„Bruttosozialglück“

Streifzüge 43/2008 – Kolumne Dead Men Working

von Maria Wölflingseder

Der dernier cri hallt frohgemut durch die Feuilletons der Printmedien und durch die einschlägigen Sendungen des ORF-Radio Ö1, in dem sich die alternativ-links-liberalen Trendsetter ein Stelldichein geben. Ihre neuen Zauberformeln gegen Armut, Arbeitslosigkeit und alle anderen leidvollen Auswirkungen lauten: „Investieren Sie in Ihr Sozial-Kapital! Genießt den direkten Profit, den persönlichen Mehrwert Eurer ehrenamtlichen Tätigkeit! Und Ihr, liebe Unternehmer schafft sozialen und ökologischen Mehrwert! “ – Wie aus einem „Salzburger Nachtstudio“ (Der Kitt der Gesellschaft, 16.4.2008, Ö1) geschlossen werden kann, hat die Soziologie das „soziale Kapital“ als Wundermittel entdecktDie Wissenschaft hat festgestellt, wer es hat: diejenigen, die über ein intaktes soziales Netzwerk verfügen, viele Freunde haben (und zumindest neun Leute kennen, die sie notfalls in der Nacht anrufen können), und die in Vereinen wohltätig sind. Diese Menschen haben ein höheres Einkommen und einen sichereren Job, sind optimistischer, kurz, in allen Lebenslagen glücklicher als andere. Analoges gilt für Sozietäten. Auf wirtschaftlichem und politischem Erfolgskurs seien jene Regionen, in denen Personen mit hohem Sozial-Kapital leben würden. In den letzten Jahren und Jahrzehnten sei das soziale Kapital gefährlich geschwunden. Aber durch eine angekurbelte „Sozial-Kapital-Forschung“ soll jeder Bürger animiert werden, sich diese „rasch erneuerbare Ressource“ wieder anzueignen. Schnell wird klar, worum’s tatsächlich geht: Sozial-Kapital ist das trendy Wort für ehrenamtliche Tätigkeit, für „soziale Kompetenz“, für soziales Engagement. Fehlen diese, würden – wie betont wird – die Kosten des Sozialsystems explodieren. Jeder Einzelne und die Gemeinden sollen Verantwortung übernehmen – anstatt die Probleme an das „System“ zu delegieren – und sich selbst um ökologische und soziale Belange kümmern. Forciert wird das etwa durch die Agenda 21 oder durch Gruppen, die Faire-Trade-Produkte und Ökostrom konsumieren oder die die Coolness des Öffi-Verkehrs propagieren. Natürlich müsse auch die Makroebene mitziehen. In der gesamten Wirtschaft sollte es mehr Kooperation und weniger Konkurrenz, mehr Nachhaltigkeit und weniger herkömmliches monetäres Gewinnstreben geben.

Wie easy die Wirtschaft zum Guten gewendet werden kann, zelebriert der Vordenker in Sachen Kapital-Veredelung Christian Felber in seinem neuesten hochgelobten Werk „Neue Werte für die Wirtschaft – Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus“. Das himmelblaue Buch-Cover zieren, wie könnte es anders sein, drei schwarze, gemeingefährlich anmutende Riesenheuschrecken. Für den Autor erwuchs – laut eigenen Angaben – „die Notwendigkeit, dieses Buch zu schreiben“, direkt aus seinem vorigen Bestseller, den „50 Vorschlägen für eine gerechtere Welt“. „Denn so positiv die meisten Vorschläge aufgenommen wurden, sie alle stoßen auf ein gemeinsames Hindernis: das Gewinninteresse mächtiger Konzerne.“ Aber auch diese Ungereimtheit kann beseitigt werden: Die Gesetzgeber (! ? ) bräuchten den privaten Unternehmen nur andere Ziele vorgeben, sprich, sie für ihr Gemeinwohlverhalten anstatt fürs Gewinnmachen zu belohnen. Dann würde – Hokuspokus – der Wachstumszwang in der Wirtschaft entfallen, weil die einen Unternehmen nicht mehr einen höheren Gewinn als die anderen erzielen und einander deshalb nicht mehr fressen müssten, somit die Vernichtungskonkurrenz erlöschen würde. Das Kapital würde sich vom Zweck zum (guten) Mittel wandeln.

Ja, selbst die Weltbank sei schon auf dem Weg, den Reichtum nicht mehr nur als BIP zu berechnen, sondern beziehe vermehrt soziale Kriterien mit ein. Ein österreichischer Forscher zeigt, wie das geht. Selbst im fernen Bhutan, dem absolutistisch-buddhistischen Königreich, ziehen jetzt neue, glückliche, demokratische Zeiten ein. Der Soziologe und Kulturanthropologe und außerordentliche Universitätsprofessor Andreas Obrecht hat die kulturellen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen der im Rahmen der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit durchgeführten Elektrifizierung dieses rückständigen Landes erforscht. Er berichtete in einem „Hörbild“ (9.5.2008, Ö1), wie die entlegene Dorfbevölkerung – bis dato kaum mit Geld in Berührung gekommen – den Wert ihrer Arbeit zum ersten Mal richtig schätzen lernte: Um den gelieferten Strom bezahlen zu können, muss sie sich von nun an lohnarbeitend verdingen. Dieser Umstand wird von unserem Forschungsbeauftragten unumwunden als Erfolg verbucht. Obrecht beteuert, wie sehr sich das „Bruttosozialglück“ zu vermehren beginne. Wie so viele andere kommt auch er in diesem Zusammenhang sogleich auf die Spiritualität zu sprechen. Manchmal ist sie buddhistischer Provenienz, immerzu wird aber die Verbundenheit mit einem größeren Ganzen beschworen, die durch die neue Wertegemeinschaft entsteht. Nicht in kurzfristigen Genuss soll investiert werden, sondern in das soziale Kapital, zu dem auch die Spiritualität gezählt wird.

Geben all diese positiv gewendeten Begriffe aus der kapitalistischen Ökonomie, garniert mit Religion, nicht zu denken? Schrillen da nicht die Alarmglocken bei dem, was uns da als KRITIK angedreht wird? Die Zusammenhänge und Auswirkungen der kapitalistischen Verhältnisse zu erkennen und deren Grundfesten samt und sonders in Frage zu stellen, ist offenbar ein so großes Tabu, dass anstatt dessen keine Kosten und Mühen gescheut werden, den Kapitalismus zurechtzubiegen, bunt anzumalen, wohlschmeckend zu würzen, um ihn dann als humanisiert, ökologisiert und gezähmt als die Alternative zu präsentieren. All das erinnert verdammt an die Esoterik-Bewegung: Auch sie hat alles Unerträgliche und Leidvolle kurzerhand positiv umgemodelt: Zum Beispiel sollte mittels spirituellem Ökofeminismus die Unterdrückung und Benachteiligung der Frau aufgehoben werden, indem das Weibliche überhöht und zur Retterin stilisiert wurde. All diese äußerst oberflächliche Kritik hat natürlich nichts gefruchtet. Nichtsdestotrotz wird in der gleicher Manier, mit gleicher Manie fortgefahren. Aber „ein Problem kann man nicht mit der Art des Denkens lösen, die es geschaffen hat“. Ohne diese hilfreiche Erkenntnis, die schon Albert Einstein formuliert hat, wird sich nichts zum Besseren ändern lassen.

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