Ganzheitlich umsorgt

Streifzüge 35/2005

KOLUMNE Dead Men Working

von Maria Wölflingseder

Woche für Woche steht’s in den Karrieren-Seiten des links-liberalen Standard wie’s geht. „Jedes Unternehmen sollte seine Mitarbeiter ganzheitlich sehen und jede Unterstützung zuteil werden lassen, damit diese frei, ohne Sorgen für den Beruf arbeiten können“, so wird das großangelegte EU-Projekt „Generation E“ für berufstätige Eltern vorgestellt und zur Nachahmung dringend empfohlen. Die Telekom Austria, Hewlett-Packard, Raiffeisen Informatik und der Hauptverband der Sozialversicherungsträger haben daran als Teil der Personalentwicklung teilgenommen. Wer die Mitarbeiter „ganzheitlich“ sieht kann doch nur ein Wohltäter sein. (Oh, wie gut, dass die Esoterik dieses und all die anderen Zauberwörter für die Wirtschaft aufs Präsentierteller gelegt hat! ) Auf dem Lehrplan stehen „positiver Umgang mit Stress; Erkennen des Stresstyps; Erlösung vom Druck, alles selber machen zu müssen; sich der sozialen Netzwerke (so nennt man heute wohl die Omas, M. W. ) bewusster werden; lernen Hilfe anzunehmen. „ (Der Standard, 17. /18.9.2005)

Karoshi, der Tod durch Überarbeitung, das war in den 90er Jahren, heute kommt man mit Burnout – dank der Legionen von Coaches glänzend – zurecht. (Jedem Arbeitenden und jedem Arbeitslosen seinen Coach! Das schafft doch Unmengen an Jobs. ). „Wege aus der Spirale der Arbeitssucht: Personalisten können dazu beitragen, den Arbeitsplatz zum Ort der Genesung umzugestalten.“ (Der Standard 8. /9.10.2005) Der Arbeitsplatz als Heilstätte? Warum denn nicht – „heute stehe Arbeit häufig im Kontext von Spaß und Freizeit. Die Arbeit rücke von ihrer zentralen Rolle – in den 80er- und 90er-Jahren im Trend – weg. Zudem gewinne Freizeit an Bedeutung. Auch seien postmaterielle Werte stark im Kommen. Erschwerend für Personalisten käme hinzu, dass dieser Wertewandel ein mehrdimensionaler sei…“ (Ebd. ) Haben Personalisten heute schon Probleme ihre hedonistischen Mitarbeiter zu halten?

Auf ein- und dieselbe Seite des KarrierenStandard verirren sich dann doch „Arbeitssucht“ und „Arbeitsverweigerung“, mit denen Menschen zu Hauf in die psychotherapeutische Praxis strömen. „Hinter beiden Phänomen stehe die blanke Angst. Psychische Erkrankungen und schwere Herz-Kreislauf-Schäden sind oft die Folge.“ (Ebd. ) „Psychischer Stress kostet der Wirtschaft Milliarden“, schlagzeilt der „Beruf und Karriere“-Teil des Wirtschaftsblattes vom 22.10.2005. „46 Prozent aller Krankenstandstage in Österreich sind auf psychische Beschwerden zurückzuführen. Eine Auszeit täte ihnen gut, aber 60 Prozent der Österreicher haben Angst, ihren Job zu verlieren.“ Und weil ja heute alles und jedes ein monetäres Äquvivalent aufweisen muss, ist auch schon der Wert von gemobbten Mitarbeitern beziffert worden: zwischen 17.500 und 50.000 Euro im Jahr. Aber zwei Seiten weiter erfahren wir, dass diese Probleme doch nur „neue Chancen und neue Herausforderungen für Coaching“ seien. „Im steigenden Druck auf die Führungskräfte“ sieht eine Fachfrau „Potenzial für Coaching. Die Nachfrage steigt.“ So kurbelt sich unser Wirtschaftssystem also selbst an – man könnte es auch Perpetum Mobile nennen, oder ein Potemkinsches Dorf, das noch um eine weitere Katastralgemeinde vergrößert wird – jeder Coach muss ja schließlich auch erst gründlich ausgebildet werden.

Ja, die „Erkenntnis vom survival of the fittest“, also desjenigen, „der am besten an die Umweltbedingungen angepasst ist“ sei nur deshalb „angefeindet“, weil sie „missverstanden“ wird. Wer sich nicht „Engergiekompetenz“ aneigne, der schaffe „die Quadratur des Kreises von höchster Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Lebensqualität nicht“. Der „verschwende zu viel Energie an den falschen Ecken und bringe seine PS an den richtigen Stellen nicht auf die Straße.“ Ein Hamburger Professor für Pädagogik und Kriminologie (! ) verrät uns: „So setzen Sie Ihre natürliche Aggression konstruktiv ein“ – so der Untertitel seines Buches „Die Peperoni-Strategie“. Nur ja keine „Energie-Lecks“ einreißen lassen! Wer sich „Schwachstellen im Energiebereich leistet“, der hat schon verloren! Härte zeigen: die „natürlichen Regenerationsphasen“ nicht vernachlässigen! (Der Standard, 5. /6.11.2005)

Mit den Frauen hapert’s leider noch ein bisschen. Die hätten den Dreh am Business-Parkett noch nicht so richtig heraußen. Sie seien „zu wenig selbstbewusst“, zu wenig auf „Kampfsituationen“ vorbereitet. Frauen müssten lernen „auszuhalten, dass der andere nicht froh sein wird, nicht immer beziehungsorientiert (zu) agieren und nicht immer alle lieb haben (zu) müssen“. (Christine Bauer-Jelinek) Das lernten sie am besten „von den Besten“, „den Männern“. „Vor allem junge Frauen fürchten durch das Annehmen von Macht Weiblichkeitsverluste. Das ändert sich allerdings mit dem Alter, mit der Reife einer Frau. Frauen kommen später, oft erst nach der Menopause zur Entfaltung, dann wandelt sich die Energie mehr in Richtung Yang.“ (Elisabeth Heller) (Der Standard, 17. /18.9.2005) Aber manchmal entwickeln sie durchaus schon im gebärfähigen Alter ein „weibliches G’spür für den Markt“. (Der Standard, 22. /23.10.2005)

Den Königsweg in der Wirtschaft verspricht die „werteorientierte Führung“. „Es gelte inmitten der Unsicherheit Sicherheit zu vermitteln und Erfüllung in der Arbeit zu ermöglichen.“ „Wir wollen bei Mercuri Urval Geld verdienen und Spaß an der Arbeit haben.“

„Ehrlichkeit, Respekt, Vertrauen, Loyalität“, die guten „alten Werte“, die jedem Arbeitgeber zu Gesicht stehen. Der „Unternehmer mit eigener philosophischer Praxis“ betont: „Wir haben eine Wertediskussion nicht deswegen, weil wir so im Sumpf stecken, im Gegenteil: Wir leben in einer extrem skrupulösen Zeit, wir wollen fair sein.“ Und wer wäre historisch besser prädestiniert als protestantische Theologen, die wieder Hochkonjunktur haben, zu bezeugen, dass „Geschäfte zu machen und ethisch zu handeln“ überhaupt kein Widerspruch sei. „Geschäfte basieren heute mehr auf Ethik als jemals zuvor.“ (Der Standard, 5. /6.11.2005)

Das Sahnehäubchen in der „Wertediskussion“ ist jedoch die Spiritualität. Das Laxenburger Forum bietet in einem zweitägigen Symposium „Strategien und Praxismodelle für Sinn stiftendes Wirtschaften“ an. (www. laxenburgerforum. at) „Es gibt ermutigende Schritte, die scheinbar getrennten Bereiche Ethik und Wirtschaft zu verbinden. Sie wecken Hoffnung, dass die Zukunft nicht nur einen vorübergehenden Boom in der Frage nach Sinn und Werten bringt, sondern dass ethische und spirituelle Fragen zum Alltag in der Ökonomie werden.“ Amen!

image_pdfimage_print