Im Sandkasten der Skandalisierung

von Franz Schandl

Wund ist der ORF schon lang. Doch jetzt droht schön langsam der Totalschaden. Und das nicht nur, weil er ein Feindbild der FPÖ und deren permanenten Angriffen ausgesetzt ist. Er zerlegt sich vielmehr selbst. Der Rücktritt des ORF-Generalintendanten Roland Weißmann hat eine veritable Krise ausgelöst. Dass dieser ausgerechnet über eine private Affäre im Dienst gestolpert ist, ist bezeichnend. Der ORF dürfte Opfer seiner internen Erregungen werden.

„In meiner Welt haben wir Sex, wenn ich Sex will“, schrieb Weißmann an eine ORF-Angestellte, der er jahrelang nachstieg. Gelegentlich verschickte er Dick Pics zur Illustration seiner Ambition. Mann will zeigen, wer Mann ist, was Mann hat, was Mann kann. Jeder Boss ein Klein-Trump. Der darf das doch auch. Die veröffentlichen Materialien lassen tief, aber nur tief blicken. Herr in mittleren Jahren giert nach weiblichem Frischfleisch. Roland Weißmann, der von der ÖVP protektionierte Kandidat hatte hier eine offene Flanke, die ihm zum Verhängnis geworden ist. Schon bezeichnend, welch Personal in höchste Ämter gehievt wird. Inzwischen hat freilich auch die Volkspartei Weißmann fallen gelassen. Mit so einem will man nichts zu tun gehabt haben.

Weißmann verkörperte den Typus des stromlinienförmigen Günstlings, wobei Gerissenheit in ganz engen Grenzen der Selbstüberschätzung operierte. Das Einzige, was interessant war an dem Mann, war sein Einkommen. Was soll er jetzt noch vorbringen außer „Die Anderen auch“. Das mag sogar stimmen und er wird das auch tun, macht aber sein Verhalten um keine Spur besser. Wahrscheinlich haben auch Weißmanns Kontrahenten, allen voran das finanzträchtigste Kaliber des ORF, Pius Strobl, an dessen Abgang mitgewirkt. Der Höhepunkt öffentlicher Schmutzwäsche ist sicher noch nicht erreicht. Bezeichnend für den ORF ist, dass er nach außen als woke Züchtigungsagentur auftritt, nach innen aber nicht einmal die Mindestansprüche von Anstand und Respekt durchsetzen kann. Auch ältere Fälle dürften jetzt wieder zur Sprache kommen. Die akute Krise scheint chronisch zu werden.

Ob etwas ein Skandal wird oder nicht, entscheidet sich am medialen Nutzen. Aufdecken ist inzwischen zum medialen Porno geworden. Auch die Ausbildung der Youngsters ist ganz darauf programmiert. Stierln statt denken ist angesagt. Ein Grundproblem bürgerlicher Medien ist, dass die Welt an Skandalen abgehandelt wird und nicht die Welt als Skandal. Skandal, Affäre, Korruption inszenieren Systemmedien vielmehr als Abweichungen, die inkriminierten Handlungen werden als wider die Logik bürgerlicher Werte behauptet. Sodann geht es auf die Bühne. Kontingente der Aufmerksamkeit werden zweifellos durch den Skandal eingefangen, beschlagnahmt und aufgeladen. Mittlerweile leben wir in Zeiten der Überproduktion. Das Publikum stumpft ab.

Irgendein Skandal liegt immer in der Luft. Notfalls hilft man auch nach. Dass die Skandalisierungsmaschinen der Betroffenheitsproduktion heute primär auf die Geschlechterschiene setzen, ist naheliegend, weil dieses Thema aktuell dominiert. Egal, was da an den jeweiligen Vorwürfen stimmt oder auch nicht, hier kann immer wieder eine Affäre hochgekocht werden. Damit ist dezidiert nicht gesagt, dass da wenig dran ist, wohl aber, dass Aufregung hier am leichtesten zu entfachen und die Empörung am ehesten zu gewährleisten ist. Doch auch Übergriffe sind vielschichtig, kennen unterschiedliche Facetten, Konstellationen, Perspektiven. Es ist alles nicht so einfach, wie entschiedene Standpunkte behaupten. Gelegentlich sitzt man Fehleinschätzungen auf. Schnell ist alles zerredet und nichts begriffen. Der Ruf nach Überwachen und Strafen wird generell lauter, nicht bloß in traditionell autoritären Kreisen, sondern insbesondere auch in der sogenannten liberalen Mitte.

Apropos „lauter“. Weißmanns Gegenspieler sind zwar lauter, aber kaum lauterer. Doch hier ist nicht der Ort in der Gosse der Oberschicht zu schöpfen. Wer das will, ist mit Boulevard- und Qualitätsmedien gut bedient. Der Marktwert von Journalisten misst sich jedenfalls zusehends an Abschüssen. Investigatives Torkeln ist Folge dieses kulturindustriellen Vollrausches. Das steht auch in ihren Fachmagazinen (z.B. dem Selbstbeweihräucherungsorgan Österreichische Journalist:in), wenn man sie richtig zu lesen versteht. Nun schießen sie sich bereits selbst ab. Aufdeckung wird zur Nullnummer. Sie regt auf, aber sie bewegt nichts. Sie lässt es nur ordentlich aufstauben, bevor der Dreck wieder zu Boden sinkt. Man huldigt einem billigen Moralismus, der zwar intellektuell dürftig ist, dafür aber emotional scharf. „Unproduktive Empörung“ (Karl Kraus) ist in die entsprechende Richtung zu kanalisieren. Der intime Boxkampf zwischen Sittlichkeit und Kriminalität geht in die vierzehnte Runde.

Flaggschiff als Frontmagazin

Als mediales Flaggschiff einer staatlich alimentierten gesellschaftlichen Mitte hat der ORF keine Zukunft. Dem öffentlichen Medium dürfte es an den Kragen gehen. Sowohl in der Corona-Frage als auch in den Kriegen in der Ukraine, in Gaza und im Iran entpuppte sich der ORF als aufgekratztes Frontmagazin, als andächtige wie denkfaule Werkbank der Brüsseler EU-Administration. Seine Standardisierung reicht bis in das uniformierte Wording des letzten Nebensatzes. Faktenchecks suggerieren alternativlose Ansichten und wirken wie Befehlsausgaben. Aber wenn eins sagt, dass Experten sagen oder gar, dass die Wissenschaft sagt, fühlt man sich auf der sicheren Seite. Widerspruch ist Schwurbelei. In Wahrheit fungieren diese Sagen wie aggressiv vorgetragene Impfprogramme. Der ORF betreibt Fan-Formate für Markt, Militär und Moral. Das aber nachhaltig, die Infrastruktur gut dotierter Apparaturen ist ja vorhanden.

Selbst Anstalten wie der teilweise sicher als obskur einzuschätzende Red-Bull-Sender Servus TV offenbaren in ihren Programmen mehr Breite und Pluralismus als der ORF. Auch im Handwerk stehen sie ihm nicht nach. Der ORF gehört zu einem Block einer selbstgefälligen liberalen Mitte (Standard, Falter, Profil), die ihr Segment bedient und jede Abweichung sanktioniert. Kommentatoren und Moderatoren gerieren sich als Inquisitoren der Macht. Talks dienen allzu oft zur Vorführung unliebsamer Positionen und Personen. Wenn dieses Konkurrenzgekeife der Standard demokratischer Debatten ist, schaut es schon zappenduster aus für die Demokratie. Dass Protagonisten dabei selbst nicht autoritär agieren, ist eine ganz schräge Erzählung, an die sie in ihrer Betriebsblindheit aber fest glauben. Ein Narrativ von und für Narren. Und es geht auch nicht mehr rein. Immer weniger wollen für solche gehalten werden und sich das bieten oder gefallen lassen. Immer mehr klinken sich aus dem Spektakel aus. Viele drehen ab und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wirklich abgedreht wird. Die Blase leidet an chronischer Blasenentzündung.

Geradezu putzig sind die Reaktionen der sogenannten ORF-Promis, die ernsthaft behaupten: „Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben uns fassungslos gemacht.“ Plumpsklo. Ist das ein Satz der KI oder ist er den Phrasenematrize einer Schulungsbroschüre entnommen? Wir bitten um Aufdeckung. Wer fassungslos ist, gibt zu verstehen, das er oder sie nichts verstanden hat und nichts verstehen will. Wenn die gar suggerieren, von der Swingerparty am Küniglberg nichts mitbekommen zu haben, dann sagen sie entweder die Unwahrheit oder sie sind strohdumm. „So sind wir nicht“, würde der Mann in der Hofburg das in einem gefälligen Assistenzeinsatz auf den Punkt bringen.

Die Sprache der Kulturindustrie ist die Sprache der Reklame. Medien sind Automaten affirmativen Unsinns. Es ist schlimm, dies verallgemeinern zu müssen, aber die Tendenz geht eindeutig in diese Richtung. Einschaltziffern, Abozahlen, Inseratengeschäfte, Likes, zeigen wie der Messbarkeitswahn um sich greift, dass der kapitale Markt die Medien absorbiert hat, dass es nicht einmal mehr eine relative Autonomie gibt, von der beschworenen Unabhängigkeit (ein weiterer Fehl- wie Fetischbegriff) ganz zu schweigen. Wovon unabhängig? Wo „unabhängig“ draufsteht, ist lediglich viel Geld drinnen. Ist es draußen, ist es aus. Anders als eine flächendeckende Werbekampagne für sich selbst gerade reklamiert: Es gibt keine unabhängigen Medien. Die Streifzüge vielleicht ausgenommen. Aber wer und was sind schon die Streifzüge?

Intrigantenstadel

Die mediale Welt, wie wir sie kennen, ist ein irrer Intrigantenstadel der übelsten Sorte, ein Ort, wo Politik und Sex, Macht und Geilheit, Hintertücke und Verlogenheit, Geschäft und Geldgier sich ein ungustiöses Stelldichein geben. Da muss man sich gar nicht erst einkoksen, obwohl das durchaus vorteilhaft sein mag. Die Frage ist inzwischen nicht mehr, wie der ORF zu retten ist, sondern ob er gerettet werden soll. Die Akteure selbst arbeiten an seiner Erledigung. Man sollte sie machen lassen. Begriffslosigkeit und Begriffsstutzigkeit vereinigen sich in einer Anästhesie fortwährender Betriebsamkeit. Geboten wird nicht Information, sondern Formatierung.

So hat man zwar gegen Korruption zu sein, darf aber nicht wissen, was Korruption eigentlich ist, vor allem welchen Wert sie hat im System der Werte. Während gegen Missstände kampagnisiert wird, werden Zustände stets affirmiert. Da wird dann angeprangert und aufgeräumt, eingesperrt und gerechtsstaatet. Missstände sind letztlich dazu da, Zustände zu konsolidieren. Es handelt sich um eine Kollusion, was meint ein unbewusstes Zusammenspiel, eine Komplizenschaft, die nichts voneinander wissen will und auch nichts miteinander vereinbart hat. Um eine nichtverschworene Verschwörung. So die abgefeimte Dialektik, die nicht so schwer zu entdecken wäre, würde man der Reflexion der Zusammenhänge und nicht den Reflexen der Projektion frönen. In bestimmten Fällen wirkt Aufdeckung wie inverse Werbung, das heißt, man erzielt das Gegenteil dessen, was man bezweckt. Die Kampagnen gegen die FPÖ verdeutlichen das. Das geht nun schon vier Jahrzehnte so, hat sich in den letzten Jahren aber noch einmal intensiviert. Die Entzauberungsstrategie ist gescheitert. Man legt nur nach und die FPÖ legt zu. Aber auch andere regressive Losungen werden kollusiv gefördert, etwa punkto Sozialabbau. Nicht, dass man das unbedingt will. Man tut. Und es zeitigt.

Der Lasten und Altlasten sind viele, sodass man durchaus von einem System sprechen kann, nicht bloß von Verfehlungen einzelner Personen. Aber wäre es da nicht gerade deswegen einmal angesagt, nach der gesellschaftlichen Infrastruktur der Devianz zu fragen, kurzum nach ihrer immanenten Logik. Fehlanzeige. Weder über objektive Voraussetzungen noch über subjektive Defizite wird nachgedacht. Agierte der traditionelle Journalismus mehr im Zeichen des Zudeckens, so der moderne mehr im Zeichen des Aufdeckens. Gemeinhein hält man das für eine entscheidende Differenz, in Wahrheit sind es lediglich zwei Spielarten, die dem gleichen Zweck dienen, nämlich die Verhältnisse zu decken. Zu- oder auf-, ist wirklich sekundär. Was stets zu decken und zu deckeln ist, ist das kommerzielle System, in dem Journalisten, diese Crew halbgebildeter Kosompoliten, agieren und für das sie, ob sie wollen oder nicht, agitieren. Dafür werden sie in Serie produziert. Kurzum: Nicht etwa der ORF dominiert den Markt, der Markt dominiert den ORF.

Das Wechselspiel zwischen Kriminalisierung und Vertuschung erscheint als unhintergehbarer und eherner Modus der seriellen Medienwalze. Konflikte werden bloß hysterischer und schriller. Ergiebiger werden sie nicht. Problematisch ist, dass Fälle sachlich fokussiert, also dezidiert aus ihren inhaltlichen Kontexten gerissen werden. In Ereignis oder Event findet Erkenntnis den frühen Tod. Bei der Beurteilung solcher Fälle herrscht heute eine Metaphysik der Fakten und eine strikte Dichotomie von Täter und Opfer. Entweder man ist das eine oder man ist das andere. Wer das nur irgendwie in Frage stellt, betreibt selbstverständlich eine Täter-Opfer-Umkehr. Selbst ein notorischer Opferer wie Pius Strobl, Weißmanns interner Gegenspieler, ist dann in der aktuellen ORF-Affäre ein „Opfer“, das dieses Sprücherl zu klopfen versteht. Steht ja auch so im Abc der Journaille, Zweiter Abschnitt, Kapitel 4: Eliminierung elementarer Debatten. Aber auch an Pius interessiert nur die Gage.

Parallel formieren sich dann juristische Heerscharen, tribunalisieren und advokatisieren sich und uns in jahrelangen Prozessen und Ausschüssen, füllen Ordner mit Aussagen, Gutachten, Expertisen, produzieren Files mit grotesken Irrwitzigkeiten, die allesamt Zeit und Materie, Energie und Menschen verbrauchen, ja regelrecht vergeuden. Da erschrecken nicht einmal die Kosten. Sobald Gerichte strafen, werden sie auch selbst bestraft. Verfahren sind oftmals aufreibender und beängstigender als jede Sanktion. Das Ganze nennt sich Rechtsstaat, und Paragraphen tanzen ihren oft rätselhaften Reigen. Die rechtliche Ebene ist freilich überfordert und überlastet. Sie kann es nicht richten, auch wenn sie regelmäßig ein paar Exemplare wird hinrichten müssen. Vorerst virtuell. Aufklärung und Transparenz verkommen zu einer öffentlichen Peepshow süchtigen Aufdeckens. Nicht wenige werden in Zucht- und Ordnungskammern gezerrt und dort ausgezogen. Der höchstpersönliche Lebensbereich ist nur noch geschützt, wenn man ihn höchstpersönlich schützen (lassen) kann. Das Private ist schon längst eine Ruine.