Zum 100. Geburtstag von Ivan Illich (1926–2002)
von Maria Wölflingseder
Die Zeiten, als Ivan Illich zu Beginn der 1970er Jahre mit seiner radikalen Kritik weltweit an den Universitäten für Aufruhr sorgte, sind lange vorbei. Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich seit damals zwar rasant in eine noch viel bedenklichere Richtung entwickelt, aber die Infragestellung unseres Systems mit seiner tödlichen Logik ist verflogen. Reparatur und Optimierung statt Systemüberwindung stehen heute auf der Tagesordnung von Wachstumskritikern und Klimaschützerinnen. Verwunderlich aber, dass die (Rest-)Linke Illich’ Erkenntnisse kaum oder gar nicht aufgegriffen hat. Was hat es mit den blinden Flecken auf sich, vor allem was Technik- und Medizinkritik betrifft?
Am 4. September 1926 wurde Ivan Illich, der spätere katholische Priester, Befreiungstheologe und Philosoph, als Sohn eines kroatischen Vaters und einer jüdisch-deutschen Mutter in Wien geboren. Ursprünglich lautete sein Name gemäß der kroatischen Schreibweise Ilić. Ausgesprochen wird er in veränderter Schreibweise aber noch genauso.
Über Ivan Illich und seine grundlegende Kritik an den widersinnigen Erscheinungen unseres glorreichen Fortschritts haben wir in den Streifzügen im Lauf der Jahre immer wieder geschrieben. Vor allem Marianne Gronemeyer von der Stiftung Convivial, eine der besten Kennerinnen von Illich und seinem Werk im deutschsprachigen Raum, hat hier wichtige Beiträge beigesteuert. Auch Lorenz Glatz und Franz Schandl haben immer wieder auf ihn verwiesen.
Zum 20. Todestag von Illich habe ich ein kleines Porträt gestaltet über den „jüdischen Wanderer und christlichen Prediger“ und auf eine seiner wichtigsten Botschaften aufmerksam gemacht: Selbstbestimmung statt Expertenherrschaft.
Ivan Illich’ 100. Geburtstag ist ein schöner Anlass, um auf einen wichtigen neuen Lesestoff aufmerksam zu machen.
Der 50-seitige Essay von Andreas Urban
„Kontraproduktive Gesellschaft –
Zur wertkritischen Relevanz von Ivan Illich“
wurde auf wertKRITIK.org veröffentlicht.
Der 1982 geborene Sozialwissenschaftler ist Mitglied der „Gruppe für Wertkritik und Krisentheorie. Antipolitik – Antiökonomie – Antimoderne“.
Dieser Aufsatz geht einerseits der Frage nach, warum in der Linken bzw. in der Wertkritik eine radikale Technikkritik fehlt – sowohl historisch als auch aktuell – und andererseits wird Illich’ Werk auf fehlende kapitalistische Kategorien wie Wert, Ware, Geld hin untersucht. Illich’ Analysen einer kontraproduktiven Gesellschaft werden anschaulich dargestellt und mit der Wertkritik in Beziehung gesetzt. Die negativen Auswirkungen der Medizin, die „Medikalisierung“ der Gesellschaft durch Pharmazeutika, „Geräte“ oder Gentherapie. Das Bildungswesen, das der „Produktion von abhängigen Konsumenten“ dient und einer „ritualisierten Entmündigung“ gleichkommt. Insbesondere kommt Illich’ Kritik an der Technologie und des modernen Industriesystems mit seinen destruktiven Folgen ausführlich zur Sprache. Urban betont, Illich sei keineswegs technikfeindlich, sondern entscheidend ist, ob Werkzeuge und Technologien die Autonomie und das Schöpferische der Menschen fördern – solche bezeichnet Illich als „konviviale“ – oder ob die Menschen von ihrer Technik beherrscht werden. Wesentlich sind auch Energie und Ressourcen, die eine Technik verbraucht. Illich’ Vision der „Konvivialität“ zielt auf ein selbstbestimmtes, gemeinschaftliches Leben ab. Das Wort „Konvivialität“ leitet sich vom lateinischen convivere (zusammenleben) bzw. convivium (Tischgesellschaft, Gastmahl) ab. Auch wenn Illich in den frühen Schriften nicht dezidiert über den politökonomischen Bereich schreibt, bestehen bereits unübersehbare Parallelen zur Wertkritik. Seine Perspektiven deuten m. E. deutlich auf ein Jenseits der Zwänge von Ware und Markt hin. Und in späteren Jahren hat er den Begriff der „Werte“ sehr wohl kritisiert.
Technologie als Fetischvergesellschaftung
Urban behandelt die selten gestellte Frage, warum Linke bzw. Wertkritiker Technikkritik stets ignoriert oder gar als reaktionär abgekanzelt haben, ja mitunter sogar einem „verkappten Technikfetischismus“ frönten, anstatt Technologie als „eigenständige Ebene der Fetischvergesellschaftung“ zu behandeln. Auch die weit verbreitete Annahme, man brauche nur die herrschende Technik in der postkapitalistischen Gesellschaft „endlich menschlichen und nicht länger kapitalistischen Zwecken dienstbar zu machen“, ist ein Irrtum. Auch ich nehme mich von dieser Kritik nicht aus. Wahrscheinlich habe ich nicht nur einmal geschrieben, „aufgrund der gestiegenen Produktivität könnten heute alle Menschen gut versorgt leben“. Da diese Produktivität aber unter vielerlei zweifelhaften Vorzeichen erfolgt, ist diese Annahme ein Trugschluss. Genauso wie etwa die Annahme, man brauche das Geld nur gerecht verteilen und wieder zu einem reinen Tauschmittel machen, dann wäre alles paletti. Es kann eben kein richtiges Leben unter lauter falschen Bedingungen geben.
Andreas Urban geht auch darauf ein, was für Linke das Abschreckende an Illich’ Thesen sein könnte, sowie auf die Tatsache, dass auch die Degrowth-, also die Postwachstumsbewegung, oder Vertreter der Gemeinwohlökonomie sich auf Illich berufen. Ich möchte diesen Informationen noch eine weitere hinzufügen. Seit 2013 gibt es „Das konvivialistische Manifest“.
Die Protagonisten sprechen dabei von „Konvivialismus“.
Illich hat wohl jeden Ismus abgelehnt. Sein Konzept der „Konvivialität“ steht für autonome, unreglementierte Lebenskunst und das Vermeiden von institutioneller Vereinnahmung. Jeder Ismus droht hingegen zu einer neuen Ideologie oder Programmatik zu werden.
Laut „Manifest der Konvivialisten“ wäre sogar ein „richtiges Leben im falschen“ möglich. Es gibt also recht unterschiedliche Strömungen, die sich heute auf Illich berufen. Umso wichtiger ist es, seine Arbeiten genau zu studieren. Haben die „praktikablen Tools für Deep Democracy“, die heute in Seminaren gelehrt werden, wirklich etwas gemeinsam mit den „Tools for Conviviality“ im Sinne Illich’? Und reicht es wirklich, den „Demokratie-Muskel zu stärken“, um Auswege aus dem Desaster zu finden?
Linke und die Medizin – ein rätselhaftes Verhältnis
Höchst erfreulich, dass Urban sich blinder Flecke der Linken bzw. der Wertkritik annimmt und historische wie aktuelle Versäumnisse aufzeigt. Dazu gehört nicht nur eine fehlende Technikanalyse und -kritik, sondern insbesondere auch die fehlende Medizinkritik. Urban widmet sich also auch dem „durchschnittlichen, bis ins Mark medikalisierten Linken der Gegenwart“, wie er dies schon mit dem Buch Schwerer Verlauf – Corona als Krisensymptom getan hat, das er 2023 gemeinsam mit F. Alexander von Uhnrast im Promedia Verlag herausgab. Auch ich habe noch immer keine Antwort auf die Frage gefunden, warum Linke, warum kritische Menschen, die sonst alles und jedes hinterfragen, ausgerechnet vor der etablierten Medizin, ja vor ihren buchstäblich letalen Auswirkungen die Augen verschließen. Ein Beispiel: Urban zitiert die WHO, die selbst bekannt gibt, dass jede Minute fünf Menschen durch falsche Behandlung sterben. Ich ergänze: durch „richtige“ Behandlung sterben fatalerweise noch wesentlich mehr Menschen. Einfach deshalb, weil in der Regel nicht den Ursachen von Beschwerden auf den Grund gegangen wird, sondern hauptsächlich Symptome bekämpft (sic!) werden. Meist mit diversen Hemmern, die mitunter wahrliche Hämmer sind. Leider bekommt das nicht allen Patienten gut. Wenn Diagnostizieren und Therapieren zu Heilung führen soll, sind meist andere Wege notwendig. Aber jene Wege, die bereits erfolgreich beschritten wurden, werden mittlerweile als Irrwege verteufelt. Ihre Protagonisten geraten zunehmend unter Druck.
Niemand stellt die Errungenschaften der Medizin in Abrede – vor allem die Akutmedizin hat große lebensrettende Fortschritte gemacht. Aber in einem System, das nur „gut“ läuft, wenn Menschen krank und nicht gesund sind, kann von vornherein etwas nicht stimmen.
Von Systemen verschluckt
Die Gründe für Illich’ Kritik an Systemen wiegen mittlerweile viel schwerer als zu seinen Lebzeiten. Die von ihm festgestellte „weltentfremdete Entsinnlichung“ und „programmierte Hilflosigkeit“ ist heute wesentlich weiter fortgeschritten. Das vorherige Zeitalter bezeichnete Illich als das „Zeitalter der Instrumentalität“. Es gab eine Distanz zwischen dem Werkzeug und seinen Benutzern. Dem folgte das „Zeitalter der Systeme“, in dem die Benutzer vom System gleichsam verschluckt werden. Der Mensch wird immer mehr Teil eines umfassenden Systems, das kein Außerhalb mehr kennt. Die Werkzeuge sind zu Systemen geworden, die den Menschen absorbieren, entmündigen, verdummen und vereinsamen lassen. Das trifft auf den Bereich der Digitalität am augenfälligsten zu, aber genauso auf das Gesundheitssystem. Die Abhängigkeit von Medikamenten, von Geräten, von Therapeuten aller Art, von Impfungen, von Vorsorgeuntersuchungen, von Fitness Trackern, von Nahrungsergänzungsmitteln, von medizinischen Online-Kongressen und täglichen Newslettern hat rasant zugenommen. Das System der Medizin wächst gerade mit dem digitalen zu einem Megasystem zusammen, das uns den Weg in den Transhumanismus weisen soll. Wir hängen längst am Tropf einer gigantischen Selbstoptimierungs- und Longevity-Industrie. Nicht dass da nicht viel Brauchbares dabei wäre, aber selber zu entscheiden, was wir nutzen wollen, wird auf subtile Weise hintertrieben. Auch das Bildungssystem wurde stark digitalisiert. Und seit dem Zwang zum lebenslangen Lernen stehen wir unter seiner Kuratel. Ein Heer von Ratgebern, Expertinnen, Coaches, Speakerinnen, und wie sie sich alle nennen, säuselt uns ständig ins Ohr, wo es lang geht. Zum ersten Mal in der Geschichte ist die gesamte Menschheit von einem Prozess erfasst, der via Technologie die Kontrolle über jeden Einzelnen übernimmt, bis hin zum Persönlichen und Intimen. Dies geschieht stets unter dem Vorzeichen unseres Wohlergehens, weshalb das allumfassende Tracking und Tracing kaum Widerstand hervorruft.
Zurück zu Andreas Urbans Beitrag. Er kommt zum Schluss, Technikkritik und Wertkritik sollten enger verbunden werden: „Eine konviviale Gesellschaft würde in der Vorstellung von Illich insofern stets zum Gleichgewicht tendieren, als sie in all ihren Tätigkeiten und insbesondere in der Entwicklung und Anwendung von Technik nie ein bestimmtes Maß überschreiten dürfte, an dem sich die Technik verselbständigt und den gesellschaftlichen Zusammenhang nach und nach ihren spezifisch technischen Logiken und Zwängen unterwirft. Auch diese Vorstellung ist prinzipiell anschlussfähig an die Wertkritik und ihre Vorstellung eines Lebens jenseits kapitalistischer Produktivitäts- und Wachstumszwänge. Illich geht freilich insofern noch weiter als die Wertkritik, als er von der Technik selbst eine Tendenz zum Wachstum und zur Grenzüberschreitung ausgehen sieht und daher eine wesentlich radikalere Kritik moderner Technik entwickelt hat – eine Kritik, die, wie im vorliegenden Beitrag gezeigt werden sollte, auch die Wertkritik zur Kenntnis nehmen und in ihre Kritik der kapitalistischen Moderne integrieren sollte.“
Zweifelsohne ist es außerordentlich wichtig, nach genauer inhaltlicher Ergründung Passendes zusammenzufügen und höchst an der Zeit, gegenseitige Vorbehalte hintanzustellen. Dies kann nicht nur Kräfte bündeln, sondern auch klarer machen, was den emanzipatorischen Strang ausmacht, an dem es gemeinsam zu ziehen gilt.
Zur Frage, inwieweit Illich dezidiert wertkritisch ist, darüber lässt sich sicher noch weiter diskutieren. Dazu sei auf ein wichtiges Buch verwiesen:
Ivan Illich: In den Flüssen nördlich der Zukunft – Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley, München 2006 (kanadische Originalausgabe 2005).
Auch der Hinweis auf eine deutschsprachige Neuerscheinung soll nicht fehlen:
David Cayley: Entlang der Wasserscheide – Im Gespräch mit Ivan Illich, Eisenstadt 2026 (kanadische Originalausgabe 1992).