Wie reden?

von Martin Scheuringer

Mit den meisten Menschen hab ich so meine Probleme. Ich würd sie alle gern viel lieber mögen und auf jeden zugehen und lächelnd grüßen und fragen, ob wir nicht gemeinsam was spielen oder basteln könnten oder den Kapitalismus kritisieren.

Nur, zu den meisten entwickle ich aktuell nicht viel Sympathie, und daher fehlt mir dann der Mut, ein solches Gespräch zu beginnen. Ich spüre eher Abneigung. Die wirken alle so gestresst, so ängstlich, so durchs Dasein gepeitscht, oder sie versprühen Hass und Zorn auf die „Schuldigen“. Ich trau den meisten eigentlich schwer zu, sich auf Freude, Neugier und Spaß einzulassen. Und ohne das wird’s schwierig, gemeinsam Kleiderkästen zu bauen oder vom guten Leben zu träumen.

Der Theoretiker in mir erklärt mir dann, die wären doch gern viel sympathischer und würden sich fürs gemeinsame Erdäpfelanbauen, Samenziehen und Ernten begeistern, oder fürs Handyzusammenbauen. Aber das Kapital macht aus ihnen diese verängstigten Hüllen, denen so was viel zu unsicher ist. Lauter Masken umgeben mich. Selber trag ich auch eine.

Der Theoretiker schlussfolgert: „Als Maske bist du ein Substanzlieferant für die Kapitalverwertung, und deswegen sollst du deine Identifizierung mit dieser überprüfen.“ Blöderweise kann man so aber nicht auf die Menschen zugehen. Denn auf einer anderen Ebene bedeutet der Satz: „Du kapierst gar nichts, nicht einmal, wer du selbst bist und wem du dienst. Ich aber weiß das und bin daher viel intelligenter als du.“ So eröffnet man keinen Dialog, sondern ein Herrschaftsverhältnis.

Zu suchen gilt es kommunikative Möglichkeiten, die es der Maske erlauben, von selbst die Identifizierung mit der Verwertung zu erkennen. Ich kann mir vorstellen, dass eine auf diese Weise gewonnene Erkenntnis ein Handlungsgrund für Veränderung ist.

Möglicherweise ist die Hebammenkunst des Sokrates ein guter Ratgeber, um in hilfsbereiter Manier die Masken zum Nachdenken zu bringen. Besser als der Besserwisser erscheint sie mir zumindest im Moment.

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