Mittelstand und Narrentum

Besprechung des Films „Vorne ist verdammt weit weg“ *

Streifzüge 42/2008

von Karl-Heinz Lewed

Der Titel ist Programm – denn zunächst zielt „Vorne ist verdammt weit weg“ auf Ortsbestimmung: über oben und unten, über vorne und hinten und auch über Voranschreiten und Zurückgelassen-Werden. Wer in der Geschichte vorne, ganz vorne ist, wird in dem Streifen nicht so wirklich klar. Umso deutlicher indes, wer stets mittendrin steckt und sowohl vorne mit hinten als auch oben mit unten zu einem närrischen Miteinander verstrickt: Eulenspiegel Erwin Pelzig (Frank-Markus Barwasser), 70er Jahre Manta-Typ, mit Lederhandtäschchen und Prollhut. Gekonnt verknotet er die sozialen Beziehungsschnüre zwischen den Protagonisten zur ultimativen Lagebestimmung: dem völligen Daneben. So entsteht das Panorama und gleichzeitig Abbild einer Wirklichkeit, die dem Narrentum Pelzigs in nichts nachsteht.

„Vorne ist ganz weit weg“ ist in erster Linie Sozial- oder Kapitalismuskritik, jedenfalls nach dem am Ende des Streifens explizit gemachten Verständnis der Filmemacher: Im Abspannsong („Lied Vom Ende des Kapitalismus“ von Peter Licht) wird auch dem begriffsstutzigsten Kinobesucher diese Einsicht warm ans Herz gelegt. Dies wäre nicht nötig gewesen, denn schließlich hat Kapitalismuskritik in jüngster Vergangenheit eine steile Karriere hinter sich und ist mittlerweile allerorten und in aller Munde, von Müntefering bis Spiegel-online, von Kurt Beck bis zu den sozialen Kapitalisten. Ist doch glasklar, dass ein Film über Arbeit und v. a. noch über Spekulantentum nichts anderes als kapitalismuskritisch sein kann. Dass die Warenproduktion, alias „unser“ Wirtschaftssystem, nun einen Labelwechsel vom weichen Marktwirtschafts- zum harten Kapitalismusbegriff vollzog, kommt nicht von ungefähr. Es hat sich schließlich ziemlich herumgesprochen, dass es nicht wirklich gut läuft im Lande, dass „unten“ nichts ankommt und „oben“ immer mehr hängen bleibt, ja vielleicht gar, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt mit diesem Kapitalismus. Kein Wunder also, dass sich der für alles offene Schlund der Kulturindustrie des Themas annimmt. Doch darin ist eben auch nicht alles einerlei. Das aus der postmodernen Lebenswelt à la Peter Licht herbeigeplapperte Ende ist natürlich kein Ende des Kapitalismus, vielmehr ein traurig gestimmter Abschied von der Leichtigkeit des konsumierenden Seins, Abschied auch für eine Generation, die der historischen Aufgabe zur Durchsetzung der Eventgesellschaft sehr beflissen nachkam und nun ganz zwanglos in die Generation der prekären Existenzen hinübergleitet. Postmodernes Schwadronieren, das sich antikapitalistisch gibt, inszeniert auch noch im Abgang zur Prekarität Leichtigkeit und spricht wie eh und je über etwas, wovon man gern nur luftige Vorstellungen hatte. Dennoch: wenn Peter Licht Kapitalismuskritik ist, so ist Erwin Pelzig radikal-radikalste Kapitalismuskritik. Der Unterschied zwischen der nur zur Selbstverarschung verlängerten Seichtigkeit des Scheins und der ironisierenden Offenlegung des kapitalistischen Wahn- und Narrensystems ist gerade ein Unterschied ums Ganze.

Das funktioniert in dem Streifen ziemlich einfach: Was den Film vor seichter Nostalgie schützt, ist schlicht die Figur des Erwin Pelzig, Eulenspiegel, Wirrkopf und Narr seiner Zeit.

Vordergründig ist die gesamte Handlung zwar in das Mittelschichtsangst-Geplapper über soziale Gerechtigkeit im Allgemeinen und das rücksichtslose, gewinn- und geldsüchtige Aktien- und Spekulationskapital im Besonderen gebunden. Da ist der gute alte Firmenpatriarch Bieger (Philipp Sonntag), der schon in dritter Generation eine metallverarbeitende Fabrik leitet (Herstellung von metallenen Einkaufswägen, die „Bieger-Einkaufswagen AG“! ) und unter dessen Regie alle ein gutes bis glückliches Arbeitsleben führten, allen voran sein mit Feldwebel- bzw. Hausmeistercharme ausgestatteter Chauffeure (Peter Lohmeyer), inklusive seiner Kinderschar. Doch kaum ist der Chef wegen Krankheit mal abwesend, infiltrieren sich, die Zeiten sind nun mal so, zwielichtige Unternehmensberater- und InvestmentbankerInnen. Sie zerrütten die Arbeitsbeziehungen, erhöhen die Schlagzahlen, wollen aber im Grunde nur das Eine: aus skrupelloser Profitgier den Laden schließen und die doch so schönen Einkaufswägen-Arbeitsplätze nach Asien verlagern. Jedes kapitalismuskritische Mittelschichts- und Alltagsherz muss bei den im Film ausgegebenen Parolen höher schlagen: „Arbeit statt Profit! „.

Dass die Handlung aber nicht in schale Nostalgie nach der gar wunderbaren vergangenen Arbeiterwelt umschlägt und eben konsequente Sozialsatire bleibt, verdankt sich der stets präsenten Pelzig-Narretei. Der vom Ersatzchauffeur zum Berater des Seniorchefs aufgestiegene Pelzig ersinnt nämlich eine Firmenrettungsstrategie gegen die Machenschaften der InvestmentbankerInnen. Doch aus den strategischen Simpeleien des Simpels für die ehrliche Arbeit und gegen die Spekulanten folgt gerade der Totalzusammenbruch des Seniorchefs und damit auch der Mittelstandsfirma. Doch Pelzig steht mit Rat und Tat nun als Ersatzchef bei Fuß, mitsamt der ihm vom Chef zugefallenen Edel-Prostituierten Chantal (Christiane Paul), um dem Unternehmen schließlich den Rest zu geben, wie der Kinobesucher am Ende sicher erahnen kann. Damit findet eine Epoche ihren Abschluss und zugleich ihren Begriff: eine verrückte Unternehmung für einen verrückten Zweck. In einer finalen Einstellung mit dem ausgetillten Firmenchef – übrigens in luftiger Höhe über dem Abgrund auf dem Geländer einer Autobahnbrücke – wird lebensphilosophisch Retrospektive gehalten und Eulenspiegel Pelzig sorgt für den nötigen reflexiven Tiefgang: Weise Narren sinnieren über eine verrückte Welt, über Lebensziele, Einkaufswägen und Grabsteine. Um den Verhältnissen beizukommen, bräuchte man derzeit wohl ein ganze Fabrik voll solcher Narren. Eine durchaus lohnende Strategie für eine Mittelstandsoffensive.

* Regie: Thomas Heinemann, Buch: Frank-Markus Barwasser

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