schier unendlich, aber die „Phantome“ – ideale Projektionsflächen unserer Sehnsüchte – erweisen sich in der Realität oft nicht als das, was ihr Online-Auftritt verspricht. Der Algorithmus sucht zwar nach den gewünschten Kriterien und die Matching-Punkte sollen die Entscheidung erleichtern. Aber richten sich die erotischen Funken nach diesen Merkmalen? Oder ist es heute ohnehin wichtiger, einen Partner zu finden, der gut zum Karriereplan und zum gesellschaftlichen Status passt. Viele sind mit der Suche heillos überfordert und landen im „Dating-Burnout“. Aber Dating-Coaches können weiterhelfen. Diese warnen auch vor den jeweils aktuellen Hinhaltetaktiken der potentiellen Auserwählten, wie dem Breadcrumbing, dem Submarining, dem Ghosting oder dem Benching.
Eva Illouz zeigte auf, während ökonomische Beziehungen immer stärker durch Gefühle bestimmt werden, gilt für das Reich der Gefühle das Umgekehrte, sie sind durch eine Ökonomisierung geprägt. Ein umsatzstarker neuer Wirtschaftszweig hat sich etabliert. Mittels digitaler Technologie wird die Stillung des Hungers nach sozialer Nähe vermarktet, nachdem diese Möglichkeiten zuvor durch Entfremdung und Vereinzelung stark eingeschränkt wurden. Da die digitale Suche wiederum neue Leiden erzeugt, haben auch Ratgeber, Lebensberater aller Art, Psychotherapeuten und klinische Psychologen Hochkonjunktur.
Trotzdem sind viele nicht vor Romance Scammer sicher. Hinter manchen Profilen irrlichtern nämlich hinterhältige Phantome. Wenn sie erfolgreich waren, lesen wir dann Schlagzeilen wie „Niederösterreicherin überweist innerhalb mehrerer Jahre und nach Tausenden Nachrichten 150.000 Euro an falschen Brad Pitt“. Oder eine Französin, die vor Spürsinnesverwirrung warnt, die sie selbst 830.000 Euro gekostet hat. Dieses erkleckliche Sümmchen überwies sie demselben „Verehrer“, der viele Fotos aus dem Krankenhaus schickte, für angebliche medizinische Behandlungen. Den Kontakt hat „Mama Pitt“ geschickt eingefädelt. – Wie heißt es bei Günther Anders? „Alles Wirkliche wird phantomhaft, alles Fiktive wirklich.“ In den unendlichen Dimensionen digitaler und realer Welt umso mehr.
„Niemals endende Gums“
Bei Günther Anders gibt es auch aufschlussreiche Analysen über den Hang, zwei oder mehrere Tätigkeiten gleichzeitig auszuführen. – Was uns für die Mitmenschen zunehmend abwesender und ungreifbarer erscheinen lässt. – Selbst in unserer Freizeit sind wir „vielfältige Nichtstuer“ geworden. Individuen, die in ihre einzelnen Organe zerfallen, die alle gleichzeitig etwas konsumieren wollen. Wir seien durch die Arbeit so dran gewöhnt, Fremdbestimmtes auszuführen, sodass wir unsere Freizeit gar nicht mehr selbst gestalten können. Die Freizeitindustrie weiß das zu nutzen. Sie profitiert von unserer Angst vor Selbstständigkeit und Freiheit, von unserer Angst vor dem Horror Vacui.
Damals waren es noch „die niemals endenden Gums“ (Kaugummis) und die „noch und noch weiterlaufenden Radios“, die Anders als Beispiele für den Dauerkonsum anführt, die uns vor unserer „Not“ bewahren. In den letzten 70 Jahren ist wahrlich eine Menge an Dauer- und Gleichzeitig-Konsum dazugekommen.
Anders verweist auch darauf, dass „die Kulturkritik die Zerstörung des Menschen ausschließlich in dessen Standardisierung gesehen“ hätte, in der Verwandlung in ein „Serienwesen“. Aber „selbst diese numerische Individualität ist nun also verspielt; der numerische Rest ist selbst noch einmal ,dividiert‘, das Individuum in ein ,Divisium‘ verwandelt, in eine Mehrzahl von Funktionen zerlegt.“ – Überdies kritisierte Anders bereits vor 70 Jahren die Scheinheiligkeit, mit der die Psychologie pathetisch eine „Renaissance ganzheitlicher Gesichtspunkte“ feierte. Ein Manöver, um „die Scherben der Menschen unter der akademischen Toga der Theorie zu verbergen“.
Selbstverniemandung und Selbstinszenierung
Vor etlichen Jahren habe ich immer wieder über zwischenmenschliche Auswirkungen des ökonomischen und technischen Fortschritts geschrieben. Über Menschen, die die Lust am Da-Sein und am So-Sein, wie sie sind, verlieren und zusehends zwischen Selbstverniemandung, Selbstinszenierung und Selbstzerstörung lavieren. Die knackigen, kernigen, pfiffigen mit ihrer frechen Fröhlichkeit werden zunehmend von den verunsicherten, unscheinbaren, blickdichten abgelöst. Sie schämen sich, so zu sein, wie sie sind. („Die Lust am da Sein“, in Streifzüge 62/2014) Oder über die Zunahme von menschlichen Monokulturen, in der die Originalität verloren geht und das Uniforme zunimmt. („Poesie des Lokalkolorits“, in Streifzüge 50/2010)
Wird die Selbstentfremdung und Selbsterniedrigung, gegen die früher noch vielerorts angeschrieben wurde, heute überhaupt noch wahrgenommen? Sind wir bereitwillig in die digitale Welt eingetaucht, nachdem es in der realen unbehaglich geworden ist. Warum sind bereits Kleinkinder von den Geräten fasziniert? Warum verschicken Volksschüler im Klassenchat Bilder von Tierquälereien, Kriegsverbrechen und sexueller Gewalt? Wie geht es den Digital Natives, die einen Großteil ihrer Freizeit online verbringen?
Angst essen Sinn und Sinne auf
Der digitale Hype verbunden mit stark gestiegenem Leistungsdruck wirkt seit mehr als zehn Jahren vor allem bei jungen Menschen wie ein weiterer Katalysator für Angst, Depression, Aggression und Einsamkeit. Alte Menschen sind vor allem armutsbedingt einsam. 2018 und 2021 wurden in Großbritannien und Japan sogar Ministerien für Einsamkeit eingerichtet, die auch in anderen Ländern auf großes Interesse stoßen. Aber eine tiefer gehende Analyse dieser Entwicklungen gibt es nicht. Kritische Psychologie und kritische Sozialarbeit haben längst abgedankt. Woher der Wind staatlicher Hilfe in erster Linie weht, ist offensichtlich. Allzu oft wird betont, Einsamkeit sei auch ein politisches Problem. Aber nicht, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse krank sind und uns krank machen, sondern, weil die Betroffenen das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen verlieren würden.
In einer Gesellschaft, die Spaß, Genuss, Happiness hochhält, freilich nur als Konsumgut, als Show und Amüsement, dürfen Depression und Einsamkeit nicht als Folge von Vereinzelung, Leere und Banalität gesehen, sondern müssen therapiert werden. Dabei kommen wiederum auch digitale Hilfen zum Einsatz. Einsame, für die andere Angebote angeblich zu hochschwellig sind, können sich an Chatbots wenden. Es wird wohl nicht lange dauern, bis Avatars zur Normalität gehören, die in jeder Lebenslage um Rat gefragt werden.
Vom „Koma-Saufen“ zur TikTok-Challenge
Dass sich „Koma-Saufen“ in den 1990er Jahren unter Jugendlichen stark verbreitete, steht wohl nicht zufällig in zeitlichem Zusammenhang mit den neoliberalen Veränderungen und Zumutungen. Zeitgleich hat übrigens auch die Kommerzialisierung von Wellness und Fitness einen Boom erlebt. Wenn Selbstverständliches verunmöglicht wird, folgt die Auferstehung als kostenpflichtiger Event. Als der Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Sinnlichkeit der Boden entzogen wurde, ist das Wohlfühl-Gewerbe ins Zeug geschossen!
Die neue exzessive Sinneserfahrung „Koma-Saufen“ erreichte Anfang der Nullerjahre ihren Höhepunkt. Das Auftauchen der Smartphones half vielleicht beim „Entzug“. Dem Alkohol wird zwar noch zugesprochen, aber das Koma wurde durch andere „Genüsse“ ersetzt. Allerdings solche, von denen wir vor 20 Jahren nicht einmal alpgeträumt hätten. Massentrends, die durchaus tödlich enden können. Von Schönheitsoperationen über Selfie-Jagd an gefährlichen Orten, bis hin zum U-Bahn-Surfen und zum Roofing, dem ungesicherten Fassaden- und Kirchturmklettern.
Zwar haben Pioniere aller Art immer schon zu Lande, am Berg, zu Wasser und in den Lüften ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um ihre Sinne zu erproben und der Abenteuerlust zu frönen. Auch jugendliche Mutproben und das Testen ihrer Grenzen sind nicht neu, aber die sogenannten Challenges auf TikTok haben doch ein ganz anderes Kaliber. Sowohl was Gefährlichkeit und Reichweite als auch was den Gruppendruck anbelangt. Viele mögen harmlos sein, aber immerhin bergen 30 Prozent Lebensgefahren. Aber je gefährlicher, desto mehr Likes, desto mehr Anerkennung und Selbstwertgefühl.
Challenges – höchst aberwitzige Varianten sinnlicher Erfahrung? Was hat es zu bedeuten, wenn Mädchen so lange hungern, bis ihre Taille so schmal wie ein A4-Blatt ist – hochkant, die Waist-Challenge. Oder wenn sich Jugendliche Salz auf den Arm streuen und darauf einen Eiswürfel legen, was zu schweren Kälteverbrennungen führen kann. Bei der Cinnamon-Challenge wird ein ganzer Löffel voll Zimt in den Mund genommen und versucht hinunterzuschlucken. Ersticken oder andere gravierende Gefahren sind dabei nicht auszuschließen. Für die Hot-Chip-Challenge gab es sogar eigene Tortilla-Chips in einer sargförmigen Verpackung zu kaufen, mit Chili 400-mal so scharf wie Tabasco. Diese wurden in Österreich mittlerweile verboten, um die Notärzte für andere Einsätze freizuhalten. Die Bird-Box-Challenge wurde vom gleichnamigen Film mit Sandra Bullock abgekupfert. Mit verbundenen Augen müssen Aufgaben wie Autofahren oder Über-eine-Straße-Gehen gemeistert werden. Bei der Neck-Nomination muss innerhalb kürzester Zeit so viel Alkohol oder so viele Drogen wie möglich konsumiert werden. Die „Kandidaten“ nominieren dann weitere, die es ihnen gleichtun oder sie überbieten. Die Blackout-Challenge – sich selbst bis zur Ohnmacht zu strangulieren – ebenfalls nicht unriskant. Aber auch „nur“ Ekelerregendes steht hoch im Kurs. Viele können jedoch die Unmengen an Clips, in denen gekotzt und gekotzt wird, schon nicht mehr sehen. Und dann gab es noch die Tide-Pod-Challenge, bei der eine Kapsel mit konzentriertem Waschmittel aufgebissen werden musste. In den USA gab es zahlreiche Notfälle und auch Tote.
TikTok-Challenges – Spiegel der Gesellschaft?
Manche behaupten, es ginge uns zu gut, deshalb kämen Jugendliche vor lauter Langeweile auf dumme Gedanken. Aber spiegeln diese fragwürdigen Aktionen nicht auch unsere wahnwitzigen gesellschaftlichen Verhältnisse? Entfremdung, Unmenschlichkeit, Irrationalität, Selbstzerstörung, Kampf – aller gegen alle? Spiegeln sich hier nicht dieselben Prinzipien, die in der Gesellschaft vorherrschen? Aufmerksamkeit und Anerkennung auf Biegen und Brechen – koste es, was es wolle! Nur die Quote zählt. Ohne Risiko und hohen Einsatz kein Gewinn. Und wer die Leistung nicht liefert, ist draußen. Only the fittest survive. – Die größte Angst ist, als Loser dazustehen und der Verachtung ausgesetzt zu sein.
Ist das nicht alles zum Kotzen? – Könnten diese Challenges nicht auch Ausdruck einer gegen sich selbst gerichteten Aggression sein? Weil all der Frust und die Wut gegen die inhumanen Verhältnisse nicht artikuliert werden können, nicht dürfen, weil sonst die Chancen am Arbeitsmarkt noch mehr schwinden würden. Sind sie gar kindliche Rollenspiele zur Bewältigung traumatisierender Lebensbedingungen? Mit Teddybär und Puppen Unfall spielen?
Früher protestierten Jugendliche, zeigten Perspektiven auf und kämpften für ein Leben jenseits der alles bestimmenden Prämisse von Profit und Macht, die nur gelten lässt, was sich vermarkten lässt. Erschöpft sich ihre Widerständigkeit heute in „Pudding essen mit Gabel“, zu dem sie sich sogar persönlich treffen, um Kontakte zu knüpfen? Schön, möge es gelingen! In Wikipedia ist zu erfahren, diese Treffen „fanden überregionale mediale Beachtung und wurden als Ausdruck kollektiver jugendkultureller Praxis rezipiert“. Übrigens über die Kultur von Friedensdemonstrationen wird hingegen heute in den Medien kein Wort verloren. Und junge Menschen kümmern die Gefahren durch militärische Aufrüstung und Kriegshetze offenbar auch kaum.
Die Welt erfahren – mit allen Sinnen
Aber nicht nur das Verhalten von Jugendlichen ist bedenklich. Wir alle muten unseren Sinnen zu viel zu. Unserem sensiblen Sensorium zur Welterfahrung. Wenn wir uns nicht einmal gegen diese „einfachen“, deutlich spürbaren sinnlichen Beschädigungen wehren, wie soll das bei all den „abstrakten“ Bedrohungen – von Giften aller Art bis Kriegsgefahr – gelingen? Warten wir nur noch auf unseren Umbau zum Cyborg?
Hans-Martin Lohmann schrieb 1991: „200 Jahre Wirtschaftsliberalismus haben dazu geführt, dass dem Menschen die Natur, die äußere wie seine eigene, so gleichgültig geworden ist, dass er sie als reine Sache des Verzehrens zu betrachten gelernt hat.“ – Die Vernutzung unserer Sinne, unserer Körper gehört genauso zur Ausbeutung, wie die zur Ware gewordene Reparaturmedizin, Wellness, Gesundheitskult und Freizeitindustrie zum Kommerz gehören.
Aber gab es da nicht einmal die „südliche Perspektive“, das „mediterrane Denken“? Ein Zeitalter, in dem Leiblichkeit und Sinnlichkeit, Schönheit und Poesie, die Schöpfung und das Schöpferische im Zentrum standen? Im alten Griechenland gälten wir als „Banausen“. Aristoteles würde den heutigen Menschen als einen „niedrigen Sinnes ohne Seelengröße“ bezeichnen. Auch für die Humanisten, Künstler und Gelehrten der Renaissance wäre unser Dasein ein unvorstellbares. Aber wen interessiert das heute noch? Offenbar wurde auch unser historisches Bewusstsein gecancelt.
Ich erinnere dennoch diese Epochen – und an wunderbare Möglichkeiten, die Sinne zu schärfen und zu erproben. Zum Beispiel reisend, die Welt und sich selbst – im wahrsten Sinn des Wortes – zu erfahren. Der englische Schriftsteller und Philhellene Patrick Leigh Fermor (1915–2011), der für seinen Freund Lawrence Durrell (1912–1990) „so ziemlich der hinreißendste Spinner“ war, dem er je begegnet ist, hat Bände gefüllt mit seinen „hellenistischen“ Erfahrungen und Begegnungen.
„Man könnte jene leidenschaftliche Erregung und Begeisterung, die mich in jeder einzelnen Sekunde erfüllte, gar nicht überschwänglich genug beschreiben. … Es gab kaum etwas durch die fünf Sinne zu Entdeckendes, das nicht geschärft und verwandelt, nicht auf seltsam wunderbare Art zum um so größeren Vergnügen wurde, je vertrauter es wurde und je öfter es sich wiederholte.“ Die Euphorie „verstärkte Geschmäcker, verwandelte Aromen, setzte Gesichtern und Landschaften imaginäre Lichter auf, verlieh ihnen neue Facetten, Lauten neue Schwingungen, Oberflächen mehr Tiefe, Farbe, Textur und Zusammenhalt und sorgte für eine Intensität, die den Leuten bisweilen vorgekommen sein muss, als hätte ich eine Schraube locker.“
Wird es jemals wieder möglich sein, sich so einfachen Empfindungen hinzugeben? Das Meer, das Wasser, das sinnlichste aller Elemente, so feinsinnig und stark zu erleben wie Lawrence Durrell auf Zypern?
„Es war eine gute Idee, den Sonnenaufgang an diesem vergessenen Punkt der Geschichte zu überraschen – an der ausgekehlten Bucht mit ihrem großen Felsfinger, der sich geduldig mahnend erhob – und eine Weile dem ältesten Laut der europäischen Geschichte zu lauschen: dem Seufzen der Wogen, die zu schaumigen Rundungen schwollen und sich über diesen Teppich aus entfärbtem Sand breiteten.“
