Vielfalt heißt zwischen den Welten übersetzen
von Maria Wölflingseder
Zwischen der Live-Übertragung des Irankriegs und aufpoppenden TikToks, in denen Influenzerinnen mit Wasserflaschen, Konservendosen und Lippenstift jonglierend das „Apocalypse prep for normal people“ erklären, ist auch eine gute Nachricht zu vernehmen. In seiner Dankesrede beschwor der bosnisch-kroatische Schriftsteller und Journalist Miljenko Jergović die „Vielfalt der Welten“, aus denen Europa bestehe. Europa lebe von seiner Fähigkeit, zwischen den Welten zu übersetzen, nur diese Einsicht könne uns derzeit retten. Jergović, 1966 geboren, wird bisweilen mit dem Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić verglichen. Im März 2026 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Er betont: „Die wahre Macht Europas fußt auf der unbesiegbaren Vielzahl der Welten, die Europa bilden und die ihrerseits aus der Vielzahl europäischer Sprachen hervorgehen. Jede Sprache ist eine vollständige, vollkommene Welt, die sich von allen anderen Welten unterscheidet. Die Stärke Europas ist die Übersetzung. Die Stärke Europas ist die Möglichkeit, das zu verstehen, was sich nicht übersetzen lässt.“ – Und in der Angst vor Flüchtlingen sieht Jergović nicht die Angst vor diesen Menschen und Sprachen, sondern die Angst vor unserer eigenen Stärke. „Es ist die Angst vor Europa. Es ist die Angst vor der Übersetzung als der einen und einzigen Sprache Europas.“ Also die Angst vor der Vielfalt.
Jergović ist selbst immer wieder Ziel von Hassbotschaften. Über das Leben in seiner Heimatstadt Sarajevo, dereinst ein ganz besonderer Ort der Vielfalt, schreibt er Ende der 1990er Jahre in seinen ersten Erzählbänden Sarajevo Marlboro, Karivani und Mama Leone voll „bosnischer Gleichmut und Melancholie“. Für sein letztes Buch Das verrückte Herz: Sarajevo Marlboro remastered ist er – nun in Zagreb lebend – nach Sarajevo zurückgekehrt. Seine Erzählungen, geprägt von Traurigkeit und Humor, zeugen vom menschlichen Eigensinn in Zeiten des Krieges.
Wo aber sind die Bemühungen, zwischen den Welten zu übersetzen? Diese unerlässliche Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben? Europa, auch Österreich, rüstet massiv auf – bei gleichzeitigen drastischen Einsparungen in den Bereichen Kultur, Soziales und Gesundheit. Niemand hinterfragt die Sinnhaftigkeit, die horrenden Kosten, den gigantischen Ressourcenverschleiß und die massiven ökologischen Schäden. Sogar ein Großteil der einst linken und alternativen Gesellschaftskritiker und Friedensaktivistinnen hat die 180-Grad-Wende locker vollzogen. Selbst jedes Artikulieren vielfältiger Sichtweisen und Erkenntnisse ist längst tabu. Was nicht herrschaftskonform ist, wird geahndet. Krudes Gut-Böse-Denken und erschreckendes Freund-Feind-Schema beherrschen – seit den Corona-Jahren noch viel stärker – unsere Verhältnisse. Zwischentöne sind kaum zu vernehmen. Eine Diskussionskultur, die Vielfalt zulässt – offenbar herrscht auch davor Angst.
Teile und Herrsche
Wenn der Wille und der Mut zwischen den Welten zu übersetzen und zu vermitteln fehlt, haben Ressentiments, Abschottung, Rassismus und Nationalismus ein leichtes Spiel. Heute, in Zeiten, in denen „ethnozentristischer Autismus“ (Ivan Lovrenović) mitunter schreckliche Folgen zeitigt, ist es höchst an der Zeit, sich auf Beispiele „vitaler Vielfalt“ (Christian Reder), im Sinne von weltoffener Urbanität, die auch auf die Umgebung ausstrahlt, zu besinnen. Solche Beispiel zeigen: wir waren der richtigen Richtung in mancher Hinsicht schon einmal näher als heute. Hat Europa nicht seit den Phöniziern vom Mittelmeer aus Gestalt angenommen? Seine Kunst, seine Architektur, seine Wissenschaft, der Humanismus sind ohne die Einflüsse aus dem Orient und dem Süden nicht denkbar. Genauso stammen viele heute typische mediterrane Pflanzen und Nahrungsmittel ursprünglich aus dem Orient. Die Geschichte Europas, das Richtung Osten keine eindeutige Grenze hat, ist zweifellos eine Geschichte der Vielfalt. Freilich oft kriegerisch, aber es gab immer auch Perioden akzeptierter weltoffener Vielfalt, in denen für Menschen verschiedener Herkunft ein bereicherndes Zusammenleben möglich war. Wurden Bevölkerungsgruppen angefeindet oder als „Fremde“ vertrieben, hat das durchwegs nur geschadet. Erst wenn die Vielfalt in Frage gestellt wird, ist ein „Teile und Herrsche“ möglich. Idiotischerweise fallen die Menschen immer noch auf dieses anachronistische Machtinstrument herein und opfern sich selbst den Mördern als „Kriegsmaterial“. Ein schier unvorstellbares Beispiel sind die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre – die ersten auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Das „Nie wieder!“ längst vergessen.
Bücher und Erinnerungen vernichten
In Kriegen werden nicht nur militärisch relevante Einrichtungen, Soldaten und Zivilisten angegriffen, sondern auch Spuren von Vielfalt und Gemeinsamkeiten sowie symbolträchtige Orte zerstört. Ein solches historisch bedeutsames Symbol war die im Jahr 1566 nach neuartigem Konzept erbaute Einbogenbrücke „stari most“, die „alte Brücke“ über die Neretva in Mostar in der Herzegowina. Die Brücke verband nicht nur den muslimischen mit dem katholischen Ortsteil, sie war auch eine Metapher für ein Bindeglied zwischen Orient und Okzident. Das berühmte Baudenkmal wurde mit einem islamischen Fenster verglichen, durch das ein Hauch Mediterran auf den Kontinent dringt. Ebenso geht es bei der Vernichtung von Büchern nicht nur um die Werke von zu Feinden erklärten Schriftstellern und Schriftstellerinnen, sondern um die Auslöschung von Kultur und Erinnerung. Ob die antike Bibliothek in Alexandria auf einmal oder nach und nach zerstört wurde, ist ungewiss. Gewiss ist die Zerstörung der National- und Universitätsbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Sarajevo im August 1992 durch über 40 Brandgeschoße, ursprünglich ein prachtvolles Rathaus aus dem 19. Jahrhundert. Über 90 Prozent der eineinhalb bis zwei Millionen Bände, darunter einzigartige Manuskripte, sind unwiederbringlich verloren. Vom Rest wurde vieles gestohlen. Ein gezielter Akt gegen das multiethnische kulturelle Erbe – ein Urbizid. Selbst die zahlreichen umfangreichen privaten Bibliotheken gingen fast alle in Flammen auf.
Und gewiss, aber weitgehend unbekannt, ist überdies – wie Gerald Grüneklee in seinem Ukraine-Buch Nur Lumpen werden überleben ausführt – die Entsorgung aller russischen Bücher in der Ukraine. Wohlgemerkt in einem Land, das weitgehend zwei- bzw. russischsprachig war. In der Hauptstadt Kiew war Russisch bis vor dem Krieg die meist gesprochene Sprache. Nun aber wurden sowohl private Bibliotheken als auch die öffentlichen von sämtlichen Büchern russischsprachiger Autoren und Autorinnen „gesäubert“. Allein aus den öffentlichen Bibliotheken wurden bis Februar 2023 19 Millionen Bücher entfernt. Sogar die russischen Klassiker wurden hasserfüllt gecancelt und zu Klopapier verarbeitet. Ein Autor aber ist den Ukrainern und den Russen ein besonders großer Dorn im Auge: Leo Tolstoi, der Verfasser des Antikriegs-Epos Krieg und Frieden. Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschka sieht, wie all ihre ideologisch scharf gestellten Kollegen, in der russischen Kultur das vernichtenswerte „Fremde, Andere“.
Ohne Hasspropaganda kein Krieg
Die Kriege in Jugoslawien in den 1990er Jahren mit ihren Massakern, die weit über 200.000 Tote, unzählige Verwundete und über zwei Millionen Vertriebene gefordert haben, haben nichts gelöst. Im Gegenteil, vernichtender Hass ist erst durch die Massaker entstanden. Während Miljenko Jergović im europäischen Ausland als Brückenbauer ausgezeichnet wird, wird er in Kroatien nicht selten als „Volksfeind“ beschimpft. Das Erschreckendste für ihn, so Jergović in einem Interview mit der Deutschen Welle, das Hasspotenzial sei zwischen den Menschen in diesen Staaten heute größer als vor den Kriegen. Der einzige Unterschied: diejenigen, die hassen und gehasst werden, würden heute keine schweren Waffen mehr besitzen. Im August 2025 wurde in Zagreb die Wand von Jergovićs Wohnhaus besprüht. Die Drohung in deutscher Übersetzung: „Eine der Augustnächte wird für Miljenko nicht gut enden. Unser Staat, unsere Regeln.“
Der Triestiner Journalist und Schriftsteller Paolo Rumiz hat in Masken für ein Massaker (ein Buch, das Pflichtlektüre sein müsste!) überaus anschaulich beschrieben, wie die ganz unterschiedlichen Kriege in Jugoslawien überhaupt möglich waren. Keineswegs – wie ständig perpetuiert wurde und heute noch als Hauptursache angeführt wird – aufgrund der „plötzlich aufgebrochenen historisch tief verwurzelten ethnischen Verfeindungen“. Am Beginn der Kriege war nämlich eindeutig die kosmopolitische Urbanität als Ganzes Zielscheibe. Diese war das erklärte Hassobjekt der Kriegstreiber. Die kulturell und geschäftlich regen Städte, in denen orthodoxe Serben, katholische Kroaten, bosnische Muslime und sephardische Juden seit Jahrhunderten zusammenlebten. Das erste Ziel war also die Zerstörung der lang gewachsenen, besonderen Art des Zusammenlebens, die Ausmerzung des je eigenen „Genius Loci“ – sowohl im kroatischen Vukovar als auch in den bosnischen Städten Sarajevo, Mostar, Bihać und vielen anderen. Wie die Juden im Zweiten Weltkrieg konnte sich niemand in diesen Städten vorstellen, dass es jemals so weit kommen würde. Es gab viele gemischte Ehen. Und die ethnische Zugehörigkeit spielte im Zusammenleben oftmals keine große Rolle. Aber diese Devastierungen der gelebten Vielfalt waren die Bedingung, dass der ausgeklügelte Propagandakrieg greifen konnte.
In dieselbe Richtung gehen auch die Analysen des bosnischen Literaturwissenschaftlers und Ethnologen Ivan Lovrenović im Buch Bosnien und Herzegowina – Eine Kulturgeschichte. Den Serben wurde eingeimpft, ein gemeinsames Leben mit anderen Ethnien, insbesondere mit den Muslimen, sei unmöglich, daher komme nur eine territoriale und politische Abspaltung in Frage. Und jeder, der anders denke, sei ein Verräter. Mit den bosnischen Kroaten wurde genauso verfahren. Auch ihnen wurde weisgemacht, ihre jahrhundertelange enge Verbundenheit mit den Muslimen müsse nun ein Ende haben. – Wer dann „auserkoren“ war, die Massaker, die „ethnischen Säuberungen“, zu vollziehen, folgte einer bereits von Tito erprobten Methode. Vor allem die arme Landbevölkerung, die traditionell einen spannungsgeladenen Gegenpol zur Stadtbevölkerung darstellte, wurde dazu aufgehetzt. Tito hatte aus dieser Bevölkerungsgruppe seine loyalen Staatsdiener rekrutiert. (Der Begriff „ethnische Säuberung“ wird erst seit den Jugoslawienkriegen häufig benutzt – sowohl für die Vertreibung einer Ethnie als auch für ihre physische Vernichtung, also für Völkermord.)
Als „genialen Generalschlüssel“ bezeichnet Paolo Rumiz die konstruierte Theorie vom Hass zwischen den Ethnien. Es wird das totalitäre Konzept von der Kollektivschuld bemüht, um die Schuld von den verbrecherischen Individuen abzuwenden. „Die Protagonisten der Massaker werden moralisch aus der Verantwortung entlassen und fühlen sich selbst allenfalls als Teil eines schicksalhaften Fluchs biblischen Ausmaßes.“ Außerdem macht die Erklärung der Gräuel durch Hass „die Irrationalität eines Zusammenstoßes glaubhaft, dessen (ökonomische) Zwecke und (manipulatorische) Methoden in Wirklichkeit absolut rational sind und der eindeutig in der Verantwortung der Machthaber liegt“. Diese Deutung liefert auch die theoretische Basis für die Unmöglichkeit des Zusammenlebens, und der Weltpolitik und den Medien banale Erklärungen, die sich „in der Komplexität des Balkan verlieren“. Die systematisch organisierten und psychologisch kalkulierten Verbrechen werden den Opfern als unausweichliche Naturkatastrophe vermittelt, wogegen Widerstand sinnlos wäre.
Untergang der Urbanität
Als eine der größten Deformationen, die der Krieg in Bosnien verursacht hat, bezeichnet Ivan Lovrenović den Untergang der Urbanität. Die jahrhundertelang gewachsene Kultur des Zusammenlebens ist unwiederbringlich zerstört. Eines der Hauptmerkmale der bosnischen Sozialgeschichte und Lebensweise wurde „unmittelbar ins Mark getroffen: die Gewöhnung an den anderen und das Andersartige als alltägliche Erfahrung und Vertrautheit“. Die Bosnier wurden „territorialisiert und giftig chauvinisiert“. Die Bosnier haben aufgehört Bosnier zu sein. Das Gemeinsame wurde ausgelöscht. – Die jahrhundertelange osmanische Epoche wurde von Historikern meist nur unter dem Aspekt der militärisch-politischen Okkupation behandelt, in der angeblich ein geistiges und kulturelles Vakuum geherrscht hätte. Phänomene der Kultur können jedoch nicht auf ihr politisch-historisches „Äquivalent“ zurückgeführt werden. Das, was oft nur als „jahrhundertelange Sklaverei“ bezeichnet wird, hat keineswegs so stattgefunden. Während die Hochkultur meist nach Ethnien getrennt war, hat sich in der Volkskultur vieles auch gemeinsam entwickelt. Gestützt auf das starke gemeinsame geistige und kulturelle Erbe slawisch-illyrischer Provenienz und auf die gemeinsame Sprache. Die bosnischen Muslime sind übrigens zum allergrößten Teil Nachfahren konvertierter Christen. Sie haben also keine osmanischen Wurzeln.
Lovrenović stellt der Ideologie die Kultur gegenüber. Ideologie (jede, vor allem aber die nationale) ist geschlossen und ausschließend. Sie strebt nach Säuberung. Die Mittel sind Brandmarkung alles Fremden als gefährlich, Ablehnung und Hass gegen das Andere. Kultur aber ist ihrem Wesen nach offen und einschließend. „Nation als Kultur ist eine dynamische Struktur, fähig zum Nehmen wie zum Geben. Vom Fremden wendet sie nicht den Blick, sondern macht es sich leicht zu eigen; über das Eigene wacht es nicht eifersüchtig, sondern gibt es bereitwillig ‚zum Verkehr‘ frei. Diese Fähigkeit des Einschließens, dieses Spiel des Austausches – und nicht Säuberung und Sauberkeit – ist der Preis für eine Fülle an Identität und Korrespondenz mit dem Anderen.“ Die Besonderheit des „ererbten bosnischen kulturellen Wesens ist seine zivilisatorische Verflochtenheit: die Gleichzeitigkeit einer gemeinsamen und dreier – mit den Juden vierer – besonderer Traditionen. Und da diese Stränge miteinander verbunden sind, bedeutet die Leugnung und Verdrängung nur eines dieser Elemente nichts anderes als eine Verarmung des eigenen Wesens.“
Besonders anschaulich beschreibt auch der Schriftsteller Dževad Karahasan in Tagebuch der Aussiedlung die Verflochtenheit der Kulturen insbesondere in Sarajevo. Während in westlichen großen Städten in der Regel das Schwächere vom Stärkeren verschlungen wird, gibt es in Sarajevo „ein erregendes Spiel, ein Spiel des gegenseitigen Kommentierens und Kontrastierens von Offenem und Geschlossenem, von Außen und Innen, ein Spiel, das aus sich selbst die Organisation der Stadt bestimmt …“ Der innere Teil der Stadt am Talboden, die Čaršija, das Herz des öffentlichen Lebens, ist die universelle Komponente. Hier befinden sich der traditionelle Basar, die Handwerksläden, die Verwaltungs- und Sakralbauten. Die Mahalas hingegen sind die besondere Komponente, die einzelnen Stadtviertel der jeweiligen Ethnien, die sich strahlenförmig die Hänge hinaufziehen. In dieser „vierstimmigen Kultur“ dominiert jedoch keine. Jeder spiegelt sich im Anderen, aber jeder dient jedem ebenso als Bestätigung seiner eigenen Besonderheit. – Was hier über die Vielfalt in Bosnien berichtet wird, trifft auf seine Weise auch für Europa bzw. für den gesamten Mittelmeerraum zu.
Mediterrane Kultur der Offenheit
Einer, der ebenfalls die gelebte historische Vielfalt der Kulturen und ihr Erbe in Erinnerung rufen möchte, ist Christian Reder. Sein Buch Mediterrane Urbanität – Perioden vitaler Vielfalt als Grundlagen Europas ist2020 just vor Corana fertiggestellt worden. Also knapp bevor die Weltgeschichte in vielerlei Hinsicht in eine neue besorgniserregende Ära eintrat. Das Buch könnte als Abgesang gelesen werden oder vielmehr als dringender Weckruf. Heute, in Zeiten völliger Geschichtsvergessenheit und der kompletten Unfähigkeit aus der Vergangenheit zu lernen, eine bitter nötige Manifestation. Der 480 Seiten starke Essay wurde vom emeritierten Professor für Kunst- und Wissenstransfer an der Universität für angewandte Kunst Wien verfasst. Das Buch beinhaltet allgemeine Beiträge und 20 ausführliche Porträts von Stadtkulturen rund um das Mittelmeer und das Schwarze Meer. Besonders anregend sind zudem die überaus zahlreichen Quellen – Literatur verschiedener Genres und mehr als 50 Filme.
Warum nicht lernen von der traditionellen Weltoffenheit, der Lebensfreude und der Selbstironie des pulsierenden kosmopolitischen Lebens in den Hafenstädten rund ums Mittelmeer? Eintauchen in die bewegte Geschichte und die bisweilen schillernden Geschichten von Tanger, Algier, Alexandria, Jaffa, Smyrna, Saloniki, Konstantinopel, Beirut, Sewastopol, Odessa, Ragusa, Triest, Venedig und sieben weiteren Städten – zu Zeiten vorm Massentourismus und bevor Kriege und autoritäre Systeme den Besuch vieler dieser Städte verunmöglichten und ihren Reiz vernichteten. Das könnte doch der Phantasie auf die Sprünge helfen, um emanzipatorische Perspektiven zu erkennen. Reder fände es absurd, Europas Perspektiven heute ohne das Mittelmeer und seine Anrainer zu denken.
Ein entscheidender Ausgangspunkt für Reders umfangreiche Projekte, die ihn auch nach Afghanistan, Pakistan, Syrien, Libyen und ans Schwarze Meer führten, war die Vielfalt der Kulturen seiner Heimatstadt Wien. Die Encyclopédie vermerkt, die 100.000 Einwohner Wiens im 18. Jahrhundert seien „Italiener, Deutsche, Böhmen, Ungarn, Franzosen, Lothringer und Flamen“ gewesen, die „zusammen mit den Juden Handel treiben & verschiedenste Handwerkskünste ausüben“. Diese Vielfalt in Wien endete damals noch lange nicht. Man braucht sich nur die Häufigkeit der böhmischen, mährischen und ungarischen Namen vor Augen halten.
Auch der wandernde Schriftsteller Paolo Rumiz erinnert in seinen Büchern immer wieder an die „Polyphonie“ Europas. Kongenial verbindet er Reiseeindrücke mit Kulturgeschichte und viel Kritik an den herrschenden widersinnigen Verhältnissen. Etwa wenn er ins Gedächtnis ruft, dass es in der heute fast entvölkerten Region Basilikata im Süden Italiens einst eine große Vielfalt gab, die von den Nationalisten verleugnet wurde. Dass dieses Gebiet griechisch, staufisch, normannisch, arabisch, hebräisch, byzantinisch und langobardisch gewesen ist, wurde verschwiegen. „Wie soll man jemandem, der von ‚Bevölkerungsaustausch‘ faselt, erklären, dass diese Orte genau in dem Augenblick verfallen sind, als man unter dem Einfluss der Spanier von der ‚reinen Rasse‘ zu schwärmen begann.“
Ebenso hat sich in Kalabrien, nach dem Bruch mit der Antike, das Rad der Geschichte erst 200 Jahre später wieder zu drehen begonnen, als eine „wunderbare Vielfalt an Völkern einwanderte: Syrer, Juden, Nordafrikaner, Langobarden, Albaner, Araber, Sizilianer und natürlich Griechen bereicherten unser Erbgut.“ Die heutigen Italiener seien höchst gemischter Abstammung, betont Rumiz. Aber Italien „fällt es noch immer schwer, den griechischen Charakter zuzugeben, genauso wie viele Griechen aus Nationalismus oder Ignoranz vermeiden, ihre slawische, bulgarische oder albanische Herkunft einzugestehen“. Eine idiotische Vereinfachung im buchstäblich griechischen Sinn des Adjektivs. Als ‚idiotes‘ werden jene bezeichnet, die nur Nabelschau betreiben.“
Auf die Selbstironie als wichtiges Merkmal gelebter Vielfalt verweist überdies Dževad Karahasan: „Wenn ich ‚Mitteleuropa‘ sage, meine ich auch eine ausgesprochen humorige Beziehung zu sich selbst und zur Welt, eine Beziehung, die eine Distanz von sich selbst schafft und damit Tolerierung und Respektierung des anderen ermöglicht.“
Eine Kultur der Langsamkeit und des Miteinanders
Christian Reder stellt uns auch den italienischen Soziologen Franco Cassano (1943–2021) aus Apulien vor. Sein 1996 erschienenes Buch Il pensiero mediterraneo (Der südliche Gedanke) beginnt an den Küsten Griechenlands mit der Öffnung der griechischen Kultur. Er betont das rechte Maß und bezieht sich dabei auf die alten Griechen. Damit nimmt er den Faden von Albert Camus auf, der die „pensée de midi“, also das „mediterrane Denken“ für eine emanzipatorische Zukunft als unerlässlich erachtete. In Cassanos Werk geht es „um den Versuch einer Aufwertung der südlichen Kulturen als Möglichkeit, den Nordwesten der Welt aus einer Lebensweise herauszuführen, die geprägt ist von krank machender Beschleunigung, Umweltzerstörung und Ökonomisierung aller menschlichen Beziehungen. Vor allem im südlichen Mittelmeer seien Spuren eines alten Kultursystems, in dem sich seit Jahrhunderten verschiedene Kulturen gegenseitig beeinflussen, noch vorhanden. Es sei eine Kultur der Langsamkeit, der Weisheit, des sozialen Miteinanders und des kulturellen Kompromisses.“ So resümiert Alexandra Horn in ihrem interessanten Blog über Apulien.
Cassanos „Denken des Südens“ zielt auf nichts Geringeres ab, als die Nord-Süd-Beziehung umzukehren. „Den Süden nicht im Lichte der Moderne zu denken, sondern vielmehr die Moderne im Lichte des Südens.“ Der Süden sei nicht ein verspäteter, unvollständiger Noch-nicht-Norden, sondern ein eigener Raum, den es neu zu entdecken gilt. Aber auch ganz Europa kann von der „Hybridisierung von Kulturen“ am Mittelmeer lernen. Hier wurden aufkommende „Ansprüche auf Exklusivität, Reinheit und Unversehrtheit“ immer wieder aufgeweicht, „waren doch sogenannte Andere nie sehr weit entfernt“. Dabei helfen Erfahrungen mit verschiedenartigen Menschen und ständigem Transit. Es sei überfällig, dass Europa wieder „den Rhythmus des Südens, dessen Hoffnungen und Träume“ als seinen Ursprung anerkenne, war doch sogar „seine Freiheitsliebe in Griechenland entstanden“.
Die Mittelmeerregion wird heute in erster Linie mit höchst Gegensätzlichem assoziiert. Einerseits ist sie ein Magnet für Menschen aus dem Norden, die Sommer für Sommer aus dieser Richtung „wie die Hunnen“ einfallen. Meist ohne Interesse an der jeweiligen Kultur, sondern nur um irgendetwas Exotisches zu konsumieren und im Ranking der perfekten Urlaubs-Selfies an ikonischen Orten mithalten zu können. Der Massentourismus bringt aber nicht nur Geld, sondern auch massive ökologische Probleme, Wohnungsnot für die Einheimischen und die Zerstörung des Lokalkolorits. Während das Tor zum Norden weit geöffnet ist, wird jenes zum Süden und zum Osten für Migranten möglichst fest verschlossen. Stichwort Grenzschutzagentur Frontex und Push-Backs in Griechenland. Kürzlich hat das EU-Parlament mit großer Mehrheit beschlossen, „Rückführungszentren“ für abgelehnte Asylwerber, die von den Herkunftsländern nicht „zurückgenommen“ (sic!) werden, einzurichten. Wunschgemäß in Tunesien oder Uganda. Menschen werden zur „Verschubmasse“ degradiert. Die Abschottung macht das Mittelmeer seit über zehn Jahren zur Todesfalle für Zigtausende. Keiner weiß, wie viele seit 2014 ertrunken sind. Wohl weit mehr als die offiziell geschätzten 34.000. Und es nimmt kein Ende. Von Januar bis Anfang April 2026 gab es wiederum fast 1.000 Tote und Vermisste. Miljenko Jergović warnt in seiner Dankesrede, dass aus Deportationslagern schnell Arbeitslager werden könnten, und aus diesen Todeslager. Und dass aus dem Problem sogenannter illegaler Migranten womöglich das Problem sämtlicher Menschen werde, deren Sprache wir nicht verstehen und deren Welt uns fremd ist. – Besonders befremdlich erscheint der Umgang mit Flüchtlingen vor dem Hintergrund, dass auch aus Europa unzählige Menschen aus vielen Generationen ausgewandert sind und anderswo auf Aufnahme angewiesen waren.
Kulturraum jenseits nationaler Grenzen
Albert Camus war bis zu seinem Tod 1960 wohl der bekannteste Verfechter einer neuen Mittelmeer-Kultur. „Camus bezog sein Konzept des mittelmeerischen Denkens auf eine erneuerte Vorstellung des mediterranen Kulturraums einer die nationalen und territorialen Staatsgrenzen überschreitenden, produktiven und kreativen Mischung und Vermischung kultureller Errungenschaften, nicht nur der griechischen Tradition. Dazu gehörte für Camus genauso die Tradition des islamischen Rationalismus des Mittelalters in Nordafrika und Spanien, die das griechischen Denken produktiv aufnahm, aber auch die spanische, italienische und französische Philosophie.“ So fasst es der unermüdliche Camus-Vermittler Lou Marin zusammen.
Auch Christian Reder geht in seinem Buch Mediterrane Urbanität im Algier-Porträt ausführlich auf Albert Camus ein. Das ergibt erhellende Antworten für jene, die heute noch die absurde Frage stellen, ob Camus nicht ein Kolonialist oder gar Rassist gewesen sei. Entweder ist Camus nie genau gelesen worden, oder dieser Vorwurf ist die Folge der lang anhaltenden Nachwirkung der „Moskau-hörigen“ Gewalt-Apologeten Frantz Fanon und Jean-Paul Sartre, die in der europäischen Linken den harschen Ton angaben, der erschreckend lange gehorsam nachgebetet wurde. Darüber in der nächsten Ausgabe der Streifzüge.
Literatur
Paolo Rumiz: Masken für ein Massaker – Der manipulierte Krieg: Spurensuche auf dem Balkan, München 2000. (Im Buchhandel vergriffen; Entlehnung in der Bibliothek der Wiener Arbeiterkammer.)
Ivan Lovrenović: Bosnien und Herzegowina – Eine Kulturgeschichte, Wien/Bozen 1998.
Dževad Karahasan: Tagebuch der Aussiedlung, Klagenfurt 1993.
Christian Reder: Mediterrane Urbanität – Perioden vitaler Vielfalt als Grundlagen Europas, Wien 2020.
Franco Cassano: Il pensiero meridiano, Rom/Bari 2021; engl. Southern Thought and Other Essays on the Mediterranean, New York 2012.
Paolo Rumiz: Eine Stimme aus der Tiefe – Reise durch das unterirdische Italien, Wien/Bozen 2025.
Gerald Grüneklee: Nur Lumpen werden überleben – Die Ukraine, der Krieg und die antimilitaristische Perspektive, Wien 2024.