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Hausbau

02 Sep 2016

AUSlauf der Streifzüge 67/2016
von Martin Scheuringer

Hausbau ist für die Menschen, die sich das leisten können, eine enorm stressige Zeit. Dass ein Großteil der Menschen davon generell ausgeschlossen ist und in Mietwohnungen wohnt, ist die große Frechheit, deren Behebung zu organisieren ist.

Derzeit wird beim Hausbau die Scheidungsrate erhöht, die Frustration vermehrt und die Ungewissheit über die Zukunft verstärkt. 40 Stunden Beruf, am Bau werken bis zum Umfallen, die Prozesse koordinieren, den Gemeinden in den Arsch kriechen, die Kinder vernachlässigen und vom Mitmachen aussperren; schließlich die zu Abstrichen zwingende Kostenexplosion managen; all das zusammen führt am Ende dazu, in ein Haus einzuziehen, das die Erbauer an eine beschissene Zeit in ihrem Leben erinnert, das sich nicht behaglich anfühlt und das man nicht gern sein eigenes nennen mag.

Von giftigen Mauern und Putzen umgeben verbringt die Mittelschicht ihren häuslichen Alltag in zu großen Palästen, deren Planung und Ausführung Unbekannte zwecks Geldvermehrung übernommen haben. Und so fühlt es sich auch an. Kalt, glatt, funktional, weiß. Ausgenutzt und unfähig, selber etwas am Gebäude zu reparieren, da seine Errichtung durch den Industriellen-Bau-Komplex dem Laien ein Buch mit sieben Siegeln geworden ist, sitzen die Eigentümer frustriert auf der Couch und surfen sinnlos im Online-Store nach Produkten, um doch noch Behaglichkeit in den Bau zu bringen. Know-how ist vielleicht in winzigen Details vorhanden, doch verrückt sind die, die versuchen die Produktion und Teile der Produktionsmittel selbst in die Hand zu nehmen.

Oder auch nicht: Das Haus muss ja nicht so kompliziert sein, wie von Baumeistern empfohlen. Was sind die Bedürfnisse für das Wohnen, wer macht diese Bedürfnisse nach den großen Flächen, vielen Zimmern, der Elektronik, der riesen Küche? Wie viel Wohnraum steht die meiste Zeit leer? Hobbykeller? Kinderzimmer? Wellness-Oase? Teile des Wohnzimmers? Muss das alles weiß gestrichener Beton sein, der für 80 Jahre ausgelegt ist und nach 30 Jahren von den Kindern umgerissen wird, weil die andere Vorstellungen haben? Müssen wir Häuser als Kernfamilie bewohnen?

Was ist eigentlich mit dem menschlichen Drang, gestalterisch tätig zu sein? Gerade unser Heim gestalten wir nicht individuell, sondern lassen es serienmäßig produzieren. Unsere Kreativität wird auf die Auswahl aus dem Möbelkatalog eingeschränkt. Passiver geht’s nicht.

Mit etwas Geduld und Neugier kann jede und jeder gemeinsam mit lieben, hilfsbereiten Menschen lernen, sein Haus individuell zu gestalten, jenseits der vom Markt übrig gelassenen Nischen. Hausbau ist keine Zauberei, doch wie alle gekauften Waren erscheint das Produkt Eigentümern als magisches Objekt, da sie durch den Markt von der Herstellung ausgeschlossen werden.

Man kann den Hausbau womöglich als großes Fest aufziehen – die Tätigkeit selbst kann eine schöne sein, wenn man natürliche Materialien verwendet: Stroh, Holz, Lehm, Kalk, Plastik nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Dann werkt man in der Verbindung und im Einklang mit diesen Materialien dahin. Für Kreativität, für Ausprobieren, für Späße, für Gespräche ist Zeit und Raum. Gemeinsam entsteht ein individuelles Haus.

Die Gebenden kommen nicht auf die Idee, dass ihnen etwas genommen würde. Dies wird verständlich, wenn man bedenkt, dass Hilfe etwas Befriedigendes ist, dass das Putzen einer Wand mit Lehm oder Kalk eine herrliche Tätigkeit ist, wenn man sie im Rhythmus der Gemeinschaft und des Materials macht. Ohne Arbeitstakt. Ohne Polier.

Das gemeinsame Essen und die gemeinsamen Pausen sind elementarer Bestandteil dieser Art und Weise, Produktion und Konsumtion zu verbinden.

In der Mischmaschine wird das, was der Markt trennt, sozusagen wieder zu einer sinngebenden Verbindung zusammengebracht. Diese Einheit wird zum Beispiel als Wandputz in das Haus eingebaut. Und so ist auch die Einzigartigkeit der Menschen, die das Haus gemeinsam gebaut haben, im Haus vergegenständlicht.

Doch werden die Besitzer anderen helfen? Es spricht nichts dagegen, eine gute Zeit beim Hausbau zu haben, daher wird man mitmachen, obwohl man schon ein Häuschen hat.

4 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Heinz Göd meinte am 4. September 2016, 10:14 Uhr

    „Man kann den Hausbau womöglich als großes Fest aufziehen – die Tätigkeit selbst kann eine schöne sein, wenn man natürliche Materialien verwendet: Stroh, Holz, Lehm, Kalk, Plastik nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.“
    Ja, vor der Erfindung des Geldes war Hausbau höchstwahrscheinlich eine GeinschaftsArbeit.
    Pfahlbau-Dörfer,
    Trullo-Häuser,
    Pueblo, … sehen sehr nach GeinschaftsArbeit aus. In der Nachkriegszeit wurden Einfamilien-Häuser in NachbarschaftsHilfe erbaut.
    Eigenbrötler haben sich beim Hausbau meistens ihre Gesundheit ruiniert, meist die Bandscheiben.
    Hausbau in GeinschaftsArbeit kommt möglicherweise wieder
    http://www.members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069Buch/2069D_18.html
    (Suchbegriff: das Haus sehen )

  2. 2 Lora meinte am 4. September 2016, 18:02 Uhr

    Das optimistische Menschenbild, das der Autor seinen Äußerungen ganz selbstverständlich voraussetzt, in Ehren… – man kann es sich bestenfalls einreden, dass der Mensch nichts bis wenig mit Hobbes Wolfmensch zu tun hat, aber so richtig daran glauben tut – unterstelle ich anmaßend – keiner. Außer der jugendliche Revolutionär, eine Figur, die sich traditionell oder adornitisch zeigen kann und der sich als (in der Regel unbezahlter) Berufsrevolutionär bis hinter die Lebensmitte aufrecht erhalten lässt. Nein, nein, so ist unsere Gattung nicht, als dass sie dieses sozusagen angeborene Liebevolle, das hier Martin Scheuringer voraussetzt, hinter der von den Verhältnissen versauten Maske zeigt. Schön wär’s.

  3. 3 torben meinte am 6. September 2016, 23:26 Uhr

    @lora:
    meines Erachtens ist die Frage nach dem Menschnbild der falsche Ansatz.
    Menschen sind weder per se gut noch schlecht / weder altruistisch noch egoistisch. Menschenbilder sind Spiegel der Erfahrungen, die erlebt werden. Hobbes hatte bei seiner Konzeption vor Augen, wie die hergebrachte Ordnung in England mit den sich durchsetzenden kapitalistischen Prinzipien in lauter Konflikten zwischen den gesellschaftlichen Gruppen auseinanderbrach. Zu dieser Lage passt der Wolfsmensch auch ganz gut. Aber muss man das dann Naturzustand nennen?

    die Frage ist für mich eher, wie können Strukturen, Institutionen, gesellschaftliche Verhältnisse so gestaltet werden, dass sie tendenziell eine Kooperation fördern, die nicht auf stetiger Konkurrenz beruht. Dass kapitalistische Verhältnisse egoistisches Verhalten gegen andere (ich gewinne, weil du verlierst) fördern, nehme ich als gegeben. Das Ziel wären Verhältnisse, in denen ich gewinne, weil du gewinnst.

  4. 4 Heinz Göd meinte am 9. September 2016, 11:04 Uhr

    Ein Blick in die Natur zeigt :
    Von allen menschenähnlichen Tieren können nur die sehr starken als Einzelgänger überleben, nämlich der Gorilla und der Orang-Utan. Schimpansen und Bonobos, die mit bis zu 1.7 m in etwa die Körpergröße des Menschen erreichen – aber deutlich kräftigere Arme und Beine haben -, schließen sich zu Gruppen zusammen. Schimpansen arbeiten zusammen, wenn es ihnen Vorteile bringt,
    https://de.wikipedia.org/wiki/Schimpansen#Sozialverhalten
    Laut wikipedia
    https://de.wikipedia.org/wiki/Steinzeit#Materielle_Kultur_der_Steinzeit
    lebten die Menschen in der Steinzeit in kleinen Sippen, anzunehmen, dass da die Menschen zusammenarbeiteten, wenn es ihnen Vorteile brachte, z.B. bei der Jagd, beim Bau der Unterkunft …
    Zusammenarbeit ist also die natürliche Verhaltensweise des Menschen. Erst die Erfindung des Geldes ermöglichte ein eigenbrötlerisches Sozialverhalten. Und Geld ermöglichte, jeden Handstreich sofort entlohnt zu bekommen – und für jeden Handstreich Geld zu fordern. Geld machte also das Zusammenleben der Menschen unfreundlicher. Im Kapitalismus ist die Unfreundlichkeit zwischen den Menschen durch den Konkurrenzkampf auif die Spitze getrieben.
    Das Zeitalter der Zusammenarbeit dauerte mehrere Millionen Jahre, Geld gibt es erst seit ein paar Tausend Jahren. Kinder, die noch natürlich in Horden aufwachsen, arbeiten zusammen. Erst die Kleinfamilie mit nur 1 Kind und der Kapitalismus macht Menschen zu Eigenbrötlern.
    Dass der ‚Mensch dem anderen Menschen ein Wolf ist‘, damit rechtfertigen Raubvölker ihre Raubzüge, die menschliche ‚Natur‘ ist eher auf Zusammenarbeit und Austausch angelegt, weil das über Jahrmillionen so war. Die freiwillige Feuerwehr, das Rote Kreuz, viele Vereine … belegen das.

    PS: im Kommentar 1 sollte es statt ‚GeinschaftsArbeit‘ richtig ‚GemeinschaftsArbeit‘ heissen

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