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G.M.Tamás (1948-2023)

von Franz Schandl

Der ungarische Philosoph und Publizist Gáspár Miklós Tamás ist am 15. Jänner im Alter von 74 Jahren verstorben. 1948 in Kolozsvár/Cluj, geboren, musste er 1978 Rumänien verlassen und lebte fortan in Budapest. 1989 war der Dissident Tamás eine der führenden Gestalten der Wende in Ungarn, nach der Umwälzung saß er einige Jahre als Abgeordneter im ungarischen Parlament. Bis 1995 war er außerdem Direktor des Instituts für Philosophie der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Damals ein Liberaler, wandte sich Tamás später wieder dem Kommunismus zu. Als einer der prominentesten Intellektuellen Ungarns, stand er in entschiedener Opposition zum Regime Viktor Orbáns.

Tamás war auch sehr interessiert an der Wertkritik und hatte seit fast 15 Jahren enge Verbindungen zu den Streifzügen. Einige Artikel aus seiner Feder (meist in Englisch – ein ganz vorzügliches Englisch!) sind auf unserer Homepage nachzulesen. Publikationen in den Streifzügen scheiterten leider meistens an unseren Übersetzungskapazitäten. Sein von Gerold Wallner herausgegebener Band „Kommunismus nach 1989“, erschien 2015 im Wiener Mandelbaum Verlag. In einem Nachruf seiner Tochter, der englischen Dichterin Rebecca Tamás heißt es: „I’m proud to have been his daughter, and I feel confident his activism and his philosophy will have a real legacy. If you have time today, read some of his work to remember him.“

Mit Gazsi verband mich eine jahrelange Freundschaft. Kennengelernt haben wir uns 2008 bei einer Veranstaltung zu Ehren von André Gorz im Französischen Kulturinstitut in der Währinger Straße. Seither ist der Kontakt nie abgerissen. Fast immer, wenn er in Wien gewesen ist, haben wir uns getroffen. 2017 erhielt er etwa für einige Monate ein Stipendium, um eine Studie über die Oktoberrevolution zu erstellen. Gazsi war vor allem auch ein ausgesprochen herzlicher Mensch. Mit einer großen Portion Melancholie. Ich sehe ihn noch in meiner Küche sitzen, Zigarre rauchend und Whisky trinkend. Und ich höre ihn reden und ich sehe ihn lachen. Er hatte eine ganz ungemeine Art zu lachen.

Todesanzeige