Wohnung(slos) – Arbeit(slos)

Kolumne Dead Men Working

von Maria Wölflingseder

Ein aufgeregtes „Wo wohnen?“ war einer der ersten Zweiwortsätze, die meine Zwillingsneffen sprechen konnten. Sie fragten nach der Behausung eines großen Vogels, den sie gerade bestaunten. Wo und wie wohnen, ist in der Menschheitsgeschichte eine unausweichliche Frage. Den Menschen ist die Form des Wohnens nicht angeboren. Weder die architektonischen noch die sozialen Komponenten sind naturgegeben.

Wohnen bedeutet Schutz und Geborgenheit vor Kälte, Hitze und anderen Witterungseinflüssen. Das Haus, die Wohnung sind im Lauf der Geschichte zur so genannten Privatsphäre geworden – im Gegensatz zur Sphäre der Öffentlichkeit. Vor Letzterer kann man sich in seine „eigenen vier Wände“ zurückziehen. Diese bieten somit auch Schutz vor den verschiedenen Sinneseindrücken „draußen“: vor dem Verkehr, vor Hektik und Geschäftigkeit, vor Menschenansammlungen aller Art. Also Schutz vor Lärm, ungesundem künstlichen Licht, Abgasen oder kommerzieller Werbung optischer und akustischer Art. Das Schutzbedürfnis meiner Neffen, die zu früh das Licht der Welt erblickten – sie wogen nur 1200 Gramm und 1400 Gramm – ist wahrscheinlich ein besonderes.

Es stellt sich aber nicht nur die Frage „Wo und wie wohnen?“, sondern auch „Wo und wie arbeiten?“ In unseren Breiten ist der Arbeitsplatz (sic!) für die meisten außerhalb der eigenen vier Wände: in einem Gebäude, im Freien oder unterwegs. Selten kann man sich aussuchen, wie und wo man arbeitet – auch nicht, wenn das aus technischen und organisatorischen Gründen leicht möglich wäre. Der Ort des Arbeitens ist seit der Nachkriegszeit immer mehr nach „draußen“ verlagert worden, mitunter weit entfernt vom Wohnort. Handwerk, Kleingewerbe und Landwirtschaft, wo noch räumlich nahe beieinander gewohnt und gearbeitet wurde, haben stark abgenommen. Daher der gängige Satz, mit dem nach der Dauer jemandes Arbeitslosigkeit gefragt wird: „Wie lange bist Du schon zu Hause?“ Und als Arbeitslosigkeit noch kein Massenphänomen war, getraute sich mancher nicht, den Jobverlust seiner Familien mitzuteilen. Er wahrte den Schein von Arbeit, indem er die Wohnung morgens wie üblich verließ.

Mit dem Zwang, sich aufgrund fehlender Lohnarbeit „selbständig“ zu machen, Stichwort „Ich-AGs“, wurde Arbeit mitunter wieder in die Wohnung verlagert, weil sich viele kein Büro leisten können oder keines brauchen – ein Laptop als „Arbeitsplatz“ reicht ja heutzutage oftmals.
Die schon seit über einem Jahr leidenschaftlich diskutierte Frage, ob es nicht höchst an der Zeit wäre, dass die angeblich viel zu privilegierten Lehrerinnen und Lehrer wie alle anderen Lohnabhängigen auch 40 Stunden in der Schule anwesend zu sein hätten, zeigt, wie sehr es bei der „Arbeit“ nicht bloß um die möglichst effiziente, Zeit und (menschliche) Energie schonende, angenehm gestaltete Verrichtung bestimmter Tätigkeiten geht, sondern fast immer auch um sinnleeren Zwang. Arbeit bedeutet nicht zuletzt, irgendwo anwesend zu sein. Was und wie rationell dort etwas gearbeitet wird, steht oft auf einem anderen Blatt. Wo kämen wir denn da hin, wenn eine Berufsgruppe mit nicht gerade nervenschonender Tätigkeit wie die Lehrerschaft nachmittags Zeit mit ihren eigenen Kindern verbringen und abends in Ruhe Hefte korrigieren darf? Solch ein Privileg ist vielen ein Dorn im Auge.

Ein weiterer Zwang ist jener zum täglichen stundenlangen Pendeln zum Arbeitsplatz mit verheerenden Auswirkungen – von Umweltverschmutzung bis zu Stress und Unfalltod; denn selbst bei schlechtesten Witterungsverhältnissen muss via Autofahrt Leib und Leben riskiert werden.

Besonders widersinnig mutet auch folgender Umstand an: Die Wohnkosten sind heute so hoch, dass meist einer der (Ehe-)Partner nur dafür arbeitet. Benutzt kann die Behausung jedoch nur in der kargen Freizeit werden und dient so vor allem als teures Lager von Hab und Gut und als Schlafplatz. Wer hingegen keinen Job hat, kann sich Wohnen oft kaum mehr leisten.

Erstrebenswert ist es weder, „auf der Straße zu stehen“ (also obdachlos zu sein) noch „zu Hause zu sein“ (also arbeitslos zu sein)! Busy – ein Wort mit vielfältiger Bedeutung – ist das Ideal: belebt, besetzt, fleißig, geschäftig, ausgelastet, arbeitsreich, eifrig, belegt, verkehrsreich, rege, tätig, emsig, betriebsam, geschäftsträchtig, rührig, ziemlich hektisch, aufdringlich, zudringlich. Das charakterisiert das Arbeits- bzw. Lebensethos trefflich. Zur Ruhe kommen ist höchstens aus Kostengründen angesagt, damit das Humankapital nicht krank wird und ausfällt. Das vollwertige Subjekt hat zeitlich und örtlich möglichst flexibel und immer in Bewegung zu sein. Job- und wohnungslose Nicht-Subjekte haben sich möglichst unauffällig zu verhalten. Sie sollen weder das Stadtbild verunzieren noch gar auf kritische Gedanken kommen. Sofern sie noch ein Zuhause haben, sollen sie dort brav Bewerbungen schreiben oder als Jobersatz Kurse besuchen.

Nicht nur Arbeitslose können sich oft keine Wohnung mehr leisten, sondern auch Arbeitende. Bis vor 30 Jahren waren es eher Faktoren wie Scheidung, psychische Probleme und Alkoholismus, die Menschen obdachlos werden ließen. Seit damals ist die Zahl der Delogierten nicht nur extrem angestiegen, sondern auch die Gründe dafür haben sich geändert. Die Kosten fürs Wohnen sind (vor allem in Wien) nebst den generellen Lebenshaltungskosten rasant gestiegen, während das Einkommen stagniert. Die Zahl der Working poor, die keine Wohnung bezahlen kann, ist zur Zeit noch gering, steigt aber stetig. Diese Gruppe wird in der Soziologie nicht Obdachlose, sondern Wohnungslose genannt, um sie von den „klassischen Sandlern“ zu unterscheiden. Folgende Zahlen verdeutlichen die Entwicklung: Innerhalb von fünf Jahren stieg die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Wien von 46.000 im Jahr 2000 auf 80.000 im Jahr 2005. 2008 waren es bereits 100.000. Zwei Drittel davon sind Menschen mit Job oder solche mit sehr geringem Arbeitslosengeld.

Walter S., ein (Bühnen-)Maler aus Hamburg, der mit über 90 Jahren noch fröhlich durch die Welt reiste, frühmorgens schon eine Runde im Mittelmeer schwamm und abends noch immer mit nacktem Oberkörper und kurzer Hose durchs Dorf spazierte, war einer der heitersten und freudestrahlendsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Daraufhin angesprochen, antwortete er, der in seinem Leben viel mitgemacht hatte, lakonisch: „Ich bin schon glücklich, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Wenn mir nichts weh tut, wenn ich etwas zu essen und ein sauberes Bett habe.“ – Unfassbar, dass diese fundamentalen Lebensbedingungen heute selbst in den reichsten Ländern der Erde immer mehr Menschen (wieder) strittig gemacht werden. Noch unfassbarer: Es wird hingenommen.

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