Länger habe ich noch nicht gelebt

Als die Linke den Feminismus entdeckte, war ich noch mit dem Marxismus zugange, oder sagen wir lieber: mit Freud. Später war ich auf den Holocaust fixiert. Ich kann sagen, durch ihn bin ich nicht zum Kolonialismus gekommen. Aber das ist nur eine der Einschränkungen, mit denen ich die Verbrechen der väterlichen Generation bezahle. Ich wundere mich nicht darüber, umso mehr über das Erstaunen, das heute die öffentliche Meinung beherrscht. Ich bin kein bisschen erstaunt.

In meiner Grundschulzeit war ich mit Israel eins. Ich war katholisch und konnte die Kinderbibel auswendig. Das Alte Testament war die Bibel für die Kinder. Später lernte ich, das Alte Testament war die Prophezeiung, das Neue die Erfüllung. Erfüllung, wenn sie gelebt werden soll, ist immer abstrakt und wenn sie erzählt werden soll, langweilig. Das Alte Testament war universal. Was mit dem Neuen war, weiß ich nicht. Als es dran gewesen wäre, hatte seinen Platz der Horror von Beichte und Gewissenserforschung eingenommen. Nur in Selma Lagerlöfs „Christuslegenden“ fand ich später etwas von der Universalität des Alten Testaments wieder und ich liebe sie noch heute, wie ich die Kinderbibel geliebt habe.

Als Erwachsene war ich mit dem Holocaust eins. Das war keine politische, sondern eine existentielle Verbindung. Mit Wiedergutmachung hatte sie nichts zu tun, die verdankte sich einer Entscheidung, einer Umorientierung, einer Umerziehung. Ich dagegen war mit Israel und allem, was damit zu tun hatte, eins. In der Oberschule, wo ich eine damals recht politische Generation unterrichtete, nutzte ich jede Gelegenheit, um Lanzmanns Film „Shoah“ zu zeigen, den ich auf vier oder fünf VHS-Kassetten besaß, die ich mit dem ausdrücklichen Auftrag, sie in der Schule zu zeigen, geschenkt bekommen hatte. Ich sah „Shoah“, auch „Nacht und Nebel“ (Resnais), mit einem tiefen Gefühl des Ankommens. Ich freute mich auf das Wiedersehen mit den Zeitzeugen, deren Gesichter und Erzählgestus mir vertrauter waren als die meiner Verwandten. Hätte man mich gefragt, ob es in meinem Leben etwas gab, worauf ich mich freuen und verlassen konnte, dann hätte ich diese beiden Filme genannt. Ich hatte keine historiografische oder politische, sondern eine innerliche Beziehung zu ihnen. Das zeigt sich auch daran, dass mich die Auseinandersetzungen um „Nacht und Nebel“, die dem Film vorausgegangen waren und zu seiner endgültigen Form geführt hatten, später, als ich von ihnen erfuhr, nicht berührten. Dass die Juden und was ihnen angetan worden war, darin nicht hervorgehoben wurden, hatte ich nicht einmal bemerkt, da in meiner Wahrnehmung immerzu und wie mit einem Lautsprecher das jüdische Schicksal verkündet wurde.

Es hat eine Zeit gebraucht, bis die Einheit mit dem modernen Nahoststaat brüchig wurde. Unmöglich, zu glauben, dass nicht alles gut werden würde, bezeichnete Palästina doch eine Einigkeit über jedem Streit so wie „Nacht und Nebel“ den Sieg der Form über das Verbrechen: „Kein Stil“, ich gebrauche das Urteil, wo immer es Anklänge an Damals gibt und in der Erwartung, dass das Inkriminierte zusammenfallen wird. „Kein Stil“, sage ich, in dem schneidenden Ton, in dem die Seeräuber-Jenny sagt: „Alle.“ Dabei merke ich doch, dass sich etwas verändert hat. Die Heilige Dreifaltigkeit, gebildet aus den Helden meiner Kinderbibel, den Opfern des Verbrechens meiner Elterngeneration und dem modernen Israel, sie existiert nicht mehr. Prompt hat das Gefühl von Einheit mit mir selbst, verbunden mit den Implikationen von Sinnerfüllung, sich erledigt. Das wurde mit der Boykott-Bewegung gegen Israel virulent, die auf eine Polarisierung zielte, die eine Vertrautheit mit den deutschen Verbrechen nicht voraussetzte, für sie auch keine Verwendung hatte. Dabei konnte, wer einmal „Kauft nicht beim Juden!“ gerufen hatte, konnte es unmöglich ein zweites Mal tun, es ging nicht; im ominösen „Es“ verbarg sich kein moralischer, sondern ein tatsächlicher Grund, das, was gewesen und was daraus gefolgt war. Eigentlich ein Akt politischer Teilhabe derer, die von der Herrschaft ausgeschlossen sind, hatte der Boykott im Bezugssystem der vom NS verkörperten Einheit von Herrschaft und Protest seine Unschuld verloren. Etappe einer Eskalation, die auf Extermination zielte, war dem Begriff der ihm eigene Hang zum Ausgleich verschwunden. Die Nachkommen der Mörder konnten sich seiner nicht mehr unbefangen bedienen, die Erinnerung stellte sich quer. Gegenüber Israel war es das sprichwörtliche No-Go, ging es schon gar nicht. Womit übrigens ein Beweis für die Existenz materieller statt bloß psychologischer oder moralischer Einschränkungen durch die NS-Verbrechen angetreten war. Ich sagte mir, ich würde auch gern boykottieren, aber ich kann nicht. War aber nicht groß erstaunt, denn man musste schon in spezifischer Weise verblendet sein, um zu glauben, in meiner genealogischen Position hätte man noch alle Optionen, die Welt, wie man so sagt, stünde einem offen. In meinem schematischen Kopf stellte sich die Sache so dar: Was die Kapazität einzelner Generationen überstieg, das schwappte auf die folgenden über. So war das eben, wenn man sich übernommen hatte. Mich faszinierten die trockenen, ja ordinären Ausdrücke, die der Volksmund für das Zuviel bereithielt, mit denen er den Anteil der Quantität an dem Umschlag in Qualität bezeichnete; „über den Durst“, das traf es. Dabei hatten wir 68er die restaurierte BRD doch mit dem Dogma „des Lichts und der Wahrheit“ (Marie von Clausewitz) in Schach gehalten. Zu viele Bomben, antwortete ich jetzt auf die Frage, ob ich zu einer Kundgebung für Israel mitgehen wollte, leider zu viele Bomben.

Im Buch der Geschichte war eine neue Seite aufgeschlagen worden. Globalisierung mochte ein Zauberwort sein, Umzentrierung war eine konkrete Erfahrung. Mir, die ich mich noch nie für „moderne Kunst“ interessiert hatte, kam die Kasseler „Documenta 15“ in die Quere. Mir fiel ein, mit welcher Hoffnung mein Vater „die Chinesen“ seinerzeit ins Spiel gebracht hatte, so als würde ihre Zahl und ihre Entfernung das deutsche Verbrechen verkleinern. Auf der Documenta nahmen ihren Platz „die Indonesier“ ein. Sie sollten das Bild eines neuen Ganzen erschaffen und erstellten für die schockierten Betrachter das alte. Etwas war schiefgegangen. Dabei war lediglich die Perspektive die gleiche geblieben und die Umzentrierung in ihrem wesentlichen Punkt ausgeblieben. Als wäre die bereits im Loch versenkte Billardkugel erneut auf die Spielfläche gerollt, wiederholte sich die Tragödie als Farce.

In den Jahren vor dem Altwerden hatte ich mich zunehmend mit logischen Überlegungen beschäftigt, mit dem Sein, das über das Ein nicht hinauskam, mit dem Nichtsein und seiner möglichen Abbildung. Das Ziel war Reduktion, die einfache Formel, etwas, was ich mir merken, was die unaufhörliche Überlegung stoppen konnte. In Sachen Mathematik unfähig wie in denen der Kunst, bediente ich mich ihrer Abbildungen so sorglos, als handelte es sich um Kinderkram. Das Koordinatensystem schien mir ein Beweis für ein Leben unter der Bedingung des Nicht. Wenn man alles verspielt hatte, dann musste man sich in der Situation einrichten. Das hieß, man musste sie sich vergegenwärtigen. Ich war der festen Überzeugung, dass die NS-Verbrechen den engen Rahmen der Empirie gesprengt und ins kategoriale System eingewandert waren, nicht nur Tatsachen geschaffen, sondern auch Schemata geändert hatten, sich und die Nachfolgenden damit aus dem gewöhnlichen Ort des Seins ausschließend und im ungewöhnlichen des Nichtseins einsperrend. In Sartres Kammerspiel „Les jeux sont faits“ war man dem Sein unter den Bedingungen des Nichtseins nicht nur konfrontiert, man konnte es auch erkunden. Vielleicht wichtigste Erkenntnis: Die Erkenntnisfreude litt nicht darunter, im Gegenteil. Hinter dem Handicap musste sich eine Affinität verbergen.

Länger habe ich noch nicht gelebt. Ich frage mich, wann sie mich einholen wird, die Affirmation, die schließlich auch meine widerspenstige Mutter eingeholt hatte. Sie, die sei’s mit dem Knüppel der drakonischen Ablehnung, sei’s mit der feinen Klinge der Verzögerung schlechterdings alles verweigert hatte, was ihr als eine Zustimmung zum Leben, gar als eine Äußerung der Lebensfreude hätte ausgelegt werden können, sagte im hohen Alter zu allem Ja. Ich erkannte sie nicht wieder: Früher hatte man sie ablenken müssen, damit sie, einen Bissen in den Mund steckte. Jetzt aß sie mit Genuss. Das Leben war prekär geworden, der Geist durfte ja sagen, endlich.

Berlin, im Dezember 2025