Happy Slapping

Hau den Bürger, wo du ihn triffst! Happy Slapping

Streifzüge 37/2006

2000 Zeichen abwärts

von Martin Scheuringer

Paris. Ein Schüler steht auf, nimmt einen Sessel, zerschmettert diesen auf dem Rücken der Lehrerin, tritt mit den Füßen auf sie ein. Die Klasse erstarrt für einige Sekunden, eilt dann aber der Lehrerin zu Hilfe und verjagt den Täter. Wir kennen diese Geschichte, weil sie ein Kumpel des Täters mit seiner Handykamera festgehalten hat. Der Polizei sagte er das Tatmotiv: „Sie geht mir auf den Wecker“.

So schockierend die Tat, so alarmierend die bürgerliche ReaktionSie macht die Tat zu einem Fall, kategorisiert sie: Schon wieder „happy slapping“! Das Begründen des Wahnsinns wird an Psychologen delegiert, die Gewalt aus einer Charakterschwäche des Täters abgeleitet. Das gehäufte Auftauchen solcher Videos kann aber nicht mehr aus zufälligen Mutationen der individuellen Psyche abgeleitet werden. Da ist was in Mode gekommen: In den Videos sieht man Jugendliche zufällig vorbeikommende Menschen niederschlagen. War es den Verbrechern früher wichtig, unerkannt zu entkommen, so wollen sie heute bei ihrer Tat beobachtet – ja bestaunt werden. Ohne Kamera keine Tat. Veröffentlicht wird das Dokument im alles verschlingenden Internet. Es ist schwer, in diesem Sumpf auf der Oberfläche zu erscheinen. Gelingen kann dies mit einem Schocker. Gewalt bringt Quote. Die Opfer sind Opfer im religiösen Sinn des Wortes, sie werden gebraucht, um eine Verbindung zur transzendenten Welt Bildfläche herzustellen. Jeder, der dort auftaucht, hat Zugang zu Höherem, denn dort sehen wir seine Verwandlung in die leuchtende Figur eines Jugendkultes, er ist vom Schatten zur blendenden Idee mutiert. Ein Star ist uns geboren, doch welch Himmelreich verspricht uns sein Erscheinen?

M. Sch.

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