Durchstarten!

Streifzüge 39/2007

KOLUMNE Dead Men Working

von Maria Wölflingseder

Auf der Pampers-Windel-Werbung prangt unter dem Foto eines friedlich schlafenden Säuglings der Schriftzug: „Bitte nicht stören. Arbeite auf Hochtouren.“ Dass „dein Gehirn während der Nacht Millionen von Verbindungen herstellt, um all das zu verarbeiten, was du tagsüber erlebt hast“, wird klein gedruckt erklärt. – Auf Hochtouren arbeiten, ist das Gebot der Stunde, offenbar vom Säuglingsalter an!

Endlich richtig „durchzustarten“ wird unzähligen, auf minimaler Provisionsbasis Beschäftigten von ihren „Vorarbeitern“ wie aus einem Munde einzupauken versucht, unterstrichen durch eine mehr lahme denn schwungvolle Armbewegung.

Die SPÖ verkündete auf ihren Werbeplakaten, „Verantwortung für ein soziales Österreich“ übernehmen zu wollen. „Durchstarten für eine bessere Zukunft“, ist ihr Credo. Beim ÖGB-Kongress hörte sich das jedoch ganz nach neoliberaler Propaganda an. Bundeskanzler Gusenbauer, der sein Berufsziel angeblich schon vom Sandkastenalter an zielstrebig verfolgte, sprach vom kleinen Österreich, das sich im internationalen Wettbewerb behaupten müsse, und von lethargischen Arbeitslosen, die unbedingt wieder in einen Job zu verfrachten seien.

In halb Österreich gebe es bereits Vollbeschäftigung, verkündet Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein, der Rest sei spätestens im Jahr 2010 komplett beschäftigt. Eins der Zaubermittel: Österreich muss am Technologiesektor endlich vom „breiten, kuscheligen Mittelfeld“ zum Spitzenfeld aufrücken. Das erfordert Risikofreude. Gemütlichkeit ist passé.

Die allgegenwärtige Präsenz der Wörter durchstarten, auf Hochtouren arbeiten, hochtourig leben, die Ablehnung jedweden Kuschelkurses, spiegelt die Anforderungen, die täglich an uns gestellt werden. Jemand ohne Stress wird heute scheel angeschaut. Für Arbeitslose trifft das auf besondere Weise zu. Sie haben alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ehebaldigst wieder jobmäßig rotieren zu können.

Diese Diktion lehnt sich augen- und ohrenscheinlich an Maschinelles an, insbesondere an die Welt des Autos. Ich höre bei all den Wörtern immer das Aufheulen eines Motors zu unangemessen hoher Drehzahl, bevor das Geschoss, wie Autos gerne genannt werden, losgelassen wird. – Sind wir alle am Durchdrehen? Helmut Qualtingers Liedzeile „I hab zwor ka Ahnung wo i hinfohr, ober dafür bin i gschwinder durt“, bekommt eine neue Dimension, eine geradezu universelle. Das Wort Auto kommt vom griechischen autós, auf Deutsch: selbst. – Wissen wir selbst noch, was wir tun? Was wir wollen? Oder sind wir lauter Selbstläufer, automatisch Operierende, programmiert von der herrschenden irrationalen Rationalität? Maschinen müssen wir intelligent für uns arbeiten lassen anstatt selbst zu einer zu verblöden! Aber der Arbeitswahn beherrscht uns immer noch.

Dass Menschen am AMS weniger schikaniert werden und weniger sinnlose Kurse besuchen müssen, darum bemühen sich Arbeitsloseninitiativen redlich. Darüber hinaus bewirkt ihre Kritik nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie bewegt sich an der Oberfläche und bleibt somit ganz in der Logik der herrschenden Irrationalitäten verhaftet.

Aktuelles Beispiel: Die Kronen-Zeitung hetzte gegen Arbeitslose. Der Vorwurf: Sie wollten ja gar nicht arbeiten. Dazu wurde eine Webseite aus Deutschland zitiert, auf der Verhaltenstipps für vom Arbeitsamt aufgezwungene Bewerbungsgespräche gegeben werden. Ein Aufschrei folgte. Alle beteuerten, wie sehr sich die Arbeitslosen einen Job wünschten und sich auch dementsprechend verhielten. Eine wissenschaftliche Untersuchung wurde als Beleg dafür angeführt. Von den Experten der Arbeiterkammer bis hin zum Präsidenten der Wirtschaftskammer wurden alle angefleht, die Arbeitslosen gegen solche Verleumdungen zu schützen. Letzterer versprach, dafür zu sorgen, dass in Hinkunft mehr auf die Unterscheidung zwischen arbeitswilligen und arbeitsunwilligen Arbeitslosen geachtet wird.

Weiteres Beispiel: Viele sehen in einer Mikrokreditfinanzierung, wie sie der, nein, nicht Wirtschafts-, sondern Friedensnobelpreisträger und Gründer der Grameen-Bank Mohammed Yunus kreiert hat, eine Lösung. In einem E-Mail-Forum schreibt ein Befürworter über diese Kredite, die nun auch in Österreich für Arme aus Afrika, Asien und Osteuropa finanziert werden: „Sie entwickeln die Menschen von willenlosen Almosenempfängern (Hartz IV) und gerissenen Bettlern zu eigenständig-eigenverantwortlichen Unternehmern im besten Sinne. Die Menschen beginnen, für sich selbst und andere, etwas zu unternehmen! Die Kreditnehmer müssen nicht über Rechtsanwälte ihr tristes Arbeitslosengeld erstreiten, sondern können sich frei entscheiden, wo und wie auch immer sie erwerbstätig werden.“

Befremdlich mutet auch die Forderung an, doch bitte, bitte die älteren Arbeitslosen, die Frauen und die Behinderten nicht gar so arg vom Arbeitsmarkt auszugrenzen. Das hieße also: Verteilt die Arbeitslosigkeit gerecht! Schafft Quoten-Arbeitsplätze! ?

Besonders deutlich zeigt sich das Rotieren auf der Stelle und der Verschleiß an Energie auch im endlosen Sich-Ereifern über den „Verrat“ der Anliegen der Arbeiter und der Arbeitslosen durch die SPÖ und die Gewerkschaft. – All diese Kritik greift nicht, weil sie die Grundübel der Mieseren nicht erkennt. An ein Jenseits der Kerkermauern wird nicht einmal gedacht. Das Einzige, was gelegentlich aufblitzt, ist das geforderte „Recht auf Faulheit“ oder, wie die Zeitschrift Augustin (Nr. 194) unlängst auf ihrer Titelseite schrieb: „Liebe ÖGBler und ÖGBlerinnen, tut was: Respektiert die Nixtuer! “ Diese Forderungen alleine sind allerdings ein bloßer Reflex gegen die Zumutungen der fremdbestimmten Arbeits- und Arbeitslosenwelt und gegen die von der Konsum- und Freizeitindustrie geforderte Betriebsamkeit. Faulheit und Nixtun dürfen aber keine systemimmanente Flucht bleiben. Ziel ist Selbstbestimmung und das Prinzip Muße, also eine Lebensform, die es nur jenseits der kapitalistischen Warengesellschaft geben kann. Gegen das Paradigma des „Durchstartens“ und „Durchdrehens“ muss dem Fundamentalbegriff Müßiggang (darüber im nächsten Heft), der mit der Etablierung der totalitären Arbeitswelt zerstört wurde, zum Durchbruch verholfen werden. Solange aber nicht einmal jemandem auffällt, welch menschliche Widersinnigkeit es ist, Arbeitenden heute ganz selbstverständlich „ein hohes Maß an Belastbarkeit“ und „hohe Frustrationstoleranz“ abzuverlangen, wird sich so schnell nichts ändern.

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