Am Gürtel – mitten in Wien

2000 Zeichen abwärts

von Hedwig Seyr

Ein Sonntagsspaziergang klärt auf. Auch am Gürtel gibt es ein Nord-Südgefälle. Gleich außerhalb, in der Gegend des Brunnenmarkts, reiht sich auf der einen Seite ein schön renoviertes Bürgerhaus im Stil der vorletzten Jahrhundertwende ans andere, dazwischen immer wieder schicke Neubauten, Galerien, florierende Geschäfte, Restaurants und Kaffeehäuser, türkische, Altwiener und andere; die Straßen sind belebt; gut verdienende junge Menschen ziehen ein, tummeln sich am Bauernmarkt. Sanierung und Aufstieg, der Bürgermeister blickt stolz aus dem Schaukasten seiner Partei. Mitten in Wien halt.
Unlängst war ich südlich davon: ein leeres Geschäft neben dem anderen, der letzte Bäcker hat unlängst zugemacht; noch sind Preistafeln für Brot und Gebäck, Leberkäs und Bier zu sehen, schon auch jede Menge Reklamezettel und ein paar Bierdosen vor der Ladentür, kaputte Jalousien, verstaubte Schaufenster. Kosmetiksalon mit Massage, Nagelstudio, ein ärmliches Handygeschäft, ein schon lang geschlossener Feinkostladen und ein seit einigen Jahren aufgegebenes Gasthaus, durch dessen staubige Fenster man in einen riesigen Saal blickt – gähnende Leere. Verwahrloste Häuserfassaden, ein heruntergekommenes Jugendstilhaus, ein formschöner Eingang mit Rundbogen, der Verputz abgebröckelt, das Tor offen, der rechte Flügel zerkratzt, Splitter ragen aus dem Holz, im Hauseingang hängen elektrische Kabel aus den Wänden, die Postkastentüren sind eingedrückt oder fehlen überhaupt, der gekachelte Fußboden übersät mit Prospekten und Zeitungen; hinter der kaputten Hoftür quillt der Abfall aus den Mülltonnen. Hier wohnt und versucht sich über Wasser zu halten, wer sich’s „drüben“ nicht (mehr) leisten kann. Auch mitten in Wien.
So ist die feine Marktwirtschaft, sie trägt das in sich wie der Berg das Tal, die Wolken den Regen, das Leben den Tod. Bloß: Sie ist keine Naturerscheinung. Sie ist von Menschen gemacht, das lässt hoffen.

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