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Notizen über solidarische Landwirtschaft

von Lorenz H. Glatz

Praktische Erfahrungen aus zehn Jahren mit gelungenen Versuchen, Fehlschlägen und Neuanfängen einiger solidarischer Landwirtschaften rund um Wien sowie des durch sie geschaffenen Umfelds.

1. Einleitung

Solidarische Landwirtschaften nahmen Ende der 1960er Jahre in Japan als „teikei“ ihren Ausgang und sind in den USA, wo sie „community supported agriculture“ (CSA) genannt werden, aber auch in den EU-Ländern mittlerweile recht weit verbreitet. In Österreich gibt es sie seit etwa zehn Jahren.

Wie funktionieren diese liebevoll „Solawis” genannten Organisationen? – Zunächst einmal sind sie der Versuch von Landwirt*innen, sich von der Abhängigkeit und dem Preisdruck der agrarindustriellen Großkonzerne und z.T. auch schon der Bio-Marken ein Stück weit zu befreien, indem sie den direkten Kontakt zur Kundschaft, also eine Direktvermarktung, suchen.

Zudem sind die Solawis aber auch Ausdruck von Opposition gegen das übermächtige Agrarkapital, das die Landwirtschaft in die Industrialisierung und Agrarchemie treibt und damit maßgeblichen Anteil an der Zerstörung unser aller Lebensgrundlagen hat. Diese Opposition führt, indem sich Produzent*innen und Konsument*innen längerfristig enger verbinden, auch auf neue Wege über den Markt hinaus.

Das wird auch sprachlich deutlich. So heißen die Menschen, die vor allem Geld, aber vielfach auch unentgeltliche Mithilfe für die Erzeugung und Verteilung der Lebensmittel und die Organisation und Verwaltung beisteuern, in der solidarischen Landwirtschaft vielfach Ernte- oder Hofteiler*innen. Sie übernehmen ja für Ernte und Hof Mitverantwortung und teilen die Ernte miteinander und mit den Landwirt*innen, die von der Arbeit, die sie beitragen, auch ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise bestreiten. Diese können angestellt oder selbstständig, auch Eigentümer*innen von Land, Hof und Maschinen sein – im Kontext einer solidarischen Landwirtschaft können sie mit den Ernte-/Hofteiler*innen die symbiotische Seite derselben Medaille werden.

Mit „Bio“, seltenen Sorten, Regionalität und kurzen Wegen wird mittlerweile auch im Supermarkt geworben. Wie wenig die Werbung oft mit der Realität zu tun hat, hat Clemens G. Arvays Buch „Der große BIOschmäh“ schon vor einem Jahrzehnt deutlich gemacht. Völlig fremd bleiben dem Agrarkapital freilich die Gehversuche von Solawis in emanzipatorischen Wirtschaftsformen wie dem gemeinschaftlichen Eigentum aller Beteiligten an Boden und Betriebsmitteln bzw. ihre Organisation als Commons und die teilweise Entkoppelung von Geldbeiträgen und Bezug von Lebensmitteln.

Landwirtschaft könnte als Ausgangspunkt für Versuche einer Produktions- & Wirtschaftsweise jenseits der Marktwirtschaft besser geeignet sein als andere Wirtschaftszweige, weil sie mit der Nahrung unser elementarstes Bedürfnis befriedigt. Sie könnte und sollte Startpunkt einer Umstellung auch für andere Bereiche werden.

2. Grundlegendes

Das Spektrum der Solawis reicht von klassischen Bauernhöfen, die von den Eigentümer*innen bewirtschaftet werden und mit Hofteiler*innen kooperieren, bis hin zu Vereinen, in denen Produzierende und Hofteiler*innen gleichberechtigte Mitglieder sind und die über keine eigenen Flächen verfügen, sondern den Boden ausschließlich zupachten.

Zentral ist die Verpflichtung der von Konsument*innen zu Hofteiler*innen gewordenen Menschen, für einen bestimmten Zeitraum verbindlich die Produkte einer Landwirtschaft für einen zuvor vereinbarten Beitrag abzunehmen – üblicherweise für eine Saison. Bei einigen Solawis hat sich dafür der Zeitraum vom 1. Feber bis 31. Jänner des Folgejahres herauskristallisiert, da das mit dem natürlichen Kreislauf der Arbeiten zusammenpasst.

Wie bestimmt sich nun die Höhe dieses Betrags und wie funktioniert damit das Budget einer Solawi? – Nehmen wir an, die Produktionskosten für eine Saison belaufen sich auf 100.000 €. Diese transparent kommunizierten Kosten beinhalten die Betriebskosten ebenso wie etwaige Pachtkosten, Investitionen und vor allem die Gehälter oder eben die Kosten des Lebensunterhalts der Produzierenden – alles, was notwendig ist um für ein Jahr Lebensmittel in der Solawi zu produzieren. Wenn diese Solawi damit zusätzlich zu den in der Landwirtschaft Tätigen 100 Hofteiler*innen versorgen kann, muss ein Ernteanteil im Jahr 1.000 € einbringen, etwa 83 € pro Monat.

Durch die direkte Verbindung von Produzierenden und Hofteiler*innen können die sonst anfallenden Handelsmargen von Groß- und Einzelhandel direkt für die Produktionskosten verwendet werden, insbesondere für die Geldeinkommen, die gerade in der Landwirtschaft alles andere als üppig sind.

Budgets versucht man einzuhalten, doch in der Praxis kommen natürlich Abweichungen durch unvorhergesehene Ereignisse vor. Es ist also mit Überschüssen und Defiziten umzugehen. Letztere werden in die nächste Saison fortgeschrieben und müssen dort entweder durch Einsparungen in der Produktion, durch höhere Beiträge der Hofteiler*innen oder eine Mischung aus beidem wettgemacht werden. Das löst naturgemäß viele Fragen und ein gutes Maß an idealerweise konstruktiver Kritik und Lerneffekten aus, um das Funktionieren der Solawi zu gewährleisten.

Überschüsse andererseits verbleiben ebenso bei der Solawi und werden nicht als Gewinne entnommen. Es handelt sich um die Beiträge der Gemeinschaft, folglich wird auch gemeinschaftlich entschieden, ob diese Überschüsse als Rücklagen verbucht oder für eine Senkung der Geldbeiträge, für anstehende Investitionen oder für den Lebensunterhalt der Produzierenden verwendet werden. Die Ernte ist das Ergebnis der Beiträge, der Arbeit wie des Geldes. Sie wird vereinbarungsgemäß aufgeteilt, ob es eine Missernte ist oder Hülle und Fülle. Die Solawi agiert als Gemeinschaft.

Damit wird das marktwirtschaftliche Verkäufer-Käufer-Verhältnis zwischen Produzent*innen und Hofteiler*innen aufgeweicht. Die „Tauschgegnerschaft“ des Marktes (möglichst wenig Geld für möglichst viel Ware bei den einen und umgekehrt bei den anderen) schwindet. Doch ist die anonyme geldvermittelte Trennung zwischen Produktion und Konsumation erst einmal aufgeweicht, beginnen die neuen Wege erst. Und zwar auf eine Art, die die industrielle Landwirtschaft und der Handel im Gegensatz zu anderen Merkmalen wie biologischer Produktion oder Regionalität nicht replizieren und damit auch nicht monetarisieren kann.

3. Wer trägt was wieviel wie bei?

In ihren jeweiligen Brotberufen verdienen die Hofteiler*innen höchst unterschiedlich und sind ganz allgemein in weit gefächerten Lebenssituationen. Warum also sollten alle gleich beitragen? Wieso soll die zum Mindestlohn arbeitende alleinerziehende Mutter zweier Kinder finanziell genauso viel für ihre Lebensmittel beisteuern wie das gutverdienende kinderlose Managerehepaar?

Diesem Umstand tragen wir Rechnung, indem es keinen festen „Preis“ für den Ernteanteil gibt, sondern einen Durchschnittswert, den es zu erreichen gilt, um die Produktion zu gewährleisten. Im oben angeführten Beispiel wären das etwa 1.000 € pro Ernteanteil und Jahr, die die Gesamtheit der Hofteiler*innen aufbringen muss.

Jedes Jahr knapp vor Saisonbeginn gibt es eine Jahresversammlung. Bis dahin teilen die Hofteiler*innen mit, wie viele Ernteanteile sie brauchen und wie viel sie finanziell beitragen können. Dieser Betrag soll nicht dem errechneten Durchschnittswert, sondern der eigenen Lebenssituation entsprechen. Wenn bis zur Versammlung die zugesagten Beiträge zur Deckung des Budgets nicht ausreichen, gibt es dort so genannte Bieterrunden, in denen einzelne Mitglieder ihre Beiträge erhöhen können. Es mag abenteuerlich klingen, doch mehr als zwei Runden waren bislang noch nicht notwendig, etwa die Hälfte aller Jahresversammlungen der Solawis rund um Wien benötigte gar keine. Allerdings haben wir die Logik von Menge und Preis von klein auf so gut gelernt, dass viele von uns exakt den Durchschnittswert anbieten. Im Jahr 2012 taten das bei einer Solawi etwa 50 Prozent der Hofteiler*innen, 2016 immer noch etwa ein Drittel.

Gar nicht so wenige Hofteiler*innen tragen aber keineswegs nur Geld bei. Ein Wesensmerkmal solidarischer Landwirtschaft ist auch, die Grenzen zwischen Produktion und Konsumation ein Stück weit aufzuheben, Verantwortung je nach Möglichkeit auch bei der Produktion zu übernehmen. Mitarbeits- oder Aktionstage, bei denen Hofteiler*innen mit Hand anlegen, sind gang und gäbe und bei einem signifikanten Anteil beliebt, kann man sich so doch auch haptisch und praktisch der Herstellung der eigenen Lebensmitteln annähern. In Notsituationen rücken Hofteiler*innen schon einmal kurzfristig auch bei Wind und Wetter aus. Auch in Administration und Organisation gibt es einges, was von Hofteiler*innen ehrenamtlich übernommen wird. Bei einigen Solawis kann der Beitrag für einen Ernteanteil von einigen, wenn nötig, auch ganz durch Mitarbeit geleistet werden.

Ums Geld kommen wir bei den am Hof Tätigen freilich nicht herum. Schließlich müssen sie nicht nur essen, sondern brauchen fürs Leben doch noch eine Menge mehr. Ehrenamtlichkeit ist aber auch hier einem großen Teil nicht fremd. Im Gegenteil führt bei ihnen die Freude und das Verantwortungsgefühl für ihr Tun nicht selten dazu, vor lauter Enthusiasmus ins Burn-out zu laufen. Und selbst ohne Burn-out muss selbstkritisch angemerkt werden, dass die mittlere Bleibedauer der in der Landwirtschaft Tätigen in einigen unserer Solawis nur ein paar wenige Jahre währt. Neben der Arbeitslast scheint die Organisationsform dabei eine Rolle zu spielen. Bei eher traditionellen Höfen gibt es eine größere Stabilität bei den Produzierenden, allerdings mit der Gefahr einer Überlastung. Bei Vereinsstrukturen bildet sich meist ein „Stammpersonal“ heraus, um das herum aber eine recht große Fluktuation auftaucht. Daran ist wohl noch viel zu arbeiten.

4. Wer bekommt wovon wie viel?

Bei den Lebensmitteln gibt es in unserem Solawi-Umfeld im Wesentlichen zwei Modelle: Kistln und freie Entnahme. Bei den Kistln gibt es nur leichte Variationen, im Wesentlichen bekommt jede*r dieselben Lebensmittel und Mengen. Anders bei der sogenannten freien Entnahme: Ein Ernteanteil ist als die Menge, die eine erwachsene Person, die täglich kocht, braucht, sehr ungefähr definiert. Jede*r Hofteiler*in nimmt also, was und wie viel sie*er braucht. Dass das tatsächlich funktioniert, verdankt sich einerseits dem „Genierer“ der Menschen in einer vergleichsweise kleinen Gruppe, andererseits dem, was in der Technik statistisches Multiplexing heißt: Die eine mag etwas nicht, das der andere liebt, und umgekehrt. Der eine ist in dieser Woche auf Urlaub, die andere hat Gäste und braucht mehr. Voraussetzung ist ein Grenzwert von etwa 40 Ernteanteilen an einem Verteilort als plausibler Wert. Erst bei weniger wird es mit dem statistischen Ausgleich problematisch. Eine Steuerung durch Standbetreuer*innen ist sinnvoll, wie auch ein Orientierungssystem, um den Hofteiler*innen zu kommunizieren, ob diese Woche etwas besonders wenig oder im Überfluss vorhanden ist.

Nun brauchen aber die produzierenden Mitglieder nicht nur Lebensmitteln, sondern auch Geld für ihr Auskommen. Vom prekären „so viel Geld zu bekommen, wie halt grad machbar ist“ bis hin zu Gehaltssystemen, die wie in der Marktwirtschaft nach Ausbildung und Berufserfahrung einzustufen versuchen, ist alles vertreten. Jedoch ist ein wesentlicher Grund für die Entstehung von Solawis, ein akzeptables Einkommen für die in dieser Branche traditionell sehr schlecht bezahlt Tätigen zu schaffen. Da ist doch ein bisschen was gelungen. In der in unserem Umfeld am längsten existierenden Solawi sind z.B. die Stundenlöhne in den ersten fünf Jahren um 76 Prozent gestiegen, sodass die Gehälter z.T. wenigstens über dem Kollektivvertrag liegen.

5. Finanzierung von größeren Investitionen

Laufende Anschaffungen sind in den jährlichen Budgets enthalten, große Aufwendungen damit aber in der Regel nicht zu stemmen. In der Historie „unserer“ Solawis waren dies so unterschiedliche Dinge wie Teile der Infrastruktur von Neugründungen, eine notwendig gewordene Übersiedlung einer Solawi an einen neuen Standort oder auch die Anschaffung eines neuen, leistungsfähigeren Traktors. Einen Bankkredit aufzunehmen würde außer Kosten Abhängigkeiten erzeugen, die die Eigenständigkeit wie auch den wirtschaftlich, sozial und gesellschaftlich experimentellen Charakter einer Solawi schmälern. In der Praxis haben wir drei Finanzierungsformen erfolgreich ausprobiert: Crowdfunding / Spenden, Privatdarlehen und- Ernteanteilsvorauszahlungen.

Crowdfunding / Spenden: In drei Anläufen ist es gelungen, so für unterschiedliche Initiativen Geld einzusammeln. Zunächst spendeten Hofteiler*innen 2014 etwa 7.000 € für ein größeres Projekt, 2017 etwa 100 Personen 9.500 €, sowie 2020 115 Menschen etwa 17.000 €. Diese Kampagnen wurden gerade in der social media-Begleitung von Mal zu Mal professioneller.

Darlehen: 2014 nahm eine der Solawis etwa 55.000 € unbesichert von 10 Hofteiler*innen auf. Zugesagt wurde die Rückzahlung plus Inflationsrate. In der Praxis waren die Hofteiler*innen bereit, flexibel auf die finanziellen Möglichkeiten der Solawi zu reagieren und sowohl vorzeitige Rückzahlungen als auch Verzögerungen von Rückzahlungen zu akzeptieren.

Ernteanteilsvorauszahlungen (EAVZ): Bei EAVZ bezahlen Hofteiler*innen ihre Ernteanteile für ein oder mehrere Jahre im Voraus. 2014 haben 29 von ihnen knapp 91.000 € vorausbezahlt. Die große Mehrheit hat außerdem Steigerungen des Durchschnittsbeitrags in diesen Jahren mitfinanziert. 2020 haben bei einer benachbarten Solawi fünf Hofteiler*innen 12.500 € als EAVZ zur Verfügung gestellt.

Die größte Summe, die eine unserer Solawis je aufgenommen hat, benötigte eine Mischung aller drei Formen und belief sich auf über 150.000 € für die Übersiedlung einer Solawi. Verbunden damit war die Zusage, die so gemeinsam finanzierten Anlagen in das Gemeinschaftseigentum einer Stiftung umzuwandeln, was mit zu einem großen Erfolg beigetragen hat.

Für die Darstellung der Wirkung der Rückzahlungen auf die Beiträge der gesamten Gemeinschaft nehmen wir wieder mit dem Beispiel von Punkt 2 an, dass wir in Summe 10.000 € im Jahr an zehn Hofteiler*innen zurückzahlen müssen. Im Idealfall sind durch die Investitionen unsere operativen Kosten um 3.000 € gefallen. Für die 100 Ernteanteile benötigen wir demnach also in Summe nicht mehr 100.000 €, sondern nur noch 97.000 €. Allerdings leisten zehn Hofteiler*innen dieses Jahr keinen Beitrag (sie haben ja entweder schon vorausbezahlt oder bekommen ihren Beitrag als Darlehensrückzahlung verrechnet). Die anderen 90 Hofteiler*innen müssen nun die gesamten Produktionskosten von 97.000 € leisten. Ihr Durchschnitt steigt also von 1.000 € auf 1078 € an, die individuellen Beiträge bleiben jedoch selbst eingeschätzt. Auf diese Weise werden die EAVZ auf alle Hofteiler*innen umgelegt.

6. Wie ist das mit dem Eigentum?

Aus der Zusage von 2014, mit den Spenden, Darlehen und EAVZ Gemeinschaftseigentum zu schaffen, entstand schließlich aus unseren als Vereinen organisierten Solawis heraus die gemeinnützige „Munus-Stiftung. Boden für gutes Leben“, die aktuell das Eigentum am Grund und Boden zweier Solawis hält, in einem Falle auch am Betriebsgebäude. Durch das spezielle Konstrukt der Stiftung und ihres Statuts ist dieses Eigentum und jedes künftige, das in sie eingebracht wird, damit (für die Dauer der Rechtsordnung) dem Markt entzogen und muss für definierte ökologisch-nachhaltige, solidarische und die Selbstbestimmung von Menschen fördernde, emanzipatorische Zwecke verwendet werden.

Das wird möglich, da Stiftungen keine*n Eigentümer*in, sondern einen (in Grenzen) frei definierbaren Zweck haben. Die Führung und Verwaltung der Munus-Stiftung liegt in der Hand der Initiativen, die mit dem Stiftungsgut arbeiten und zur Kooperation im Sinn der Stiftungszwecke verpflichtet sind. Sie stellen den Aufsichtsrat, der den Vorstand bestellt und kontrolliert. (Zu)Stifter können auf Lebenszeit, wenn sie dies wünschen, im Aufsichtsrat mitarbeiten. Die Stiftungsgüter selbst sind durch ihre Unveräußerlichkeit und die Selbstverwaltung durch die Nutzer ein Commons, eine Allmende.

Die zweite Form ist Gemeinschaftseigentum an Produktionsmitteln, vor allem Maschinen, Werkzeugen, Folientunnels usw., die im Besitz der als Verein organisierten Solawis stehen. Diesem gehören sowohl die Produzierenden als auch die Hofteiler*innen an. Der geringeren Absicherung gegenüber einer Privatisierung steht ein höheres Maß an Flexibilität gegenüber, da über dieses Eigentum lokal und unabhängig verfügt werden kann. Diese Teilung des Eigentums hat sich schrittweise und pragmatisch herausgebildet.

Die Stiftung selbst ist über Solawis hinaus angelegt. Sie ist ein Werkzeug zur Absicherung von Commons für ökologische und solidarisch-emanzipatorische Projekte. Aktuell wurde z.B. eine Eigentumswohnung zugestiftet, die für soziale Zwecke genutzt wird, und es gibt eine Reihe von fortgeschrittenen Gesprächen über Zustiftungen mit einer Vielzahl von Hintergründen: Landwirtschaftlich, kulturell, Schutz von Grünland vor Bebauung, Wohnprojekte und noch einiges mehr.

In der konkreten Umsetzung gibt es auch Mischformen wie der Kauf eines Ackers, der von einer Solawi genutzt wird. Dafür hat die Stiftung etwa 11.000 € an Spenden von den Hofteiler*innen erhalten und diesen Acker gemeinsam mit sieben weiteren Hofteiler*innen gekauft. Sie besitzt nur einen kleinen Anteil am Acker, die privaten Eigentümer haben aber ihre Anteile langfristig der Stiftung verpachtet, damit diese für die Weiterverpachtung an in ihrem Sinn agierende Projekte sorgen kann.

7. Kooperation, Wachstum und die Sache mit der Konkurrenz

Geradlinig ist nichts, es gibt Konflikte und Probleme, die manchmal besser und manchmal schlechter lösbar sind. Immerhin sind aus der ersten österreichischen Solawi, die vor 10 Jahren gegründet wurde und etwa 150 Ernteanteile produziert, unmittelbar zwei weitere Solawis, mit in Summe etwa 500 Ernteanteilen, eine Stiftung und ein kleines Solawi-Netzwerk entstanden – und über vierzig weitere Solawis, die von uns und von denen wir gelernt haben.

Damit entsteht jedoch zugleich das Risiko von Konkurrenz, im schlimmsten Fall ein „Preiskampf“ über die Höhe des Durschnittswerts. Umso wichtiger sind Schritte der Kooperation. Von uns praktizierte sind Komplementarität in der Produktion (z.B. Gemüse hier, Eier, Getreide, Pilze, Verarbeitetes dort) und Aufteilung der Lieferrouten. Auch der Umgang mit Überschüssen gehört hierher: Sie werden einander angeboten, eventuell kostenfrei, teilweise per Tausch, gelegentlich auch geldvermittelt. Wenn die Komplementarität es zulässt oder die eigene Solawi bereits alle Ernteanteile vergeben hat, werden Interessenten weitervermittelt. All das passiert nicht nur direkt zwischen einzelnen Solawis, sondern auch im losen Netzwerk der Solawis rund um Wien.

In der täglichen Sorge um den laufenden Betrieb tritt das große gemeinsame Ganze manchmal in den Hintergrund. Doch auch hier ist Kooperation möglich. Texte und Hinweise, die über den Tellerrand der eigenen Tagesarbeit hinausgehen, unsere Vorstellungen erklären und über die Notwendigkeit solidarischer Landwirtschaft aufklären, werden geteilt, scheinen auf der Seite des Solawi-Netzwerks wie auch auf einzelnen Solawi-Seiten auf.

Eine weitere Form der Kooperation ergibt sich aus der Natur unseres Ansatzes: Zentrale Teile der hier beschriebenen Prozesse, wie etwa freie Entnahme oder Selbsteinschätzung der Beiträge werden erst durch den direkten Bezug der Menschen zueinander ermöglicht und stabil. Das zu betonen ist wichtig, denn die Versuchung liegt nahe, höheren Geldbedarf durch effizientere Produktion größerer Mengen, und damit die Erhöhung der Anzahl der produzierten Ernteanteile zu kompensieren. Dadurch werden aber die Hofteiler*innen zueinander anonym(er) und die Kooperation innerhalb der Solawi, die Grundlage der hier ausgeführten Gedanken, fällt in dieser Anonymität eben wieder leichter vom Persönlichen ins Geldvermittelte zurück.

Überschaubare Größe und persönliche Beziehungen sind eine Voraussetzung für das Gelingen des Modells. Es ist wichtig kleinteilig zu bleiben – Solawis sollen nicht größer werden, sondern mehr. Wie groß ist groß genug? Das ist keine exakte Wissenschaft und variiert mit anderen Faktoren der Solawis, wie beispielsweise ihren organisatorischen Strukturen, aber etwa 100 bis 150 Ernteanteile scheinen ein brauchbarer Richtwert zu sein. Die Bereitschaft, neu Beginnenden zu helfen ist daher eine weitere Form der gelebten Kooperation. So kommen regelmäßig Menschen zu unseren Solawis, die Praktika machen, um ihre eigene Solawi zu gründen oder einfach nur, um im Austausch dazu zu lernen.

Um es aber klar zu sagen: Die strukturierte Zusammenarbeit zwischen den Solawis ist momentan eine Schwach- bzw. Baustelle unseres kleinen Biotops. Hier experimentieren und probieren wir kontinuierlich.

8. Zusammenspiel von Produzierenden und Hofteiler*innen

Ein gutes Zusammenspiel von Produzierenden und Hofteiler*innen ist eine kaum zu überschätzende Voraussetzung für ein gutes Gelingen. Die passende Balance zu finden und zu halten ist hingegen alles andere als trivial.

Die Hofteiler*innen sind in großer Überzahl. Ihr Engagement, ihre Motivation und wieviel Zeit sie einbringen wollen und können, schwankt stark. Man könnte von Zwiebelschalen sprechen: Ganz außen sind jene, die ihre Lebensmittel aus regionaler, biologischer Quelle ohne Ausbeutung der Produzierenden haben und über ihren finanziellen Beitrag nicht hinausgehen können oder wollen. Auf der nächsten Ebene sind jene, die zumindest gelegentlich Veranstaltungen ihrer Solawis besuchen, Saisonfeste, Jahresversammlungen oder andere. Stärker verbunden sind Menschen, die z.B. bei Treffen mitgestalten, die Verteilung der Lebensmittel betreuen oder bei Organisation und Ablauf der Feste helfen. Schließlich gibt es den engsten Kern der Hofteiler*innen, die Verantwortung übernehmen, sich um die Mitgliederbetreuung, die Finanzen, die Öffentlichkeitsarbeit und mehr kümmern und aktiv die Geschicke ihrer Solawi mitgestalten.

Die Produzierenden befinden sich in diesem Modell im Innersten. Sie stehen viele Stunden am Feld oder tun anderes, was nötig ist, um unser aller Lebensmittel zu produzieren. Deutliche Unterschiede gibt es jedoch auch. Sie reichen von Menschen, für die es einfach „ein Job“ ist, bis zu solchen, die ihre Solawi aus tiefer Überzeugung mitgestalten. Allerdings finden sich bei den Produzierenden gelegentlich auch Menschen, die mit dem Prinzip der Solawis nicht viel anfangen können, für die aber die Solawi dennoch ein vergleichsweise angenehmer Arbeitsplatz in der Landwirtschaft ist. Dass derartige Haltungen zu gröberen Konflikten führen, liegt nahe.

Bei Hofteiler*innen führt Desinteresse zur Passivität, bei inhaltlichen Differenzen verlängert man schlicht die Mitgliedschaft nicht. Bei den Produzierenden liegt die Schwelle, die Solawi zu verlassen, höher, weil eins sich eine neue Arbeitsstelle suchen muss.

Durch die gemeinsame Arbeit entsteht bei den Produzierenden eine eigene Gruppendynamik, die die Hofteiler*innen nicht notwendigerweise miteinschließt. Diese kann unter widrigen Umständen, im schlimmsten Fall verstärkt durch andere Zielsetzungen einzelner Beteiligter, dazu führen, dass ein „Wir“ (Produzierende) gegen „die“ (Hofteiler*innen) entsteht. Hier ist große Aufmerksamkeit gefordert und in der Praxis nicht immer leicht sicherzustellen. Auch hier lauert die „Tauschgegnerschaft“, in die das Leben in der Geldwirtschaft eingebettet ist. Sie drängt Hofteiler*innen wenig zahlen und die Produzierenden viel verdienen zu „wollen“.

Diesem Dilemma gegenüber gilt es, die gemeinsame Versorgung aller Beteiligten in den Mittelpunkt zu stellen, um mental aus dem Korsett der geldvermittelten Beziehungen zwischen uns Menschen auszubrechen. Die symbiotische Zusammenarbeit zwischen Produzierenden und Hofteiler*innen und die vielfältigen Beiträge beider innerhalb einer Solawi sind etwas Neues, über den marktwirtschaftlichen Zusammenhang Hinausgehendes. Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung dafür, das elementarste unserer Bedürfnisse, Nahrung, solidarisch zu stillen.

Die Entstehungsgeschichte einer Solawi dürfte Einfluss auf das Entstehen der Konflikte haben: Wurde sie bereits als Solawi gegründet, so ist dieWahrscheinlichkeit für Konflikte geringer. Entstand sie beispielsweise aus einem traditionellen Bauernhof oder einer Gärtnerei, wirkt diese Geschichte nach und birgt Konfliktpotential, das noch mehr Achtsamkeit benötigt. Gänzlich auflösbar ist dieses Dilemma innerhalb der Geldwirtschaft aber nicht. In vielerlei Hinsicht sind wir in unserem Denken und Fühlen noch in der alten Welt gefangen, während wir die neue bereits probieren.

9. Auf der Suche nach Antworten

Es bleiben also noch viele Fragen. Auf der Suche nach Antworten experimentieren wir:

9.1 Das Einkommen der Produzierenden

Wie viel Zeit für wie viel Geld? – Die schon mehrfach erwähnte „Tauschgegnerschaft“ in der Geldwirtschaft. Wem da Solawi ein Herzensanliegen ist, hat schlechte Karten in einer solchen Gegnerschaft. Selbstausbeutung liegt da nahe. Und die Einkommen aus der Landwirtschaft sind für selbständige Kleinbauern und in dieser Branche Angestellte schon miserabel genug.

In einer unserer Solawis versuchen wir diese Fragen aufzubrechen, in dem wir das Prinzip, das für die Beiträge wie auch die Lebensmittelmengen der Hofteiler*innen gilt, in einem nicht geringen Sprung auf die Produzierenden ausdehnen: Was brauche ich? Und was kann ich beitragen? Nur eben hier nicht mehr „nur“ auf finanzielle Beiträge und Lebensmittelmengen bezogen, sondern auch auf Gehälter und Arbeitsstunden.

Die Antworten auf diese Fragen gehen natürlich individuell weit auseinander. Der Produzierende, dessen Frau mit den beiden Kindern in Karenz ist, wird mehr benötigen als die alleinstehende Kollegin, die sich aus ihrem Garten noch dazu mit Freude teilweise selbst versorgt. Umgekehrt fragt sich: Wieviel kann ich in welcher Form zeitlich beitragen, ohne mich zu überlasten oder gar in Richtung Burn-out zu taumeln? Wie kann ich arbeiten, ohne Stunden zu zählen oder mich verpflichtet zu fühlen, genauso schnell und viel zu arbeiten wie die Person mit der meisten Energie?

Wenn diese Fragen offen angesprochen werden können, was hierzulande auch das Brechen eines Tabus, nämlich des Sprechens über das jeweilige Einkommen beinhaltet, so wird das auch eine Frage des Miteinanders mit den Hofteiler*innen: Was ist leistbar, finanziell und mit unserer Arbeitszeit? Wie sieht der gemeinsame Weg aus? Braucht es mehr Geld, mehr ehrenamtliche Mitarbeit?

Den Fokus auf Bedürfnisse und Möglichkeiten statt auf Preis pro Menge auf alle handelnden Personen auszudehnen, könnte Produzierende und Hofteiler*innen näher zusammenbringen, denn dieser Fokus gibt nun eine gemeinsame Klammer anstatt in Form des Geldes trennend aufzutreten. Die gemeinsamen Fragen sind nun: Was brauche ich? Und was kann ich beitragen? Im Idealfall können daraus neue Formen von materiellem und persönlichem Austausch und gegenseitiger Hilfe entstehen, aber das muss sich erst noch zeigen.

Hier geht es jedenfalls ans Eingemachte. Wir sind wert, was wir bezahlt bekommen. Das ist es, was wir gelernt haben. Das zu durchbrechen ist außerordentlich schwierig, braucht viel Vorsicht, gegenseitige Rücksichtnahme und Achtsamkeit. Wir probieren es: Flexibel und regelmäßig gemeinsam auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen und die Einkommen diesen durchaus auch monatlich anzupassen. Gelingt uns das? Wir werden sehen.

9.2 Gemeinsame Entscheidungen

Die Entscheidungsstrukuren unserer Solawis sind höchst unterschiedlich. Sie reichen von Hofteiler*innentreffen, die die selbständigen Produzierenden beraten, bis hin zu Strukturen, in denen die Hofteiler*innen und die Produzierenden im gemeinsamen Vereinsvorstand einander nicht überstimmen können. Beides hat den Nachteil, Schwellen für das Engagement von Hofteiler*innen aufzubauen, die sich (zunächst) weniger beteiligen (können). Ein Modell zur Lösung sind vor- oder untergeordnete Arbeitskreise, die Themen selbstständig bearbeiten, beschließen und/oder umsetzen. Diese Themen sind meist nicht unmittelbar produktionsbezogen, wie z.B. das Suchen nach neuen Hofteiler*innen, die Organisation von Festen oder auch die Organisation der Verteilung.

Ein weiterer, neuerer Versuch ist, die Entscheidungstreffen aller Belange, also inklusive grundlegender Produktionsthemen prinzipiell für die Hofteiler*innen zu öffnen und diese zur Mitgestaltung und Mitentscheidung einzuladen. Das bedeutet zwar einen höheren Zeitaufwand, da Themen länger eingeführt und erklärt werden müssen, bietet aber möglicherweise mehr Anziehungskraft, um die Beteiligung durch die Hofteiler*innen auf eine breitest mögliche Basis zu stellen. Wie gut dieser Zugang umsetzbar ist, hängt einmal mehr mit der Größe der Solawi zusammen – je größer diese wird, desto schwieriger wird es, alle Entscheidungsforen zu öffnen. Machbar ist es aber allemal.

9.3 Partizipative Garantiesysteme

Einige unserer Solawis sind Mitglieder bei externen Zertifizierungsgremien, konkret beim Demeter Verband und / oder bei Bio Austria. Diese Mitgliedschaften sind mit Kontrollen durch diese Organisationen verbunden, woraus die Idee geboren wurde, sich von diesen Prozessen zu entkoppeln und einen Weg zu finden, eine Form der Zertifizierung von und durch die Hofteiler*innen zu schaffen, für die schließlich produziert wird.

In Umsetzung ist ähnlich wie bei einer Rechnungsprüfung, freiwillige Hofteiler*innen zu finden, die mehrmals im Jahr gemeinsam mit den Produzierenden auf den Hof kommen und die Produktion wie auch die Verwaltung nach sozialen, ökologischen und solidarökonomischen Kriterien überprüfen. Als Ausgangspunkt ist ein Prüfungsdokument auf Basis der Statuten der Solawi in Zusammenarbeit mit Expert*innen für Solidarökonomie und ökologischem Landwirtschaften angedacht, das auf Basis der Prüfungsergebnisse und Erfahrungen schrittweise verbessert wird. Die Erwartung ist, dass durch einen solchen Prozess zum einen weitere Hofteiler*innen enger an das Projekt gebunden werden, vor allem aber, dass anhand des Prüfberichts bei der Jahresversammlung und des daraus sich ergebenden, sich jährlich wiederholenden Prozesses eine lebendige Diskussion über die ideellen Ziele der Solawis und deren Umsetzung angestoßen und in Gang gehalten werden kann.

9.4 Communitys Beleben

Aktuell funktioniert die Kommunikation bei den meisten unserer Solawis vom Zentrum zu den Hofteiler*innen in Form von Informationen oder auch Aufrufen. Das ist für die meisten Anliegen so notwendig wie sinnvoll, wünschenswert sind aber auch dezentrale Möglichkeiten der Kommunikation und des Austauschs. Angedachte Beispiele sind gemeinsame Stammtische, Tausch- und Schenkbörsen für Lebensmittel und nützliche Dinge des täglichen Gebrauchs. Ziel ist eine lebendige, egalitäre und niederschwellige Interaktion aller Mitglieder, bewusst über den Lebensmittelbezug hinaus.

9.5 Kooperationen über den Kreis der Solawis hinaus

Über die Zusammenarbeit der Solawis untereinander hinaus gibt es eine Reihe von Kooperationen mit markwirtschaftlich agierenden Bio-Landwirtschaften. Neben dem Schema von Kauf und Verkauf entstehen hier Versuche, diese Kooperationen auf eine solidarwirtschaftliche Basis zu stellen. Vereinfacht gesagt übernimmt die Solawi einen Prozentsatz der Produktionskosten (nicht des Marktwertes!), also aller Kosten inklusive der Lebenshaltungskosten des Partners und bekommt dafür eben diesen Anteil an der Ernte. Genauso wie bei der eigenen Produktion übernimmt die Solawi – hier anteilig – das Ausfallsrisiko bzw. die Vorteile einer guten Ernte.

Voraussetzung für ein derartiges Vorgehen ist Kostentransparenz des Partners der Solawi gegenüber, das Vertrauen der Solawi in diese Zahlen und ein gemeinsamer Modus der Überprüfung. Wie sich solche Kooperationen auswirken, ob damit ein marktwirtschaftlich wirtschaftender Betrieb mit der Solawi-Idee angesteckt wird oder ob das Modell negative Rückkopplungen auf die Solawis hat, wird genau zu beobachten sein.

10. Zusammenfassung und Ausblick

Das marktwirtschaftliche Konzept von Preis pro Menge wird an beiden Enden der Gleichung aufgeweicht, zum Teil sogar aufgegeben. Das Kilogramm Erdäpfel „kostet“ für jede*n unterschiedlich, je nachdem was sie und er eben beitragen kann. Und auch das Kilogramm ist kein Kilogramm mehr, sondern jene Menge, die Menschen aktuell brauchen und die das Land uns gibt. Versuchsweise findet dieser Paradigmenwechsel selbst bei den Arbeitsstunden und Einkommen der Produzierenden statt.

Jede*r trägt bei, was er kann und jede bekommt, was sie braucht – dieses Utopia schwimmt in einem Ozean namens Marktwirtschaft und ist durch die monetären Zwänge wie auch unsere tief eingelernten und selten hinterfragten „Selbstverständlichkeiten“ beschränkt. Wo immer es aber gelingt, gemeinschaftlich Schritte in diese „utopische“ Richtung zu gehen und zugleich einen achtsamen und nachhaltigen Umgang mit der Natur ins Zentrum der Wirtschaftsweise zu stellen, kann Neues keimen, können unsere Projekte sich vermehren, Produzierende mit Hofteiler*innen sich verbinden.

Die in den letzten zehn Jahren über vierzig neu entstandenen Initiativen haben unterschiedliche Schwerpunkte, mehr oder weniger ausgeprägte emanzipatorische Ansätze, verschiedene Größen und Erfahrungen. Gebraucht werden allerdings tausende miteinander kooperierende Gruppen, um eine Richtungsänderung in der Produktionsweise von Lebensmitteln zu etablieren und nicht zuletzt in unseren Köpfen durch- und umzusetzen.

Um die Grundlage dieser Bewegung abzusichern, ist es notwendig, die materielle Basis, vor allem den Boden der Solawis, der marktwirtschaftlichen Verwertung permanent zu entziehen und ihn für diese neue Art des Wirtschaftens zweckzuwidmen. Die erwähnte Munus-Stiftung kann dafür als Werkzeug dienen, aber wer weiß, vielleicht wird es weitere, zusätzliche kreative Umsetzungen für dieses Ziel geben. Wesentlich ist die Wiedererrichtung von Commons, von Allmenden, von Gütern also, die gemeinschaftlich von den Menschen verwaltet werden, die sie auch nutzen.

Wichtig wird es auch sein, Wege zu finden, die hier erwähnten Prinzipien und Erfahrungen auch auf andere Produktions- und Verteilungszweige auszudehnen. In der Wohnungsfrage sind das Mietshäuser-Syndikat in Deutschland und Habitat in Österreich auf einem vielversprechenden Weg, doch viel mehr ist nötig. Sollte es gelingen, zusätzlich zum Wachstum der solidarischen Landwirtschaft weitere Keimzellen in anderen Produktionsbereichen zu etablieren, könnten neue Synergien eines nicht monetären, sondern bedürfnisorientierten Austauschs zwischen diesen Wirtschaftszweigen gefunden werden. So können wir Schritt für Schritt, kleinteilig und regional und hoffentlich immer schneller durch Experimentieren, Lernen und Umsetzen die immensen Schäden, die auf unserem Planeten bereits angerichtet wurden, nicht nur korrigieren, sondern ökologisch, ökonomisch und sozial ins Positive wenden.

Für gutes Essen für alle. Für ein gutes Leben für alle und alles.