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„eigenwillig“

von Petra Ziegler

Wen wundert, dass die Dinge schlecht liegen. Immerhin tummeln sich auf Erden „Milliarden von Menschen, die ständig Wirtschaftswachstum betreiben …“. Eben habe ich es erst wieder gehört, im Ö1-Mittagsjournal, aus dem Mund einer Künstlerin, die sich ihrem Ansinnen nach kritisch mit unserer Gegenwart auseinandersetzt. So jedenfalls dürfe es nicht weitergehen. Milliarden von Menschen also, die Wirtschaftswachstum betreiben, und gegen die sich die Erde nun eben zu wehren beginnt. Das Virus könne da schon als eine Botschaft verstanden werden. Wenn sie es doch nur endlich hören würden, und verstehen, die Menschen, ach …

Warum nur sind wir derart uneinsichtig? So destruktiv? So maßlos? Wir hätten es doch in der Hand, anders wollen müssten wir halt.

Dabei wollen doch die wenigsten von uns Böses in ihrem täglichen Tun. Fast alle tragen sich mit guten, wenn nicht gar den besten Absichten. Aber insgesamt, da scheint die Sache doch gründlich schief zu laufen. Sind es am Ende doch der menschliche Hochmut und nimmersatte Gier? Was als gesichtert gelten darf: Wir überschätzen uns. Uns, und mehr noch unsere Freiheit. Unser Selbstverständnis als autonom handelnde Subjekte verwehrt sich strikt gegen die Möglichkeit, unsere Realität als die Konsequenz einer blinden Dynamik auch nur zu denken. Die eigene Befangenheit und mehr noch deren Wurzeln bleiben im Verborgenen. Die bunte Warenwelt ist als Lebensraum höchst vertraut. Das beständige Kaufen und Verkaufen ist uns derart selbstverständlich, dass es gar nicht weiter auffällt. Was uns da im Alltag mal in der Geldform, mal in Gestalt einer beliebigen Ware erscheint, nehmen wir zwar in seiner Vielfalt wahr, ein Gemeinsames erkennen wir darunter nicht. Unter seiner mehr oder weniger schillernden Oberfläche geht der Wert „beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt“ (Marx). Eine Abstraktion entwickelt Subjektcharakter.

Allein mit unserem warenwirtschaftlichen Tun in die Welt gekommen, spielt sie sich fortan auf. Ihre Regeln schaffen Fakten, sie schaffen eine Wirklichkeit mit der wir uns konfrontiert sehen. Realität wie wir sie tagtäglich vorfinden und fortgesetzt reproduzieren – neu hervorbringen. Es ist eine im Wortsinn eigenwillige Form sachlicher Abhängigkeit, jenseits persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse und konkret ausgeübter Herrschaft, die uns da in Form von Geld und Kapital als eine höchst reale Macht gegenübersteht. Das ist keine Einbildung. Ihre Logik wird durch das Handeln der Menschen hindurch wirksam, unabhängig vom Bewusstsein und den Absichten der Einzelnen. Mit der Gleichsetzung und im Austausch unserer individuellen Arbeitsprodukte erschaffen wir, ohne alle Absicht, ohne uns dessen auch nur bewusst zu sein, die grundlegenden Struktur- und Bewegungsmuster unserer Gesellschaft. Es sind unsere eigenen wechselseitigen Produktionsbeziehungen, die uns in verselbständigter Gestalt konfrontieren. Frei gesetzt in der Konkurrenz zwingt uns der Wert seine Gesetze auf, macht, was seiner „Natur“ entspricht – ökonomisches Wachstum und betriebswirtschaftliche Effizienz etwa –, zur äußerlichen Notwendigkeit für die Menschen, macht sie real wirksam.

Bestand haben dieser Art Sachzwänge freilich nur solange wir an dieser Praxis – der Warenproduktion – festhalten. Der obszöne Raub an Lebenszeit und -energie im Dienst der kapitalistischen Selbstzweckbewegung kann erst zu einem Ende kommen, sobald wir mit unserem Tun, unseren Erzeugnissen und Zuwendungen, unmittelbar – und nicht über den Umweg einer mit Eigenlogik behafteten abstrakten Form – zum gesellschaftlichen Ganzen beitragen.

Vermutlich würde dann immer noch vieles schief laufen. Aber zumindest hätten wir es in der Hand.