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Ohne Umschweife

von Franz Schandl

Es ist zweifellos ein gut lesbares und kaum anstrengendes Büchlein, das der Autor hier in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ aus dem Berliner Matthes & Seitz Verlag vorgelegt hat. Kompakt, präzis, packend, plausibel. Byung-Chul Han, Professor für Philosophie in Berlin, versteht sein Handwerk. Kurze Wege werden auf kurzweilige Weise durchschritten. Man kann das mit großem Genuss lesen. Mit aller Deutlichkeit werden Thesen formuliert. Ohne Umschweife. Han vermag es organisch zu zitieren, was meint, dass Einfügungen von Fremdtexten nicht als Fremdkörper erscheinen, sondern im Schreibfluss mitschwimmen. Es ist kein Zufall, dass der in Korea geborene Han zu den meistgelesenen und meistzitierten Denkern der Gegenwart gehört. Ebenso gehört er auch zu den Vielschreibern der philosophischen Zunft. Ist da eine Frage, folgt gleich die Antwort. Es ist ein sich selbst befeuerndes Schreiben.

Ambivalenz ist des Autors Sache nicht, es herrscht die Entschiedenheit. Die These ist schneller notiert als der Gedanke elaboriert. Geistige Happen werden mundgerecht serviert. Wahrscheinlich ist es inzwischen notwendig, auf dieser Ebene den Noch-Lesenden entgegenzukommen. Der Leser wird mitgenommen, ohne ebenso zu wirken. Überfordert wird er nie. Aber wird er gefordert? Die Sprache ist einfach gehalten, so einfach, dass man sich gelegentlich fragt: Ist es wirklich so einfach, wie das hier alles erklärt oder besser gleich geklärt wird? Bei fortwährender Lektüre wirkt die Selbstsicherheit des Philosophen beunruhigend. Er behauptet mehr als er begründet. Und er lässt auch nie selbstkritische Töne vernehmen. Die Leichtigkeit, mit der da Begriffe gezüchtet werden, ist frappierend.

Eine wahre Inflation neuer Termini ist die die Folge. Eine -kratie jagt die nächste: Demokratie, Mediokratie, Telekratie, Infokratie, digitale Postdemokratie. Der Neologismen sind nicht wenige, geschätzte zwanzig auf achtzig Seiten. Sogleich werden sie als Begriffe inauguriert, daher auch stets hervorgehoben. Der kursiven Passagen sind auf jeden Fall zu viele. Alle drei Absätze schreit der Autor, dass da jetzt – aufgepasst! – was ganz Wichtiges kommt und der Leuchtstift gezückt werden muss. Um uns nicht misszuverstehen: Die Verwendung unterschiedlicher Schriftarten hat schon ihre Meriten, allerdings muss man maßhalten, ansonsten lädiert das Schriftbild den Inhalt.

Han kennt nicht nur Dadaisten, er kennt auch Dataisten. Dataisten begreifen Sozietät als „funktionalen Organismus“ (S. 61), ihnen schwebt eine Gesellschaft ohne Politik und ohne kommunikatives Handeln vor. „Der Diskurs wird durch Daten ersetzt.“ (S. 53) Da man alles berechnen kann, braucht man nichts mehr zu begründen und zu diskutieren. In der „digitalen Postdemokratie“ (S. 57) sind Experten und Informatiker gefragt. Eine „datengetriebene Infokratie“ (S. 62) ist die Folge. Der Mensch wird auf den „Datensatz“ (S. 63) reduziert. Das intellektuelle Unbehagen an der Digitalisierung wird mit gar energischem Gestus vorgetragen. „Wir sind in der digitalen Höhle gefangen, wobei wir uns in Freiheit wähnen.“ (S. 83) Das stimmt. Nur muss sich dann sogleich die Frage anschließen, warum wir, die Gefangenen, uns so willenlos dieser Entwicklung ausliefern, ja mehr noch: gefügig und gehorsam hingeben? Und das nach so vielen Jahren Demokratie.

In der Informationsgesellschaft werde „Daten und Konsumvieh“ (S. 7) gezüchtet wie früher in der Disziplinargesellschaft „Arbeitsvieh“ (S. 8) gezüchtet worden ist. Diese harsche und wenig schmeichelhafte, aber durchaus attraktive Terminologie mag ihre Berechtigung haben, indes hat die Disziplinierung in den Fabriken und Büros nicht aufgehört, sie hat sich vielmehr perfektioniert, auch wenn sie mehr struktureller als personeller Natur ist. Die Disziplinargesellschaft ist also nur untergegangen in dem Sinn, dass sie aus dem Vordergrund in den Untergrund gedrängt wurde.

Insofern ist Peter Kleins luzide Bemerkung zu Hans „Müdigkeitsgesellschaft“ treffend, wenn er sinngemäß schreibt, dass die modernen Leistungssubjekte das Disziplinarstadium nicht hinter sich gelassen, sondern in sich aufgenommen haben. (Streifzüge 54, S. 40) Das abgerichtete Leistungssubjekt muss sich fortan selbst zurichten, da kann es seine Eigeninitiative unter Beweis stellen. Die strikte Auseinanderhaltung von Disziplinar- und Informationsgesellschaft hält so nicht.

Was ist Information? Was ein Faktum? Was Politik? – Diese Fragen bleiben hingegen ungestellt und somit unbeachtet, gängige Assoziationen werden als unproblematisch bedient. Die Notizen zur Demokratie sind mager und eher verwirrend. Da heißt es: „Das Herz ist kein Organ der Demokratie. Wo Emotionen und Affekte den politischen Diskurs beherrschen, gerät die Demokratie selbst in Gefahr.“ (S. 69) Dies lässt sich, ohne dass wir über die spezifischen Gemütsäußerungen und ihre Konstitution sprechen, so nicht verallgemeinern. Und wenn Han als ein Grundprinzip der Demokratie die „Selbstbeobachtung der Gesellschaft“ (S. 34) hervorhebt, warum beklagt er dann die totale Transparenz? Wäre die totale Transparenz, das „digitale Gefängnis“ (S. 13), wie Han es nennt, nicht die Vollendung dieser allseitigen Beobachtung? Alles von allem und allen zu wissen?

So leuchten und strahlen die Termini. Ob dieses Denken mehr hält, als es glänzt oder doch nicht eher weniger, diese Frage muss schon erlaubt sein. Manchmal wird der Inhalt den Pointen geopfert. „Die Digitalität ist der Faktizität diametral entgegengesetzt“ (S. 74), heißt es da etwa ganz apodiktisch. Solch rigider Antagonismus erschlägt jede Differenzierung. Eine Nummer kleiner und relativierender wäre da wohl treffender, vor allem aber: genauer. Gelegentlich überdribbelt sich der gute Mann: „Die Wahrheit bildet keinen Haufen. Sie ist nicht häufig.“ (S. 75) Han spricht gar von einem „defaktizierten Universum“ (S. 64). Theatralische Sätze wie „Die Epoche der Wahrheit ist offenbar vorbei“ (S. 84) provozieren die Gegenfrage, ob wir denn bis vor Kurzem im Zeitalter der Wahrheit gelebt haben. Zu viel nachfragen sollte man also nicht.

Byun-Chul Han: Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie. Mattes & Seitz, Berlin 2021, 91 Seiten, € 10,30