Mangel und Fülle

von Maria Wölflingseder

 

Mangel

Morgens las ich in der 8-seitigen Beilage zum Thema „Einsamkeit“ des Kurier (4.11.2018), dass es vielen Menschen an zwischenmenschlichen Kontakten mangelt. Ältere genauso wie jüngere fürchten sich vor Isolation. Merkwürdig, wo doch alle rund um die Uhr in den digitalen sozialen Netzwerken unterwegs sind. Noch merkwürdiger, früher war die Lebensphase vom 20. bis zum 35. Lebensjahr meist eine sehr schöne, mit vielerlei bereichernden Kontakten und interessanten Erfahrungen. Heute aber fühlen sich – wie hier berichtet wird – nicht wenige in diesem Alter einsam, weil sie Ausbildung, Beruf und Familie als auslaugendes Dasein im Hamsterrad erleben.

In Großbritannien wurde nun gar das weltweit erste Ministerium für Einsamkeit installiert. Mit vielerlei Maßnahmen wird versucht gegenzusteuern. In einem Pilotprojekt sollen sogar geschulte Briefträger ein Auge auf Vereinsamte haben und sie untereinander vernetzen.

Auch mit dem Eye Gazing, einem Trend, der seit einigen Jahren weltweit um sich greift, will man der zunehmenden Kontaktlosigkeit abhelfen. Beim diesjährigen Event des EyeContactExperiments im September kamen in 156 Städten Hunderttausende zusammen, um einander ohne zu sprechen „anzustarren“ – so die deutsche Übersetzung von „eye gazing“. Organisatoren achten darauf, dass daraus kein Flirt und keine Single-Börse wird. „Emotional Unterforderten“ gehe es dabei gar nicht um individuelle Kontakte, sondern um „etwas, das einfach da ist“, um „teilnahmslose Offenheit“ – wie auch die Süddeutsche Zeitung (12.8.2016) in Schau mir in die Augen, Fremder“ berichtete.

Bescheidene Wünsche angesichts einer Welt, in der alle Zeichen unvermindert auf Stress, Konkurrenz und Aggression stehen. Ob der Vereinsamung tatsächlich Einhalt geboten werden kann, solange wir jede neue digitale Kröte gehorsam schlucken? Solange wir uns bereitwillig damit observieren, navigieren, manipulieren und tracken lassen? Wenn wir dem Gang der Welt nicht eine grundsätzlich andere Richtung geben, werden wir uns auch mit den schon in den Startlöchern wartenden künstlich-intelligenten Pflege-, Streichel- und Sexrobotern zufriedengeben.

 

Fülle

Abends schlug ich das Buch „Sonnentage“ von Martin Andersen Nexö auf. Er beschreibt darin seine Erkundungen in Andalusien und Nordafrika in den Jahren 1902/1903. Den, aus armen Verhältnissen stammenden, lungenkranken Dänen, dem durch eine überraschende Hilfe die ärztlich empfohlene, überlebensnotwendige Reise in den Süden ermöglicht wird, lässt diese Region nicht mehr los. Sie ist so anders als sein kaltes, nüchternes, protestantisches Land. Auch hat die Industrialisierung, die „Maschinenkultur“, wie Nexö sie nennt, mit ihrer „auf die modernen Verhältnisse zugerichteten Sklaverei“ um die Jahrhundertwende den Süden Spaniens noch nicht erreicht. Stattdessen begegnet er einer außergewöhnlichen Fülle an Fröhlichkeit und Stolz, an Sorglosigkeit und unbändiger Lebensfreude. „Zucht und Unterwerfung“ haben hier keinen Platz. Die Andalusier sind „Epikureer von eigenem Schlag: mit so wenigen Bedürfnissen wie Vater Diogenes selbst“. Kinder des Augenblicks. „Die Begriffe Persönlichkeit und Charakter in unserem Sinne“ – so überhaupt bekannt – „sind nur Ausdruck einer gestörten Verdauung“.

„Sevillas Promenade ist für alle da. Hier promenieren Pracht und Einfachheit und Armut so natürlich Seite an Seite, als hätten sie einander ein Stelldichein gegeben. Hier sind wandelnde Lumpenbündel so stolz, als würden sie einen spanischen Granden verbergen. Sie schleudern der vornehmsten Schönen in dreisten Ausdrücken ihre Bewunderung ins Gesicht, die keineswegs übel aufgenommen wird; und sie saugen den Glanz des Reichtums mit einer Freude in sich ein, als hätten sie das Elend der Armut nie erfahren. Und sie kriechen vor dem Reichtum nicht, er hat keine Macht über sie.“ – Den Armen wird sogar gegeben. Sie zahlen für alles weniger und bekommen mehr. Ganz selbstverständlich, ohne Gesetze und ohne Bürokratie.

Nexö bezweifelt, dass „ein grauer, nebliger, regenkalter Nordländer überhaupt das andalusische Temperament“ begreifen kann. Wie sollte er „den großen Eros des Südens“ verstehen können? Die „Sonnenekstase“ „schwillt und strahlt in allem Erschaffenen“, im ganzen „Sein und Wesen“ des Menschen. Hingegen wurden „die Entbehrungen von den anglogermanischen Völkern zu einer ganzen Lehre entwickelt …“ Ihre (Un-)Kultur hat dem Süden auch „alle Grandezza, das überaus Freigebige, die uneigennützige Aufopferung, die stolze Verachtung aller Krämermoral“ genommen und „solides, nutzbringendes Moneymaking an deren Stelle gesetzt“. So wie es damals bereits im von England besetzten Gibraltar geschehen ist.

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