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Pleite made in BRD

09 Feb 2010

Der drohende Kollaps der Staatsfinanzen in südeuropäischen Euro-Ländern ist die direkte Folge der aggressiven deutschen Außenwirtschaftspolitik

von Tomasz Konicz

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) dürfte die Lufthoheit über Deutschlands Stammtische sicher sein, nachdem er sich Ende Januar ausdrücklich gegen jegliche Finanzhilfen für das von einem Staatsbankrott bedrohte Griechenland aussprach. Es könne nicht sein, »daß jetzt die deutschen und französischen Steuerzahler die Mißentwicklung in Griechenland zu finanzieren haben«, polterte Brüderle anläßlich des Weltwirtschaftsforums in Davos in der Welt. Die Europäische Währungsunion sei jedenfalls nicht gefährdet, so der liberale Politiker: »Wenn sich alle an die Spielregeln halten, ihre Hausaufgaben erfüllen, dann funktioniert das auch.«

Brüderle vergaß allerdings die Welt-Leserschaft darüber in Kenntnis zu setzen, wer eigentlich die Spielregeln im Euro-Raum gemacht hat. Die strikten Vorgaben des Euro-Stabilitätspaktes wurden vor allem auf Betreiben Berlins realisiert. Die deutsche Politik sorgte auch dafür, daß die Europäische Zentralbank nicht befugt ist, griechische Staatsanleihen aufzukaufen, wie es etwa die britischen und amerikanischen Zentralbanken mit den Staatsanleihen ihrer Länder tun. Hierdurch wollten die deutschen Verfasser des Maastrichter Vertrags erreichen, daß jedes Euro-Land durch den »Finanzmarkt« zur strikter Haushaltsdisziplin genötigt wirde und »nicht auf die Solidarität aller zählen kann«, wie die Frankfurter Rundschau ausführte. Der Möglichkeit zum Gelddrucken vermittels des Aufkaufs der eigenen Staatsanleihen beraubt, droht Griechenland tatsächlich ein Staatsbankrott, sobald die Finanzmärkte nicht mehr bereit sind, griechische Obligationen weiter aufzukaufen.

Die Regeln der Eurozone gelten aber offenbar nicht für alle. Die Hegemonialmächte Deutschland und Frankreich kamen gleich bei Ausbruch der Weltwirtschaftskrise überein, sich eine großzügige Ausnahme von den Euro-Stabilitätskriterien zu gewähren und die Neuverschuldung beider Staaten aufgrund kostspieliger Krisenbewältigungsmaßnahmen weit über die vertraglich vereinbarte Drei-Prozent-Hürde des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen zu lassen.

Den größten Beitrag zur Eskalation der gegenwärtigen Euro-Krise leistete Deutschland. Berlin verfolgt seit Jahrzehnten eine aggressive, exportorientierte Wirtschaftspolitik, die in der – bis 2008 behaupteten – »Exportweltmeisterschaft« kulminierte. Den größten Absatzmarkt für das deutsche Kapital bildet die EU. An die zwei Drittel seines gesamten Außenhandels wickelt die BRD mit Ländern der Europäischen Union ab. Bereits 2005 erreichte der deutsche Handelsüberschuß mit den EU-Ländern mehr als 97 Milliarden Euro (Bei einem Gesamtüberschuß von 160 Milliarden Euro).

Die europäische Gemeinschaftswährung nahm den Euro-Ländern, die dieser deutschen Exportoffensive ausgesetzt waren, die Möglichkeit, mittels einer Währungsabwertung die Konkurrenzfähigkeit ihrer Wirtschaft wiederherzustellen. Das daraus erwachsene enorme ökonomische Ungleichgewicht zeigt sich drastisch an dem Pleitekandidat Griechenland, der in 2008 deutsche Waren im Wert von 8,3 Milliarden Euro einführte, während die Exporte sich lediglich auf 1,9 Milliarden Euro summierten. Auch im Warenverkehr mit anderen Pleitekandidaten der Eurozone wurden große Überschüsse erwirtschaftet. Das Handelsbilanzdefizit Italiens betrug 2008 gegenüber Deutschland rund 14 Milliarden Euro, Spanien verzeichnete ein Minus von 22,1 Milliarden.

Diese äußerst erfolgreiche Exportoffensive des deutschen Kapitals wurde vor allem durch eine binnenwirtschaftliche Verelendungsstrategie befeuert. Zwischen 2002 und 2008 stiegen die Bruttolöhne und Gehälter in Deutschland um durchschnittlich 15,2 Prozent, während sie im europäischen Durchschnitt um 31,9 Prozent zulegten. Inflationsbereinigt sind die Einkünfte laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sogar regelrecht eingebrochen: Die »Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmer« seien demnach im Zuge des Ausbaus des Niedriglohnsektors zwischen 2000 und 2008 in Deutschland um neun Prozent gesunken. Kein anderes EU-Land hat laut DIW in diesem Zeitraum einen derartigen Einbruch des Lohnniveaus verbucht.

Diese Entwicklung – mitsamt einer beständig steigenden Produktivität der deutschen Industrie – spiegelte sich auch bei den Lohnstückkosten wieder , also den Aufwendungen pro produzierter Wareneinheit. Während diese im Euro-Raum zwischen 1998 und 2007 laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung nahezu konstant blieben, sanken sie in Deutschland um über zehn Prozent. Die Lohnabhängigen in der BRD mußten sich also die Exportweltmeisterschaft des deutschen Kapital durch beständiges »Gürtel-enger-schnallen« vom Munde absparen.

Für die von der teutonischen Exportmaschine niedergewalzten Volkswirtschaften bedeutete das steigende Defizite, die entweder in permanent steigender Staatsverschuldung – wie im Fall Griechenlands –, oder in spekulativer Blasenbildung auf den Immobilienmärkten – wie in Spanien – mündeten. Bei der Verschuldung standen deutsche Banken den wirtschaftlich unterlegenen südeuropäischen Volkswirtschaften »helfend« zur Seite. Deutsche Institute, allen voran die Deutsche Bank, halten beispielsweise in Griechenland Forderungen in der Höhe von 47 Milliarden US-Dollar. In Portugal sind es 47 Milliarden und die Einwohner Spaniens stehen bei deutschen Kreditinstituten sogar mit 240 Milliarden US-Dollar in der Kreide. Die Krise bringt dieses ökonomische Dominanzsytem in Europa ins Wanken. Zumindest können die Hellenen sich sicher sein, daß Berlin ihren Staat nicht in die Pleite treiben wird – denn sonst müßte die deutsche Politik erneut einen milliardenschweren »Rettungsschirm« für die deutschen Banken aufspannen, die bislang an der Defizitbildung Griechenlands blendend verdienten.

aus: Junge Welt, 9. Februar 2010

2 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Cangrande meinte am 27. Februar 2010, 23:10 Uhr

    Ideologisch stramm, inhaltlich Stuss!
    Mit dem Scharniersatz “Die Regeln der Eurozone gelten aber offenbar nicht für alle” verknüpft der Autor zwei völlig unterschiedliche Sachverhalte: die Tatsache, dass die EZB keine Staatsanleihen ankaufen darf [beleihen darf sie sie allerdings, und das tut sie derzeit auch mit den griechischen!] und die Aussetzung des Defizitkriteriums.
    Beides ist richtig und notwendig, aber daraus eine Ungleichbehandlung der großen und kleinen Länder ableiten kann nur jemand, dem ideologischer Geifer in die Augen gelaufen ist.
     
    Für die von der teutonischen Exportmaschine niedergewalzten Volkswirtschaften bedeutete das steigende Defizite, die entweder in permanent steigender Staatsverschuldung.
    Nanu, hat VW etwa eine Crete Car Company “niedergewalzt”? Oder die deutschen Apfelproduzenten die griechischen Olivenexporte? Und wer hat die griechische Regierung gezwungen, Schulden aufzunehmen, damit sich die reichen griechischen Steuerhinterzieher mehr Porsche kaufen konnten (hoffentlich, denn wenn sie Toyotas gekauft hätten, hätte die EU auch noch ein Leistungsbilanzdefizit!)
    Bitte nicht dem Heiner Flassbeck nachplappern, was er in der FTD geschrieben hatte!
    Wenn z. B. Prof. Sinn auf dem Niveau von Flassbeck argumentiert hätte (z. B. prozentuale Lohnzuwächse vergleichen, ohne darauf hinzuweisen, dass die griechischen Löhne immer noch weit niedriger sind als unsere!): da hätten Sie sich (zu Recht) das Maul zerrissen!
    Wenn Deutschland seine Industrie nicht auf  internationale (es ist Ihnen vielleicht noch nicht aufgefallen, aber es gibt noch ein paar Länder außerhalb der Eurozone  und der EU, die Güter auf dem Weltmarkt anbieten! ) Wettbewerbsfähigkeit getrimmt hätte, hätten die Griechen halt japanische, koreanische … Autos gekauft.
    Freilich: ohne die Spendabilität ihrer Regierung, bzw. ohne die Umleitung öffentlicher Mittel in private Taschen (zumindest indirekt durch Steuerhinterziehung) hätten die Griechen sich alle diese schönen Sachen nicht kaufen können: weder bei uns noch anderswo.
    Und zum Schuldenmachen hat sie niemand gezwungen.
     
    Aber wenn es darum geht, die deutsche Öffentlichkeit weichzuklopfen, um deutsche Steuergelder an griechische Steuerhinterzieher umzuleiten (und an die darbenden Besitzer griechischer Staatsanleihen): da steht die Linke (Flassbeck, Hickel, Linkspartei, Grüne) ihren Mann als Verräterin an den Interessen der deutschen Arbeitnehmer! (Wie ja überhaupt die Linke immer recht schuldenfreudig ist: ein hübsches Zusammenspiel mit dem Klassenfeind!)
     

  2. 2 mann40 meinte am 3. März 2011, 19:12 Uhr

    Das Problem liegt ganz wo anders, als viele denken. Zum einen ist die Staatspleite von Euroländern und deutschland nicht etwa so hereingebrochen, sondern gewollt und gesteuert.Der Hauptgrund ist aber der, das die sogenannte BRD seit 18.juli 1990 nicht mehr exestiert, aber wer als Bürger weiss das schon.Wir sind nicht etwa wiedervereinigt, wie man uns das in den mainstream medien weissmachen will. wer das alles genau wissen will sollte sich bei bewusst tv oder youtube das interview mit wolfgang ebel (reichskanzler) anschauen und sich festhalten. denn das was er sagt ist nachprüfbar und entspricht der wahrheit.
    wer denkt das ich eine meise habe brauch sich nur das grundgesetz anschauen art.116GG
    dann weiss er welchem Staat er wirklich angehört.
    so erstmal war es das, und viel spass beim anschauen.

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