Same Procedure as every Year?

Streifzüge 42/2008

KOLUMNE Dead Men Working

von Ernst Lohoff

2007 jagte der Dax noch von einem Allzeithoch zum nächsten. Inzwischen haben die Auswirkungen der US-Immobilienkrise die Frankfurter Börse erreicht. Der Dax verzeichnete den höchsten Tagesverlust seit der Asien-Krise von 1998. Die Turbulenzen waren absehbar, und die Reaktionen sind es auch. Bundesminister Michael Glos (CSU) übt sich im Gesundbeten. Die Auswirkungen der US-Hypothekenkrise auf die deutschen Banken seien gering, und Deutschland befinde sich insgesamt auf einem guten Weg. Die Weltgeldemittentin, die US-Notenbank, tut, was sie immer tut, wenn sich massenhaft fiktives Kapital in Rauch auflöst und Bankrotte anstehen: Sie versorgt die Junkie-Finanzmärkte mit neuem Stoff, indem sie durch das Senken der Leitzinsen zusätzliche „Liquidität schöpft“. So beruhigt sich die Lage erst einmal.

Anlageberater reden von „überfälligen Marktkorrekturen“ und dass die Kursverluste eine besonders günstige Gelegenheit zum Einstieg böten. Nicht zuletzt sind solche Crashs aber auch Zeiten verschärfter Kritik am Finanzmarktregime. Die Zeit leitartikelt von der „Schuld der Banken“. Die Politiker sollen diese „künftig an die Kandare“ nehmen. Nicht noch einmal sollen „Steuerzahler und Sparer“ für das Versagen der Banken „bluten müssen“. Merkel und Sarkozy wollen „die bislang völlig unkontrollierten Hedgefonds ins Visier“ nehmen. Frankreichs Finanzministerin Lagarde interpretiert als Anlageberaterin und Bankenkritikerin zugleich die von der Immobilienkrise ausgelöste „Reinigung“ des US-Finanzmarktes als „Gesundung“ der Weltwirtschaft.

Wirklichkeitsfremder geht es kaum. Zunächst einmal wird der „Korrekturbedarf“ auf groteske Weise unterschätzt. Mittel- und langfristig gesehen wuchs das internationale Finanzkapital bis zum Ende 1970er Jahre etwa im gleichen Maße wie die Bruttosozialprodukte der Staaten. Dagegen übertrafen die Kurssteigerungen das Wachstum der BSPe von den „Reaganomics“ der 80er bis heute trotz wiederholter Einbrüche um den Faktor 5. Nach klassischen Kriterien müssten also rund vier Fünftel des globalen Finanzkapitals vernichtet werden, um das Gleichgewicht zwischen Finanzüberbau und „Realwirtschaft“ wieder herzustellen. Und das zudem unter einer irrealen Bedingung: Die Entwertung müsste für die Realwirtschaft folgenlos bleiben.

Hier liegt der Kern des Problems. Die Vorstellung, dass die Last des Finanzüberbaus und dessen Kapriolen die Weltwirtschaft an einem „gesunden“ Wachstum hindern, stellt den realen Zusammenhang auf den Kopf. Ohne die angebliche Last würde das kapitalistische System gar nicht funktionieren. Unter den Bedingungen der mikroelektronischen Revolution kann es keine selbsttragenden Akkumulationsschübe mehr geben, sondern prinzipiell nur „ungesundes“, von der Dynamik des fiktiven Kapitals getriebenes Wachstum. Soll die Weltwirtschaft nicht zusammenbrechen, muss nach dem Platzen einer Blase eine noch größere geschaffen werden.

Die praktische Politik trägt dem Rechnung. Die Wirtschaftspolitiker aller Länder fordern einerseits, die Transparenz an den Finanzmärkten zu verbessern, und fördern andererseits das Verstecken fauler Kredite. Nach der gleichen Logik senkt die amerikanische Notenbank die Zinsen. Es gilt, die Wertberichtigungen solange zu verhindern, bis die Verluste gegenüber neuen fiktiven Gewinnen nicht mehr so ins Gewicht fallen. Genau auf diesem Weg wurde vor ein paar Jahren der Niedergang der New Economy „bewältigt“.

Same procedure as every year? Nicht unbedingt. Ein zentraler Unsicherheitsfaktor liegt im weiteren Schicksal des Dollars. Seit den 80ern fiel die globale fiktive Kapitalschöpfung mit der exzessiven Verschuldung der USA zusammen. Die transnational agierenden Finanzinvestoren rechneten sich reich, indem sie gigantische Mengen von Geldkapital an sich zogen, zusätzlich wirkte der defizit-finanzierte US-Konsum als permanentes globales Konjunkturprogramm. 2007 importierten die USA 800 Milliarden Dollar, d. h. 60 Prozent der „globalen Nettoersparnisse“.

Die Schlüsselfunktion, die den USA bei der Produktion von Finanzmarktblasen zukommt, ist an ihre Rolle als Weltgeldemittent gebunden. Nur dieser kann Defizite „decken“, indem er „sein Geld“ einem expandierenden und daher aufnahmefähigen Finanzüberbau zur Verfügung stellt. Die Weltgeldfunktion des Dollars ist allerdings gerade als Folge der exzessiven Verschuldung (allein zwischen 1991 und 2006 stieg die US-Auslandsverschuldung von 0,5 auf über 2,1 Billionen Dollar) hochgradig prekär geworden. Bis zum Ende des Booms der New Economy folgte der Dollarkurs im Wesentlichen den Zyklen des fiktiven Kapitals. Hausses stärkten den Dollar, in Abschwungphasen gab er wieder nach.

Beim gerade zu Ende gehenden Weltwirtschaftsboom ist dieser Mechanismus außer Kraft gesetzt. Bereits zu Beginn der Krise steht der Dollar im Verhältnis zur zweitwichtigsten Weltwährung, dem Euro, so schlecht wie nie. Gerade die neuen global-political players, insbesondere die chinesische Sonderzonenwirtschaft, aber auch die russische Rohstoff-Renten-Ökonomie haben in den vergangenen Jahren in großem Umfang Dollarguthaben angesammelt und stehen vor einem Dilemma. Entweder müssen sie weiter massenhaft US-amerikanisches Schwundgeld annehmen, oder das schon aufgehäufte verliert noch einmal rasant an Wert. Bis vor wenigen Jahren ließ sich die internationale Geldpolitik noch zwischen New York, Frankfurt und Tokio austarieren. Mittlerweile reden auch Moskau und Peking mit. Das erleichtert das weltkapitalistische Kollektivprojekt der Krisenvertagung nicht gerade.

Das gilt umso mehr, als die Wiederkehr eines längst vergessen geglaubten Phänomens alles entscheidend kompliziert: die globale Inflation. Die Krise des Fordismus in den 70ern hatte nicht nur die Wachstumsziffern sinken lassen, sondern auch die Entwertung des Geldmediums beschleunigt. In den OECD-Staaten lag die jährliche Inflationsrate um zehn Prozent. Das Entstehen enormer Mengen fiktiven Kapitals seit den 80ern trieb nicht nur die Wachstumsziffern wieder hoch, sondern löste auch für ein Vierteljahrhundert das Problem der Geldwertstabilität. Damit könnte es ohne neuer Blase vorbei sein. Seit zwei Jahren ziehen die Preise an und Gold wurde 2007 zu seit Jahrzehnten nicht mehr erreichten Preisen gehandelt – das verheißt nichts Gutes.

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