Latrinen-Lärm am Limes

von Necati Mert

Der Okzident rühmt sich mit seiner Formel liberté-égalité-fraternité, wird sich lange noch nicht aus der Geschichte radieren. Die Lüge gilt als gewöhnlichstes Merkmal seiner Apologeten, des gelungenen neoständischen Lebens.

Furore macht der Teuto-Yuppie im Zitadellen-Zirkus zwischen Barbaren-Furcht und Bravaden-Frucht. Auf dem Tribunal-Turm beobachtet er beständig den Broker-Zirkel der Zivilisierten-Bastei beim Schlachtenspektakel und seine Barden-Barke vor der Zyklonen-Zone, Bibelstreu bebildertes Buschwerk der Berserker und Bellizisten, bourgeois gebastelte Bravour-Bastion der Besitzsucht, Groß-D-Getriebe beim G-Druck-Gebaren (G: Germanophilie), wohlfeiles Integrationsgefasel für ein Leben auf Abruf, Kriegswolken zwischen Zyklonen-Zentrum und zyklischem Rand der Zivilisationen, kleinasiatische Karawane als Schrittmacher der großatlantischen Okkupations-Eskorte in „Great Middle East“, mentale Momente der Meetings zwischen Krösus und Krummbuckel, reklamatorisch reflektierte Realitäten, Euro-pariasierte Privatier-Party unter der digitalen Diktatur der Demokratie, Tortur-süchtige und Subversions-tüchtige Substanz des Novum Romanum, Kollateralschäden der Patrouillenposten gegen die Migrationsfluten: massenhafter Exitus an der Scheidewand des „fortress europe“.

Zum Katastrophen-Kosmos vermählt tritt die Journaille breit auch in ihren Berichten über die Ereignisse am Schutzwall der Briganten-Bourgeoisie mit Ressentiments statt Sentiments, entpuppt sich als Vertreiber der Latrinenparolen, als Rassist in Nadelstreifen. Und die Partei-Potentaten der Demokratur interpretieren statt referieren, wenn es sich um die Frage der „illegalen Migration“ aus dem Süden der Erdkugel dreht. Dabei sieht der teutonische Yuppie-Puppi Sonnensöhne hier und Tyrannentöchter dort, plädiert für freie Fahrt dem Tüchtigen.

Der altkontinentale Volksstamm befindet sich im konfusen Kampf ums Überleben. Die ständeestaatsglaubigen Angehörigen der betreuenden NGO-Berufe folgen dem geheimen Gebot, Fremde hereinzulassen und zu assimilieren, um dem Aussterben des nordisch-arischen Geschlechtes entgegenzuwirken.

Der Horizont wird schmaler, wenn die Cayucas der Migranten sich zum See-Limes der bourgeoisen Bastei nähern. Sie geraten in Panik, wenn die Sturmboote der Frontex-Flotte heulen. Sie kentern und versinken. Ihre Insassen ertrinken und finden Platz im Gottesacker unterm Salzwasser. Es folgen dann Berichte in Organen der medialen Meute über die Aktion der offenen See-Gendarmerie. Sie habe die Schiffbrüchige gerettet.

Noch nie in der Geschichte füllten angeschwemmte Leichen die Strände des okzidentalen Erdreichs wie seit den letzten Jahrzehnten. Die „Illegalen“ am Leben erscheinen nun eine durchaus gelungene Zutat, jedenfalls für Profiteure, da sie sich so Druck auf die regulären Löhne erzeugen läßt.

Kraniche aus den subsaharischen Erdstrichen kommen auf den Kanaren an. Es ist Sommer: Hochsaison der migrantisch vermerkten Dramen an den Künsten der Zivilisierten-Bastion europoid weißer Spezies. Hochbetrieb herrscht in Stabsstuben der Wallwacht, darauf präventiv aktiv zu reagieren – an Hand von offensiv agierenden Organisationen wie der „Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen“ (Frontex). Ausgestattet mit Flugzeugen, Schiffen und Satelliten soll das 2005 eingerichtete Grenzschutzamt bald den Atlantik vor Afrika bis in die Hoheitsgewässer von Gambia, Senegal, den Kapverdischen Inseln, Mauretanien und Marokko überwachen, überfüllte Migrantenboote gleich nach dem Aufbruch aufbringen und zur Rückkehr zwingen.

Die Front der Frontex-Flotte favorisiert den Kraken-Krieg gegen mondiale Menge migrationsbewegter Meute aus der Peripherie, patrouilliert unter der Standarte der weißen Zitadellen-Zivilisation, der es gelang, die Magreb-Regenten in die Funktion der Trophäenjäger zu verwandeln.

aus: Necati Mert, Teutonische Yuppi-Junta und die Nische der trojanischen Türken-Truppe; Die Brücke, Forum für antirassistische Politik und Kultur 154, Saarbrücken 2010.

image_pdfimage_print