Die Nichtung der Leugner
von Franz Schandl
Worte steigen auf und Worte steigen ab. Gelegentlich steigen sie auch um, verlassen ihren Rayon, ufern aus, erhalten neue Bedeutungen. Gelegentlich vollziehen sie wahrhaft monströse, ja abwegige Verwandlungen.
Den Leugner kannten wir bisher als „Auschwitz-Leugner“. Inzwischen ist die Figur in Serie gegangen. Es gibt derer viele: Klima-Leugner etwa, Corona-Leugner, Wissenschafts-Leugner. Weitere werden aufpoppen. Wir haben es dabei mit einer folgenschweren Enteignung des Antifaschismus und seiner Essentials zu tun. Allesamt wurden sie gekapert und okkupiert. Zweckentfremdet treten sie heute als Versatzstücke herrschaftlicher Diskreditierung in Erscheinung. Ein genügsam wie gehorsam gemachtes Publikum aus Hörigen folgt artig diesen Botschaften. Manche apportieren fleißig Sequenzen, um ihre An- und Aufgeschlossenheit unter Beweis zu stellen, um zu zeigen, dass sie dazugehören. Renitente Delinquenten landen hingegen am Scheiterhaufen der Denunziation. Vielfach gehen diese Rechnungen auch auf. Und es ist gar nicht eine konservative Rechte, es ist eine aufgeladene (links)liberale Mitte, die diese Vokabulatur bedient. Denn links von ihnen gibt es nur noch Rechte.
Der Terminus ist zu einer anhaftenden Markierung geworden, die man nicht so leicht wieder loskriegt. Bezeichnet das Verb „leugnen“ noch einen behaupteten Sachverhalt, so spricht das Substantiv „Leugner“ von einem notorischen Täter oder derer auch gar viele, von einer „Leugnerszene“ ist die Rede. Zweifellos liegt hier ein fundamentaler Unterschied vor, geht es doch nicht darum, etwas als falsch zu bezeichnen, sondern die Falschen auszumachen. Und zwar in doppeltem Wortsinn! Der Leugner, das wissen wir seit dem „Auschwitz-Leugner“, ist eine Unperson schlechthin. Was dort Sinn macht, wird anderswo bösartig. „Die Inflationierung des progressiven ‚Nazi-Labellings‘ Andersdenkender, mithin die geschichtsrevisionistische Relativierung des Nationalsozialismus im Kampf gegen rechts, wird genauso wenig unter die sozialwissenschaftliche Lupe genommen wie das ‚Corona-, Klima- und Wissenschaftsleugner‘-Etikett, welches offensichtlich ein Framing des politischen Gegners mittels einer Sekundärverwertung des Holocaustleugners darstellt“, schreibt Hendrik Wallat in seinem Beitrag „Abgründe progressiver Sozialforschung“ (Streifzüge, Nummer 90, Herbst 2024, S. 20). Tatsächlich geht es um die Ausstellung von Tickets. Steht jemand gar auf dem Index? Ist ein Blick auf Wikipedia oder Correctiv fällig?
Es ist ja durchaus richtig, dass Impfgegner (wie Impffanatiker) und Klimawandelskeptiker (wie Klimaaktivisten) mitunter einigen Unsinn erzählen, dass deren Anti manchmal nicht weniger irr ist als das Pro des narkotisierten Mainstreams, dass sich unter den Inkriminierten auch Idioten, Obskuranten und Nazis befinden. Wie könnte es auch anderes sein in diesen wirren Zeiten diverser Krisen und Umbrüche? Das gilt es zu benennen. Aber darum geht es hier nicht. Es geht um die pauschale Punzierung von Abweichung, damit Rechtgläubige gegen Ungläubige vorgehen können. Es herrscht ein Generalverdacht, ein Schisma wird errichtet. Dieser schwer-religiöse Identitätswahn hat jede Differenzierung hinter sich gelassen. Es geht um Ausschluss. Um Rufmord. Um Exkommunikation. Um Nichtung.
Denn Leugner leugnen den vorgeschriebenen Konsens. Es gilt aber nichts zu leugnen, sondern zu bekennen. Wer nicht hörig ist, darf auch nicht mündig sein. Werden solche Frontlinien gezogen, dann ist sogleich der Vorwurf ein Verschwörungstheoretiker zu sein, naheliegend, ebenso der der Querfront, der Relativierung, der Verharmlosung. Die antifaschistische Terminologie erscheint in neuem Gewand auf fast beliebigem Terrain. Die Installierung diverser Missgriffe leistet gute Dienste in einem üblen Spiel. Es gilt Meinungsdiktate zu setzen und Meinungsdelikte zu ahnden. Es wird nicht hingesehen, es wird hingedroschen. Kritik soll jedenfalls unsagbar werden. Haberfeldtreiben hat Saison.
Leugnen ist sowieso zwecklos. Es beweist lediglich die Schuld-Abwehr des Leugners. Faktenchecker gleichen modernen Inquisitoren. Ihnen wird apriori, und ganz selbstverständlich von ihnen selbst, die Kompetenz zur Wahrheit zugesprochen, um Urteile, die Verurteilungen sind, zu treffen. Hauptakteure sind die medialen Regimenter der Kulturindustrie. Der Inquisition ging es darum, Häresien aufzuspüren und zu bestrafen. Der richtige Glaube nutzte ein subtiles Gerichtssystem, das im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit mit grausamen Methoden wie Folter und Todesstrafe vorging. Was heute Verschwörungstheorie oder Fake heißt, das waren damals Blasphemie und Magie. Hexenhammer und Hexenverbrennung markierten da Höhepunkte. Aktuell erleben wir den Aufstieg einer neuen Dämonologie, die sich an allem und jedem vergreifen kann, das nicht spurt.