„Code unbekannt“

Zu einigen uncoolen Unzugänglichkeiten des Lebens in der Waren“gesellschaft“ und der Kritik daran

Streifzüge 35/2005

von Lorenz Glatz

1. Vom Sterben

Vorgänge lassen sich oft am besten von ihrem Ausgang her begreifen. So z. B. das Leben, wenn man auf das Sterben schaut. Darüber, wie jemand so lebt, kann eins so. einiges erfahren, wenn man fragt, wie sie sich den unvermeidlichen Abgang wünscht – soweit es da was zu wünschen gibt und eins den Gedanken an so uncoole Dinge überhaupt zulassen will. Meist ist dann zu hören, es soll schnell gehen, am besten von einem selber unbemerkt. Mit guter Gesundheit und hohem Kontostand alt werden und dann tot umfallen oder einfach in der Früh nicht mehr aufwachen, diese Wunschvorstellung vom Sterben, wenn man denn schon eine haben soll, scheint allmählich selbstverständlich.

Tatsächlich wird schon vom Einzelgänger Julius Cäsar überliefert, dass er sich einen „plötzlichen und unerwarteten Tod“ gewünscht hat. Zu seiner Zeit und noch viele Jahrhunderte danach war ein solcher Wunsch aber eher selten. Der „unversehene Tod“ war lange Zeit ein großes Unglück. Nicht nur für von Höllenangst geplagte Leute, sondern wer in Gemeinschaft lebte, wollte auch bei seinem letzten Abschied nicht allein sein. Sonst wäre es ja auch keiner. Aber gerade mit der Gemeinschaft hapert es in modernen Zeiten immer mehr. „Schätze, ich würde lieber alleine sterben. Am besten im Schlaf wegknicken. Ich würd mir wünschen, dasses schnell geht“, schreibt denn auch ein cooler junger Mann auf die einschlägige Frage in einem der zahllosen Weblogs im www. Dass wer auf „seine Lieben“ wartet, sich verabschiedet und so getröstet sein Leben aushaucht, würde heute von vielen eher für eine Kitschstory angesehen werden. Maximal könnte das funktionieren, weil „ihre Lieben“ eh nur ein, zwei Leute sind. Ob die aber im Ernstfall Zeit hätten oder sich welche nähmen? Und gar die ganze Sipp- und Freundschaft, wie es in den alten Geschichten steht! Und wie sollte heute ein normal Sterbender an seinen Schläuchen und Flaschen noch was zu denken und zu reden haben darüber, was ihm noch gut täte? Und wie möchte er sich gar noch das Sterben einteilen können? Schon dass eins sich das Leben einigermaßen einteilen könnte, kann man doch höchstens mit Scheuklappen und qua Positiv Denken so sehen. Und so möchte man halt so sterben, wie eins auch die längste Zeit gelebt hat – beiläufig, außer sich, privat und sachlich, nur allzu oft auch von denen isoliert, mit denen zeitlebens der Kontakt eng, aber nicht so wirklich vorhanden war. Kein Wunder, dass es dann möglichst schnell gehen soll. Für die Weiterlebenden nehmen die Dinge einschließlich sie selber sowieso weiter ohne Pause den gewohnten Lauf. Dass der Tod von alten Angehörigen eine Zäsur in den Alltag kerbt, kommt immer seltener vor. Die sind doch oft schon lange vorher abgeschrieben, scheinen in der Kontoführung des Lebens nicht mehr auf, höchstens noch als Passivposten.

Eine weitere schnoddrige Weblog-Meldung: „menschen brauch ich auch nich um mich herum wenn ich grad ins gras beiße. aber ne tafel schokolade oder n eisbecher wär nett“. Dinge machen uns heutzutage nun einmal sicherer als die eher prekären sozialen Beziehungen. Menschen um sich haben im Augenblick der letzten Schwäche ist für das trainierte Konkurrenzsubjekt nichts Wünschenswertes. Für seine Sachen aber hat eins bezahlt, das macht die Verhältnisse klar. Geld ist auch zur sichersten Umgangsform unter den (verdinglichten) Menschen selber geworden. Wer zahlt, schafft an, wer bezahlt wird, schaut drauf, dass sie sich nicht über Gebühr verausgabt. Diese Form von Umgang ist zwar immens anfällig für Depression und Paranoia, aber es ist wie bei der Trunksucht. Wenn sie dich hat, ist keinen Alk mehr zu bekommen schlimmer als aufs Saufen angewiesen zu sein. Also ist Gekauftes ganz folgerichtig noch beim Abgang das Maximale, was so mancher sich als Tröstung vorzustellen wagt. Selbst Sterbebegleitung ist schon als Dienstleistung gegen Cash zu haben und ist auch dann noch ein Glück, verglichen mit dem verlassenen Tod im Sterbekammerl eines Spitals, aber, wie sagt Tante Jolesch: „Gott möge abhüten von allem, was grad noch ein Glück ist“. Und daher wäre es nach weit verbreiteter Vorstellung am besten, so zu sterben, wie man es auch meistens hat machen müssen im Leben, wenn es unangenehm wird: Augen zu und durch! Auf anderes als kaufen und (sich) verkaufen, arbeiten und konsumieren sind wir nicht wirklich eingestellt. Und wenn das alles einmal aufhören muss, dann bitte schnell und schmerzlos.

Es sind Krankheit und Tod, die das Leben am Ende so ungeeignet machen für eine Warengesellschaft. Die Seele der Ware, der Weltherrscher Wert, ist fiktiv, aber er ist wirksam, er ist auf unendliches Wachstum und ewiges Weitermachen angelegt, er hat kein Ziel und ist gleichgültig gegen jeden konkreten Inhalt. Der Mensch ist real, er ist aber seiner Fiktion, dem Wert, unterworfen, die ihm die Inhalte seines Lebens schal macht. Sein Leben erfüllt sich oder bleibt leer, kommt auf jeden Fall im Tod ans Ziel. Die Welt der Ware ist sein Prokrustesbett, bloß ist der Warenmensch selbst sein eigenes Ungeheuer, sein eigener Folterknecht, der sich in dieses Lager einpasst, aus den Gelenken streckt und/oder Glieder amputiert. Der sich selbst als Ware fingierende Mensch hat seinen Preis, er wird wertlos, wenn er dem Wert nicht dient. Der Wert der Alten ist nicht mehr ihre lahmende Tätigkeit, auch nicht ihr Erfahrungswissen, das meist längst vom „Fortschritt“ überholt ist, sondern ihre Rente, ihr Erspartes und was sie vielleicht sonst noch haben. Ein Wert oft, den schon andere vom Erblasser zu realisieren hoffen. Sterblichkeit ist in dieser Gesellschaft eine Missbildung, ein verdrängter Defekt, eine individuelle Katastrophe dessen, der grad dran ist.

Wo Leben auf Zahlung beruht, wird es als Defizit verbucht, wenn es nicht immer neu zu Zahlungsmitteln kommt. Das wird meist ein Problem, wenn sich das Sterben hinzieht. Pflege ohne Rechnung ist eine abweisbare Zumutung, bestenfalls eine Gnade. Berechnend ist Pflege ein Job und meist schlecht bezahlt. Und viele Alte tun in ihrer Unfähigkeit, Verzweiflung, Depression und Wut über ihre unvermeidliche Wertlosigkeit fast alles, um auch die Gnade noch zu verwirken und den Job zur Schwerstarbeit zu machen. „Sterben, bevor man auf andere Leute angewiesen ist“, wünscht sich nicht nur mein Beislwirt. Schnell noch weg, bevor herauskommt, was nacktes Leben in der Welt des Geldes ist: ein bloßer Kostenfaktor und allen eine Last.

„Der Großvater als Schädling des Landvolks“ samt mörderischen Vorschlägen für seine unauffällige Beseitigung ist ein galliges Evergreen des Satirikers Helmut Qualtinger, auch wenn inzwischen das Altersheim die wohl wichtigste Entsorgungsanstalt geworden ist. Und so rächen immer weiter die Enkel ihre Großeltern, die schon ausgelitten haben, an ihren eben erst hinfällig werdenden Erzeugern. So lang eins kann, tun er oder sie so, als wären sie, wie sie sein sollten, jedes ein perpetuum mobile der Arbeit und des Konsums. Bis es vielleicht am Ende doch noch ans Licht drängt, dass sie Menschen sind. Nicht an ihren Möglichkeiten freilich, die das ganze Leben über zu opfern waren, wird das dann noch klar, sondern an ihren Grenzen. Nicht als Leben eben, sondern nur noch als Sterben. Wen soll es wundern, dass da sein Menschsein am liebsten keiner spüren will und es heutzutage als gelungenes „Leben“ gilt, das nie entgleist ist, wenn uns unser Menschsein bis zum Schluss verborgen bleibt?

2. Vom Fremdsein

Die Wert- und Warenlogik, die unser Leben prägt, kann nur Beziehungen zwischen Sachen verwalten. Menschen brauchen jedoch Gesellschaft. Je weiter die direkte Herrschaft jener Logik ins Leben eindringt, desto mehr wird menschliche Geselligkeit zu Geld- und Rechtsbeziehungen versachlicht und die Menschen werden zu bloßen Darstellern eines fremden Stücks, zu „Charaktermasken“ im Welttheater der Verwertung. „Ungeschützter Verkehr“ zwischen Menschen wird im selben Maß unsicherer und prekärer. Die Fähigkeit zum sozialen Leben schwindet, persönliche Konflikte werden schnell unlösbar. Nachbarn, Freunde, Geschwister, Liebespaare, selbst Gesellschaftskritiker ziehen vor Gericht. Menschliche Beziehungen werden zu Rechts-Sachen. Man will Gerechtigkeit, sachlich und „ohne Ansehen der Person“. Empathie und Mitmenschlichkeit werden zu Themen für Predigten betulicher Moralapostel. Darauf den Umgang der Menschen zu bauen scheint verrückt. Wer den Gekränkten, den Verletzten davon redet, der salbadert. Und wer glaubt nicht „zu Recht“, dass er verletzt wurde?

Die „Zugangscodes“ zur Nächsten werden so schwierig, dass sie fast nicht mehr zu handhaben sind – „Code inconnu“, wie Michael Haneke seinen Episodenfilm nennt, in dem er in beklemmender Weise an alltäglichen Vorgängen demonstriert, wie Menschen, selbst wenn sie zu einander wollen, mit ihren Versuchen, sich verständlich zu machen, in ihrer Sehnsucht, mit anderen in ein freundliches, verständnisvolles Verhältnis zu kommen, ja selbst mit ihrer Bereitschaft zu helfen scheitern (müssen). Sie sind der Weltordnung des Gelds, des Konsums, des Eigentums, des Staats, der Politik, der Medien und all der anderen Grausamkeiten der Warengesellschaft unterworfen. Der Weg zur Gesellschaftlichkeit, zur Auseinandersetzung und zum Einverständnis mit anderen wird dadurch versperrt. Das ist für alle Beteiligten frustrierend und zugleich hinter diesem Frust versteckt. Sie haben mit dem Frust umzugehen, nicht mit dem, was da frustriert wird. Die sich durchsetzende Sachlichkeit, die alle voneinander trennt, mündet in Gewalt, brachiale und psychische, staatliche und private, manifeste und strukturelle. Selbst wer anderen helfen will, schadet am Ende vielleicht mehr, als er nützt. Gesellschaftichkeit gerät auf die Schienen der Sachzwänge, die die Menschen zueinander hilflos machen und sie ins Unglück treiben. Sie werden in Lüge, Verzweiflung, Indolenz und Apathie fixiert, nichts ist mehr lösbar, aber „das Leben geht weiter“ wie ein feindlicher Fluss, der alles mit sich reißt.

Die Konkurrenz ist die asoziale Grundsituation, in der wir als Warenmenschen von unserer Gesellschaftlichkeit abgeschnitten werden. Kooperation, ohne die wir nicht lebensfähig sind, soll nur existieren, wo sie dem Kampf gegen andere dient. Sie ist nicht einfach Äußerung unseres Lebens, Freude am Genuss der anderen und mit ihnen, sondern sie ist versachlicht als Mittel, Waffe gegen andere, morgen vielleicht schon gegen den, der heute noch an meiner Seite steht. Instrumente, Sachen sind alle, ob Freund ob Feind. Freundschaft ist zeitweilig, Feindschaft grundsätzlich. Dass jemand den Zugangscode zu meinem Herzen wissen könnte, wird von einer Hoffnung zu einem Sicherheitsrisiko. Im Spiel kann nur bleiben, wer andere besiegt.

Wir sitzen auf einem „Floß der Medusa“, wie es auf einem Monumentalgemälde Géricaults im Pariser Louvre zu sehen ist: Erschöpfte, z. T. verzweifelte, z. T. hoffnungsvolle Überlebende eines Schiffbruchs auf einem kümmerlichen Floß, ein starkes Dutzend von über hundert, die auf dem Gefährt sein wollten. Wer sich da auf diesen Trümmern im feindlichen Meer zu retten versucht, ist ein Mörder und ein Kannibale. Anders gibt es kein Überleben und auch dieses ist immer weiter noch bedroht. Der Zwang zur Konkurrenz treibt unsere individuelle Selbsterhaltung zum Eklat mit unserer Gesellschaftlichkeit, stellt unser Überleben für den Augenblick in Gegensatz zu unseren Perspektiven. Wer heute meine Freundin ist, fällt mir vielleicht morgen schon mit andern in den Rücken. Nichts und niemand ist unbestritten, kein Mensch einfach akzeptiert. Was wir brauchen, ist knapp und reicht nie für alle. Von klein auf lernen wir: Im Leben wird dir nichts geschenkt. Alles hat seinen Preis. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Beim Geld endet die Freundschaft. Wer sich auf andere verlässt, ist schon verlassen. Selbst das Mutter-Kind-Verhältnis, die tabuisierte Ikone der Zwischenmenschlichkeit, gleicht in diesen Verhältnissen weniger einer Symbiose als einem gegenseitigen, prekären Parasitismus. In dieser Gesellschaft wird selbst hier weniger das reklamierte „Urvertrauen“ weitergegeben als die Wunden und Verstümmelungen, die uns für das Leben als Ware unter Waren reif machen.

3. Von Kritik und Emanzipation

Schriftliche und mündliche Kritik am Kapitalismus ist nicht bloß ein intellektueller Prozess. Sie ist nicht rein von argumentativer Stringenz und Vernunft bestimmt und nicht vor „Verunreinigungen“ durch den „restlichen“ Menschen zu schützen. Kritik ist vielmehr ein Vorgang, der alle Möglichkeiten der Menschen, sich zu einander und zu ihrer Umwelt zu verhalten, mit aktiviert. Sie ist von den Verhältnissen und Beziehungen geprägt, in denen sich alle Beteiligten befinden bzw. in die sie sich begeben oder gestellt werden. Sie hängt mit den Fantasien, den Freuden und Hoffnungen, den Leiden und Ängsten zusammen, die die Beteiligten mit ihren Verhältnissen verbinden. Sie drängt auf Veränderung ins Unbekannte.

Kritik steht auch keineswegs über den psychischen Möglichkeiten und Dispositionen, die eins im und für den Umgang mit Gesellschaft und Welt entwickelt hat, die den Charakter des Einzelnen als eine konkrete Ausformung einer allgemeinen gesellschaftlichen Zurichtung ausmachen. Das Entscheidende dieser Zurichtung in der modernen Gesellschaft ist die grundlegende Verunsicherung und „Selbst-Losigkeit“, die den Waren-Menschen zur ruhelosen Existenz als Konkurrenzsubjekt zugleich befähigen und verdammen, zu einer Existenz, wo eins ununterbrochen Hiebe austeilt und einsteckt und sich emotional in immer wieder eklatierenden Fan-und-Führer-Verhältnissen zu stabilisieren versucht. Kritik ist ein Komplex von Gedanken, Einstellungen, Emotionen und Verhaltensweisen, die von den Verhältnissen der Gesellschaft gezeichnet sind, sich an diesen reiben und über sie hinaus streben.

Wo sich in der Gesellschaft Kritik äußert, ist sie zunächst einmal zwangsläufig in den herrschenden Umgangsformen befangen. Es ist aber fatal, wenn das von den Kritisierenden fatalistisch hingenommen wird. KritikerInnen bleiben dann voneinander getrennt, sie arbeiten gewissermaßen als unabhängige Privatproduzenten. Vor allem Theoretiker (-innen sind dünn gesät) verkehren mit dem Großteil ihrer Rezipienten bloß über den Verkauf ihrer Produkte, eventuell auch noch über die Dienstleistung von Vorträgen oder Seminaren. Und die Debatte zwischen den KritikerInnen bzw. zwischen den sich gruppierenden „Schulen“ und Strömungen hat wie selbstverständlich die Form der Konkurrenz um die Publikationsmöglichkeiten und um Anerkennung beim Publikum, vor allem bei den opinion leaders auf dem kleinen Marktsegment kritischer Öffentlichkeit. Sich dabei einzubilden, es gehe hier bloß oder vor allem um die Beweiskraft von Argumenten und nicht auch um den (oft recht verzweifelten) Versuch, sich aus all dem ein Leben zu machen, heißt sich in den Sack lügen.

Es macht die Mühe und den Stress eines solchen Lebens aus, sich inmitten dieser oft sehr peinsamen und peinlichen Konkurrenz ein (meist nur recht prekäres) Einkommen zu erwerben, dabei oder neben seinem Brotberuf gesellschaftliches Ansehen und persönliche Zuwendung zu gewinnen und damit die in der warenförmigen Lebensweise stets gefährdete psychische Contenance einigermaßen zu wahren. All das wird meist als der unvermeidliche Preis eines Lebens für die Emanzipation verstanden. Dieser Alltag der KritikerInnen wird oft – üblicherweise in Andeutungen – als Opfer heroisiert, auf jeden Fall aber als Besonderheit der unvermeidlichen Einbindung in die herrschende Gesellschaft privatisiert, als Besonderheit, die für die Allgemeinheit kritischer Positionen nicht viel hergebe. Die wütenden Wadlbeißereien im kritischen Kampfhundstil und die verzweifelte (Auto-)Agression, die Leserinnen aus gewissen Publikationen anspringt und einen Autor schon mit seinen Büchern durchs Fenster in die Tiefe springen und einen andern gar seine Frau umbringen ließ, werden höchstens als unangenehmes, lächerliches bis tragisches Ausrasten Einzelner angesehen, kaum aber als das destruktive Wirken der konkurrenzistischen Form, über das eins allerdings auch dann nicht einfach erhaben ist, wenn man sich diese Realität eingesteht.

Die unter gesellschaftskritischen Menschen grassierende gegenseitige Polemik trägt ihren Charakter eigentlich unverhüllt in ihrem Namen „Kriegskunst“ und kaschiert ihn auch in ihrer Anwendung kaum. Es geht nicht darum, Irrtümer aufzuklären, Fehler zu korrigieren, Wege zu besserer Erkenntnis zu zeigen und Menschen zu überzeugen, sondern darum, Gegner „unmöglich zu machen“, selber als beklatschter Sieger dazustehen und die Geschlossenheit des eigenen Rudels zu stärken. Polemik will einschüchtern, sie unterstellt, dass nur Blöde oder Böswillige die Dummheit und Verworfenheit der Angegriffenen nicht sehen. Argumente geraten zu Waffen, Aufklärung zum Akt der Nichtung. Polemik beruht auf der Unfähigkeit zu, jedenfalls aber auf dem Scheitern von menschlichen Beziehungen, auf antrainiertem Beißreflex, auf Kränkung und Ranküne. Sie hält auf Speichermedien fest, dass Kritiker der Gesellschaft deren grundlegende Verkehrsform, die Konkurrenz, affirmieren. Dort, wo polemische Kampfhundattitüde selbst den Artgenossen zu viel wird, handelt es sich nicht um ein Ausrasten aus dem harmlosen Normalfall, sondern es wird bloß deutlicher, worum es in diesem Betrieb geht: Wenn es eng wird, kann sich das Konkurrenzsubjekt nur noch spüren, wenn es andere bluten lässt. Konkurrenz aber negiert Gesellschaftlichkeit und verhindert Emanzipation, um die es doch angeblich geht. Tatsächlich kommt in dieser Gesellschaft niemand zu irgendwelchen Ehren, ohne dass er/sie andere beiseitegedrängt oder niedergestoßen hätte und weiter dazu bereit ist. Der Komparativ als Lebensweise gehört zum Kern des Elends. Dass der kritische Betrieb hiebei nicht nur keine Ausnahme ist, sondern das Problem ignoriert bzw. verdrängt, macht Gesellschaftskritik so unfruchtbar und impotent, wie sie es ja weithin ist.

Kritik als emanzipatorischer Prozess kann nur voranschreiten, indem sie die menschenfeindlichen Formen der Warengesellschaft sowohl in der geistigen Erkenntnis als auch in allen anderen Lebensbereichen kritisiert, unterminiert, ihre Dominanz aushöhlt. Der Kapitalismus ist kein von der Menschheit unabhängiger Zustand, sondern kapitalistische Verhältnisse müssen täglich durch das Handeln der Menschen wieder hergestellt werden. Diese Kette wird nicht nur täglich weiter geschmiedet, sie ist auch täglich unterbrechbar. Menschen können aus ihrer zugedachten Rolle fallen und extemporieren, können aus der Erkenntnis des immer gleich Schädlichen heraus das Projekt, anders zu leben, wagen. Interpretation der Wirklichkeit ohne deren Änderung wird schal, ohne praktisches Experiment (beginnend von der Änderung der eigenen Einstellungen und des eigenen Umgangs mit anderen) geht die geistige Erkenntnis bald einmal im Kreis.

Wenn Formulierer und Verkünderinnen von Kritik jeden Versuch, soziale Beziehungen und benötigte Dinge hier und jetzt den Zwängen der Verwertung ein Stück weit zu entziehen, für lächerlich erklären und die Rebellion gegen die herrschende Wertform des menschlichen Lebens auf eine zukünftige soziale Bewegung verschieben, nehmen sie das eigene Leben nicht wirklich ernst. Sie verlängern damit ohne Not die sachliche und damit asoziale Spaltung von Theorie und Praxis, Geist und Körper, ohne deren Aufhebung es auch keinen Schritt zur Emanzipation geben kann. Je mehr sich die Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitals erschöpfen und immanente soziale Verbesserungen wie Seifenblasen platzen, desto weniger lebbar wird auch das gespaltene Leben – einerseits als KritikerIn im Reich der großen Wörter, andererseits als leiblicher Mensch in der Welt der Ware -, desto dringlicher wird das Projekt der Einheit von Denken und sozialem Leben, von gedanklicher Kritik und lebenspraktischen Experimenten des Ausbruchs. Nicht erst als fernes Ergebnis, sondern schon auf dem Weg, ja als Vorbedingung zu Emanzipation und Befreiung. Die Umgangsformen in der kritischen Diskussion und Schreibe von der Konkurrenz zu Kooperation zu entwickeln ist dabei ein kleiner, durchaus schaffbarer Anfang. Hic Rhodus hic salta! Täglich. Wenn im Denken warum nicht auch im Handeln? Mit so vielen wie erreichbar und so weit, wie wir jeweils kommen.

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