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Ende der „Supermacht“

von Lorenz Glatz

1.

Der Abzug der US-Truppen aus Afghanistan markiert wohl das definitive Ende der vor dreißig Jahren beim Zusammenbruch der Sowjetunion verkündeten „new world order“. Mit derlei Gestaltung hatte schon der Einmarsch 2001 kaum etwas zu tun. Er war eine Vergeltung für den Anschlag von 9/11, der 3000 Menschen das Leben gekostet hat. Die Taliban-Regierung in Afghanistan war beschuldigt worden, dem al-Qaida-Netzwerk, das sich zum Terroranschlag bekannt hatte, Unterschlupf zu gewähren. Die Rede war von „to eradicate evil from the world“, „war on terror“, „crusade“ gegen „the Evil one“, den Satan in der Gestalt des al Qaida-Führers bin Laden. Selbstmord-Terror als Rache für die „Demütigung der islamischen Welt“ durch die Supermacht und deren blutrünstige Vergeltung – eine „schöne neue Welt“.

In diesem Rausch von Rache und Vergeltung wurde die Macht der Taliban binnen kurzem gestürzt, eine genehme Regierung eingesetzt und die Terroristen gejagt. Bis 2021 ist eine Viertelmillion Menschen ums Leben gekommen. Auf Seiten der Invasoren unvergleichlich weniger, und doch mehr als das Doppelte der Opfer von 9/11. Von der Zivilbevölkerung Afghanistans starben bei den Kämpfen, Überfällen und Anschlägen an die 50.000 Menschen, und eine viel größere Zahl wurde verwundet und verstümmelt, von den Millionen Flüchtlingen ganz zu schweigen.

Das Ergebnis dieser zwanzig Jahre Besatzung und Terroristenjagd ist die Rückkehr der Taliban an die Macht. Offensichtlich scheint einem Großteil der kriegsmüden Völkerschaften Afghanistans eine Unterdrückung durch die Islamisten leichter erträglich als das Regime der Besatzungsmächte und ihrer einheimischen Helfer.

2.

Vorangegangen war diesen zwanzig Jahren „war on terror“ der erste Krieg gegen den Irak. Er wurde noch im triumphalen Namen der „new world order“ von der übrig gebliebenen Supermacht USA 1991/2 „zur Befreiung des besetzten Kuwaits“ geführt. Am raschen Ende brannten die Ölquellen Kuwaits, war der Golf vergiftet, Iraks Infrastruktur zerstört, die Bevölkerung hungerte, zuerst wegen des Kriegs, dann wegen der verhängten Blockaden, und das Land blieb unter der Kontrolle von USA und Verbündeten, die die Menschen weiter mit militärischen Strafaktionen terrorisierten.

Nur Monate nach 9/11 drang die USA mit einer „Koalition der Willigen“ erneut in großem Stil in den Irak ein, um das Regime Sadam Husseins zu stürzen – unter dem erlogenen Vorwand einer „Bedrohung der USA“ durch irakische Massenvernichtungswaffen, deren Lager- und Produktionsstätten schon im ersten Krieg aufgesucht und zerstört worden waren. Der Diktator war schnell beseitigt, aber das bleibende Ergebnis des Kriegs ist ein in sich zerrissener und verwüsteter „failed state“, der nicht zum Vasallen der Supermacht, sondern zum Zankapfel der Nachbarstaaten geworden ist, zum Schauplatz von Aufständen und Anschlägen gegen die Besatzer, – und zu einer idealen Brutstätte islamistischer Gruppen wie dem „Islamischen Staat“, der trotz seiner militärischen Niederlagen wieder sprenglebendig ist.

3.

Die Unruhe des „arabischen Frühlings“ 2011 kippte in Libyen und Syrien in militärische Auseinandersetzung der Regierungen mit Teilen der Armee sowie militanten ethnischen und religiösen Gruppen. In Libyen ebnete das der USA und ihrer NATO den Weg zu einer Intervention per Luftwaffe „zum Schutz der Zivilbevölkerung“. Zur „new world order“ hat die Niederlage der Regierung Gaddafis aber nicht beigetragen. Das Land versinkt im Krieg rivalisierender Milizen und ist zum Exerzierplatz der Rivalitäten von Mächten auch weit unterhalb des Levels einer Supermacht geworden.

Und das Schicksal des syrischen Assad-Regimes hängt an der Unterstützung durch Iran und die schiitischen Milizen aus dem Libanon, vor allem aber an Russlands Luftwaffe und Söldnern und an dem, worauf Putin und Erdogan sich einigen. Die USA stehen da in der zweiten Reihe.

Bemerkungen zum Zusammenhang dieses Blutbads mit dem Zustand des Kapitalismus und der von ihm ausgelösten ökologischen Krisen und zu möglichen Auswegen im nächsten Heft.