Beamter? Anarchist? Avantgardist?

von Julius Mende

Dieter Schrages Vermächtnis? Soweit ist es noch nicht, obwohl das Buch mit seinem sehr netten Portraitfoto am Cover dadurch Vermächtnischarakter annimmt.

Zuletzt war Dieter — mit dem ich seit gut dreißig Jahren mal enger, mal loser befreundet bin — trotz seiner beiden Holzbeinprothesen auf unserem 68er-Fest am Südbahnhof ohne Krücken tanzend zu sehen. Ein Zeichen seiner Vitalität, seiner tänzerischen Leichtigkeit, die auch sein Politikverständnis für mich positiv kennzeichnet. Aus diesem Mix von Wahnsinn und Methode, aus Hoffnung und unbeirrbarer Alltagspraxis in der Politik gegen die Macht — besteht das Büchlein, das Beiträge über seinen Krankenhausaufenthalt beinhaltet, die mich sehr berührt haben, das diverse politische Kontroversen, zum Beispiel mit Fritz Herrmann, widerspiegelt und von der Aufmachung her schon recht nach anthroposophischer Denkschrift ausschaut. Ist das auch ein Jux des langjährigen Kustos am Museum für Moderne Kunst in Wien?

Eine schillernde Figur, würden gestandene Kommunisten und Sozialdemokraten sagen, schillernd wie sein jüngstes Buch. Doch schillert nicht auch die Wirklichkeit? Da schreibt der Peter Pilz ein Vorwort und lobt den politischen Gegner in der eigenen Partei. Schrages Trauerrede über seinen schon (erst? ) 1978 stattgefundenen Austritt aus der SPÖ wird abgedruckt. Dieter im Originalton: "Wenn ich jetzt zu den Grünen Alternativen finde nicht zuletzt, weil ein Anarchist bei der SPÖ peinlich, bei der KPÖ untragbar, bei der jungen bunten Grünen Alternative aber immerhin möglich ist" Schlenker: "… so ist der dort vorherrschende Antikommunismus für mich schon ein Problem! " (S. 13)

Diese nette Widersprüchlichkeit zieht sich durch alle Texte, bis hin zur Kritik an den Grünen in der sehr wohl kommunistischen Zeitschrift „Weg und Ziel“, in der Schrage über die Grünen 1992 schreibt: "Eine Minderheit setzte und setzt sicher auch heute noch auf systementsprechende Strategien, doch entsprechend dem Bewußtseinsstand der Mehrheit der Grün-Alternativen, wobei entscheidende Belange wie das Verhältnis zu Arbeit und Kapital oder zum Staat nie diskutiert wurden, ist die Frage , Die Grünen: Auf dem Weg zur Reformpartei? ‘ eigentlich falsch gestellt. Die Grünen sind nicht auf dem Weg zur Reformpartei, sondern sie sind seit ihrer Gründung eine Reformpartei das ist allein schon durch ihre Parlamentsorientierung gegeben. " (S. 22)

Schrage landete also bei den Grünen als Kritiker der Grünen und ist bei ihnen so auch nichts geworden, wie ihm Pilz im Vorwort bescheinigt. Ist man gleich ein "Idiot", wenn man auf individuelle Machtstrategien verzichtet bzw. verzichten will? Diese Frage wird im letzten Text differenziert, kritisch auch gegen die Kommunisten entwickelt und auf die "Idiotie der Hoffnung" insistiert.

"Ein in den letzten Jahren weit verbreitetes Trugbild weit verbreitet auch in den linken Kreisen — ist die Annahme, die trügerische Annahme, der Kapitalismus habe gesiegt. Ich selbst kann heute nicht sagen, ob es eine letztlich doch aus der gesellschaftlichen Realität gespeiste Gewißheit, eine für meine persönliche Existenz unerläßliche Utopie oder nur ein Festhalten an einem Lebensprinzip Hoffnung ist, wenn ich auch nach dem Zusammenbruch der Länder des sogenannten real existierenden Sozialismus den so oft berufenen , Sieg des Kapitalismus‘ nicht sehe und der schrittweisen Verwirklichung einer von den Ideen und Werten des Sozialismus bestimmten Gesellschaft nach wie vor eine Chance gebe. " (S. 111)

Seiten später stellt er den als vom Marxismus-Leninismus ausgehend bezeichneten — Weg der damaligen UdSSR bedauernd als ebenso gescheitert dar wie die sozialdemokratische Reformpolitik, die vielfach in die Steigbügelhalterrolle des Kapitals mündete.

Wie sein Bekenntnis zum Anarchismus signalisiert, setzt er auf die Genossenschaftsbewegung, auf Alternativbetriebe und Initiativen, die er als Erben des historischen Anarchismus versteht. Mehrfach bezieht er sich auf den Anarchisten Gustav Landauer — nach Schrage "Wegbereiter eines undogmatischen, freiheitlichen Sozialismus" — mit seiner Konzeption des werdenden und stets unvollendeten Sozialismus: "Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten", schrieb Landauer 1910.

Heute weiß natürlich auch Schrage, daß das nicht geht. Trotzdem setzt er sympathisch auf die partielle Vorwegnahme solidarischer Lebensweisen, Initiativen, Genossenschaften, Kollektive nach dem Prinzip der Selbstverwaltung und Basisdemokratie. Aus den Erfahrungen des historisch gescheiterten Anarchismus zieht er den Schluß der rechtzeitigen internationalen Vernetzung dieser bunten Initiativen. Ein klassisches historisches Subjekt solch inselartiger Wühlarbeit vermag er nicht zu erkennen, ortet die Menschen für eine Erneuerung aber eher bei gesellschaftlichen Randgruppen und aufgeklärten Mittelschichten als bei der zunehmend differenzierten Arbeiterschaft. Das erklärt auch die Hinneigung zu den Grünen.

Viele wichtige Fragen werden angeschnitten, auf die weder kommunistische Hardliner, noch Linksradikale, noch Alternativler gültige Antworten haben. Weniger Staat, mehr Gesellschaftlichkeit — was heißt das konkret, wenn die Alternativbetriebe in staatlich regulierten Gesellschaften nach der Logik kapitalistischer Verwertung und Profitmaximierung produzieren müssen? Was heißt Basisdemokratie, wenn in der kleinsten Initiative sich nach wenigen Monaten die Herrschaft der Herrschaften herausbildet?

Wie kann die Vernetzung nach dem "Schwammerlmodell" zum Kippen der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse in denen letztlich nur Falsches im Falschen möglich ist führen? Daß diese Fragen heute jemand offensiv stellt, ist schon mal ein Verdienst — vielleicht "idiotisch", aber vorwärtstreibend. Darauf gilt es theoretische und praktische Antworten zu finden, zumal Streikbewegungen, Arbeitsloseninitiativen und Selbstverwaltungsbetriebe weltweit wie auch in Europa zunehmen.

Vielleicht braucht ein vorgestellter Staatssozialismus die Buntheit der Genossenschaften, um nicht die staatlichen Machtapparate auszubilden und zu befestigen, die das erste so opferreiche "Experiment" neben anderen ruiniert haben. Massenmorde sind durch kein so hoch gestecktes Ziel zu rechtfertigen, wie viele das heute noch versuchen bzw. diese Tatsache leugnen wollen. Mit diesem Selbstbetrug geht Schrage kurz ins Gericht, um wieder seine Utopie zu entfalten, deren Schranken er selbst nennt. Doch: führt Utopie nicht notwendig zum Terror?

    Dieter Schrage: Wie ich noch einmal über die Stränge schlagen wollte und dabei vom Regen in die Traufe kam, Werner Eichbauer Verlag, Wien 1998.

P. S. : Dieter ist Beamter — kann so einer Anarchist sein? Oder nur "Idiot"? Als beides hat er Rathausleuten und Hausbesetzern vor Jahren den Tip gegeben, ein Parteihaus der Kommunisten zu besetzen, weil sich die jetzt, knapp nach dem Fall der Mauer, eh nicht wehren können — überhaupt, wenn man Kurden vorschickt. Dann rief er den kurz darauf ausgetretenen Parteivorsitzenden an (und mich), um uns die Besetzung anzukündigen. Im Rathaus freute man sich über den gelungenen Coup. Die Anarchos freuten sich auch. Seit Jahren betreiben sie nunmehr das Kulturzentrum Kirchwegerhaus.

Nach all dem oben Gesagten gut oder schlecht? Früher haben sich die Genossen (ohne großes I) gegenseitig abgemurkst — lernen wir das wenigstens aus der Geschichte, daß so etwas nie mehr passieren darf, ob im Netzwerk oder ohne Netz.

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