Das Surplus und der Irrwitz

von Emmerich Nyikos

1.

Um uns dem Sachverhalt zu nähern, erscheint es angebracht, einige trockene theoretische oder, genauer, methodologische Überlegungen an den Anfang zu stellen. Beginnen wir zuerst einmal mit einem scheinbar trivialen Befund: Jedwede Gesellschaft, welche es immer auch sei, muss sowohl produzieren als auch konsumieren. Produktion und Konsumtion sind demnach die beiden abstrakten Aktionsschemata einer jeden Gesellschaft, unter die jegliches Verhalten und Tun subsumiert werden kann, wie auch immer dann die spezifischen Funktionen dieses Verhaltens und Tuns ausfallen mögen.

Man muss demnach, wenn es um die Funktionsweise von Gesellschaftssystemen zu tun ist, zwischen Produktionssphäre und Konsumtionssphäre analytisch unterscheiden und, im Anschluss daran, die gegenseitigen Beziehungen dieser beiden Sphären, ihre Wechselwirkungen, unter die Lupe nehmen, um nur einigermaßen verstehen zu können, in was wir da hineingeraten sind.

Wir haben also auf der einen Seite die Sphäre der Produktion, also denjenigen Bereich, in dem Güter für den Verbrauch hergestellt werden, also Gebrauchswerte, welcher Art sie auch sein mögen, wobei hier zu unterscheiden ist zwischen den Produktionsgütern, die in den produktiven Konsum, d.h. als produzierte Produktionsmittel erneut in den gesellschaftlichen Produktionsprozess eingehen, somit innerhalb des Kreislaufs der Produktion verbleiben, und den Konsumtionsgütern im engeren Sinn, die bestimmt sind, aus diesem Kreislauf definitiv herauszufallen, wobei dies natürlich nicht heißt, dass sie nicht indirekt auf den Produktionsbereich wieder zurückwirken können, etwa als Lohngüter, die auch, obgleich von der Warte der Konsumierenden aus nicht intentional, dazu dienen, die gesellschaftliche Arbeitskraft zu reproduzieren.

Auf der anderen Seite haben wir die Sphäre der Konsumtion, in der die von der Produktionssphäre bereitgestellten Güter unproduktiv verbraucht, verzehrt oder angewandt werden, und zwar als stoffliche Basis für solche Aktionsformen (und deren institutionelle Rahmenbedingungen), die selbst nicht wieder Gebrauchswerte in stofflicher Form generieren: für die Lebenserhaltung, die Sicherheit, die Rechtspflege, die Gesundheitsvorsorge, das Ausbildungswesen, die Wissensgewinnung, den Kult, das simple Vergnügen, die Kunst, den Sport usw.

2.

Die Produktionsweise, die Art und Weise also, wie Gebrauchswerte hergestellt werden, weist zwei miteinander verzahnte, sich gegenseitig durchdringende Aspekte auf: einmal die Produktivkräfte (Werkzeuge, Geräte, Maschinen, Apparaturen, Bauten, Transportmittel sowie die technologischen Verfahren, die Methoden der Handhabung, die Organisationsformen der produktiven Prozesse, das Ausbildungsniveau der Arbeitskräfte usw.), die Mittel und die Verfahrensweisen des Produktionsgeschehens mithin, dessen Effektuierung, dann weiters, innerhalb bestimmter Produktionsverhältnisse vorgeht, also von Verhältnissen, die die beteiligten Subjekte zueinander eingehen müssen, damit, trivialerweise, überhaupt kooperative, also gesellschaftliche Produktion stattfinden kann: Hier handelt es sich, jenseits des Bereichs der Beziehungen autonomer Produktionsentitäten zueinander (stummer Tausch, Verkauf und Kauf, Handel), im Wesentlichen einerseits um egalitäre, rein kooperative (horizontale), andererseits um hierarchische (vertikale) Relationen („Klassenverhältnisse“), welche letzteren die unterschiedlichsten Formen annehmen können: direkte, durch repressiven Zwang unterschiedlichster Art vermittelte Abhängigkeiten der unmittelbaren Produzenten von den Nicht-Produzenten, sei es nun die totale Dependenz als Sache oder instrumentum vocale („Sklaverei“), sei es die permanente Subordination in der Form der Einschränkung der Freizügigkeit (im Hinblick auf Mobilität, die Wahl der persönlichen Bindung, die Benutzung bestimmter Einrichtungen wie etwa Mühlen usw.), wobei es hier innerhalb eines breiten Spektrums alle denkbaren Gradabstufungen gibt (es sei hier nur als eine der Ausprägungsformen solcher Subordinationen die feudale servitude genannt), respektive durch Geld vermittelte Beziehungen („Pacht“ und „Lohnarbeit“), wobei sowohl auf der Ebene der Produzenten als auch auf der Ebene der Nicht-Produzenten die „Subjekte“, die in diese Verhältnisse eintreten, sowohl „individuelle“ als auch „kollektive“ sein können (Lohnarbeiter versus Heloten; römischer Latifundist versus Korporation von Aktionären).

Diese Produktionsverhältnisse auf dem Niveau gesellschaftlicher Relationen sind jeweils untermauert durch die diversen Formen des (gesellschaftlich sanktionierten) Eigentums an den oder, anders gesagt, die Verfügungsgewalt (direkt oder letztinstanzlich) über die stofflichen Voraussetzungen der Produktion (seien diese das bebaubare Land, die Minen, die Instrumente oder die Bauten), und zwar insofern sie den Zugang zu diesen stofflichen Grundlagen der Produktionsaktivitäten regeln, damit aber auch als Rahmenbedingung der Formierung der gesellschaftlichen Relationen im engeren Sinne fungieren, denn wo der Zugang zu einer Sache kontrolliert wird, da werden zugleich auch die Bedingungen gesetzt, unter denen dieser Zugang gewährt, d.h. die Verbindung zwischen den Produktionsmitteln und den unmittelbaren Produzenten hergestellt wird, und diese Bedingungen sind stets interpersonaler Natur. Das alles freilich im Kontext des gesamtgesellschaftlichen, d.h historischen Bedingungsgefüges, das jeweils die konkreten Formen sowohl des Eigentums als auch der personalen Beziehungen determiniert.

Was nun die konkreten Ausprägungen der diversen Eigentumsformen betrifft, so kann man hier unterscheiden zwischen dem Gemeineigentum (als gesellschaftliches, staatliches oder kommunales) einerseits und andererseits den verschiedenen Formen des Privateigentums, wozu unter anderem das patriarchalische Eigentum an einer Parzelle, das Eigentum des Tempels am bebaubaren Boden, d.h. der jeweiligen Gottheit als des fiktiven Herrschers über das vom Tempel, d.h. der Priesterschaft, organisierte Gemeinwesen, das Obereigentum des orientalischen Despoten, das quiritische Eigentum des römischen Bürgers, das abgestufte Feudaleigentum oder schließlich das kapitalistische Privateigentum zählen.

Alle diese Eigentumsformen können im Prinzip, wie die ihnen entsprechenden personalen Relationen im engeren Sinn, innerhalb einer gegebenen Gesellschaft koexistieren, wobei allerdings jeweils eine bestimmte Form dominieren wird. So finden wird im römischen Imperium etwa patriarchalisches Kleineigentum, Produktionsentitäten, die auf Sklavenarbeit, aber auch solche, die auf Verpachtung beruhen, wobei nicht selten innerhalb eines Latifundiums die Bearbeitung des Bodens sowohl durch Sklaven als auch durch Pächter anzutreffen ist.

Bisher war nur abstrakt von den Verhältnissen die Rede, die die Subjekte in der Produktion zueinander eingehen. Diese haben aber auch konkrete Konsequenzen und zwar in dem Sinne, dass, sobald infolge eines Sprungs im Produktivkraftniveau ein nennenswertes Surplus produziert werden kann, sie die diversen Formen der Aneignung dieses Mehrprodukts regulieren, wobei wir hier unter anderem unterscheiden können zwischen der Komplettaneignung des Produkts durch den Grund- Minen- oder Werkstattbesitzer, wobei dann die Unterhaltskosten der unmittelbaren Arbeitskräfte, der Sklaven, davon abgezogen werden, der Aneignung in der Form von Abgaben (d.h. der Aufteilung des Ertrags zwischen den unmittelbaren Produzenten und den Produktionsmitteleignern), der Aneignung in der Form des Robot oder der corvée (d.h. der Aufteilung der verfügbaren Arbeitszeit der unmittelbaren Produzenten zwischen Eigenproduktion und Produktion auf dem Salland oder der Domäne) oder schließlich, innerhalb der bürgerlichen Formation, dem kapitalistischen Mehrwert.

Wenn wir uns nun noch das Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen vergegenwärtigen wollen, dann können wir sagen: Die Produktionsverhältnisse entsprechen insofern dem Produktivkraftniveau, als dieses letztere bestimmte Typen von Produktionsverhältnissen ausschließt (man denke hier nur an die Unmöglichkeit von Klassenbeziehungen auf der Basis der Jagd- und Sammeltätigkeit), was freilich nicht verhindert, dass innerhalb der möglichen Bandbreite, die durch ein bestimmtes Produktivkraftniveau definiert wird, die unterschiedlichsten Produktionsverhältnistypen auftreten können: Das Produktivkraftsystem der koerzitiven Formation etwa, also, historisch gesprochen, derjenigen, die unmittelbar der kapitalistischen vorausgeht, ist mit einer Reihe divergenter Produktionsverhältnisse durchaus vereinbar: despotische, sklavistische, feudale usw.

Schließlich muss auch festgestellt werden, dass zwar die Produktionsverhältnisse in letzter Konsequenz dem Niveau der Produktivkräfte entsprechen, diese Verhältnisse aber selbst auf das Produktivkraftsystem in bestimmter Weise zurückwirken können: Sie sind also in der Lage, die Produktivkräfte, je nachdem, auf dem gegebenen Stand zu konservieren oder geradewegs einzufrieren, andererseits aber auch das momentane oder sogar das kontinuierliche Anheben des Produktivkraftniveaus (wie im Falle der kapitalistischen Formation) zu induzieren, wobei es, wenn wir die historischen Transformationsprozesse betrachten – die Übergänge von einer Gesellschaftsformation zu einer anderen -, gleichsam die Regel ist, dass die Modifizierung des Produktivkraftsystems und die Modifizierung der gesellschaftlichen Relationen über längere Zeiträume hinweg Hand in Hand verlaufen, dass also beide Transformationsstränge in wechselseitiger Abhängigkeit dynamisch bis zu dem Punkt hin tendieren, wo es zu einem Wechsel des Formationstypus, zu einem qualitativen Umschlagen, kommt (wie es im Falle des Übergangs zur kapitalistischen Formation seit dem Jahr tausend sehr schön zu beobachten ist).

Nebenbei gesagt versteht es sich gleichsam von selbst, dass jede gegebene historische, zeitlich und räumlich umgrenzte Produktionsweise (im Sinne einer Realisierungsform abstrakter meta-historischer Zusammenhänge) als ein konkretes System aufgefasst werden muss, mit jeweils eigenen Funktionsgesetzen und den daraus resultierenden synchronischen und diachronischen Implikationen, auf die hier einzugehen freilich zu weit führen würde, da dies nur möglich ist, wenn man den konkreten historischen Kontext in das Modell miteinbezieht, d.h. eine oder mehrere Abstraktionsstufen tiefer geht, unterhalb derjenigen Ebene, auf der wir uns bisher befanden – auf der Ebene der „Grammatik“ der Geschichte, wenn man so will, ihrer langue im Gegensatz zu ihrer parole, oder, um es mit Chomsky zu sagen: der competence im Gegensatz zur performance.

3.

Kommen wir nun zur Konsumtionsweise, dem anderen Aspekt eines jeden Gesellschaftssystems, also zur Art und Weise, wie Gebrauchswerte, die aus der Produktionssphäre stammen, im Hinblick auf spezifische Funktionen verbraucht oder angewandt werden, die, vorerst negativ bestimmt, nicht die der Produktionssphäre sind. Auch hier können wir eine Unterscheidung treffen, die derjenigen in der Sphäre der Produktion analog ist: zwischen den Konsumtivkräften auf der einen und den Konsumtionsverhältnissen auf der anderen Seite. Die Konsumtivkräfte können dabei bestimmt werden als die Gebrauchsgegenstände selbst (vom Kochtopf bis hin zum Maschinengewehr, vom Regierungspalast bis hin zur Kathedrale) sowie die Verfahren und Methoden der Konsumtion, die Art und Weise also, wie diese Gebrauchswerte gehandhabt werden müssen, damit eine bestimmte Funktion erfüllt werden kann. Die Konsumtionsverhältnisse ihrerseits, also die Verhältnisse zwischen den Akteuren, innerhalb derer die Konsumtivkräfte auf je unterschiedliche Weise effektuiert oder funktional gemacht werden, umfassen sämtliche (institutionalisierten oder auf einem Regelsystem basierenden) Beziehungen, die, sei es im Rahmen des Haushalts, des Staatsapparats oder auf zivilgesellschaftlichem Terrain (auf dem der società civile im Sinne Antonio Gramscis), notwendig sind, um überhaupt diejenigen Funktionen erfüllen zu können, die spezifisch für die Konsumtionssphäre sind: von der Lebenserhaltung bis hin zum Sport oder Kultus.

Zu diesen Relationen sind, auf elementarem Niveau, diejenigen zwischen den Geschlechtern und diejenigen zwischen den Generationen zu zählen, dann, auf einem höheren Niveau, die Relationen innerhalb der und zwischen den unterschiedlichen Abteilungen des bürokratischen, des juristischen, des militärischen oder des Polizeiapparats, des Ausbildungssystems, der Krankenversorgung, der kultischen und der Unterhaltungssphäre, wobei dann wieder zwischen all diesen unterschiedlichen Sphären Beziehungen, wenn man so will, höherer Ordnung bestehen.

Es versteht sich dabei von selbst, dass all diese Relationen untereinander weitaus inhomogener sind – und es auch sein müssen – als diejenigen innerhalb der Sphäre der Produktion, und dies angesichts des Umstands, dass die Funktionen im Rahmen der Sphäre der Konsumtion breit gefächert sind – während es dort prima facie nur um die Herstellung, wenn auch unterschiedlicher, Gebrauchswerte geht, geht es hier um die unterschiedlichsten Lebensprozesse, deren konkrete Formen in ihrer Gestaltung weit auseinanderdriften.

Wie auch im Falle der Produktionsweise, wo wir eine (negativ) determinierte Beziehung zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen feststellen konnten, so besteht schließlich auch im Falle der Konsumtionsweise eine (negativ) determinierte Beziehung zwischen den Konsumtivkräften auf der einen und den Konsumtionsverhältnissen auf der anderen Seite, in dem Sinne nämlich, dass ein bestimmter Stand der Konsumtivkräfte bestimmte Konsumtionsverhältnisse definitiv ausschließt: Ein moderner bürokratischer Apparat ist mit einem Notationssystem auf der Basis von Kerbhölzern offenbar schwerlich vereinbar.

4.

Damit sind wir schon mitten im Thema der Wechselbeziehungen zwischen der Produktionsweise und der Konsumtionsweise einer Gesellschaft.

Wie wir schon sahen, sind Produktions- und Konsumtionssphäre trivialerweise in dem Sinn aufeinander bezogen, dass die Sphäre der Produktion die Basis der Konsumtionsprozesse, nämlich die Konsumtivkräfte, liefert, d.h. die Konsumgüter selbst und damit auch zugleich den (technologischen) Rahmen für die Verfahren, für die Methoden der Konsumtion, wobei hier natürlich die konkrete Handhabe dieser Konsumtivkräfte außerhalb des Bereichs der Produktionssphäre fällt (nämlich als abhängig von den spezifischen Aufgaben, die es zu erfüllen gilt), auch wenn, indirekt, die Konsumtionsweise, um dies nochmals zu betonen, über die Konsumtivkräfte innerhalb gewisser Grenzen durch die jeweilige Produktionsweise letztinstanzlich bedingt ist. Andererseits gilt aber auch, dass die Konsumtionsformen auf die konkrete Gestaltung der Konsumtivkräfte zurückwirken können, indem konsumtive „Notwendigkeiten“, also endogene Dynamiken der Konsumtionssphäre selbst, das Sortiment der konsumtiven Gebrauchswerte, freilich im Rahmen der gegebenen technologischen Antezedenzen, bis zu einem bestimmten Punkt strukturieren.

Überhaupt ist die Konsumtionsweise einer Gesellschaft in dem Sinne (limitiert) autonom, d.h. autodeterminiert, dass sie bestimmte, wenn auch je nach Gesellschaftsform variierende Freiheitsgrade aufweist, mithin so oder so ausfallen kann, eben weil die spezifischen Funktionen (von der Nahrungsaufnahme bis hin zur Beeinflussung der übernatürlichen Welt), ob nun auf diese oder jene Weise, gleich „effektiv“ umgesetzt werden können. Ob man nun die Nahrung mit der Hand, mit Messer und Gabel oder mit Stäbchen zu sich nimmt, oder ob man vor Altären, auf Pyramidenplattformen, in Tempeln, Kathedralen oder Moscheen der Gottheit huldigt oder sie zu besänftigen sucht, das Resultat ist jeweils dasselbe, nämlich die Stillung des Hungers oder das Wohlwollen der übernatürlichen Welt. Die konkrete Ausgestaltung dieser Formen selbst hängt dabei im Wesentlichen von dem kreativen Potential der jeweiligen Gesellschaften ab.

Diese relative Autonomie freilich gilt nur bis zu dem Punkt – und damit kommen wir zu einem anderen Aspekt der Beziehungen zwischen der Produktions- und der Konsumtionssphäre einer Gesellschaft -, ab dem Formen der Konsumtion, also bestimmte konsumtive Aktivitäten, Sand ins Getriebe der Produktionssphäre streuen, sei es in qualitativer, sei es in quantitativer Beziehung: infolge der Etablierung neuer oder des „Aufblähens“ bereits etablierter Formen.

Einerseits kann es, bei gegebenem Produktivkraftniveau, zu einer Überbeanspruchung der Kapazitäten der Produktionssphäre kommen, wenn etwa das Aufkommen neuartiger konsumtiver Praktiken ganz neue Konsumgüter zusätzlich notwendig macht oder aber die Hypertrophierung bestehender Praktiken den Bedarf an bestimmten Gütern über ein bestimmtes Maß hinaus steigert, so dass dies zu einer Verschiebung der Produktionsaktivitäten weg von der Produktionsmittelproduktion (dem Ersatz verschlissener und zu ersetzender Produktionsmittel) oder selbst der Lebensmittelproduktion (als Basis der Reproduktion der gesellschaftlichen Arbeitskraft) hin zur Produktion von Dingen führt, die in dem Sinn als „überflüssig“ bezeichnet werden müssen, als sie im Prinzip für das Funktionieren einer Gesellschaft als solcher nicht unbedingt notwendig sind: etwa die Gegenstände, die für Eroberungskriege, exzessiven Luxuskonsum oder exaltierte Prestigeprojekte der herrschenden Klasse erforderlich sind, oder auch solche, die in Nichtklassengesellschaften für Kulthandlungen oder für Agone, die in ihrem Ausmaß keine Grenzen mehr kennen, hergestellt werden (man denke hier nur an die Moai, an die Steinstatuen auf der Osterinsel, oder an den Potlatch).

Nicht selten auch handelt es sich bei all dem schlicht und einfach nur um die gleichsam mutwillige direkte Destruktion der elementaren Lebensgrundlagen, wie im Falle exzessiver Opfer, die die Herden von Nutztieren in einem Ausmaß dezimieren, dass dadurch die Reserven für weniger günstige Zeiten nicht mehr zur Verfügung stehen.

Ebenso können bestimmte Formen der Konsumtion zu einer regelrechten „Ausblutung“ der Produktionssphäre durch den (permanenten oder periodischen) Abzug von Arbeitskräften aus dem Produktionsbereich führen, bis zu dem Punkt, wo das produktive System auf der gegebenen Stufe sich nicht mehr zu reproduzieren vermag: Man denke hier nur an permanente Kriegszüge, an den Rückzug junger Männer und Frauen in Klöster, an ausufernde Menschenopfer (wie bei den Azteken) oder an expandierte Festperioden, die mit der Ausweitung der arbeitsfreien Tage Hand in Hand zu gehen pflegen.

Manchmal kann die Folge auch die sein, dass, wenn das Konsumniveau über eine bestimmte Marke hinaus angehoben wird, die ökologischen Voraussetzungen der Produktion, die natürliche oder kultivierte Umwelt (oft auch irreversiblen) Schaden erleiden, d.h. die Produktivkräfte unterminiert oder sogar vernichtet werden: durch die Auslaugung oder Versalzung der Böden, den Verlust der Humusschicht, die Deforestation und Verkarstung und was es dergleichen noch mehr geben mag.

Schließlich können Konsumtionsformen (oder ihre Anvisierung) die Produktion von Gebrauchsgütern notwendig machen, die auf der Grundlage des gegebenen Produktivkraftsystems gar nicht produziert werden können, so dass die Versuche dazu, insofern sie notwendig scheitern, zu einer glatten „Vernichtung“ von Produktivkräften führen, die dann nicht mehr zu ersetzen sind. Hypothetisch könnte man sich etwa denken, dass sich eine Gesellschaft darauf kapriziert, bestimmte Kultgegenstände oder Waffen herzustellen, die auf der gegebenen Produktionsgrundlage gar nicht erzeugt werden können.

5.

In diesem Sinne hängt die Konsumtionsweise einer Gesellschaft in letzter Instanz von ihrer Produktionsweise ab (auf der Basis einer Art negativer Determination).

Fassen wir kurz das bisher Gesagte zusammen:

1. Die Konsumtivkräfte basieren, qualitativ und quantitativ auf dem gegebenen Produktivkraftniveau; letzteres gibt daher, über die Konsumtivkräfte vermittelt, den Spielraum der Konsumtionsweisen vor.

2. Wird infolge nicht-kompatibler Konsumtivformen auf die eine oder andere Weise Sand ins Getriebe der Produktionsaktivitäten gestreut, dann wird, über die direkte oder indirekte Beeinträchtigung der Produktionsprozesse oder selbst nur der Surplusproduktion (wenn es sich um Klassengesellschaften handeln sollte) die Basis selbst dieser Konsumtivformen effektiv zerstört oder zumindest zerrüttet, damit fallen dann aber auch diese Formen selbst respektive deren Hypertrophierung früher oder später einem Verdikt, dem Zerfall oder dem Abbau, anheim.

Ein weiterer Aspekt allerdings ist hier dann noch zu bedenken, dem man in diesem Zusammenhang wohl ein noch größeres Gewicht zusprechen muss: Wenn einer gegebenen Gesellschaft die negativen Konsequenzen inkompatibler Konsumtionsformen direkt ins Auge springen (wenn sie also nicht unterschwellig wirken), dann wird in der Regel wohlweislich alles das vermieden, was diese negativen Auswirkungen auf die Produktion nach sich ziehen könnte, ja solche Konsumtionsformen kommen einer Gesellschaft meistens dann auch gar nicht erst in den Sinn.

Man kann also sagen: Die Konsumtionssphäre hängt notwendigerweise von der Produktionssphäre ab, auch wenn erstere innerhalb des Spielraums, den die Produktionsweise jeweils gewährt, ihrer eigenen Dynamik gehorcht, sodass von einer direkten Determination (im Sinne einer „Ableitung“) nicht die Rede sein kann.

Innerhalb eines gegebenen historischen oder formativen Rahmens, kann es somit die verschiedensten Ausprägungen von Konsumtionsformen desselben funktionalen Typs (Lebenserhaltung, Sicherheit, Kult usw.) geben, sofern sie mit der gegebenen Produktionsweise nur kompatibel sind.

Das eben Gesagte, das Faktum der relativen Autonomie der Sphäre der Konsumtion, ihre relative Unabhängigkeit von der Sphäre der Produktion, schließt freilich nicht aus, dass es dennoch insofern Parallelitäten oder Übereinstimmungen in den Organisationsformen zwischen dem produktiven und dem konsumtiven Bereich geben kann, als in der Konsumtionssphäre spezifische Verhältnisse nach dem Modell der Produktionssphäre nachgebildet werden, was uns auch, angesichts meta-historischer Tendenzen jeweils hin zur Konvergenz, nicht überraschen sollte: So waren im antiken Athen und im antiken Rom die „Polizeikräfte“ oder das Dienstpersonal in den Haushalten der polites oder cives Sklaven (so wie eben auch ein Großteil der Produktionsarbeiter, sei es auf dem Land, sei es in der Stadt); die Funktionsträger der Herrscher der Feudalperiode wiederum waren persönlich (als Vasallen) an diese gebunden (wie die Grundholden auch); schließlich darf es nicht verwundern, dass in der kapitalistischen Ära die Staatsbediensteten (in der Bürokratie, der Polizei, der Armee, den Lehranstalten usw.) Lohnabhängige sind (so wie eben auch die Arbeiter in den Fabriken).

Überhaupt ist es so – um dies abzuschließen -, dass zwischen Produktivkräften und Konsumtivkräften einerseits und Produktionsverhältnissen und Konsumtionsverhältnissen andererseits keine klar definierte Grenze gezogen werden kann: Kohle zum Beispiel kann als Produktionsmittel eingesetzt werden (für den Betrieb von Dampfmaschinen), aber auch als Konsumtionsmittel (als Heizmaterial für die Öfen im Haushalt); oder, wenn wir das Sklavenverhältnis betrachten, so haben wir hier die Latifundiensklaverei und dort die Haussklaverei. Diese Unterscheidung ist somit rein analytisch.

6.

Wenden wir uns nun dem explizit diachronischen Aspekt der wechselseitigen Beziehungen zwischen der Produktions- und der Konsumtionssphäre zu. Wie eben gesehen, stoßen die internen Veränderungen der Konsumtionsweise, seien diese quantitativer oder qualitativer Natur, an die Grenzen der Produktionsweise, was umgekehrt keineswegs gilt: Verändert sich diese, so verändert sich notwendigerweise auch jene, d.h. letztere wird in einem mehr oder weniger langandauernden Prozess assimiliert und akkomodiert, sobald und sofern sie sich als ein Bremsklotz der endogenen Transformation der produktiven Sphäre erweist. Denn die Produktion ist die unabdingbare Voraussetzung der Konsumtion, ihre Beeinträchtigung beeinträchtigt daher auch die Konsumtionsprozesse selbst, sodass solche Konsumtionsformen, die sich nicht mehr mit der sich verändernden Produktionsweise als kompatibel erweisen, modifiziert oder überhaupt aufgegeben werden. Das verhindert nicht, dass allfällige Barrieren der Transformation der Sphäre der Produktion bisweilen noch längere Zeit mitgeschleppt werden.

Diese Assimilierung ist nun insofern unproblematisch, als die Konsumtionsweise, wie wir gesehen haben, im Hinblick auf die Funktionen, die es zu erfüllen gilt, so, aber auch so ausfallen kann, sie kann sich mithin umstandslos verändern, ohne dass ein Wechsel der konsumtiven Formen eine Beeinträchtigung der spezifischen Funktionen der Konsumtionssphäre nach sich ziehen würde. Ob man nun Rinder oder Schafe opfert, Bittprozessionen organisiert oder Mönche Gebetsmühlen endlos drehen lässt, die übernatürlichen Mächte werden so oder so günstig gestimmt oder besänftigt. Die Konsumtionssphäre ist somit im Prinzip (mit Bezug auf den funktionalen Aspekt) als extrem flexibel einzustufen.

Das sieht man auch deutlich, wenn man sich solche Akkommodationen etwa während der proto-kapitalistischen Ära vor die Augen führt: Mit dem Aufkommen einer Händlerklasse ab dem Jahr tausend etwa tauchte die Vorstellung eines Purgatoriums auf (mit den entsprechenden Praktiken, d.h. den Messen für die gefallenen Seelen und den Vermächtnissen an die katholische Kirche), d.h. eines der Hemmnisse der Händleraktivität (die ewige Verdammnis und die dieser Vorstellung entsprechenden klerikalen Praxisformen) wurde beseitigt, während später dann auch das kanonische Zinsverbot fiel. Und ebenso wurde die Kirchenorganisation mit den korrespondierenden Frömmigkeitsformen (inklusive Aufhebung der Klöster) in den dann protestantischen Ländern völlig umgekrempelt, als (vermittelte) Reaktion auf das neue proto-kapitalistische Handeln, mit dem das feudale Kirchenregime nicht mehr zu vereinbaren war.

Andererseits ist es nicht weniger korrekt, wenn man sagt, dass Veränderungen innerhalb der Konsumtionssphäre Veränderungen innerhalb der Produktionssphäre auslösen oder anstoßen können, aber eben nur dann, wenn diese letztere bereits dazu disponiert ist, d.h. die Bedingungen dafür schon gegeben sind, insbesondere im Hinblick auf das Produktivkraftsystem. So etwa wurde infolge der neuen Burgbezirksordnung ab dem Jahr tausend die agrikole Produktion auf die vielfältigste Weise intensiviert, durch die innere Kolonisation, durch die Verbreitung des Dreifeldersystems, durch die Verwendung des Pferdes als Zugtier, durch die Einführung neuer oder, genauer, modifizierter Produktionsinstrumente (Räderpflug, Egge, Stirnjoch für Ochsen, Kummet für Pferde, Hufeisenbeschlag) oder durch die Ausweitung des Anbaus bestimmter Bodenprodukte (Hülsenfrüchte, Frühjahrssaaten wie Gerste und Hafer).

Im Prinzip aber gilt, dass der Einfluss der Konsumtionsweise auf die Produktionsweise eng umschrieben ist, denn diese letztere kann nicht willkürlich oder ad hoc an beliebige Ambitionen innerhalb der Konsumtionssphäre angepasst werden, da das Produktivkraftsystem trivialerweise stets technologisch-sequentiell oder, wenn man so will, historisch bedingt ist, wobei die eine Stufe der Technologie immer auf der vorhergehenden aufbaut und auf ihr aufbauen muss, sodass es Sprünge nicht gibt und auch nicht geben kann: Der Kinematograph etwa setzt das Objektiv voraus, das Objektiv die Linse, die Linse den Glasschliff und der Glasschliff dann die Glaserzeugung. Wenn demnach, vor der Erfindung des Glases, die Idee des Kinos, von moving pictures und den entsprechenden organisatorischen Strukturen, irgendwo spontan aufgetaucht wäre, so hätte das dennoch nicht zum Kino geführt – ohne Glas gibt es keinen Glasschliff, ohne Glasschliff keine Linse und ohne Linse kein Objektiv, und damit auch keinen Kinematographen. Die Konsumtionsweise kann also immer nur das aktivieren, was im Nahbereich oder im Umkreis der existierenden Produktionsweise liegt. Umgekehrt gilt dies allerdings nicht: Denn sollte die sich verändernde Produktionsweise bestimmte Konsumtionsformen notwendig machen, so sind die Produktivkräfte dafür (und damit auch die Konsumtivkräfte) stets auch gegeben.

In diesem Sinne, mit Bezug auf die Wechselbeziehungen und Abhängigkeiten, die wir versucht haben, kursorisch zu beleuchten, kann man von einer Infrastruktur der Gesellschaft (der Produktionssphäre) und einer Superstruktur der Gesellschaft (der Konsumtionssphäre) sprechen, und zwar in dem Sinn, dass die Wechselwirkungen zwischen beiden Sphären eine Schlagseite aufweisen, das heißt, dass es sich um ein Gesamtsystem mit Dominante handelt.

7.

Kommen wir nun, nach diesem zugegebenermaßen allzu voluminös geratenen Präludium, zum eigentlichen Thema dieses Versuchs: der Analyse der Superstruktur, insbesondere im Hinblick auf die post-moderne Phase der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Superstruktur, also das Terrain der Konsumtion, lässt sich analytisch zerlegen in unterschiedliche „Felder“, auch wenn diese in der Praxis oft ineinanderfließen und so eben nur analytisch separiert werden können:

1. das Feld der unmittelbaren Reproduktion des Lebens (Basiskonsum und genetische Reproduktion), vornehmlich im Rahmen privater Haushalte;

2. das instrumentelle oder funktionale Feld der Gesellschaft, also die staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Aktionsformen und die ihnen korrespondierenden institutionellen Strukturen, die auf die Produktionssphäre in dem Sinn bezogen sind, dass sie deren Funktionieren auf die eine oder andere Weise absichern, befördern oder entlasten, auch wenn die unmittelbare Motivation der Akteure in diesem Betätigungsfeld jeweils eine ganz andere sein mag und sich ihr Aufgabenbereich nicht darin erschöpft: der repressive Apparat, sei es intern (Polizei und Justiz), sei es extern (Armee), der Verwaltungsapparat, inklusive Parlament und Regierung, der sich einerseits mit Infrastrukturaufgaben im engeren Sinne beschäftigt, andererseits als Assistenzapparat die diversen Transferleistungen organisiert (Arbeitslosenunterstützung, Renten, Armenfürsorge), das Ausbildungswesen (Schulen, Universitäten, Lehranstalten), der Wissenschaftsapparat (Forschungsinstitute, Labors usw.), das Gesundheitswesen und anderes mehr;

3. das Spielfeld der Gesellschaft, also alles das, was als nicht funktional im Hinblick auf das Geschehen in der Produktionssphäre zu betrachten ist, oder genauer: was insofern Spielcharakter trägt, als es außerhalb seiner selbst keine Wirkungen hervorrufen kann, also sich jenseits und im Prinzip losgelöst von den „profanen Notwendigkeiten des Lebens“ bewegt, denn das Spiel als ein solches ist immer selbstbezüglich, es intendiert im Prinzip nichts und es bewirkt nichts, was nicht wieder zu ihm selbst gehört: die Feste, der Kultus, die Kunst, das reine Vergnügen (vom Kino und Fernsehen bis hin zu den Freizeitparks und zum Casino), aber auch, wie wir noch sehen werden, Praktiken, die insofern als Spiele charakterisiert werden müssen, als sie sich als wirklichkeits- oder weltfremd erweisen, d.h. auf reiner Einbildung, also auf Phantasiegebilden beruhen und von daher schon von der Wirklichkeit losgelöst sind. Denn der Gegensatz zum Spiel ist nicht, wie schon Sigmund Freud richtig bemerkt hat, der Ernst, sondern – die Wirklichkeit selbst (also derjenige Bereich, wo sich nicht eingebildete Wirkungen zu vollziehen pflegen).

Das impliziert nun automatisch, dass diese Spiele sein können, wie sie wollen – über das übliche Ausmaß der Flexibilität der Superstruktur hinaus -, sofern nur die Konsumtivkräfte dafür vorhanden sind; sie sind nicht an externe Vorgaben gebunden, ihr Freiheitsgrad ist insofern weitaus größer als derjenige der anderen Felder.

Das hier Gesagte schließt indessen nicht aus, dass, auf dem historischen Niveau der bürgerlichen Gesellschaft, alle diese Spielvarianten, von denen hier die Rede ist, nach und nach in den Bereich der Profitproduktion einbezogen werden, in dem Sinne, dass sie als Anlagefeld für das Kapital als einer Maschinerie zur Produktion von Profit herhalten müssen. Sie werden gewissermaßen gekapert. Man könnte hier von einer sekundären Profitgenerierung jenseits der Produktionssphäre sprechen, wie das schon von Marx in den Theorien über den Mehrwert anhand des Beispiels einer Sängerin, die Gesang „produziert“, theoretisiert worden ist.

Dass dies so ist, darf angesichts der generellen Tendenz des Kapitals, alles zu Geld machen, alles versilbern zu wollen, mitnichten verwundern; das benimmt aber dieser Sphäre, auf dem Niveau der Praktiken selbst, nicht ihren Spielcharakter, denn auch wenn sie in ihren spezifischen Formen der Organisierung dem Kapital subsumiert ist, dann so wie die natürliche Umwelt, als passiver Spielball, als Verfügungsmasse, aber keineswegs als aktives Moment.

Wie wir schon angemerkt haben, so sind auch hier, wie überhaupt, die Grenzen zwischen dem instrumentellen Feld und dem Spielfeld fließend: Rituale, um eine offensichtliche Illustrierung anzuführen, mögen durchaus insofern auch funktional sein, als sie, etwa im Hinblick auf die Jagd, die produktiven Akteure in ihrer Performance dadurch bestärken, dass sie ihnen die Zuversicht des Jagderfolgs als Rahmenbedingung für adäquates Agieren verleihen.

8.

Jenseits der Infrastruktur und der Superstruktur, wenn auch eng damit verwoben, ja in diese integriert, findet sich nun aber auch ein Bereich, der nicht unmittelbar, also praktisch oder manipulierend, mit der objektiven Realität, der Welt als Gegebenes, interagiert (so wie die Aktionsformen mit den ihnen korrespondierenden organisatorischen Strukturen), sondern nur reflektierend: die mentale Repräsentation der Welt im menschlichen Geist.

Diese Unterscheidung will natürlich mitnichten besagen, dass nicht auch die Praxis als solche Denkoperationen miteinschließt, die, sowohl im Mikrokosmos des Alltags wie auch im Makrokosmos der Geschichte, das Handeln, im Rahmen des Gegebenen, der Umstände, wie sie von Marx genannt worden sind, wesentlich steuern. Denn nichts kann im Prinzip, wie Engels betont hat, ohne das Denken erfolgen. Dieses ist also nicht nur als „statisch“ zu denken, sondern auch als „dynamisch“, nicht nur als „passiv“, als Konstruktion eines inneren Modells, sondern desgleichen als „aktiv“, als „Steuereinheit“ sämtlicher Aktivitäten.

Wir haben hier also

1. das profane, das praktische Denken, das Durchdenken der jeweiligen Lage im Hinblick auf die Orientierung des Handelns im Hier und im Jetzt (dann jedoch auch im historischen Kontext, sobald die Geschichte in den Alltag „einbrechen“ sollte);

2. aber die Konstruktion eines „Abbilds“ der Handlungsbedingungen jenseits konkreter orts- und zeitgebundener, unmittelbar handlungsrelevanter Situationen: das „Bild von der Welt“, das insofern als ein Bild aufgefasst werden muss, als es den das Hier und das Jetzt transzendierenden Rahmen der Praxis, den Makrokosmos der Geschichte, wenn man so will, subjektiv und spontan reflektiert (das aber dann auch den Ausgangspunkt für elaborierte theoretische Konstruktionen abgeben kann); denn, wie Gramsci betont hat, jedes Subjekt ist gewissermaßen auch „Philosoph“.

Der Witz an der Sache ist nun, dass dieses „Bild“ den weiteren Kontext des Handelns, also die „Welt“, auf spezifische Weise repräsentiert, nämlich in Abhängigkeit von den Handlungsweisen im Kontext der Alltagsroutine, die gleichsam als eine Art Filter fungieren und die, sobald sich der geistige „Wahrnehmungsapparat“ im Sinne der Routinisierung konsolidiert hat, dann auch die Perspektive bestimmen, aus der letzten Endes die „Welt“ registriert wird.

Denn alles das, was die Verhaltensweisen im Mikrokosmos des Alltags desavouiert oder anficht, ist auf Dauer nicht in das „Bild von der Welt“ integrierbar, und zwar insofern, als, wenn die „Welt“ das Verhalten als inadäquat denunziert (und sich dieser Konflikt im Bewusstsein fixiert), das Subjekt gar nicht umhin kann, als aus dem moralischen Gleichgewichtszustand zu fallen: Ein Zwiespalt zwischen Handeln und Denken ist, was keines Beweises bedarf, auf Dauer nicht zu verkraften. Es wird demnach immer nur das gedacht werden, was den Verhaltensweisen nicht direkt widerspricht, auch wenn es innerhalb dieses Rahmens dann durchaus Spielräume für divergierende Repräsentationsformen oder Weltansichten gibt.

Die Dominanz der Handlungsweisen gegenüber dem, wenn man so will, „philosophischen“ Denken aber, der Umstand, dass das Denken, wenn es zu einem „Konflikt“ kommen sollte, in der Regel den kürzeren zieht, kann darauf zurückgeführt werden, dass sich, wie die Dinge nun einmal liegen, zu dem, was man im Alltag tut, keine Alternativen, die praktikabel sind, bieten, denn sie sind durch die jeweiligen Gesellschaftsumstände strikt vorgegeben – es sei denn, man wäre bereit, das gesellschaftlich sanktionierte Schema des Handelns hinter sich zu lassen -, während das Denken, seiner Natur nach, recht flexibel ist: Man kann sich alles einbilden, wenn man nur will.

Aus all dem folgt offenbar, dass, je nach den Handlungsweisen der Subjekte, das „Bild der Welt“ mehr oder weniger adäquat ausfallen kann. Um hier eine Analogie zu bemühen: Je nachdem, wie die Brennweite eines Objektivs eingestellt ist, wird sich der Blickwinkel der Kamera von dem des Auges entfernen oder auch sich ihm nähern, d.h. ein mehr der weniger realistisches Abbild der Umgebung liefern. Es ist also keineswegs ausgeschlossen, dass es adäquatere, dann aber auch weniger adäquate „Bilder der Welt“ geben kann, auch wenn der subjektive Faktor, hier wie dort, immer eine Rolle spielen wird, ganz abgesehen von den objektiven, historisch bedingten Schranken, die der Erkenntnis gesetzt sind.

Wenn nun aber das „Bild“ von der objektiven Realität essentiell abweichen sollte, also dann auch von ihren jeweiligen Erscheinungsformen, dem Ausdruck mithin der zugrundeliegenden, aber dem oberflächlichen Blick verborgenen Zusammenhänge (der Preis etwa als Ausdruck des Werts, der Profit als Ausdruck des Mehrwerts, der Lohn als Ausdruck des Werts der Arbeitskraft) – den Formen, in denen sich die Realität unmittelbar dem Geist präsentiert -, dann ist ein Impetus da – nämlich die „Stabilisierung“ des „Bildes der Welt“ -, diese Erscheinungswelt praktisch dem „Bild der Welt“ anzugleichen, sei es nun in der Form der illusionären Realität (auf der Ebene kommunikativen Handelns), sei es in der Form der realen Illusion (auf der Ebene der Manipulation von Gegenständlichkeiten oder Relationen), was letztlich dazu führt, dass die Oberfläche der Realität ihrem Wesen noch mehr entfremdet wird, als dies ohnedies schon auf spontane Weise der Fall ist. Man könnte dies, wenn man so will, „ideologische Praxis“ nennen, eben weil diese Praxisform auf das „Bild der Welt“ (d.h., um genauer zu sein, auf ein infolge bestimmter Handlungsweisen „deformiertes“) als Dreh- und Angelpunkt, nicht aber auf die Realität selbst bezogen ist.

Im übrigen versteht es sich von selbst, dass diese ideologische Praxis gerade an der Oberfläche der Erscheinungswelt ansetzt, denn diese ist offenbar viel leichter manipulierbar als die zugrundeliegenden Gegebenheiten und Verhältnisse selbst.

Um dies zu illustrieren: Wenn das spezifische Klassenverhältnis, das die bürgerliche Gesellschaft charakterisiert und ihr immanent ist, im „Bild der Welt“ als harmonisch repräsentiert wird, entsprechend dem praktizierten Verhalten der Agenten der kapitalistischen Produktion, die objektive Divergenz zwischen den Kapitaleigentümern und den Lohnarbeitern auf dem Niveau der Erscheinungsformen indes nicht umhin kann, allen sofort in die Augen zu springen – denn das ist offensichtlich (man denke hier nur unter anderem an die Reichtumsverteilung) -, dann ist eine starke Motivation dafür gegeben, die Oberfläche der Realität diesem „Bild“ anzugleichen – durch „Mitbestimmung“, „Gewinnbeteiligung“, die Nomenklatur („Mitarbeiter“, „Arbeitnehmer“) und was es dergleichen noch mehr geben mag. Das aber impliziert offenbar, dass die Erscheinungswelt dem Wesen der kapitalistischen Produktion noch mehr entfremdet wird, als dies spontan ohnedies schon geschieht (der Lohn etwa erscheint ganz spontan als „Bezahlung der Arbeit“).

Obgleich, wie wir soeben sahen, die „ideologische Praxis“ auch im Bereich der Produktionssphäre, in der Infrastruktur der Gesellschaft, ein Aktionsfeld finden kann, so ist es doch eher so, dass man dieses Aktionsfeld vornehmlich im Bereich der Superstruktur antreffen wird, nicht zuletzt deshalb, weil hier die Manipulationsmöglichkeiten, aufgrund ihrer relativen „Flexibilität“, viel größere sind: Es seien hier nur die Mode, die Architektur, das Interieur oder die politischen Ausdrucksformen (institutioneller oder kommunikativer Natur) kursorisch erwähnt.

9.

Um die Funktionsweise der post-modernen Gesellschaft in ihren wesentlichen Aspekten begreifen zu können, erscheint es angebracht, hier noch eine theoretische Kategorie einzuführen: die des Surplus. Das Surplus kann dabei definiert werden als der Überschuss in Gebrauchswertausdrücken über das hinaus, was zur stationären Reproduktion der Produktionsgrundlagen (nämlich die Produktionsmittel und die Lebensmittel der unmittelbaren Akteure der Produktion) notwendig ist, also das Nettoprodukt minus Konsumtionsfonds derjenigen Arbeitskräfte, die im Produktionsapparat der Gesellschaft agieren. Es ist die Basis einer jeden in Klassen geteilten Gesellschaft sowie generell der Superstruktur, sofern diese einmal einen bestimmten Komplexitätsgrad erreicht hat. Funktional verteilt es sich traditionellerweise auf den Fonds für die Erweiterung der Produktionsgrundlagen (die Akkumulation) sowie auf die Fonds für den konsumtiven Konsum jenseits der Reproduktion des Arbeitskräftepotentials der Gesellschaft: auf die gebrauchswertmäßige Grundlage für den Luxuskonsum der herrschenden Klasse, für den Konsum des Staates (Regierung, Verwaltung, Justiz, Heer usw.) sowie für den Konsum spezifischer Institutionen nicht-staatlicher Provenienz (etwa des Tempels, der Kirche usw.).

In der post-modernen bürgerlichen Gesellschaft, die uns hier allein angeht, teilt sich der auf dem Surplus basierende Konsumtionsfonds grosso modo auf die folgenden Unterabteilungen auf:

1. auf den Fonds für den Luxuskonsum der Bourgeoisie (Yachten, Privatjets, Ressorts usw.), inklusive den Konsum des von ihr abhängigen Dienstpersonals (Butler, Köche, Bodyguards, Piloten, Stylisten und was es hier noch so geben mag),

2. auf den Fonds für den Konsum der von der Bourgeoisie mehr oder weniger direkt abhängigen „zivilen“ Organisationen, inklusive den Konsum der Funktionsträger, die dort beschäftigt sind (die Foundations und davon wieder abhängig: die Allianzen, die Forschungsinstitute, die zivilgesellschaftlichen Formationen vulgo Non-Governmental-Organisations);

3. auf den Fonds für den Konsum des Managementapparats des operativen Kapitals (der Konzerne) sowie der privat organisierten, die Profitproduktion begleitenden oder realisierenden organisatorischen Strukturen, soweit sie nicht direkt für die Produktionsaktivitäten als solche maßgeblich sind (Kommerz, Banken- und Versicherungswesen, Institutional Investment, Verkaufsförderung, Public Relations, Reklame, Börse usw.), inklusive den Konsum des dazu gehörigen Personalbestands;

4. auf den Fonds für den Konsum derjenigen Bereiche des privat organisierten „unproduktiven Sektors“, deren Funktion sich wesentlich auf die „Freizeit“, die „Information“ oder die „geistige Dimension“ der Gesellschaft bezieht, inklusive der dort tätigen Personen (Unterhaltungsbranche, Medien, Kunst, Kult usw.);

5. schließlich auf den Fonds für den direkten oder indirekten Staatskonsum: den Konsum im Betrag der Staatsausgaben für die Regierung, die Verwaltung, die Polizei, die Armee, die Justiz, das Bildungswesen, das Gesundheitswesen und so fort, inklusive staatliche Gehälter, sowie für Transferzahlungen in der Form von Assistenzausgaben, Stipendien, Renten, Förderungen und was es dergleichen noch mehr geben mag.

10.

Der Schlüssel nun für das Verständnis der konkreten Performance der post-modernen Gesellschaft, insofern es die Superstruktur dieser Gesellschaft betrifft, ist der Umstand, dass das Surplus, im Vergleich zu allen Klassensystemen davor, enorm angewachsen ist. Das ist zentral.

Dieses Wachstum nun verdankt sich dem rasanten Anstieg des Produktivkraftniveaus, der permanenten Zunahme mithin der Produktivität der Produktionsprozesse – gemessen als Ausstoß von Gebrauchswert pro Einheitsmaß der Arbeitszeit -, ein Anstieg, der auf die spezifische Funktionsweise der kapitalistischen Produktion zurückzuführen ist, d.h. auf das Konkurrenzverhältnis autonomer, unabhängig voneinander operierender Kapitalentitäten, die sich der Produktion von Extramehrwert mithilfe technologischer Innovationen als Garant der Selbstbehauptung so oder so nicht entziehen können. Dieser Impetus setzt sich dann unter monopolistischen Bedingungen in modifizierter Form und zwar insofern fort, als die Anhebung des Produktivkraftniveaus (und damit der Rate des Profits) nunmehr zur Voraussetzung der Attraktion von Aktionärskapital und somit zum Garanten der (autonomen) Weiterfortexistenz der Kapitalgesellschaft (und ihres Managements) wird. All das sollte schließlich in die durch das Profitmotiv induzierte Inkorporierung der technologisch orientierten Wissenschaft in das System der Produktivkräfte münden, d.h. einen qualitativen Sprung herbeiführen, dessen weitere Konsequenzen noch gar nicht absehbar sind.

Eine Voraussetzung dafür bildet freilich die Kapitalakkumulation, d.h. die erweiterte Reproduktion der Produktionsgrundlagen – ihrerseits in erster Linien Frucht des Profitmotivs in seiner quantitativen Dimension -, insofern sie das Fundament der Einführung neuer Technologien, d.h. effektiverer Produktionsmethoden darstellt, da diese sich in der Regel als extrem kapitalintensiv erweisen.

Zu all dem kommt noch hinzu, worauf nicht extra hinzuweisen ist, dass die Akkumulation schon von sich aus ein periodisches Anwachsen des Nettoprodukts induziert, denn wenn sich die Produktionsgrundlagen erweitern, dann erhöht sich automatisch der Ausstoß und damit zugleich auch das Nettoprodukt.

Akkumulation und technologische Intensivierung der Produktion zusammengenommen führen demnach dazu, dass das Nettoprodukt von Produktionsperiode zu Produktionsperiode unaufhaltsam zunimmt, damit aber auch die quantitative Basis des Surplus, das eben eine Abteilung dieses Nettoprodukts repräsentiert.

Dieser Anstieg des Produktivkraftniveaus hat dann aber auch noch zur Folge – und hier kommen wir zum relativen Aspekt des Wachstums des Surplusanteils des Nettoprodukts -, dass der Wert der Arbeitskraft infolge der von Marx so genannten Produktion des relativen Mehrwerts zeitgleich und davon abhängig sinkt, was auf Gebrauchswertebene sich dergestalt auswirkt, dass sich der Anteil der dem aktiven Arbeitskraftpool zufallenden Gebrauchswertmenge am gesamten Nettoprodukt, das innerhalb einer gegebenen Produktionsperiode hergestellt wird, im Vergleich zu davor erheblich verringert, was gleichbedeutend damit ist, dass der Umfang des Surplus dementsprechend wächst, und zwar, insofern der Impetus der Produktivkraftforcierung in die kapitalistische Produktionsweise systemisch eingebaut ist, von Mal zu Mal mehr.

Innerhalb der Spannweite eines wachsenden Nettoprodukts verschiebt sich also die Grenze zwischen dem Lohnfonds und dem Surplus unaufhörlich zugunsten des Surplus, sodass dieses gleichsam „explodiert“. Das gilt selbst dann, wenn der Reallohn über die Marke der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Lebensmittel (eine Marke, die, zugegebenermaßen, selbst variabel ist) hinausgehen sollte, was zumindest in den kapitalistischen Zentren nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zeit lang zu beobachten war. In diesem Sinne könnte man sagen, dass der aktive Arbeitskraftpool am Surplus für einige Zeit in mehr oder weniger eng gezogenen Grenzen partizipiert hat.

Darüber hinaus aber ist das Wachstum des Surplus auch dem Umstand geschuldet – und dies mehr und mehr -, dass die Arbeitskraft als Faktor der Produktion der Tendenz nach überhaupt aus dem Produktionssektor ausgeschieden wird, und zwar durch Automatisierungsprozesse, die die lebendige Arbeit unnötig machen, was schließlich, unter den Bedingungen des Monopolsystems, darauf hinauslaufen muss, dass am Ende eines säkularen Prozesses das Nettoprodukt mit dem Surplus gänzlich in eins fällt.

11.

Dieses Surplus nun, das ständig größer wird und dabei ist, Dimensionen anzunehmen, die man sich noch vor einiger Zeit nicht hätte vorstellen können, befindet sich, der Natur der Sache nach, in der Hand, d.h unter der unmittelbaren Kontrolle der globalen Bourgeoisie sowie, sekundär, des bürgerlichen Staates als deren Famulus, der über die Steuern, aber noch mehr über den Staatskredit am gesellschaftlichen Surplus partizipiert.

Nebenbei sei bemerkt, dass die Staatsverschuldung, die eine immer größere Rolle im Staatshaushalt spielt, die Partizipation des Staates am Surplus entschieden erleichtert. Denn die globale Bourgeoisie überlässt hier der Verfügungsgewalt des Staatsapparats eine Tranche des Surplus nicht gezwungenermaßen wie im Falle der Steuern – was immer zu Konflikten führt -, sondern freiwillig, ja aus eigenem Antrieb heraus, da über die Anleihezinsen enorme Gewinne lukriert werden können. Der Staat wiederum ist dennoch relativ frei, diesen Surplusanteil nach seinem Geschmack zu verwenden, auch wenn durch die Zahlung der Zinsen und dann, wenn der Kredit getilgt werden muss, sich der Umfang der staatlichen Surpluspartizipation notwendigerweise wieder verringert, was allerdings durch die Neuaufnahme von Schulden konterkariert werden kann. Und so fort – bis es dann, wenn es zu Schuldenkrisen kommt – und die sind unvermeidlich -, nicht mehr geht. Aber das ist ein anderes Thema.

12.

Wohin aber geht nun dieses exorbitante Surplus genau, und zwar jenseits und über das übliche Ausmaß der Verwendungsweisen hinaus, die man seit jeher als typisch für die Superstruktur der Gesellschaft ansehen muss? Nun, die Reduktion des Umfangs der Arbeiterklasse aufgrund von Automatisierungsprozessen im Sektor der Produktion, die immer rasanter vorangeht, führt notwendigerweise dazu, dass ein stetig wachsender Personenkreis aus dem Surplus alimentiert werden muss: einerseits direkt über die Transfers (Assistenzausgaben), andererseits aber, und dies mehr und mehr, über die Beschäftigung im Staatsapparat oder den zivilgesellschaftlichen Formationen, ganz in Analogie zu früheren Zeiten, wo in den Haushalten der Aristokratie oder des Herrschers das Dienstpersonal, also die Köche, Pferdeknechte, Kutscher, Zofen, Musiker, Schreiber, Spaßmacher, Hofnarren oder das Aufsichtspersonal, direkt aus dem Surplus unterhalten wurden.

Ein Indikator des Umfangs dieses Personenkreises mag die Hochschulquote sein, die heute so hoch wie niemals zuvor ist, denn mehr als die Hälfte eines Jahrgangs studiert mittlerweile. Zieht man nun von den Absolventen der Hochschulen die Technologen, Ingenieure und Techniker ab, die (noch) im Produktionsapparat unterkommen können, dann bleibt nichtsdestotrotz ein erheblicher Anteil an der Gesamtheit der akademisch Qualifizierten, der für die Produktionssphäre ganz und gar unbrauchbar, der also sonstwo beschäftigt werden muss – neben dem kapitalistischen „Überbau“ (Kommerz, Reklame usw.) und dem privat organisierten Informations- und Unterhaltungssektor, eben im Staatsapparat oder den zivilgesellschaftlichen Organisationen der unterschiedlichsten Art. Die akademische Mittelklasse, wenn man hier überhaupt noch von Klasse sprechen kann, ist dabei, sich zur quantitativ dominierenden Schicht der post-modernen Gesellschaft zu mausern, wenn sie es ohnedies nicht schon längst ist.

Es erscheint in diesem Zusammenhang durchaus angebracht, darauf hinzuweisen, dass das Gehalt dieser Mittelklasse und damit der Umfang ihres (abgeleiteten) Anteils am Surplus an keine objektiven Kriterien gebunden, also weitgehend willkürlich ist; er ist demnach im Prinzip nach oben hin offen, insofern keinerlei Verbindung mehr zum „Wert der Arbeitskraft“, so wie im Sektor der Produktion, als gegeben vorausgesetzt werden kann – eine Verbindung, die aus der Funktionsweise der kapitalistischen Warenproduktion, aus dem Profitmotiv, unmittelbar ableitbar ist und sich dahingehend auswirkt, dass sich das Quantum des Lohns in der Regel auf einem niedrigen Niveau stabilisiert oder immer nur mäßig anwachsen kann. Wo das Profitmotiv nun aber wegfällt – und dies ist in den „unproduktiven Sektoren“, in denen das akademische Personal eine Anstellung findet, offenbar durchwegs der Fall -, so auch die Tendenz, das Gehalt niedrig zu halten. Daher kann es über die Marke des Lohns der Restarbeitskraft im Produktionssektor steigen, bisweilen auch massiv. Das impliziert aber nun, dass die Mittelklasse akademischer Provenienz über einen Spielraum der Konsumausgaben (und damit der „Spielmöglichkeiten“) verfügt, der zwar im Vergleich mit dem der Bourgeoisie oder des Staates lächerlich niedrig, aber doch im Vergleich mit dem Rest ansehnlich ist.

Auf der anderen Seite, und das ist das vollkommen Neue in der post-modernen Phase der bürgerlichen Gesellschaft, stellt sich das Surplus in der Form von „Maßnahmen“ dar oder geradewegs von „Projekten“ der Elite der Bourgeoisie und, in deren Schlepptau, des bürgerlichen Staates, die mit den „Notwendigkeiten des Lebens“, den realen Erfordernissen nicht nur der Gesellschaft als solcher, sondern auch der Gesellschaft in ihrer bürgerlichen Verfasstheit, nichts mehr zu tun haben und die man als Ausgeburten grotesker Phantasie sowie als glatte Verschwendung von Ressourcen ansehen muss – „Anstalten“ oder performances auf dem Spielfeld der Gesellschaft, die es so vorher nicht gab. Wir werden noch sehen, welche das sind.

13.

Rekapitulieren wir kurz: Das gesellschaftliche Surplus ist im Vergleich zu früheren Zeiten, ja selbst zur klassischen Phase der bürgerlichen Formation, extrem angewachsen. Ziehen wir den Akkumulationsfonds sowie den Fonds für die instrumentellen Funktionen des Staatsapparats, inklusive die Transfers, nun davon ab, dann erhalten wir enorme Ressourcen für das Spielfeld der Gesellschaft, für Spiele mithin, deren Akteure die Elite der Bourgeoisie, der bürgerliche Staat sowie, teils auf eigene Rechnung, teils als Exekutivpersonal, die akademische Mittelklasse sind.

Das quantitative Wachstum des Surplus ist aber nur der eine Aspekt. Hinzu kommt dann noch, dass die kapitalistische Produktion nicht nur die beständige Innovation auf dem Feld der Produktionsgüter, der Produktivkräfte im engeren Sinn, sondern nicht minder diejenige auf dem Feld der Konsumtionsgüter, der Konsumtivkräfte mithin, induziert oder geradewegs notwendig macht, denn die monopolistische Konkurrenz der Kapitalentitäten funktioniert nicht mehr so sehr, oder nur mehr in Ausnahmefällen, auf der Basis der Reduktion der Warenpreise, sondern viel eher auf der Basis qualitativer Innovation, sowohl hinsichtlich des Auftauchens neuartiger Gebrauchswerttypen als auch hinsichtlich der Modifikation bereits etablierter Gebrauchswertkategorien, d.h. auf der Basis der Lancierung neuartiger Produkte für den konsumtiven Konsum, die es so vorher nicht gab (im Bereich der Kommunikation, der Medizin, der Mobilität, der Waffentechnik usw.). Kurz: Wer stets Neues produziert, der hat die Nase vorn. So erweitert sich nicht nur der quantitative Rahmen der Spiele, sondern nicht minder auch die qualitative Basis dafür.

14.

Wir haben vorhin gesehen, dass „ideologische Praxis“ als eine Aktivitätsform aufgefasst werden muss, als deren Bezugs- und Angelpunkt das „Bild der Welt“ erscheint – ein Bezugspunkt, der sich stets so gestaltet, dass er den praktizierten Verhaltensweisen im Alltag nicht widerspricht, wie immer er sonst auch ausfallen mag -, wobei es letztlich darum zu tun ist, die Oberfläche der Realität, die Welt der Erscheinung, dahingehend zu manipulieren, dass sie sich der Tendenz nach dem „Bild der Welt“ angleicht. Das bevorzugte Feld dieser Praxis ist dabei, wie vorhin erwähnt, nicht die Infrastruktur, die Sphäre der Produktion (obwohl sie auch hier aktiv werden kann), sondern die Superstruktur, insbesondere hier dann vor allem das Spielfeld.

Es versteht sich nun wie von selbst, dass durch das gewaltige, überbordende Surplus, das auf der Basis der kapitalistischen Produktionsweise hervorgebracht wird, sich zugleich auch der Spielraum für „ideologische Praxis“ extrem expandiert: Je mehr Ressourcen zur Verfügung stehen, desto gründlicher kann man die Oberfläche der Realität, die Welt der Erscheinung, manipulieren, und zwar nicht nur „mikrokosmisch“, sondern mehr und mehr auch auf „makrokosmischem“ Niveau, d.h. als Großspektakel, als Unterfangen in Dimensionen, die bis jetzt gar nicht vorstellbar waren.

Was bedeutet dies aber? Nun, es ist klar, dass der Gestaltungsspielraum der Spiele auf dem Spielfeld der Gesellschaft, der durch den Umfang und die Potentialitäten des Surplus bestimmt wird, jeweils auf konkrete Weise ausgefüllt werden muss oder anders gesagt: die abstrakte Möglichkeit der Spiele, von Aktivitäten, die, um dies nochmals zu sagen, losgelöst sind von jeglicher Notwendigkeit, die über sie als solche hinausgeht, ist in definiten Formen zu konkretisieren, und hier kommt dann die „ideologische Praxis“ ins Spiel: als die spezifische Realisierungsform des Geschehens auf dem Spielfeld der post-modernen Gesellschaft.

15.

Was nun diese Gesellschaft vor allem anderen, was für sie typisch ist, spezifiziert, das ist das generalisierte systemkonforme Verhalten, das sich dem Umstand verdankt, dass es reale historische Perspektiven über das System des Kapitals hinaus nicht mehr gibt: Fragmentiert und atomisiert, wie sie ist – und das ist kein Zufall, sondern die Konsequenz systemimmanenter Tendenzen -, fehlt schlicht und einfach die subjektive Basis für eine Transformation der Gesellschaft im Sinne der Ablösung der privat organisierten Produktion durch eine gesellschaftlich organisierte, für eine Transformation, deren objektive Notwendigkeit indes unabweisbar ist, weil und insofern sie sich unmittelbar aus den Dysfunktionalitäten der kapitalistischen Produktionsweise selbst, die dem rasant steigenden Produktivkraftniveau entspringen, kategorisch ergibt. Kurz: Es fehlt eben das, was man als kollektive Handlungsfähigkeit ansprechen muss, was letztendlich darauf hinausläuft, dass man sich völlig, in allen Aspekten, dem bestehenden System subsumiert und, realistisch betrachtet, auch subsumieren muss.

Das Handeln ist deshalb nur reaktiv und kann eben nur reaktiv sein: Es ist systemkongruent, determiniert allein durch die Vorgaben also, die sich aus der Struktur und der Funktionsweise des Systems selbst ergeben. Für die da oben gilt das ohnedies schon seit jeher, für die da unten indes, seitdem sich die Arbeiterklasse aufgelöst hat, zuerst nur „moralisch“, indem, im Kontext des welfare-state und auf der Basis der generellen Tendenz zur Atomisierung einer auf Warenproduktion basierten Gesellschaft, allmählich ihre Organisiertheit verfiel, dann aber auch, infolge von Automatisierungsprozessen, mehr und mehr „physisch“.

Es bleibt daher nur die Systemkonformität des Verhaltens, deren Komplement das Leben im Hier und im Jetzt, für diesen Augenblick ist, was gar nicht umhin kann, sich als Fixierung auf die Gegenwart und damit als das Bezogensein des „Bildes der Welt“ auf das, was hier und jetzt gegeben ist, zu manifestieren. Denn alles das, was darüber hinausgeht – die geschichtlichen Tendenzen -, würde das systemkonforme Verhalten inkommodieren: Die gegenwärtige Welt als ein Moment eines historischen Prozesses aufzufassen, als ein System mithin, das notwendigerweise hinfällig ist, weil es offensichtlich dabei ist, sich selbst, systemisch, zu unterminieren oder, wenn man so will: sich gleichsam „unmöglich zu machen“ – mit all den fatalen Folgen, die sich daraus zwangsweise ergeben -, würde offensichtlich bedeuten, sich die Unhaltbarkeit der eigenen Verhaltensweisen eingestehen zu müssen, was schlichtweg dazu führen würde, dass man aus dem moralischen Gleichgewicht fällt. Das ist, verständlicherweise, zu verhindern, und daher wird aus dem „Bild“, das man sich von der Welt macht, die Geschichte dann auch konsequent ausgeschlossen: das Werden und somit auch der Umstand, dass man in einem objektiv transitorischen Augenblick lebt.

Das aber heißt: Jeder Moment, der für das Subjekt nichts anderes mehr als Gegenwart ist, wird als absolut aufgefasst, und die Welt erscheint im Licht nur dieses Moments. Die Welt wird dementsprechend repräsentiert als eine diachronisch fragmentierte, als eine Sequenz unverbundener Punkte in der Zeit oder, geradewegs, reiner „Gegenwarten“, die ihrerseits dann als nichts anderes als ein Bündel synchroner, zufällig auftretender Gegebenheiten erscheinen, deren jede, da kein Zusammenhang mehr gedacht werden kann – denn der Zusammenhang zeigt sich erst im prozessualen Geschehen, d.h. im geschichtlichen Werden, welches indessen aus dem Blickfeld gänzlich herausfällt -, als aus sich selbst heraus aufgefasst, also als absolut und losgelöst, damit aber auch als in ihrer Bedeutung unbegrenzt wahrgenommen werden: Sie werden als überdimensional repräsentiert, weil und insofern kein Vergleichspunkt mehr da ist.

Hier setzt dann auch die „ideologische Praxis“ insofern an, als die profane Realität – die Tatsächlichkeiten, die ins Auge springen – eben nicht diesem spezifischen „Bild“, das man sich von der Welt macht, entspricht. Und das gilt es zu konterkarieren.

Hinzu kommt dann noch, dass, da für das Subjekt nur mehr der Augenblick, die reine Gegenwart, zählt, dieser Augenblick aber, insofern er aus dem Gesamtzusammenhang herausgelöst ist, an sich leer, sinnentleert ist, sich bei denen, deren Leben „gemacht“ ist (die Bourgeoisie und die Mittelklasse), Langeweile breitmacht, der es zu begegnen gilt. Es ist also ein zusätzlicher Impuls dafür gegeben, im Sinne „ideologischer Praxis“ zu handeln – zusätzlich zur „Stabilisierung“ des „Bildes der Welt“.

Das aber heißt, dass die „ideologische Praxis“, die die Oberfläche der Realität diesem „Bild der Welt“ anpasst, und zwar einem „Bild“, das, wie wir sahen, notwendigerweise phantasmagorische Charakteristika aufweist, jeglicher Verbindung, jeden Bezugs zur Realität, zu den Notwendigkeiten des Lebens, entbehrt – und insofern handelt es sich bei all dem, was in diesem Rahmen ins Werk gesetzt wird, um nichts anderes als eben um Spiele, deren „materielle“ Basis, wie gesehen, das exorbitante Surplus ist.

16.

Nun sind Spiele, an und für sich, vor allem aber die, die auf Chimären beruhen, eben nicht objektiv an Funktionen gebunden, was impliziert, dass sie nicht rational gestaltet sein müssen, im Gegensatz zu den funktionalen Praxisformen, die Rationalität präsupponieren, weil man nur dann Erfolg haben kann, wenn man realitätsaffin und mit Vorbedacht handelt. Zur Weltfremdheit des „Bildes der Welt“, das an sich schon zum Phantasmagorischen neigt, kommt dann auch noch hinzu, dass das Agieren zwanglos auch irrwitzig ausfallen kann – eben weil es nicht vernünftig sein muss. Denn was nicht vernünftig sein muss, das kann sehr leicht in den Irrsinn abgleiten – und findet sich dort oft auch wieder.

Das Vorgehen auf dem Spielfeld der post-modernen Gesellschaft kann aber auch deswegen sein, wie es will, also auch absurd und grotesk, weil es dadurch eben nicht, zum mindesten nicht im Prinzip, d.h. auf Gebrauchswertniveau, zu einer Störung oder Beeinträchtigung der Prozesse in der Produktionssphäre kommt. Denn angesichts des überbordenden Surplus, das einen enormen Spielraum gewährt, kann es dazu eben nicht kommen: Ressourcen können auf dieser Basis nach Herzenslust verschwendet werden, ohne dass dies irgendwie unmittelbar Sand ins Getriebe des Produktionsapparats streuen würde, und zwar in dem Sinne, wie dies früher immer der Fall war. Man erinnere sich hier nur an das vorher Gesagte.

Die sinnlose Vernichtung von Gütern auf dem Spielfeld der Gesellschaft birgt also keineswegs notwendigerweise negative Rückwirkungen auf das Produktionsgeschehen als solches in sich, wenn man von punktuellen Friktionen einmal absehen will (etwa in der Energieversorgung), denn diese Surpluskonsumtion wird durch das Produktivkraftniveau, das man nunmehr erreicht hat, zwanglos ermöglicht. Ja diese Verschwendung trägt sogar kurzfristig zu einer „Stabilisierung“ des Gesamtsystems bei, zumindest aber ausgewählter Sektoren (etwa im Fall der Digital-, Rüstungs-, Energie- oder Pharmabranchen).

Die post-moderne Gesellschaft ist also nicht nur disponiert, sie ist auch in der Lage, völlig den Verstand zu verlieren, und dies umso mehr, als es angesichts der Dysfunktionalitäten des Kapitalsystems ohnedies schon egal ist, was man in Szene setzt. Oder anders gesagt: Käme es nur auf die Gebrauchswertseite an, so könnte das Spiel unendlich fortgesetzt werden. Der Witz an der Sache ist freilich, dass es darauf letztendlich nicht ankommt: Das bürgerliche System ist, worauf man nicht extra hinweisen muss., eben kein Gebrauchswertsystem.

17.

Hier war bis jetzt vom Spielfeld der Superstruktur der post-modernen Gesellschaft die Rede. Man darf indes keinesfalls übersehen, dass mittlerweile das instrumentelle Feld gleichfalls in den Bereich der „ideologischen Praxis“ dieses hier behandelten Typs miteinbezogen ist. Oder anders gesagt: Das Spielfeld schwappt mehr und mehr auf dieses Feld über, die Spiele kolonisieren, sie kapern gleichsam das Feld, dessen Funktion es im Grunde sein sollte (und es bis vor kurzem auch war), die kapitalistische Produktion dadurch am Laufen zu halten, dass es vom Gesichtspunkt des Gesamtsystems aus, seiner Gesamtperformance,regulierend eingreift. Damit ist es nun aber für immer vorbei, der Staat als autonome Instanz, als Ausdruck der volonté générale de la bourgeoisie, hat diese Rolle aufgegeben, eben weil das System gar nicht mehr reguliert werden kann. Er kann daher zwanglos zu einer Unterabteilung des Spielfeldes werden, und dies in dem Sinne, dass er nicht nur als ein dezidierter Akteur, sondern auch ganz profan als Vermittler zwischen dem Spielgeschehen, das, wie wir sahen, der unterschiedlichsten Waren bedarf, und den als Warenlieferanten dazu prädestinierten operativen Kapitalentitäten (den Konzernen) fungiert, die stets bereit sind, sofort auf den Zug aufzuspringen, sofern enorme Profite lukriert werden können – als Vermittler insofern, als der Staat über die Steuern und den Staatskredit, wenn auch nicht ausschließlich, so doch vornehmlich über die monetären Ressourcen verfügt, die unterschiedlichsten Spiele am Laufen zu halten – durch den Ankauf der dafür benötigten Waren oder durch die dafür erforderten Subventionen.

18.

Alles das, was heute daher global „inszeniert“ wird – was keinesfalls heißt, dass es nicht reaktiv, dass es nicht planlos wäre -, ist völlig wirklichkeitsfremd, hat keinerlei Grundlagen in realen Problemen oder, wenn man so will, in Notwendigkeiten, ist lediglich Ausbund illusionärer Chimären – und es ist aberwitzig. Wovon ist die Rede? Nun, von der Corona-Affäre, die auf der Einbildung eines „tödlichen Virus“ basierte, dessen Letalität indessen die einer normalen Grippesaison nicht überstieg (laut John Joannidis betrug die Infection Fatality Rate gerade einmal 0,15 Prozent); von der Hysterie um die Klimaerwärmung, die auf die irrige Ansicht zurückgeht, dass ein nicht-lineares System, wie es das Klima nun einmal ist, irgendwie steuerbar sei; von den Aktivitäten bezüglich der Überwachung und der Zensur durch digitale Dispositive, die ganz und gar nicht notwendig sind, wenn man bedenkt, dass alle unterschiedslos auch so systemkongruent, im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, agieren und niemand mehr es sich einfallen lässt, das System der kapitalistischen Produktion ernsthaft anzuzweifeln; schließlich dann auch noch von der Kriegstreiberei und den bellizistischen Allüren, die insofern völlig irreal sind, als das globale Kapital (die transnationalen Konzerne und die sogenannten Kapitalsammelstellen wie Blackrock und Konsorten als deren Eigentümerstruktur) mit der Vernichtung der Sowjetunion und der Selbstöffnung Chinas sowieso schon überall nicht nur den Fuß in der Tür gehabt hatte, sondern auf allen diesen Terrains auch schon de facto aktiv war, und zwar keinesfalls unlukrativ.

Nichts von all dem weist demnach eine Grundlage auf, die man als sinnhaft, geschweige denn als notwendig einstufen könnte – um was anderes als um Spiele, induziert durch „ideologische Praxis“ und auf der Basis eines überbordenden Surplus, kann es sich hier also handeln?

19.

Einen letzten Punkt freilich darf man hier nicht vergessen: Sobald die Logik des Systems einmal außer Kraft gesetzt ist – und das ist mit den systeminduzierten Automatisierungstendenzen innerhalb der Sphäre der Produktion sowie, neuerdings, auch innerhalb der Sphäre der Konsumtion durchaus der Fall -, kann es ein rationales Agieren im Rahmen des Systems gar nicht mehr geben. Wenn die Maschinerie durcheinandergerät, wenn die Systemzusammenhänge auseinanderbrechen, wenn das „Regelwerk“ auf den Kopf gestellt ist, wenn das Konsequens somit aus dem Antezedens nicht mehr hervorgeht, dann sind Strategien, die aus der Funktionsweise des bürgerlichen Systems, wie sie bisher gegeben war, abgeleitet sind, offenbar gegenstandslos, und es kann nur mehr ein ad-hoc-Verhalten geben: ein volatiles, spontanes, und daher in der Tendenz irrationales und absurdes Agieren. Denn dann ist es ohnedies schon egal, was ins Werk gesetzt wird. Und das haben wir jetzt vor unseren Augen.