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… aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch!

01 Mrz 2008

Kafka – 2. Teil

Streifzüge 42/2008

von Eske Bockelmann

Ein Vater spielt die zentrale Rolle in der Geschichte Das Urteil, dies Urteil nämlich wird von einem Vater gesprochen. Er lässt es ergehen gegen seinen Sohn Georg Bendemann, einen jungen Kaufmann, mit dem er sein Geschäft schon längere Zeit gemeinsam führt. Zu Beginn der Erzählung, „an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr“, sitzt dieser Sohn über dem Brief an einen Freund – eine Szene also vollendeter Privatheit. Der Freund hatte sich allerdings vor einigen Jahren, „mit seinem Fortkommen zu Hause unzufrieden“, ins Ausland „förmlich geflüchtet“ und betrieb jetzt „ein Geschäft in Petersburg, das anfangs sich sehr gut angelassen hatte, seit langem aber zu stocken schien“ (1, 39). Und das macht nun Schwierigkeiten bis hinein ins Privateste, bis in diesen sonntäglichen Brief, denn: „Was wollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte“ – ihm so wenig wie jenem anderen Kaufmann, mit dem einer Mitleid haben mochte, oder irgendwelchen Leuten, denen kein Bedauern hilft – da Geschäfte anders laufen.

Drei Jahre lang war dieser Freund nun nicht mehr in der Heimat zu Besuch gewesen.

Im Laufe dieser drei Jahre hatte sich aber gerade für Georg vieles verändert. Von dem Todesfall von Georgs Mutter, der vor etwa zwei Jahren erfolgt war und seit welchem Georg mit seinem alten Vater in gemeinsamer Wirtschaft lebte, hatte der Freund wohl noch erfahren und sein Beileid in einem Brief mit einer Trockenheit ausgedrückt, die ihren Grund nur darin haben konnte, dass die Trauer über ein solches Ereignis in der Fremde ganz unvorstellbar wird. Nun hatte aber Georg seit jener Zeit, so wie alles andere, auch sein Geschäft mit größerer Entschlossenheit angepackt. Vielleicht hatte ihn der Vater bei Lebzeiten der Mutter dadurch, dass er im Geschäft nur seine Ansicht gelten lassen wollte, an einer wirklich eigenen Tätigkeit gehindert. Vielleicht war der Vater seit dem Tode der Mutter, trotzdem er noch immer im Geschäft arbeitete, zurückhaltender geworden, vielleicht spielten – was sogar sehr wahrscheinlich war – glückliche Zufälle eine weit wichtigere Rolle, jedenfalls hatte sich das Geschäft in diesen zwei Jahren ganz unerwartet entwickelt. Das Personal hatte man verdoppeln müssen, der Umsatz sich verfünffacht, ein weiterer Fortschritt stand zweifellos bevor.

Der Freund aber hatte keine Ahnung von dieser Veränderung. Früher, zum letzten Mal vielleicht in jenem Beileidsbrief, hatte er Georg zur Auswanderung nach Russland überreden wollen und sich über die Aussichten verbreitet, die gerade für Georgs Geschäftszweig in Petersburg bestanden. Die Ziffern waren verschwindend gegenüber dem Umfang, den Georgs Geschäft jetzt angenommen hatte. Georg aber hatte keine Lust gehabt, dem Freund von seinen geschäftlichen Erfolgen zu schreiben, und jetzt nachträglich hätte es wirklich einen merkwürdigen Anschein gehabt. (1, 41)*

Wie sehr ist das Kafka! Nicht, dass man es bereits kafkaesk nennen könnte, ja, eine Besonderheit dieser frühen Erzählung ist vielmehr, dass sie erst an einem bestimmten Punkt ins Kafkaeske umschlägt. Doch schon hier, von Anfang an trägt sie im Kleinsten, im Innersten spürbar jenes Größte eines Zusammenhangs, der sich über ganze Länder hinweg erstreckt und von dem noch der ganz Einzelne abhängig und durchdrungen ist. Ins Innen von „Stirne und Schläfen“ war es dem Kaufmann gedrungen als der Schmerz, den ihm seine Sorgen bereiten, aber auch wo solche Sorgen fehlen, durchdringt es eine Innenwelt: die des Verhältnisses der Menschen zueinander. Bei dem einen bleibt der geschäftliche Erfolg aus, beim anderen stellt er sich ein, und schon erweist sich, wie sie objektiv in Gegensatz zueinander stehen, sie, die doch zugleich Freundschaft verbindet. Der Geschäftserfolg hier geht noch nicht einmal auf Kosten des Misserfolgs dort, es sind getrennte Geschäftsbereiche, entfernte Länder, es besteht keine direkte Konkurrenz. Doch unter den gesellschaftlichen Verhältnissen, die einmal Kafkas waren und noch immer die unseren sind, vollzieht sich geschäftlicher Erfolg und Misserfolg notwendig und immer als ein sich Durchsetzen gegen andere, und dies Umfassende, egal, ob in Erfolg oder Misserfolg, erfasst auch jene Beziehungen zwischen Einzelnen, die von all dem unberührt scheinen.

Da bedeutet es nur das Geringste, dass es nunmehr kränkend wäre, dem Freund von einem Erfolg hier zu schreiben, der ihm dort versagt ist, oder von der bevorstehenden Hochzeit zu erzählen, wo er doch an Heiraten gar nicht denken kann, ihn zur Rückkehr aufzufordern, wenn es seinen Misserfolg festschreiben hieße. Es sind Skrupel, die sich Georg Bendemann tatsächlich macht, und als der Brief geschrieben ist, geht er zum Vater und trägt sie ihm teilweise vor. Und da wird es mit einem Mal kafkaesk.

Der Vater, unerwartet schwach und pflegebedürftig, klagt zunächst nur über „gewisse unschöne Dinge“, die seit dem Tod der Mutter vorgegangen seien: „Im Geschäft entgeht mir manches, es wird mir vielleicht nicht verborgen – ich will jetzt gar nicht die Annahme machen, dass es mir verborgen wird -, ich bin nicht mehr kräftig genug“, und bittet: „Aber weil wir gerade bei dieser Sache sind, bei diesem Brief, so bitte ich dich Georg, täusche mich nicht. Es ist eine Kleinigkeit, es ist nicht des Atems wert, also täusche mich nicht. Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg? “ (1, 45f. ) Und als Georg es beruhigend beteuert und sich schon Vorwürfe macht, den hinfälligen Zustand des Vaters bisher nicht aufmerksam genug beachtet zu haben, ihn jetzt umso fürsorglicher bettet und zudeckt, da mit einem Mal springt der Vater auf wie eine gespannte Feder, in alter Riesengröße, und klagt Georg an, wilder und wilder, des Verrats an dem Freund und der bösen Absicht, ihn, den Vater, unterzukriegen, hinauszudrängen, ihn, „verfolgt vom ungetreuen Personal, alt bis in die Knochen“ – „und mein Sohn ging im Jubel durch die Welt, schloss Geschäfte ab, die ich vorbereitet hatte“. Diese Absicht aber habe er ihm vereitelt, „der Freund ist nun doch nicht verraten! „, „mit deinem Freund habe ich mich herrlich verbunden, deine Kundschaft habe ich hier in der Tasche! “ (1, 50f. ) Und er spricht das Urteil: „Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! – Und darum wisse: Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens! “ (1, 52) Und Georg Bendemann geht hin und stürzt sich von einer Brücke in den Fluss.

Eine Schuld, die keiner hat

Was ist daran kafkaesk? Was also wäre daran vollkommen? Dies: Alles, was von dem Moment an geschieht, da der Vater zurückschnellt, bleibt unerklärt und unerklärlich – und doch versteht jeder die Wahrheit daran. Mit großer Sorgfalt hat Kafka geklärt, dass die Vorwürfe des Vaters, zusammengefasst in dem Äußersten an Verurteilung: „teuflischer Mensch“, nicht zutreffen. Georg Bendemann hat sich rücksichtsvoll überlegt, wie er die Verbindung zu seinem Freund weiter pflegt, die Schwäche des Vaters sieht er mit ehrlichem Erstaunen statt mit geheimer Freude, sogleich plant er, sich besser noch um den Vater zu kümmern, ihm ein angenehmeres Zimmer einzurichten, und keinen Gedanken gab es, den Vater aufzugeben und aus dem Geschäft zu drängen. Der Vater hat Unrecht mit seinen Vorwürfen, ganz zweifellos, und dennoch ergehen die Vorwürfe zu Recht: Denn auch die Schuld ist zweifellos – beglaubigt durch ein Urteil, das gefällt und vom Schuldigen unmittelbar selbst vollstreckt wird.

Unerklärlich bleibt dies, da er keine Schuld aufweist: Georg Bendemann ist das unschuldige Kind, die Schuld liegt nicht in ihm, sie besteht nicht subjektiv. Gleichwohl besteht sie wahrhaftig, besteht sie objektiv: objektiv in Form eben jenes Zusammenhangs, in den jeder eingespannt ist, an dem jeder teilhat und mitwirkt, und der sein Gegeneinander, Feindschaft und Trennung einsenkt in die Verhältnisse der Menschen, ob sie wollen oder nicht: ob sie es wissen oder nicht, ob sie die Feindschaft noch außerdem subjektiv, „teuflisch“ betreiben oder nicht, also ob die Schuld in diesem Sinne greifbar und erklärlich wird oder eben nicht. Eine Schuld, nicht greifbar, doch objektiv und unabweisbar, ein Schuldzusammenhang, manifest und dennoch nirgends festzuhalten: Diese , schwierigen Dinge‘ sind es, die Kafka hier fasst.

Aussprechen, zum Vorwurf machen lässt sich Schuld nur als eine moralische, als die Verurteilung eines Einzelnen für etwas, was er sich – schlimmstenfalls „teuflisch“ und jedenfalls subjektiv – habe zuschulden kommen lassen; von solcher Schuld spricht der Vater und um sie ergeht sein Urteil. Die andere, die wahre Schuld ist so nicht auszusprechen. Kafka aber fasst sie gleichwohl, indem er den Vorwurf einer Schuld, die sich aussprechen ließe, fehlgehen lässt und trotzdem darauf besteht, dass Schuld besteht. So zeichnet sich wie in der Hohlform jener fehlenden subjektiven Schuld diejenige ab, von der nicht ebenso zu sprechen ist, in der Hohlform, die durch jene zwar aufgespannt, nicht aber erfüllt wird. Kafka hält sie aufgespannt durch Todesurteil und Hinrichtung, und so füllt sie sich mit der Gewissheit jener anderen, zwar ungreifbaren, aber objektiven Schuld. Und diese ist – Kafkas Vollkommenheit – von den ersten Zeilen an präsent.

Denn schon eingangs bestimmt sie Georgs Gedanken an den Freund. Das Unbehagen, ja schlechte Gewissen, welches Georg überkommt, als er Situation und Möglichkeiten durchdenkt, entstammt der Kälte, Gemeinheit und Rücksichtslosigkeit der Verhältnisse, über die kein subjektiv guter Wille etwas vermag. Man höre noch einmal darauf, wie ehrlich Georg zugunsten des Freundes überlegt und wie quälend solche Überlegungen jeweils an etwas zuschanden werden, das sich dem objektiv entgegenstellt.

Sollte man ihm vielleicht raten, wieder nach Hause zu kommen, seine Existenz hierher zu verlegen, alle die alten freundschaftlichen Beziehungen wieder aufzunehmen – wofür ja kein Hindernis bestand – und im Übrigen auf die Hilfe der Freunde zu vertrauen? Das bedeutete aber nichts anderes, als dass man ihm gleichzeitig, je schonender, desto kränkender, sagte, dass seine bisherigen Versuche misslungen seien, dass er endlich von ihnen ablassen solle, dass er zurückkehren und sich als ein für immer Zurückgekehrter von allen mit großen Augen anstaunen lassen müsse, dass nur seine Freunde etwas verstünden und dass er ein altes Kind sei und den erfolgreichen, zu Hause gebliebenen Freunden einfach zu folgen habe. Und war es dann noch sicher, dass alle die Plage, die man ihm antun müsste, einen Zweck hätte? (… ) Folgte er aber wirklich dem Rat und würde hier – natürlich nicht mit Absicht, aber durch die Tatsachen – niedergedrückt, fände sich nicht in seinen Freunden und nicht ohne sie zurecht, litte an Beschämung, hätte jetzt wirklich keine Heimat und keine Freunde mehr; war es da nicht viel besser für ihn, er blieb in der Fremde, so wie er war? Konnte man denn bei solchen Umständen daran denken, dass er es hier tatsächlich vorwärts bringen würde? (1, 39 f. )

Es entweder tatsächlich vorwärts bringen oder durch Tatsachen niedergedrückt werden, Erfolg, den einer haben kann, oder Versuche, die ihm misslingen, das klingt so allgemein und harmlos nach Glück oder Pech, heißt aber mehr. Wo Kafka es durchdenkt, spürt man die Qual, dass nicht erst entscheidet, ob jemandem dies oder jenes glückt, sondern dass dies Etwas, worin man es vorwärts zu bringen hat, dass die Eigenart der Tatsachen, die einen da niederdrücken können, dass die Eigenart jenes Erfolgs oder Misserfolgs das teuflisch Ungute hat, eben die undurchdringlich unauflöslichen Verhältnisse vorzugeben, in denen etwa Freunde objektiv, „wirklich“ zugleich „keine Freunde“ sind. Schon dass es grundsätzlich darum geht, „erfolgreich“ zu sein, und welche lebenszerstörenden Folgen es hat, wenn dies misslingt, wirft ein scharfes Licht auf die Eigenart dessen, worum es dabei geht. Denn dieser Erfolg ist vorgeschriebenes Ziel einer objektiven, gesellschaftlich durchgesetzten Notwendigkeit: dass jederfür sichsein Interesse zu verfolgen hat; und dieses Interesse hat geldförmig zu sein. Alles weitere, woran Menschen interessiert sein mögen, an einem Freund, am Wohlergehen des Vaters, am eigenen Wohlergehen, ist diesem einen Interesse, einem jenseits aller subjektiven, inhaltlich bestimmten Interessen, streng und objektiv nachgeordnet.

Und siehe, solche Nach- und Unterordnung tut jenen Interessen gar nicht gut, sondern implantiert ihnen ein böses Gegenteil. So ist wohl wahr, dass Georg Bendemann den Freund nicht betrogen und nicht verraten hat, dass er den Vater nicht verdrängen möchte und nicht gegen ihn arbeitet. Und doch, wie er da notwendig für sich wirtschaftet, wirtschaftet er – was auch sonst – für sich, getrennt von denen, denen er sich doch verbunden weiß, und zuletzt auch gegen sie: Den Gang der Geschäfte, schon wie sich der eigene Erfolg zusammensetzt, geschweige denn, wem er an welcher Stelle zu welchem Misserfolg verhelfen wird, vermag keiner zu überblicken. Selbst gegen den Freund also, ja, gegen den Vater und, was in diesem Zusammenhang noch mehr heißt – Kafka lässt nichts im Unklaren -, gegen den Geschäftspartner, denjenigen also, mit dem er immerhin Geschäft und insofern „sein Interesse“ teilt: Indem er für sich agiert, agiert er gegen sie. Unterhalb von Freundschaft, Verbundenheit und Wohlwollen – oder eher noch: darüber – sind Gleichgültigkeit und Gegnerschaft am Wirken; und das bedeutet den Betrug und den Verrat, dessen Georg Bendemann zurecht angeklagt wird: eine Schuld, die er nicht hat, der aber keiner entkommt.

Prozess ohne Ankläger

„Die Schuld ist immer zweifellos“, so lautet daher notwendig ein Kafkascher Grundsatz: Nach diesem übt der Offizier in der Strafkolonie sein Richteramt (1, 168). Dort wird dem Verurteilten die Schuld, das Gebot, das er übertreten hat, buchstäblich einbeschrieben, mit einer Egge tausendfach blutig in die Haut geritzt. Er kennt seine Schuld nicht, kennt keine Anklage, kennt nicht das Urteil, weiß nicht einmal, dass er verurteilt wurde, bleibt ohne Gelegenheit sich zu verteidigen. Seine Schuld erfährt er im Vollzug des Urteils; die Schuld ihm einzubeschreiben, von der er nichts weiß und die doch objektiv besteht, darin besteht die Exekution.

Solche Schuld, unbekannt dem Schuldigen und dennoch zweifellos, beglaubigt durch eine Anklage, die erhoben, und ein Urteil, das vollstreckt wird, eine solche Schuld verfolgt auch Der Prozess, der berühmteste unter Kafkas Romanen. Er beginnt so:

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (3, 9)

An derselben Stelle, an welcher es im Urteil kafkaesk wurde, dort, wo grundlos Anklage erhoben wird, setzt der Roman erst ein. Was die Erzählung dem vorangehen ließ, den Nachweis, dass Georg Bendemann kein Verbrechen begangen hat, sondern in allen Anklagepunkten, die der Vater bringen wird, schuldlos ist, verlegt der Roman in einen einzigen Nebensatz: „ohne dass er etwas Böses getan hätte“. Das steht fest, muss nicht erst belegt werden und wird auch für den gesamten übrigen Roman keinen Augenblick lang in Frage gestellt – es geht nicht wie bei Ödipus darum, zu einer bislang unerkannten Untat vorzudringen, von welcher der Schuldige nur noch nichts weiß, denn eine solche gibt es nicht, um eine solche geht es nicht. Mit Vollstreckung des Todesurteils endet jedoch auch der Roman. Die Hinrichtung, das Schlusskapitel, hat Kafka schon bald nach Beginn des Romans niedergeschrieben, um danach erst am Mittelteil weiterzuarbeiten, er hat also dieselben Eckpunkte gesetzt, die auch die Erzählung kennt, Anklage und Urteil. Was aber war dann noch weiter zu schreiben, weshalb war es diesmal nicht damit getan, durch Ausschluss einer subjektiven Schuld die objektive hervortreten zu lassen?

Kafka ist hier weiter: Er gibt den subjektiven Schuldvorwurf insgesamt auf. Er kommt davon ab, jemandem noch Schuld in der Gestalt individueller Vergehen vorwerfen zu lassen, und folglich auch davon, dass einer, der sich als ihr Opfer sehen kann, persönlich Anklage erhöbe. Das Verkehrte des subjektiven Schuldvorwurfs hatte auch Das Urteil gezeigt, nämlich dass der Vorwurf einer subjektiven Schuld zwar die objektive meint und sie in Anschlag bringt, ihr jedoch, sie ins Subjektive verkehrend, nicht entspricht. Der objektiven, gesellschaftlich vermittelten Schuld entspricht ja umgekehrt, dass sie nicht erst an individuellen Vergehen ansetzt, und daher auch, dass sie keinen individuellen Ankläger kennt, dass insofern also niemand diese Anklage erhebt – obgleich, ja, indem sie objektiv ergeht. Das allerdings ließe sich nicht in einem kurzen Nebensatz sagen, ohne leer zu bleiben, etwa mit einem Beginn: „Josef K. wurde eines Morgens verhaftet, ohne dass ihn jemand angeklagt hätte„. Um den nicht persönlichen, um den gesellschaftlichen Charakter solcher Anklage zu erfassen, bedarf es notwendig epischer, besser eben: gesellschaftlicher Breite, weil es dafür nicht genügt zu sagen, niemand erhebe die Anklage. Was es heißt, wenn die Anklage gesellschaftlich ergeht, anders also: von wem die Anklage da ergeht, das ergründet man nicht mit Wörtern wie „niemand“ oder „alle“. Kafka jedoch weiß es zu ergründen und dafür braucht er den Roman.

Josef K. wird verhaftet, aber er bleibt in Freiheit, ja, eigentlich ändert sich für ihn gar nichts, nur dass er jetzt von einem Prozess weiß, der gegen ihn im Gange ist. Lange Zeit glaubt er ihn als Irrtum und Hirngespinst abtun zu können, ganz wie die andere Figur Kafkas, die sich „eines Morgens“ ohne Grund zwar nicht verhaftet, aber verwandelt sieht und diese Verwandlung nicht für wahr haben will. Anders jedoch als Gregor Samsa ist Josef K. nicht unbeweglich in sein Zimmer gebannt, sondern kann frei agieren und tut dies auch nach Möglichkeit, mit klarem Verstand und sogar mit einigem Mut – und dennoch so hilflos wie Gregor Samsa. Josef K. macht sich auf zu erkunden, worin die Schuld besteht, die ihm vorgeworfen wird, und wer vor allem die Instanz ist, die ihn dafür zur Rechenschaft zieht. Was er aber erreicht, ist nie mehr als die tatsächliche Gewissheit, dass es diesen Prozess gibt – während alles andere vollkommen ungreifbar bleibt. Es stellt sich heraus, dass jeder von solchen Prozessen weiß, dass einige auch schon von K. s Prozess gehört haben, dass es diese Gerichte neben den offiziell bekannten wirklich gibt, dass es zu Verurteilungen, aber auch Freisprüchen kommt, dass bestimmte Anwälte bei den Gerichten zugelassen sind, andere nicht, ja K. sucht selbst einen Anwalt auf, der Erfahrung mit solchen Prozessen hat, begibt sich in eines der Gerichtsgebäude, sieht andere Angeklagte, spricht mit Beamten des Gerichts. Und doch ist nichts zu erfahren, weder ob bereits Anklage erhoben wurde, noch wessen er angeklagt werden soll, nichts, wie es sonst um seinen Fall steht, nicht wie er sich verteidigen kann, noch wann eine Vorladung erfolgen wird, nicht wohin er sich wenden soll, nicht ob es irgendwelche Mittel gibt, um weiter, um vorwärts zu kommen. Nur umgekehrt: Je mehr er von anderen hört und erfährt, desto deutlicher wird, dass selbst diejenigen, die jener Instanz am nächsten zu stehen scheinen, der Anwalt etwa, um nichts mehr oder Genaueres zu sagen wissen als K. selbst. Nichts, was einer weiß, das nicht sogleich in jederlei Hinsicht so weit relativiert und zurückzunehmen wäre, dass es dem blanken Nichts gleichkommt.

Die ungreifbare Instanz

Kafka jedoch sagt mit all dem nicht nichts, sondern erfasst damit unsere Gesellschaft: als anonym-ungreifbaren Zusammenhang, rechtsförmig, formal, der jeden, wer immer sich in ihm bewegt, unter unbestimmte Drohung stellt und jedem abverlangt, ihm zu entsprechen, ohne dass sicher zu sagen wäre, wie. Die Nachforschungen von K. , der herauszufinden sucht, worin seine Schuld besteht und welches die Instanz ist, vor der sie besteht, ja die Instanz, die dem überhaupt die Form einer Schuld gibt, es sind Forschungen gleich denen des Hundes. Auch K. muss annehmen und erfährt, dass alle anderen Bescheid wissen, dass sie alle eigentlich jene Instanz sind, nach welcher er sucht, nämlich diese Instanz – wer wäre es sonst? – sein müssen, und dennoch nicht – es ist zum Verzweifeln – mit der Sprache herausrücken: in Wahrheit aber, weil sie ihr genauso nur unterliegen wie der Fragende und Forschende auch.

Entscheidend ist, dass die anderen, auch wenn sie jedem, im je eigenen Prozess befangen, so erscheinen müssen, nicht „die Anderen“ sind. Bei Kafka treten deshalb keine Drahtzieher, keine men in black auf, Leute mit dunklen Sonnenbrillen, die über die eigentlichen Machenschaften hinter den Kulissen Bescheid wissen, keine Vertreter einer überlegenen Macht im Hintergrund, ferngesteuerte poker faces, von denen man nur erkennen müsste: Sie sind unter uns!, um die Gefahr auszumachen und bekämpfen zu können. Ebenso wenig geht es nur gegen einen aufgeblähten Verwaltungsapparat, der hinter allem stehen und einem durch seine Schikanen das Leben versauern würde – obwohl es dergleichen natürlich auch gibt. Josef K. ahnt und erhält es bestätigt, dass bei diesem Prozess jeder seiner Sache förderlich oder gerade hinderlich sein kann, dass also vom eigenen Verhalten jedem anderen gegenüber – so wie umgekehrt von dem deshalb genau zu beachtenden Verhalten des anderen gegenüber K. – der gute oder schlechte Ausgang seines Prozesses berührt sein kann, ohne dass jemand vorherwissen könnte, wie. Von erotischen Beziehungen angefangen, die K. sofort eingeht, die eine Frau auf seine Seite ziehen und ihm so zu einem Fürsprecher, Vermittler oder Informanten verhelfen mögen, ihm andererseits aber genauso gut Feindschaft, Störungen des Prozessverlaufs, möglicherweise entscheidende moralische Minuspunkte eintragen können, bis zu dem Anwaltstermin, der sich hinzieht, vielleicht eben jetzt die beste Zeit für eine erfolgreiche Eingabe verzehrt oder aber mit der Geduld, die man für die endlosen und so unnütz scheinenden Ausführungen aufbringt, dem Gericht gerade umgekehrt ein Kriterium zugunsten des Angeklagten übermittelt: Kafkas Roman formt nach, wie alles und jedes Bezug auf jenen Prozess bekommt, in welchem ein Jeder gesellschaftlich um sein Überleben zu kämpfen hat.

Dies mit dürren Worten und abstrakt festzuhalten, so wie ich es gerade getan habe, ist schwach und tut keine Wirkung. Aber es tut bedrängende Wirkung dort, wo Kafka es fasst, und zwar indem er es gerade in den unzählig zufälligen Einzelzügen eines Lebens fasst, in jener Art kontingenter Vorkommnisse und Bekanntschaften, die nach der Klage des Kaufmanns keinem „deutlich“ sein können, die nicht vorwegzunehmen sind. Der Gang der Geschäfte, der Gang dieses Prozesses um Erfolg und Misserfolg, ist abhängig von zahllosen Dingen, unabsehbaren Vorkommnissen, unwägbaren Verhältnissen, und so unabsehbar er als solcher darüber wird, so unabsehbar ist die Beziehung auf ihn noch des Geringsten, des Privatesten, Persönlichsten. Wie um dies zusammenzufassen, beginnt eine spätere Erzählung Kafkas, Das Ehepaar, so:

Die allgemeine Geschäftslage ist so schlecht, dass ich manchmal, wenn ich im Bureau Zeit erübrige, selbst die Mustertasche nehme, um die Kunden persönlich zu besuchen. Unter anderem hatte ich mir schon längst vorgenommen, einmal zu K. zu gehen, mit dem ich früher in ständiger Geschäftsverbindung gewesen bin, die sich aber im letzten Jahr aus mir unbekannten Gründen fast gelöst hat. Für solche Störungen müssen auch gar nicht eigentliche Gründe vorhanden sein; in den heutigen labilen Verhältnissen entscheidet hier oft ein Nichts, eine Stimmung, und ebenso kann auch ein Nichts, ein Wort das Ganze wieder in Ordnung bringen. (8, 133)

Oder eben nicht: Ein Nichts, eine Stimmung kann entscheiden, und wo sie entscheiden, geht die Geschäftsverbindung unvermittelt über in die persönliche. Und so, wie der Mann dieser Erzählung später geschäftlich-persönlich am Krankenbett des K. sitzen und wie dann von tausend Kleinigkeiten abhängen wird, ob er zum Zuge kommt und ob dies etwas bewirkt, so sitzt der K. des Prozesses beim Anwalt oder liegt er bei einer Frau oder steigt er Treppen hinauf, und wird in all dem Zufälligen, das sich ihm ergibt, womit er zu tun bekommt oder was er selber tut, stets den Bezug zu diesem Einen empfinden und ausfindig zu machen suchen, dem ungreifbaren Prozess. Durch ihn ist all dies Zufällige, das er durchwirkt, sind all die kontingenten Einzelheiten nie nur zufällig. In ihnen wirkt, bis in sie hinein vollzieht sich dieser Zusammenhang – in ihnen ist er zu empfinden: In ihnen weiß Kafka ihn insgesamt präsent zu halten und empfindlich zu machen. Dafür braucht er die Breite des Romans.

Gesetz und Gesetze

Aber der Roman gerät damit auch in Schwierigkeiten. Denn das Forschen nach der Instanz, von der die gesellschaftliche Drohung und Forderung ergehen, kann zu keinem Ende kommen, wenn es darin besteht, ihr nie auch nur einen Schritt näher zu kommen. Es kann sich nicht der Augenblick ergeben, an dem Josef K. feststellen würde, aha, hier also sitzen die Richter, dies also ist die Anklage, so war das gemeint, der kann mir helfen, das also muss ich tun, um jenes zu erreichen. Dazu kann es nicht kommen – also findet der Roman kein Ende: Der vorweggenommene Schluss, die Hinrichtung K. s, lässt sich nicht mehr einholen. In der Erzählung waren Urteil und Vollstreckung notwendige Zeugnisse der Schuld. Im Roman, wo an ihre Stelle die Anklage ohne Inhalt tritt, sind sie fehl am Platz, denn diese Anklage kann nicht mehr zu ihnen führen. Die ungreifbare Instanz, als solche erkannt und dargestellt, kennt keinen Übergang mehr von der anonym gesellschaftlichen Bedrohung zum explizit ergehenden Urteil. Kafka muss abbrechen.

Nur ein einziges kurzes Stück aus dem Prozess hat er auch nach Abbruch des Romans so geschätzt, dass er es herauslöst und in einen Band „Kleine Erzählungen“ aufnimmt. Es weist den Weg zum nächsten Roman, Kafkas letztem und, so schwer sich das sagt, einem Roman noch über dem Prozess. Die kleine Erzählung ist eines der meistgedeuteten Stücke der Weltliteratur, es schreit geradezu nach der Deutung, die sie so sichtlich verweigert. Es heißt Vor dem Gesetz: Ein Mann vom Lande bittet einen Türhüter, der vor dem Gesetz steht, um Eintritt. Der wird ihm verwehrt, doch räumt der Türhüter ein, möglicherweise könne der Mann später eintreten, nicht aber jetzt. Der Mann wartet also vor der offenen Tür, ohne dass ihn der Türhüter, der allerdings auf zahlreiche weitere, noch mächtigere Türhüter auf dem Weg in das Gesetz verweist, unmittelbar abhalten würde. Das Warten währt ein Leben lang – und erst als der Mann altersschwach daran ist zu sterben und endlich bemerkt, dass außer ihm nie jemand gekommen ist, um an dieser Tür Eintritt in das Gesetz zu verlangen, sagt ihm der Türhüter: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ (1, 212)

Das ist so vernichtend, es ist so unerträglich, man muss da Einspruch erheben, muss deuten, muss umdeuten, man muss suchen, wie so etwas sein kann, nein, muss finden, dass es so nicht sein kann, es darfsonichtsein!

Und ist doch so. Und würde uns nicht so quälen, wenn es nicht unsere Wirklichkeit wäre – wenn es dieser Kafka nicht wieder vermocht hätte, das, was ihm in den Knochen und was unserer Wirklichkeit dort steckt, wo sie sich allem Verstehen sonst verschließt oder wo wir uns, um nicht verrückt zu werden, noch eigens vielleicht gegen das Verstehen verschließen müssen, es doch endlich spürbar, empfindlich und so, auf solche Weise, verständlich zu machen.

Diese Erzählung ist tatsächlich über die so genaue Deutung von Gesellschaft im Prozess noch einmal hinaus und skizziert jene genauere – vielleicht überhaupt die genaueste -, die Kafka dann im Schloss ausführen wird. Mit Notwendigkeit, wie wir gesehen haben, gibt er die Ausrichtung auf ein Urteil, das telos eines Strafprozesses, auf. Kafka innerviert in der Gesellschaft zuletzt jenen allgemeinen, wie immer bedrohlichen Zusammenhang, in den jeder, und wieder jeder für sich, Eintritt zu suchen hat, der ihm aber undurchdringlich und auf immer verwehrt bleibt. Dorthin, obwohl jeder hineingelangen muss, ist nicht zu gelangen, dorthin gibt es keine Aufnahme, wie man in eine Gruppe oder Gemeinschaft, und wäre sie die trockenste Interessengemeinschaft, Aufnahme zu finden vermöchte.

In der gegebenen, der kapitalistischen Gesellschaft sind die Menschen gezwungen, als Einzelpersonen, also privat über Geld zu verfügen und es auf eine Weise zu erwerben, zu deren Grundlage die marktvermittelte Konkurrenz gehört, so dass sich also lauter Privateigentümer in der Verfolgung ihres vorgeschriebenen Privatinteresses, an Geld zu kommen, wechselseitig die Teilhabe an Geld zu bestreiten haben. Der Ausschluss der anderen – das Privatverhältnis – ist damit zugleich die Form des Zusammenhangs aller. Es ist dieser Gegensatz, auf welchem die hiesige Gesellschaft beruht, den sie als Zwang einrichtet und den jeder zu beachten und zu bedienen hat, der in dieser Gesellschaft lebt, sofern er nicht krepieren oder vor sich hin vegetieren will. Dieser Gegensatz also ist das Gesetz, nach dem unsere, die kapitalistische Gesellschaft funktioniert. Damit sie danach funktionieren kann, hat sie noch außerdem jede Menge Gesetze zu erlassen, nach denen das Aufeinanderprallen all der unzähligen Gegensätze geregelt wird, die mit jenem einen aufgemacht sind – ganz gegen das Interesse der Menschheit.

Jeder Einzelne hat seinem Privatinteresse gegen die anderen zu folgen, indem er zugleich anerkennt, dass es jeder andere gleichermaßen gegen ihn tut. Insofern muss in einer solchen Gesellschaft gelten: Vor dem Gesetz sind alle gleich. „Das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein“, so heißt es in der Erzählung, jedem soll es zugänglich sein, da es den Verkehr der ihm Unterstehenden untereinander regelt; dafür darf es nicht nur über sie verhängt sein, sondern muss sich jeder auch an es wenden können – gegen die anderen. Weiter heißt es: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt.“ Das genau ist jedem in der bestehenden Gesellschaft zwingend auferlegt: dass er vor ihr nur als der abstrakt Einzelne, als Geldeigentümer dasteht. Jeder ist, ob er will oder nicht, als dieser Einzelne einer abstrakten Allgemeinheit von Gesellschaft gegenübergestellt, auf die er gerade als dieser Einzelne angewiesen ist und ausgerichtet sein muss. Und doch bleibt er ihr gegenüber der abstrakt Einzelne, den diese Gesellschaft, von deren Aufnahme er abhängt, als der selbst abstrakte Zusammenhang nicht aufnehmen kann. An ihr hat man nur durch den Ausschluss teil – ohne dass einem das Bemühen um Einlass deshalb erlassen wäre: das Bemühen um den Erfolg, der nur einer gegenüber der Gesellschaft und nach ihrem Gesetz sein kann, in beide aber nicht einzudringen vermag. Deshalb spricht Kafkas Türhüter nur jeweils: „Jetzt nicht! “ – und der Einzelne bleibt sein Leben lang vor das Gesetz gebannt, vor den Eingang, der ihm nur als dem Einzelnen zugewiesen ist und der sich erst mit seinem Tode schließt.

„Das Schloss“ . beginnt so:

Es war spät abend, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führt, und blickte in die scheinbare Leere empor. (4, 9)

Bis hierher könnte es noch von jedem geschrieben sein, der auch einen Satz wie „Er schaute aus dem Fenster“ zustande bekommt. Noch könnte auf diese Sätze das Letzte an Heimatroman folgen, so kunstlos sind sie. Und doch spürt man bereits, wie sie weiter führen. Jeder Satz bei Kafka führt mit äußerster Genauigkeit auf einen unwiderstehlichen Zusammenhang, in dem wir, wie in höchster Konzentration, unseren gesellschaftlichen empfinden. Nur wenige Seiten, nein, meist genügen wenige Zeilen, und er ist da. Und dann aber – und das liest man inzwischen allein schon aus Kafkas Namen – hinterfängt er jeden weiteren Satz, durchdringt ihn, und wäre es der harmloseste: „Er schaute aus dem Fenster“ – ja, aber wir wissen, wo dies Fenster steht.

Und fast müssen diese Sätze dafür harmlos sein: nichts als genau, nichts weiter als das Nötige betreffend, nichts anderes in sich tragend als den objektiven Sachverhalt. Aus keinem seiner Sätze glänzt der Autor Kafka hervor, nie macht sich das Geschriebene zum Diener schöpferischer Größe, ohne Überschuss verbleibt es stets innerhalb der Sache, von der es Mitteilung macht. Nur so können die Sätze ihre objektive Kraft entwickeln, dieses Objektive zu fassen: das sich einem Blick aus dem Fenster gerade nicht zeigt. Auf der Holzbrücke steht K. und blickt in die scheinbare Leere empor. Tatsächlich, sie ist nicht leer, nichts aber ist zu sehen: Dies gilt es zu sehen. Es gibt das Schloss, gibt den Zwang, darin Einlass zu erhalten, und gibt doch weder Einlass noch Schloss. Aber mit Erkenntnis dieses Widerspruchs hat die Sache nicht auch ihr Ende, denn der Widerspruch selbst hat keines, sondern besteht darin, dass er sich, auch insofern ein Prozess, vollzieht. In kontingenten Einzelheiten vollzieht er sich, in allem unzähligen Einzelnen, und doch als Einer, als dieser eine Zusammenhang unserer Gesellschaft. Als dieser liegt er in allen Sätzen Kafkas, spürbar, empfindlich, vollständig; und das heißt: vollkommen.

* Die Ziffern benennen Band? und Seitenzahl der Ausgabe: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Nach der Kritischen Ausgabe hg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt/M. : Fischer, 1994.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Konkret vs. Marcel Reich-Ranicki | SonntagsGesellschaft meinte am 28. Oktober 2013, 11:08 Uhr

    […] PS: Der 2. Kafkabeitrag: http://www.streifzuege.org/2008/aber-noch-eigentlicher-warst-du-ein-teuflischer-mensch […]

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