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Dialektik der Scherben

01 Jul 2007

Streifzüge 40/2007

KOLUMNE Rückkopplungen

von Roger Behrens

„Ist alles in Ordnung? Ist der Sound okay?“, fragt Rio Reiser beim Konzert am 1. Mai 1983 im Berliner Tempodrom das Publikum. Natürlich ist nichts in Ordnung, aber der Sound ist okay – sehr okay. Ton Steine Scherben hatten damals gerade ihre letzte Studioplatte herausgebracht, schlicht „Scherben“ betitelt, so wie man die Band ohnehin nannte; denn das klang mehr nach Punk, dem man die Gruppe wohlwollend zuordnete. Dazu passte allerdings nicht, was jetzt zu hören war: „Wo sind wir jetzt / Seele versetzt / Herzen verkauft / Ich halt’s nicht mehr aus“ – lautet der Refrain des ersten Stückes der Platte, mit dem auch das Konzert beginnt. Das Cover des „Scherben“-Albums zeigt ein verschwommenes Schwarzweißfoto der Band, behutsam nachkoloriert in den für die Ästhetik der Hässlichkeit der Achtziger typischen Pastellfarben. Zu hören sind Liebeslieder, mager arrangierte Songs und pseudopolitisch aufgemotzte Reime; kurzum: die Platte ist musikalisch wie textlich eine Enttäuschung und man hört nicht nur den Abgesang einer ehedem bedeutenden Band, sondern findet gleichsam auch eine Geschichte des Scheiterns der Linken skizziert. Die fünfzehn Jahre von 1970 bis 1985, in denen Ton Steine Scherben als Band existierte, markieren nämlich auch das Versäumnis und Unvermögen der radikalen Linken, eine radikale Kultur hervorzubringen: die verpasste Chance und unerkannte Notwendigkeit einer politisch wie ästhetisch revolutionären Avantgarde, die Spaltung von künstlerischer Produktion und Alltagspraxis aufzuheben.

Diese Chance wie Notwendigkeit gleichermaßen bestand weltgeschichtlich Ende der sechziger Jahre, als im Zuge des Pariser Mai zum letzten Mal der Kapitalismus in seiner Totalität fundamental infrage gestellt war: als System der strukturellen Gewalt, des Elends und der Armut sowie gleichermaßen als warenproduzierende Überflussgesellschaft – also erstmals unter dem Vorzeichen der Gewissheit, dass der Kapitalismus auch dann, wenn er sich selbst als funktionierende Konsumgesellschaft inszeniert, nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Bücher wie Marcuses „Eindimensionaler Mensch“ von 1964 oder Debords „Gesellschaft des Spektakels“ von 1967 haben in ihrer rücksichtslosen Kritik des Kapitalismus eine Neugestaltung der Kultur gefordert, die sich nicht mehr aus der bestehenden kulturellen Ordnung speisen kann. Wie so etwas in die Praxis umsetzbar wäre, ist nicht von der absterbenden bürgerlichen Hochkultur zu beantworten versucht worden, sondern ausgerechnet von der konstitutiv durch die Warenproduktion bestimmten Popkultur: Ende der sechziger Jahre brechen die Strukturen auf und eine Musik mit neuen Sounds, neuen Inhalten, neuer Form wird geschaffen.

Inmitten dieses Aufbruchs tauchen auch Ton Steine Scherben auf, die 1970 in Westberlin von R.P.S. Lanrue, Rio Reiser, Wolfgang Seidel und Kai Sichtermann gegründet werden. Die Band versteht ihre Musik im Sinne des alten Agit-Prop-Konzeptes und sie singen das, was sie zu sagen haben, auf Deutsch; musikalisch orientieren sich TSS am einfachen Bluesrock, ein bisschen Beat, ein bisschen Soul. Beim Love-and-Peace Festival am 6. September 1970 auf der Ostseeinsel Fehmarn kommt es beim Auftritt von Ton Steine Scherben zum Tumult, der das Image der Band nachhaltig prägen soll: Unbekannte zündeten auf dem Festival während des Scherbenauftritts ausgerechnet beim Lied „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ das Organisationsbüro an, woraufhin die Veranstaltung abgebrochen werden musste (übrigens hatte auf diesem Rockfestival, welches zu den damaligen Versuchen zählt, Woodstock kommerziell zu wiederholen, Jimi Hendrix kurz vor seinem Tod sein letztes Konzert gegeben). Der Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ ist nun nicht nur wegen seiner reduzierten, aber dennoch spannungsreichen Melodie bemerkenswert, die durch den parolenhaften Text unterstützt wird, sondern vor allem wegen der Schlussreferenz, wenn – wie bei der berühmten Aufnahme auf der ersten Ton Steine Scherben-Platte – sich die Musik in das „Einheitsfrontlied“ von Brecht und Eisler verwandelt.

Dass überhaupt die beiden ersten LP-Veröffentlichungen „Warum geht es mir so dreckig?“ (1971) und „Keine Macht für Niemand“ (1972) noch heute als Antizipation des Punkrock gehört werden, kommt nicht von ungefähr. Neu war etwa, dass die ersten vier Stücke des ersten Albums Live-Aufnahmen sind; das gab der Musik einen rauen, spontanen Ton, etwas Authentisches. Authentisch im Sinne des Punk sind schließlich auch die aus Pappe selbst zusammengehefteten und mit Schablonen selbst bedruckten Cover. Vor allem – und das muss man sich für den Kontext der frühen Siebziger vergegenwärtigen – geht es in den Liedern nicht um die popüblichen Stereotypen von Liebe, Boy meets Girl, Spaß und Weltflucht, sondern ganz im Gegenteil: Hier geht es um Alltagserfahrung und Klassenkampf, formuliert als vollkommen legitimes Bedürfnis nach Unterhaltung und Interesse an der eigenen Geschichte; dies aber nicht im Auftrag von Partei, mit Personenkult, Belehrung oder der faden Doktrin vom sozialistischen Realismus, sondern bestimmt von einem anarchistischen Impuls – und es ist Bands wie den Scherben zu verdanken, dass solche libertären Motive in der Linken nicht gänzlich verloren gegangen sind. Nicht gelang es jedoch, daraus und darin eine kulturelle Praxis zu begreifen, wie indes Peter Weiss es historisch als „Ästhetik des Widerstands“ formulierte (1975–1981).

1975 veröffentlichten die Scherben mit „Wenn die Nacht am tiefsten …“ eine Doppel-LP, die Höhepunkt und Krise der Band wie der politischen Bewegung in den Siebzigern zum Ausdruck bringt: Ton Steine Scherben waren jetzt aufs Land gezogen, nach Fresenhagen in Schleswig-Holstein, raus aus der Stadt, weg von Berlin: Auf dem Cover ist das mittlerweile zum Kollektiv angewachsene Projekt noch inmitten der Metropole zu sehen („Vor zwei Jahren waren wir noch fünf Leute, jetzt sind wir sechzehn, im Alter zwischen vierzehn und dreiunddreißig. Aus den verschiedensten Berufen.“). Doch der Illusionismus des Gruppenfotos steht im Kontrast zur wachsenden Desillusionierung, eine Ambivalenz, die sich schließlich in der Musik niederschlägt: Zur Dialektik der Scherben gehören auch die Scherben der Dialektik. Das Doppelalbum verrät insofern eine musikalische Landflucht: Ein Konzeptalbum über das Prinzip Hoffnung, einschließlich eines angenehmen Messianismus, der dem Album gleichwohl eine quasireligiöse Färbung gibt. Es heißt: „Unser Schiff / heißt Hoffnung“. Oder: „Die längst verloren geglaubten / werden von den Toten auferstehn.“ Die Reise führt biblisch, inspiriert von Karl May, „Durch die Wüste“. Die Stücke erreichen mit sieben, neun und sogar bis zu zwanzig Minuten nachgerade Progrock-Länge; auch in ihren Arrangements sind sie mäandernd und psychedelisch verspielt; hier und da gibt es illustrative Soundeffekte. Sicher wird mit Kitsch und Happy End kokettiert. Und gleichzeitig wird die Musik über die letzte Plattenseite ins Freie, in die Montage, in die Collage aufgelöst. Für das ästhetische Potenzial dieses Albums fehlte es allerdings Mitte der siebziger Jahre in der K-Gruppen-Linken an Sensibilität, an Sinnlichkeit und Lust; der revolutionäre Kulturentwurf stand nicht mehr auf der Tagesordnung, verödete. Die damalige Ignoranz gegenüber den radikalen Popentwicklungen der Siebziger zeitigt bis heute ihre Nachwirkung. Auch an Ton Steine Scherben sind diese Entwicklungen nicht vorbeigegangen, was den nachfolgenden, letzten Alben auch anzumerken ist: Das ästhetische Programm scheint sich merkwürdig in einem offiziellen Kulturauftrag zu nivellieren. Die damalige Jungdemokratin und spätere Grüne Claudia Roth wird 1982 Managerin von Ton Steine Scherben – auf der „Scherben“ wird sie unter „Tea & Sympathy“ aufgeführt.

Für die radikale Linke gaben Ton Steine Scherben in den achtziger Jahren dann nur noch nominell den Soundtrack ab. Die Musik wurde von der Neuen Deutschen Welle vollständig absorbiert, 1985 löst sich die Band auf; auch die Seitenprojekte wie Brühwarm oder Die Stricher versanden. Auch hier macht sich bereits der postmoderne Zeitgeist der achtziger Jahre bemerkbar, freilich in der deutschen Variante einer geistig-moralischen Wende, die weit über ein konservatives Rollback hinaus große Teile der Friedensbewegung, der Alternativen und der Linken als neues nationales Wir-Gefühl erreicht. Die Splitter der Scherben fügte man zum Mosaik einer neuen Volksmusik zusammen, als deren Schöpfer Reiser fortan verehrt wurde. Und in denselben Jahren, in denen sich ein Michael Jackson zum King of Pop machte, kürte Rio Reiser sich zum „König von Deutschland“ und damit zum alternativen Politclown, den man nunmehr sukzessive zum deutschen Dichter zurechtmodelt. Reiser starb 1996.

Dass Ton Steine Scherben keinen Spätstil ausbilden, ist für die Popmusik insgesamt signifikant und findet sich bei den Rolling Stones, bei Yes, The Who, Bob Dylan, The Cure, bei The Residents oder bei Donna Summer gleichermaßen. Die Ausnahmen – Frank Zappa, The Fall, … – bestimmen die Regel, die da lautet: Der Spätstil scheitert am Stil überhaupt. Stattdessen wird die Ästhetik der Popmusik vom Ausdruck dominiert; und deshalb kann man die Musik von Ton Steine Scherben nach gusto, und das heißt leider auch geschmäcklerisch fortsetzen: als reine Kunst, losgelöst vom gesellschaftlichen Kontext. Darin unterscheiden sich die Coverversionen von Scherben-Stücken bei der Punkband Slime kaum von denen, die Marianne Rosenberg gesungen hat: Es sind persönliche Vorlieben, die einzig darüber entscheiden, ob man das mag oder nicht. Dass es sich hierbei keineswegs um ein Privatproblem einzelner Musiker und Bands handelt, sondern um ein grundlegendes Problem emanzipatorischer Praxis im Sinne radikaler Kultur, ist bisher kaum erkannt worden. Im Gegenteil wurde die popkulturelle Individualästhetik kollektivistisch zur Subkultur verklärt, und schnell war man schon zu Beginn der Siebziger bei den Scherben mit dem Kommerzialisierungsvorwurf zur Hand. Doch in der kapitalistischen Kultur, für die Kommerz konstitutiv ist, läuft solche Pseudokritik sowohl ins Leere als auch in die falsche Richtung: Rasch wird künstlerische Regression zum Programm vermeintlicher Erbschaft und Tradition gemacht. Dagegen gilt es zu verteidigen, was Marx lapidar zum Ausgang der revolutionären Epoche im 19. Jahrhundert notierte: Man muss den Verhältnissen ihre eigene Melodie vorsingen, um sie zum Tanzen zu bringen. Dazu gehört mehr als gut gemeinte Kunst und Vertrauen in die Distinktionskraft des eigenen Geschmacks. Dazu gehört nämlich das, was Benjamin die Politisierung der Kunst nannte: ein kritisches Moment von produktiver Erkenntniskraft, das ist: die Fähigkeit, mit dem gegebenen Material im Sinne kritischer Signifikanz umzugehen. Solche Fähigkeit zeigt sich, wenn überhaupt, in der Popkultur bisher unbewusst, in der künstlerischen Produktion allegorisch verhüllt. Selten wissen Musiker, wie gut sie sind. Selten wissen viele Musiker aber auch, wie schlecht sie sind. Gelegentlich ist es allerdings eine Ahnung, die ein ästhetisches Unbehagen in die Musik mit aufnimmt. Und mitunter ist es gelungen, dem wenigstens ironisch gebrochen Ausdruck zu verleihen, so wie bei den Lassie Singers (1988–1998) oder Britta (seit 1997), zwei Bandprojekte, bei denen Britta Neander wieder auftaucht, die von 1974 bis 1982 bei den Scherben spielte. – Britta Neander stirbt unerwartet nach einer Operation 2004.

Jüngst ist das „Gesamtwerk“ von Ton Steine Scherben erschienen: Dreizehn CDs in discophiler Gestaltung, die Einzelalben in Pappcovers, alles remastert und einiges an bislang unveröffentlichtem Material; dazu ein 72-seitiges Booklet mit zahlreichen Fotos und Berichten zur Bandgeschichte. Erschienen ist die Box bei Scherben-Label David Volksmund Produktion 2006. Wem das nicht reicht: Mittlerweile gibt es auf Youtube ebenso wie auf Myspace viele Video- und Audiomitschnitte der Scherben, darunter auch Skuriles. „Guten Morgen“ – das erste Songbuch, 1972 im Selbstverlag erschienen, gibt es als PDF zum Download auf: www.riolyrics.de/gutenmorgen.html.

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