Doing

Tun in-gegen-und-jenseits der Arbeit

Streifzüge 51 / 2011

von John Holloway (übersetzt von Lars Stubbe)

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Die sozialen Bewegungen der jüngsten Zeit – zumindest die radikaleren unter ihnen – waren im Wesentlichen von der Orientierung gegen die Logik der kapitalistischen Gesellschaft angetrieben. Die sogenannten sozialen Bewegungen sind nicht als Parteien organisiert: sie zielen nicht darauf ab, die staatliche Macht zu übernehmen. Vielmehr ist es ihr Ziel, die Entwicklung einer systematisch verrückten Gesellschaft ins Gegenläufige zu treiben. Die Bewegungen sagen: „Nein, wir weigern uns, diese Richtung einzuschlagen, wir weigern uns, die verrückte Logik des kapitalistischen Systems zu akzeptieren, wir werden eine andere Richtung oder andere Richtungen einschlagen.“

Die antikapitalistischen Bewegungen der letzten Jahre verleihen dem Begriff der Revolution neue Bedeutung. Die Revolution dreht sich nicht länger um die Übernahme der Macht, sondern um den Bruch mit der irrsinnigen Dynamik, die in den inneren gesellschaftlichen Zusammenhalt des Kapitalismus eingebettet ist. Die einzige Art und Weise, dies zu denken ist, als Bewegung vom Besonderen her, als das Punktieren dieser Kohäsion, als Schaffung von Rissen in der Beschaffenheit der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse, Räume oder Momente der Verweigerung-und-Erschaffung. Die Revolution wird also zur Erschaffung, Ausweitung, Vervielfältigung und zum Zusammenfließen dieser Risse. (In meinem Buch Kapitalismus aufbrechen entwickle ich diese Argumentation weiter.)

Wie lässt sich also diese Art von Revolution begrifflich fassen? Indem wir uns auf einen Begriff zurückbesinnen, der für Marx von grundlegender Bedeutung war, der jedoch von seinen Anhängern fast vollständig vergessen wurde. Es handelt sich um den Begriff des Doppelcharakters der Arbeit, die Unterscheidung zwischen abstrakter und konkreter Arbeit.

Der innere gesellschaftliche Zusammenhalt des Kapitalismus, gegen den wir revoltieren, ist durch abstrakte Arbeit konstituiert: nicht durch das Geld, nicht durch den Wert, sondern durch die Aktivität, die die Wert- und Geldformen hervorbringt, nämlich abstrakte Arbeit. Den inneren gesellschaftlichen Zusammenhalt des Kapitalismus aufzubrechen bedeutet, der Kohäsionskraft abstrakter Arbeit eine andere Art von Aktivität entgegenzuhalten, eine Aktivität, die nicht in die abstrakte Arbeit hineinpasst, nicht vollständig in abstrakter Arbeit aufgeht.

 

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Dies ist keine trockene theoretische Erörterung, denn der Ausgangspunkt für die Betrachtung des Verhältnisses zwischen abstrakter und konkreter Arbeit ist und muss der Zorn, der Schrei sein. Dies ist eine empirische Wahrheit: es ist tatsächlich unser Ausgangspunkt. Und Zorn hat gleichzeitig für die Theorie auch eine Schlüsselbedeutung. Der Zorn verwandelt die Beschwerde in Kritik, denn er erinnert uns die ganze Zeit daran, dass wir unpassend sind, dass wir nicht in dem aufgehen, was wir kritisieren. Zorn ist die Stimme der Nichtidentität, desjenigen, das unpassend ist. Die Kritik des Kapitalismus ist absolut langweilig, wenn sie nicht Kritik ad hominem ist: wir müssen die Begriffe öffnen und versuchen, sie nicht nur als fetischisierte Ausdrücke menschlicher kreativer Macht zu verstehen, sondern als Kategorien, für die wir untauglich sind, Kategorien, aus denen wir überfließen. Unsere Kreativität ist in den gesellschaftlichen Formen, die sie negieren, eingegrenzt und nicht eingegrenzt. Die Form ist dem Inhalt niemals adäquat. Der Inhalt ist untauglich für die Form: darin liegen unsere Wut und unsere Hoffnung. Dies ist theoretisch sowie politisch von zentraler Bedeutung.

 

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In jüngster Zeit ist Marx’ Schlüsselbemerkung auf den ersten Seiten des Kapitals zunehmend häufiger zitiert worden: „[…D]ieser Punkt [der Doppelcharakter der in den Waren enthaltenen Arbeit] [ist] der Springpunkt […], um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht.“ (1867/1984: 56) Nach der Veröffentlichung schrieb er an Engels: „Das Beste an meinem Buch ist 1. (darauf beruht alles Verständnis der facts) der gleich im Ersten Kapitel hervorgehobne Doppelcharakter der Arbeit, je nachdem sie sich in Gebrauchswert oder Tauschwert ausdrückt.“ (Marx, 1867/1965: 326)

In der marxistischen Tradition wurde diese Bemerkung sehr lange ziemlich erfolgreich übergangen, weshalb es wichtig ist, sie zu betonen. Denn sie führt uns zum Kern von Marx’ Kritik ad hominem, in der die Welt als Ergebnis menschlichen Handelns und seiner Widersprüche aufgefasst wird. Der Doppelcharakter der Arbeit bezieht sich auf abstrakte und konkrete oder nützliche Arbeit. Nach Marx ist konkrete Arbeit diejenige Aktivität, die in jeder Gesellschaft existiert, die Aktivität, die für die menschliche Reproduktion nötig ist. Es lässt sich einwenden, dass Marx darin fehlging, sich hierauf mit dem Begriff Arbeit zu beziehen, denn die Arbeit als von anderen Aktivitäten getrennte Aktivität ist nicht allen Gesellschaften gemein, weshalb „konkretes Tun“ eine exaktere Bezeichnung zu sein scheint als konkrete Arbeit. In der kapitalistischen Gesellschaft existiert konkretes Tun (bei Marx: konkrete Arbeit) in der historisch spezifischen Form abstrakter Arbeit. Durch einen Prozess, der von ihren konkreten Eigenschaften abstrahiert, werden konkrete Arbeiten miteinander in Beziehung gesetzt. Dies ist ein Prozess quantitativer Gleichsetzung, der für gewöhnlich über Geld vermittelt ist, und dieser Abstraktionsprozess fällt zurück auf die konkrete Arbeit und verwandelt sie in eine Aktivität, die von der Person, die diese Aktivität ausführt, abstrahiert (oder sie ihr entfremdet).

 

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Es ist folglich die Abstraktion unserer Aktivität in abstrakte Arbeit, welche den gesellschaftlichen Zusammenhalt der kapitalistischen Gesellschaft konstituiert. In dieser Erkenntnis liegt ein wesentlicher Fortschritt gegenüber dem von Marx in den politisch-ökonomischen Manuskripten von 1844 entwickelten Begriff entfremdeter Arbeit: Kapitalistische Arbeit ist nicht nur eine uns entfremdete Aktivität, sondern es ist diese Entfremdung oder Abstraktion, die den gesellschaftlichen Zusammenhang des Kapitalismus konstituiert. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Zusammenhangs (oder Funktionierens) der kapitalistischen Gesellschaft ist nicht das Geld oder der Wert, sondern jenes, was Wert oder Geld konstituiert, nämlich abstrakte Arbeit. Mit anderen Worten, wir erschaffen die uns zerstörende Gesellschaft – und darin begründet sich die Vorstellung, dass wir aufhören können, sie herzustellen.

Abstrakte Arbeit als Form von Aktivität hat nicht von Anbeginn an existiert. Es ist eine historisch spezifische Form konkreten Tuns, die als gesellschaftlich herrschende Form durch den als ursprüngliche Akkumulation bezeichneten historischen Prozess durchgesetzt wurde. Die Metamorphose menschlicher Aktivität in abstrakte Arbeit ist nicht auf den Arbeitsplatz begrenzt, sondern schließt die Reorganisierung aller Aspekte der Vergesellschaftung ein: die Verwandlung der Natur in ein Objekt, die Homogenisierung der Zeit, die zweipolige Aufteilung der Geschlechter, die Trennung des Politischen vom Ökonomischen, die Konstituierung des Staates usw.

 

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Wenn wir sagen, dass die Revolution ein Brechen des gesellschaftlichen Zusammenhalts des Kapitalismus bedeutet und dieser Zusammenhalt durch abstrakte Arbeit konstituiert ist, dann stellt sich die Frage, wie wir die Festigkeit dieses Zusammenhalts begreifen. Anders ausgedrückt: Wie undurchsichtig ist die gesellschaftliche Form abstrakter Arbeit?

Dieselbe Frage, anders ausgedrückt: Muss die ursprüngliche Akkumulation als historische Phase verstanden werden, die dem Kapitalismus vorausging? Wenn wir, wie Postone (1996 [2010²]) dies tut, sagen, dass Arbeit der zentrale Fetisch der kapitalistischen Gesellschaft ist, welches Verständnis haben wir dann von diesem Fetisch?

In dem oben zitierten Abschnitt bezieht sich Marx auf den Doppelcharakter der Arbeit als Schlüssel zum Verständnis der politischen Ökonomie. Er bezieht sich nicht nur auf abstrakte Arbeit, sondern auf den Doppelcharakter der Arbeit als abstrakte und konkrete Arbeit und dennoch konzentrieren sich die Kommentare, die diesen Punkt ins Zentrum rücken, fast ausschließlich auf abstrakte Arbeit, wobei sie davon ausgehen, dass konkrete Arbeit (konkretes Tun) eine unproblematische Kategorie sei, da sie vollständig der abstrakten Arbeit untergeordnet sei und begrifflich einfach als Produktivität in der Diskussion auftauchen könne. Dieses Verständnis setzt auch voraus, dass die ursprüngliche Akkumulation als in der Vergangenheit abgeschlossene historische Phase aufgefasst werden muss, in der die abstrakte Arbeit als herrschende Form konkreter Arbeit wirksam durchgesetzt wurde, wodurch es begrifflich zu einer Trennung der Konstituierung des Kapitalismus von seiner Existenz kommt. Es setzt ebenfalls voraus, dass Form und Inhalt als identitäres Verhältnis gedacht werden, in dem der Inhalt der Form bis zum Zeitpunkt der Revolution vollständig untergeordnet ist. Dadurch wird eine klare Trennung zwischen der Vergangenheit (in der das konkrete Tun unabhängig von seiner Abstraktion existierte) und der Gegenwart (in der es vollständig seiner Form untergeordnet ist) eingeführt, was wiederum die Analyse des Verhältnisses zwischen konkretem Tun und abstrakter Arbeit in dem homogenen Begriff der Zeit wirksam einschließt, der seinerseits ein Moment abstrakter Arbeit ist. Dies führt uns unweigerlich zu einem Verständnis des Kapitals als eines Herrschaftsverhältnisses (anstatt als eines in Frage stehenden Kampfverhältnisses) und damit zu einem Verständnis der Revolution als etwas notwendig von außerhalb des Kapitalverhältnisses Kommenden (z.B. der Partei).

Ein Verständnis als Herrschaftsverhältnis entspricht jedoch dem Verhältnis zwischen abstrakter Arbeit und konkretem Tun nicht. Abstrakte Arbeit ist vielmehr ein ständiger Kampf um die Einhegung konkreten Tuns, um die Unterwerfung unserer täglichen Aktivität unter die Logik des Kapitals. Konkretes Tun existiert nicht nur in sondern auch gegen und jenseits von abstrakter Arbeit, in konstanter Auflehnung gegen abstrakte Arbeit. Damit soll nicht gesagt sein, dass es ein überhistorisches, konkretes Tun genanntes Wesen gibt, sondern, dass das konkrete Tun in der kapitalistischen Gesellschaft durch seine Untauglichkeit konstituiert wird, durch seine Nicht-Identität mit abstrakter Arbeit, durch seinen Gegensatz zu und sein Überfließen aus abstrakter Arbeit.

Dies bedeutet, dass es keine klare Trennung zwischen der Konstituierung und der Existenz der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse geben kann. Es verhält sich nicht so, dass die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse zuerst in der Periode der ursprünglichen Akkumulation oder im Übergang vom Feudalismus geschaffen worden sind und anschließend einfach als geschlossene gesellschaftliche Verhältnisse existieren. Wenn das konkrete Tun kontinuierlich gegen abstrakte Arbeit rebelliert und über sie hinaus überfließt, wenn unser Versuch als Menschen zu leben, kontinuierlich mit der Logik kapitalistischen Zusammenhalts zusammenprallt und diesen zerreißt, dann bedeutet das, dass die Existenz kapitalistischer Verhältnisse von ihrer kontinuierlichen Rekonstituierung abhängig ist und deshalb die ursprüngliche Akkumulation nicht bloß eine Episode der Vergangenheit ist. Wenn sich dies so verhält, dann stellt sich die Frage nach der Revolution in radikal anderer Weise. Sie lautet nicht: Wie schaffen wir den Kapitalismus ab? Vielmehr lautet sie: Wie beenden wir die Rekonstituierung des Kapitalismus, wie hören wir auf, den Kapitalismus zu erschaffen? Die Antwort ist klar (aber nicht einfach): indem wir die tägliche Transformation unseres Tuns, unseres konkreten Handelns in abstrakte Arbeit nicht länger zulassen, indem wir eine Aktivität entfalten, die die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht wieder erschafft, eine Aktivität, die für die Logik gesellschaftlichen Zusammenhalts des Kapitalismus untauglich ist.

 

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Dies mag absurd erscheinen, stünde dem nicht die Tatsache gegenüber, dass die Revolte konkreten Tuns gegen die abstrakte Arbeit überall um uns herum vorfindbar ist. Manchmal nimmt sie dramatische Ausmaße an, wenn eine Gruppe wie die Zapatisten sagt: „Nein, wir werden nicht nach der Logik des Kapitals handeln, wir werden das tun, was wir als wichtig erachten, in dem Rhythmus, den wir als angemessen erachten.“ Aber selbstverständlich muss es kein so großes Ausmaß annehmen: Die Revolte des Tuns gegen abstrakte Arbeit und die Bestimmungen und Rhythmen, die sie uns auferlegt, ist tief in unserm Alltagsleben verankert. Pannekoek sagte mit Bezug auf den Arbeitsplatz, dass „jeder Betrieb und jedes Unternehmen auch außerhalb von Zeiten heftiger Konflikte wie Streiks der Schauplatz eines beständigen stillen Kampfes, eines immerwährenden Ringens von Druck und Gegendrucks [ist].“ (2008: 28f.) Aber so verhält es sich nicht nur am Arbeitsplatz – das Leben selbst ist ein ständiger Kampf um die von der abstrakten Arbeit geschaffenen Verbindungen zu durchbrechen, um andere Formen gesellschaftlicher Verhältnisse zu erschaffen: wenn wir uns weigern, zur Arbeit zu gehen, sodass wir dableiben und mit den Kindern spielen können, wenn wir einen derartigen Artikel lesen (oder schreiben oder übersetzen), wenn wir uns entschließen, etwas anderes zu tun, nicht weil es uns Geld einbringt, sondern weil wir Freude daran haben oder es als wichtig erachten. Die ganze Zeit setzen wir Gebrauchswert dem Wert entgegen, konkretes Tun abstrakter Arbeit. Aus diesen Revolten der Alltagsexistenz heraus und nicht ausgehend von den Kämpfen von Aktivisten oder Parteien, müssen wir die Frage nach der Möglichkeit der Beendigung des Kapitalismus und der Erschaffung einer anderen Art von Gesellschaft stellen.

 

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Es gibt nicht nur eine dauerhafte Revolte konkreter Arbeit gegen abstrakte Arbeit, sondern es herrscht mittlerweile eine Krise der abstrakten Arbeit. Sie kann nicht als etwas Stabiles verstanden werden, ihre Rhythmen sind von der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit bestimmt. Da abstrakte Arbeit wertproduzierende Arbeit ist und Wertproduktion durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt ist, kommt es ständig zur erneuten Bestimmung abstrakter Arbeit: Sie ist ein ständiger Zwang, sich schneller, schneller, schneller zu bewegen. Sie untergräbt ständig ihre eigene Existenz: Eine Aktivität, die hundert (oder zehn, oder fünf) Jahre zuvor Wert produziert hat, produziert heute nicht länger Wert. Abstraktion wird zu einem zunehmend anspruchsvolleren Prozess, und es wird immer schwerer für die Menschen, mit ihm Schritt zu halten: Immer mehr von uns sind dafür untauglich und immer mehr von uns revoltieren bewusst gegen abstrakte Arbeit. Abstraktion wird zu einem immer stärkeren Druck, aber gleichzeitig wird sie zu einer zunehmend inadäquaten Form der Organisierung menschlicher Aktivität: Abstraktion ist nicht in der Lage, die Aktivitäten eines großen Teils der Menschheit in wirksame Bahnen zu lenken.

Die Dynamik der Abstraktion trifft zunehmend auf einen Widerstand, der den scheinbar einheitlichen Begriff der Arbeit aufspaltet und den Kampf gegen die abstrakte Arbeit ins Zentrum des antikapitalistischen Kampfes stellt. Dieser bringt eine andere Weise des Tuns, eine andere Weise des Lebens zur Geltung; oder besser: Das einfache Geltendmachen einer anderen Weise des Tuns (ich möchte Zeit mit meinen Freunden, mit meinen Kindern verbringen; ich möchte ein guter Lehrer, Zimmermann, Arzt sein und in einem langsameren Tempo arbeiten; ich möchte meinen Garten bestellen) wird in antikapitalistischen Kampf verwandelt. Das Überleben des Kapitals hängt von seiner Fähigkeit ab, abstrakte Arbeit durchzusetzen (und ständig neu zu bestimmen). Das Überleben der Menschheit hängt von unserer Fähigkeit ab, die Ausübung abstrakter Arbeit zu beenden und stattdessen etwas Vernünftiges zu tun. Menschlichkeit ist einfach der Kampf des Tuns gegen die Arbeit.

 

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Gerade im Kontext der Krise abstrakter Arbeit erlangt die Diskussion um abstrakte Arbeit Bedeutung. Das heißt, sie ist wichtig, solange wir nicht nur die abstrakte Arbeit ins Zentrum stellen, sondern uns auf den Doppelcharakter der Arbeit, den Antagonismus zwischen Tun und Arbeit konzentrieren. Wenn wir uns nur auf abstrakte Arbeit konzentrieren und das konkrete Tun vergessen, entwickeln wir bloß ein stärker differenziertes Bild kapitalistischer Herrschaft. Unser Problem besteht jedoch nicht darin, zu verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert, sondern darin, wie wir aufhören, ihn immer wieder neu zu erschaffen, indem wir das Tun in seinem Kampf gegen die Arbeit stärken.

Nicht die Theorie führt zur Aufspaltung des einheitlichen Begriffs der Arbeit. Die Aufspaltung ist das Ergebnis des Kampfes. Es handelt sich um eine Vielzahl von Kämpfen, große und kleine, die verdeutlicht haben, dass es wenig Sinn ergibt, einfach von der „Arbeit“ zu sprechen, sondern dass wir den Begriff „Arbeit“ öffnen und sehen müssen, dass er eine ständige Spannung zwischen konkretem Tun (das wir wollen, das wir als notwendig oder freudvoll erachten) und abstrakter Arbeit (wertproduzierende, kapitalproduzierende Arbeit) darstellt. Der Kampf spaltet den Begriff auf, aber theoretische Reflexion nimmt eine wichtige Rolle dabei ein, die Unterscheidung offen zu halten.

Dem kommt umso mehr Bedeutung zu, als der Druck, den Begriff zu schließen, den Antagonismus, den der Begriff verbirgt, zu vergessen, die Vorstellung, dass es eine andere Form der Aktivität als abstrakte Arbeit geben könnte, als albern, romantisch, unverantwortlich abzutun, sehr hoch ist. In der kapitalistischen Gesellschaft hängt der Zugang zu den Mitteln für Produktion und Überleben für gewöhnlich von der Umwandlung unserer Aktivität, unseres Tuns in Arbeit im Dienste des Kapitals, abstrakte Arbeit, ab. Wir erleben gegenwärtig eine Situation, in der das Kapital weltweit nicht in der Lage ist, die Aktivität von Millionen und Abermillionen Menschen (insbesondere junge) anders als nur in sehr prekärer Form in Arbeit zu verwandeln. Sollten wir, angesichts der materiellen Armut, mit der der Ausschluss von der Arbeit meist einhergeht, zum Kapital sagen: „Bitte gebt uns mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, bitte verwandelt unser Tun in Arbeit, wir werden glücklich schneller-schneller-schneller arbeiten?“ Dies ist die Haltung der Gewerkschaften und vieler linker Parteien. Dies ist folgerichtig, denn es sind Organisationen, die auf abstrakter Arbeit, auf der Unterdrückung des Unterschieds zwischen Arbeit und Tun gegründet sind. Oder sagen wir: „Nein, wir können diesen Weg nicht weiter beschreiten (und wir bitten das Kapital um nichts). Wir wissen, dass die Logik des schneller-Schneller-schneller zu noch größeren Krisen führen und, sofern es so weiter geht, die menschliche Existenz vollkommen zerstören wird. Aus diesem Grund sehen wir die Krise, die Erwerbslosigkeit und die Prekarität als Ansporn zu anderen Formen des Tuns, zur Stärkung des Kampfs des Tuns gegen die Arbeit.“ Es gibt hierauf keine einfache Antwort und keine saubere Lösung, denn das materielle Überleben der meisten von uns hängt davon ab, dass wir unsere Aktivität bis zu einem gewissen Grad der Logik der Abstraktion unterordnen. Aber es ist von wesentlicher Bedeutung, diese Unterscheidung offen zu halten und weiterführende Wege auszumachen, um die Auflehnung des Tuns gegen die Arbeit zu stärken, den durch das Tun in der Arbeit hervorgerufenen Riss zu erweitern. Dies ist die einzige Art und Weise, wie wir dem System, das uns umbringt, ein Ende bereiten können.


 

Literatur

Holloway, John (2010): Kapitalismus aufbrechen (aus dem Englischen übersetzt von Marcel Stoetzler).

Marx, Karl (1867/1984): Das Kapital I

Marx, Karl (1867/1987): Marx an Engels, in Manchester, 24.8.1867, in: MEW 31 , S. 326-327.

Pannekoek, Anton (2008): Arbeiterräte: Texte zur sozialen Revolution (übersetzt von Egon Günther und Walter Delabar).

Postone, Moishe (2010²): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx (aus dem Amerikanischen übersetzt von C. Seidler, W. Kukulies, P. Haarmann, N. Trenkle, M. Dahlmann).

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