Warten auf Camus

Zum 110. Geburtstag von Albert Camus

von Maria Wölflingseder

„So leite ich vom Absurden drei Schlussfolgerungen ab: meine Auflehnung, meine Freiheit und meine Leidenschaft.“ (Albert Camus)

Albert Camus’ Tochter Catherine merkte in einem Interview an, „Gedächtnisfeiern langweilen mich. Ihr Journalisten liebt Jahrestage. Was soll ich sagen? Für mich ist mein Vater jeden Tag tot.“

Und auf die Frage, warum die französischen Institutionen sogar den hundertsten Geburtstag von Camus ignoriert haben, erklärt sie: „Mein Vater mochte Macht nicht. Bis heute kann niemand sein Werk für sich in Beschlag nehmen. Darauf bin ich stolz. Auch wenn er tot ist, hört er nicht auf zu verärgern.“

Mein Beitrag zum 110. Geburtstag von Camus, den ich für die nächste Printausgabe der Streifzüge verfassen wollte, muss leider krankheitsbedingt auf das übernächste Heft verschoben werden. Aber um heute nicht ganz mit leeren Händen dazustehen, möchte ich auf einige Facetten im Werk und Wirken von Camus aufmerksam machen – diesem im besten Sinn des Wortes eigensinnigen Denker. Woraus zog er seine Unbekümmertheit und seine Kraft, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen und Ideen zu entwickeln, die ihrer Zeit weit voraus waren? Darüber schrieb er vor allem in seinen lyrischen Essays in „Hochzeit des Lichts“ (1938) und „Heimkehr nach Tipasa“ (1954) als auch im unvollendet gebliebenen Roman „Der erste Mensch“. Hymnen auf die Sonne, das Licht, den Wind, das Meer: „Alles hier lässt mich gelten, wie ich bin; ich gebe nichts von mir auf und brauche keine Maske.“ Seine algerische Herkunft, die Lebenswelt Nordafrikas haben Camus in vielfacher Weise stark geprägt. Bis zu seinem 27. Lebensjahr lebte Camus in Algier. Später kehrte er immer wieder hierher zurück.

Geboren wurde Albert Camus am 7. November 1913 auf einem Weingut in Algerien, im heutigen Déan, in dem seine Eltern arbeiteten. Der Vater, französischer Abstammung, starb 1914 im Ersten Weltkrieg. Die Mutter mit Wurzeln im spanischen Menorca konnte nicht lesen und schreiben. Ihre Schwerhörigkeit und Sprachbehinderung verschlimmerten sich nach dem Schock über die Todesnachricht ihres Mannes. Sie zog mit ihren Kindern – Camus hatte einen älteren Bruder – zu ihrer dominanten Mutter nach Algier. Diese übernahm die Erziehung der Söhne, während sie selbst als Putzfrau den Unterhalt verdiente. Die meisten Europäer, die damals in Nordafrika lebten – Franzosen, Malteser, Korsen, Juden, Italiener, Griechen – hatten mit der vornehmen Welt des Kolonialprunks nichts zu tun. Sie lebten inmitten der Araber. Die Franzosen nannten ihre Landsleute in Algerien abschätzig „Pieds-Noirs“, „Schwarzfüße“.

„Ich weiß, dass meine Quelle sich in Licht und Schatten befindet, in jener Welt der Armut und des Lichts, in der ich lange Jahre gelebt habe und die mich dank der Erinnerung heute noch vor zwei gegensätzlichen, jeden Künstler bedrohenden Gefahren bewahrt, nämlich dem Ressentiment und der Sattheit. … Das Elend hinderte mich zu glauben, dass alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei; die Sonne lehrte mich, dass die Geschichte nicht alles ist.“

Ein Aspekt, der vorm Hintergrund aktueller Verwerfungen von erstaunlicher Brisanz ist: Camus war ein konsequent undogmatischer Denker. Er lehnte nicht nur jeglichen Totalitarismus und Fanatismus ab, sondern auch jedwede unhinterfragbare Ideologie, Philosophie und Systeme. Demnach war es für ihn selbstverständlich, nicht nur gegen den Faschismus zu kämpfen, sondern auch klar gegen Stalin Stellung zu beziehen, Dissidenten in der UdSSR und die Aufständischen in der DDR und in Ungarn zu unterstützten. Heute klingt das nach keiner Besonderheit, aber in Zeiten des Kaltes Krieges, gab es gerade auch unter den Linken nur zwei Möglichkeiten: pro-USA oder pro-UdSSR. Wer Stalins Diktatur kritisierte, war automatisch ein Verräter, ein Antikommunist, und automatisch pro-USA. Das war einer der Hauptgründe, warum Camus 1952 von den Pariser Intellektuellen mit Jean-Paul Sartre als Spiritus Rector „exkommuniziert“ wurde. Die Freundschaft zwischen Camus und Sartre zerbrach. Sie haben einander nie wieder getroffen. Für viele war es bekanntlich schicker, mit Sartre zu irren als mit Camus der Wahrheit näher zu sein. Die Auswirkungen dieses Eklats sollten noch sehr lange nachwirken. Vor allem in Frankreich wurde Camus von den meisten führenden Intellektuellen über seinen Tod hinaus mit Hohn und Verachtung bedacht. Jemand, der keiner Parole hörig ist, jemand, der sich keiner Partei verbunden fühlt, ist höchst verdächtig. Die Erklärung Camus’ zur Persona non grata wirkte sich auch stark mindernd auf die Camus-Rezeption und -Forschung aus.

Während nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schließlich auch die französischen Intellektuellen umschwenkten, sehen wir uns heute allerdings mit ganz neuen Beispielen konfrontiert, die die alten Muster von Denunzierung und Ausgrenzung von anders Denkenden perpetuieren.

Unsere aktuelle Debatten(un)kultur spricht Bände. Was mit Political Correctness und Cancel Culture begonnen hat, setzte sich als krudes Schwarz-Weiß-Denken im Freund-Feind-Schema fort. Eine Gut-Böse-Dichotomie ohne jegliche Zwischentöne. Konfrontation ohne Dialog scheint die Maxime zu lauten. Sich mit Inhalten zu befassen, sich zusammenzusetzen, einander zuzuhören, scheint überflüssig geworden sein. Stattdessen herrschen Manipulation, Propaganda und Hetze. Eine zwanghafte Abgrenzung vom „Feind“, eine aberwitzige Segregation wird statuiert. Aber nicht nur Anschauungen werden kritisiert, sondern die Menschen selbst, die sie vertreten, werden an den Pranger gestellt und unmöglich gemacht. Obendrein grassiert eine kollektive Amnesie. Jegliche Zusammenhänge, historische Hintergründe und Ursachen werden ausgeblendet – nicht nur wie aktuell in der Berichterstattung des Israel-Palästina-Krieges und den fanatischen Parteinahmen.

All dem möchte ich Erkenntnisse von Camus gegenüberstellen, die nach über 60 Jahren – tragischerweise – nichts an Aktualität eingebüßt haben. Umso notwendiger sind sie.

In Marvan Lebesques 1960 als erste deutschsprachige Biographie erschienenen „rororo bildmonographie“ findet sich ein treffendes Zitat: „Wonach der Eroberer der Rechten oder der Linken trachtet, ist nicht die Einheit, denn die Einheit besteht vor allen Dingen aus der Harmonie der Gegensätze, sondern die Totalität, denn sie bedeutet die Ausmerzung der Unterschiede.“

Sein Denken bezeichnete Camus als „demütiges Denken“. In einem Interview bemerkte er einmal, wenn er überhaupt einer Partei beitreten würde, dann einer Partei, deren Mitglieder unsicher sind, ob sie recht haben.

An anderer Stelle fasst Lebesque gut zusammen, wie Camus unsere „mörderische Zerstreuung“ bekämpfte, „jene vielgestaltige Zerstreuung des Jahrhunderts, die den Kontakt des Geistes mit der Wirklichkeit der Natur zerstört, das Leben der Doktrin unterordnet, die Wahrheit dem System, das öffentliche Wohl der Partei, die Gerechtigkeit dem Gericht, die Dichtung der Empfindelei, den Glauben dem Ritus, Gott der Kirche und die Dinge den Worten“.

In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Dezember 1957 sagte Camus, jede Generation sehe es als ihre Aufgabe, die Welt neu aufzubauen. Seine Generation wüsste, dass sie sie nicht neu erbauen würde. „Aber vielleicht fällt ihr eine noch größere Aufgabe zu. Sie besteht darin, den Zerfall der Welt zu verhindern. Als Erbin einer morschen Geschichte, in der verkommene Revolutionen, toll gewordene Technik, tote Götter und ausgelaugte Ideologien sich vermengen, in der Mächte ohne Größe heute wohl alles zu zerstören, aber niemand mehr zu überzeugen vermögen, in der die Intelligenz sich so weit erniedrigt, dem Hass und der Unterdrückung zu dienen, sah diese Generation sich vor die Aufgabe gestellt, einzig von ihrer Ablehnung ausgehend, in sich und um sich ein Weniges von dem, was die Würde des Lebens und des Sterbens ausmacht, wiederherzustellen.“

Auch wenn die Intellektuellen Camus ausgeschlossen haben, die „einfachen“ Lesenden haben ihn umso inniger ins Herz geschlossen. Camus und die verschiedenen (auch älteren antiquarischen) Biografien wieder zu lesen, und die Auseinandersetzungen mit seinem Werk zu studieren, erhellt und erstaunt.

Literatur

Marvan Lebesque: Albert Camus, Reinbek 1960.

Brigitte Sändig: Albert Camus, Leipzig 1988.

Heiner Feldhoff: Paris, Algier. Die Lebensgeschichte des Albert Camus, Weinheim 1991 und 1998.


Maria Wölflingseder: Das fesselnde Spiel und die spielerische Leichtigkeit des Albert Camus, in: Streifzüge 65/2015.
https://www.streifzuege.org/2016/das-fesselnde-spiel-und-die-spielerische-leichtigkeit-des-albert-camus/

Dies.: Eine lange gesuchte Antwort, in: Streifzüge 66/2016.
https://www.streifzuege.org/2016/eine-lang-gesuchte-antwort/

Dies.: Alltagsblau, in: Streifzüge 67/2016.

image_print