Akustisches Nervensägen

Streifzüge 38/2006

2000 Zeichen abwärts

von Maria Wölglingseder

Unlängst antworteten im Radio eine Sängerin und ein Sänger, beide ältere Semester, auf die Frage, was für sie missliebige Musik sei: Wenn aus einem Auto mit offenen Fenstern Popmusik mit unerträglichen Bässen dröhnt. Die Glücklichen, wenn sie nur damit gelegentlich behelligt werden! Sie sind nicht von drei Wohnungen umgeben, aus denen nach Belieben zu jeder Tag- und Nachtzeit Techno ertönt; dieses Gehämmer muss gar nicht besonders laut sein, damit es seine marternde Funktion zeitigtDie Glücklichen, wenn sie nicht in Geschäften mit unerträglichem Lautgemenge verkehren müssen. Auch beim Billa gibt’s seit kurzem kein Pardon mehr, in der Gastronomie sowieso selten, und in Scheißhäusln herrschen Radiosender mit ortsentsprechendem Musik- und Werbeprogramm. Unlängst demonstrierte in Wien eine stumme Blasmusikkapelle gegen diese akustischen Verseuchungen. Eigentlich gibt es keine entsprechenden Begriffe für diesen nervtötenden Lärm, der Musik genannt wird. Kakophonie ist ein niedlicher Hilfsausdruck.

Und wie soll das gedeutet werden? Werden hier die durchgeknallten gesellschaftlichen Verhältnisse in entsprechende Töne transponiert? Oder ist es ein Zudröhnen, um den übrigen unerträglichen Lärm (Straßen-, Flug-, Baustellenlärm) zu übertönen? (Übrigens Ostwind – meist bei Schönwetterphasen – beschert halb Wien samt den Erholungsgebieten Schönbrunn und Wilhelminenberg einen früher nie da gewesenen auditiven Flugzeuglande-Alptraum. )

Den Jugendlichen werden Ballspiel- und Trampolinkäfige inmitten der Verkehrshölle auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Wiener Außen- und Innengürtel (je 3-4spurige Straße) zugewiesen. Nicht nur diese Lokation wird als megahip erklärt, auch die Technotempel im Gürtelbereich erfreuen sich großer Beliebtheit, mitsamt ihren Schanigärten direkt neben den Fahrbahnen und dem suizidal anmutenden Abgas- und Lärmcocktail. Die ganze Nacht lautstark die Gegend bevölkernd und mit leeren Aludosen Fußball spielend rauben die Technofreaks den Anrainern den Schlaf.

M. Wö.

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