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Arroganz und Egoismus

von Udo Martin

Das Auto steht paradigmatisch für die moderne, bürgerliche Gesellschaft. Nachdem in der letzten Ausgabe der Streifzüge der Bürger zu beschreiben versucht wurde, ist es daher nur folgerichtig, nun das Auto zum Thema zu machen. Als zutiefst bürgerliches Ding kann es einen wichtigen Angelpunkt für die Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen bilden, denn es repräsentiert exemplarisch den naturwissenschaftlich-technischen „Fortschritt“ bzw. das Privateigentum. Und so wird es für viele nicht selten zum ganz persönlichen Liebes- oder Hassobjekt. Ich selbst soll schon als Kindergartenkind zu meinem Vater gesagt haben: „Alle Autos müssen weg!“

Phänomenologie des Motorwagens

Sieht man sich den 1885 von Carl Benz vorgestellten Patent-Motorwagen Nummer 1 genauer an, so offenbaren die auffällig breiten Keilriemen bzw. das Getriebesystem seine Herkunft aus den Maschinenhallen der industriellen Produktion. Die Kräfte der Fabrik werden durch ihn mobil und drängen hinaus in die Welt. Und so wird er schnell zum Lieblingskind einer aufstrebenden Fabrikbourgeoisie, welche sich nicht zuletzt durch ihre Fortschrittsgläubigkeit vom alten Adel, der noch auf das Pferd als Statussymbol setzt, abzugrenzen versucht. Außerdem verspricht seine arbeitsintensive Herstellung für die Eigentümer der Produktionsmittel neuen Profit. Aufgrund seiner Geschwindigkeit und Robustheit ist er auch zweifellos stärker als jeder Fußgänger, jeder Ochse und auch jedes Pferd. Dadurch repräsentiert er, wie kaum ein anderes Ding, Arroganz und Egoismus, welche im direkt proportionalen Verhältnis zu seinem Flächenverbrauch und seiner Geschwindigkeit stehen. Man kann hier widerspruchslos die Behauptung aufstellen: Je größer das Auto, desto egoistischer, je schneller, desto egoistischer. Das allgemeine Fußvolk fühlt sich daher in den Anfangszeiten des Automobils von diesem zurecht angegriffen und bedroht. Es gibt regelrechte Aufstände gegen dieses neue Instrument der Verdrängung. In Norddeutschland sollen sogar Drähte quer über von Autos frequentierte Wege gespannt worden sein, sodass ein mit Geschwindigkeit daherkommender, erhöht sitzender Fahrer aus seinem Wagen geschleudert oder mitunter geköpft werden konnte. Betrachtet man die spätere gesellschaftliche Tragweite der damals noch neuen Erfindung aus heutiger Sicht, so erscheint mir dieses Vorgehen eine nicht unverständliche, wenn nicht adäquate Abwehrreaktion. Dazu kommt mir noch eine Szene aus Hermann Hesses „Steppenwolf“ in Erinnerung, in welcher sich der Protagonist in seinen Tagträumen in eine Art Endzeit imaginiert, in der er aus reiner Wut wahllos mit seinem Gewehr auf zufällig vorbeifahrende Autos schießt, die dadurch in Unfälle verwickelt werden bzw. umgekippt in Flammen aufgehen. „Genauso“, dachte ich mir beim Lesen dieser Passagen, „fühle ich es auch.“

Der kapitalistische Expansionsdrang verlangt jedoch unaufhaltsam nach mehr Geschwindigkeit und das Auto entwickelt sich zum kapitalistischen Motor. Sogar eine ganze wirtschaftsgeschichtliche Epoche wird nach einem seiner Exemplare benannt: der Fordismus.

Die Ansprüche der Automobilisten weiten sich rücksichtslos in alle Länder und bis in die hintersten Winkel des Planeten aus. Für die Herrschaften wird ein gigantisches Straßen- bzw. Autobahnnetz mit maßlosem Flächenverbrauch, nicht selten in Zwangsarbeit, errichtet. Wir erinnern uns: Hitler war es, der in Deutschland die ersten Autobahnen bauen ließ.

Seither kann sich der Mensch in seiner Umgebung auf natürliche Weise nur noch sehr eingeschränkt bewegen. Besonders in den Städten, wo wir uns mittlerweile daran gewöhnt zu haben scheinen, dass die Straße nicht zum Leben und für menschliche Begegnungen da ist, sondern zum Autofahren. Am stärksten trifft das wieder einmal die Kinder. Für sie steht kaum mehr Platz zum Spielen, Laufen, Toben etc. zur Verfügung, sondern sie müssen von ihren Eltern fest an der Hand durch die Gefahren des Straßenverkehrs zu einer Betreuungseinrichtung oder einem Freizeitverein gebracht werden, dessen von Erwachsenen angeleitete Aktivitäten dann auch nicht selten die Zielsetzung haben, sich auf einen Wettkampf mit einer anderen einschlägigen Entität vorzubereiten.

Oft sind die Kinder dem Straßenverkehr aber schutzlos ausgeliefert. Die Unfallstatistik ist zwar in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken, trotz allem sterben immer noch viel zu viele Menschen im Straßenverkehr. Als ich in den 70er Jahren ein Kind war, wurden noch massenhaft Leute von Autos niedergemetzelt. Daraufhin entwickelte die Politik eine sogenannte „Verkehrserziehung“: Neben dem Radfahren im „Verkehrsgarten“ beinhaltete diese u.a. die Kindersendung „Helmi“. Dort wurde uns Kleinen damals in bedächtiger und hypnotischer Sprache erklärt, dass Autos gefährlich sind und viel schneller da sind, als wir Kinder es uns vorstellen können. Deshalb links-rechts-links schauen, bevor man die Straße überquert, nicht zwischen parkenden Autos durchgehen und einem Ball, der auf die Straße rollt, nicht nachlaufen! Unser Spiel beschränkte sich deshalb hauptsächlich auf die privaten Wohnungen, manchmal auch auf einen Park, in dem wir jedoch immer wieder vor „Kinderschändern“ gewarnt wurden. Noch heute ärgere ich mich, wenn ich mich mit einem Handzeichen dafür bedanke, dass ein Auto vor einem Zebrastreifen stehen bleibt, den ich im Begriffe bin zu überschreiten. In den 50er Jahren gab es diesbezüglich übrigens eine lustige Regelung, die der junge Alfred Biolek im Deutschen Fernsehen vorführte: mit dem rechten, schulterhoch ausgestreckten Arm dem Autofahrer anzeigen, dass man die Straße überqueren will. Ansonsten fährt er durch.

Es gibt kaum etwas, das die bürgerliche Enge so sehr repräsentiert wie das Auto. Hätte in der Stadt wirklich jeder Haushalt einen Motorwagen, wäre das vom Flächenverbrauch überhaupt nicht mehr zu organisieren. Der Streit um die Flächen ist daher vorprogrammiert und wird, wie immer, durch eine sogenannte „Bewirtschaftung“ zu befrieden versucht, welche es den Begüterten erleichtert, ihre Ansprüche durchzusetzen. Drängeln im Straßenverkehr stellt eine weitere Ausprägung desselben dar, und kommt es unglücklicherweise zum Unfall, bildet z.B. ein gepanzertes Geschoß der Mercedes S-Klasse für dessen Insassen einen deutlich wirksameren Schutz, als ein Renault Twingo. Man weiß hier im Vorhinein, wer bei einem Zusammenstoß vielleicht sogar sterben, und wer weiterhin geschützt im Warmen sitzen wird. Je nach Finanzkraft.

Will man hingegen raus aus der Stadt, in die Natur, dann findet man diese eigentlich nicht mehr so richtig. Asphaltierte Verkehrswege zerschneiden optisch und akustisch die Landschaft. Auf dem höchsten Berg und im dichtesten Wald ist der Individualverkehr allgegenwärtig, nicht zuletzt deshalb, weil die zersiedelte Landbevölkerung hochgradig vom Auto abhängig ist. Bei Ausflügen mit meiner Familie aufs Land habe ich deshalb schon seit Jahren die Wette laufen, dass auf jeder Straße, auf der wir wandern, in spätestens fünf Minuten ein Auto kommt, für das wir dann höflich zur Seite treten müssen. Apropos zur Seite treten: Reklamiert z.B. ein Porsche Cayenne auf der Autobahn in Deutschland mit 180 km/h auf der linken Spur blinkend für sich freie Fahrt, dann sollte man mit einem Kleinwagen nicht zum Überholmanöver eines südosteuropäischen Lastwagens ansetzen, sonst ist man entweder lebensmüde, oder es sieht zumindest so aus, als wolle man dem Überholer sein „Naturrecht“ nehmen. Vom LKW-Wahnsinn im freien Warenverkehr ganz abgesehen.

In vielen Fällen ist das Auto scheinbar zu einem Teil des menschlichen Körpers geworden, ohne den man sich nicht mehr fortbewegen kann. Günter Anders berichtet in seinem Opus Magnum „Die Antiquiertheit des Menschen“, dass er sich z.B. in den USA als Fußgänger neben einer Landstraße schnell verdächtig machte und daraufhin von der Polizei aufgehalten und kontrolliert wurde. In solch einer Gesellschaft ist es daher keinerlei Vorteil mehr, ein Auto zu haben, sondern nur noch ein Nachteil, keines zu haben. Die gesamte Infrastruktur ist darauf eingestellt, sich ausschließlich mit dem Auto fortzubewegen und der entsprechende Flächenverbrauch „verwüstet“ die Landschaft. Dann wird zum Motto, was Helmut Qualtinger in dem Lied „Der Wilde“ von Gerhard Bronner so treffend ausdrückte: „I hob zwoar ka Ohnung wo i hinfoahr, aber dafür bin i gschwinder duat.“ Obwohl, „gschwinder“ kann man eigentlich nicht sagen, wenn man bedenkt, wieviel Zeit es dann mitunter in Anspruch nehmen kann, eine Schraube für irgendeine Reparatur im Haushalt zu besorgen. Manch ein Autofahrer „kreist“ ohnehin nur, weil er keinen Platz mehr zum Parken findet.

All diese Zumutungen werden durch das Elektroauto keinesfalls verschwinden. Im Gegenteil, es scheint eine vermehrte Produktion von „Luxuskarrossen“ damit Hand in Hand zu gehen. Eine noch größere Bedrohung geht von der Zukunftsvision „selbstfahrender Autos“ aus. Einfach unsäglich.

Aber der Anspruch des Motorwagens auf Flächenverbrauch reicht noch nicht aus: Wie seine Vorläufer, die Verbrennungsmotoren in den Industriebetrieben, verpestet er auch noch erbärmlich die Luft. Wer sich schon an die Dunstglocke aus Abgasen und Feinstaub in den Großstädten gewöhnt hat, kann sich doch nicht an das dadurch hervorgerufene Asthma seiner Kinder gewöhnen. Und da ist ja auch noch die apokalyptische Bedrohung einer Klimaveränderung, zu welcher der motorisierte Verkehr weltweit mit nachweislich 30 Prozent der gesamten CO2- Emissionen beiträgt. Dazu passt auch die „Schneefeindlichkeit“ des Autos. Sobald der schöne Schnee da ist und die winterliche Landschaft erhellt und verzaubert, kommen schon die Autobesitzer und räumen ihn weg oder machen ihn schmutzig. Autos und Schnee sind so etwas wie Antagonisten.

Theoretische Einordnung des Motorwagens

Viele Autofahrer und -fahrerinnen könnten sich von solchen Ausführungen natürlich persönlich angegriffen fühlen. Sie berufen sich dann vielleicht schockiert auf ihr Recht auf Mobilität oder ihr Recht auf Privateigentum. Freie Fahrt für freie Bürger eben. Nur gibt es meiner Meinung nach diese Art von „Naturrecht“ nicht, sondern jedes Recht ist und bleibt letztendlich sozial definiert. Wie könnte es auch ein Recht auf uneingeschränktes Eigentum oder uneingeschränkte Bewegungsfreiheit geben? So etwas kann nur von jemandem behauptet werden, der an das Recht des Stärkeren glaubt, und das tun die Protagonisten des kapitalistischen Konkurrenzsystems offensichtlich. Und ebenso steht es mit ihrem Begriff von Freiheit. Dieser besteht zu allererst in der Erweiterung ihrer persönlichen Freiheiten, z.B. durch eine Ausdehnung ihrer Mobilität. Dass dadurch aber die Freiheit und Mobilität anderer eingeschränkt wird, interessiert sie nicht wirklich. Und so stehen wir heute an dem Punkt, dass der propagierte Freiheitsbringer Auto uns massiv einschränkt. Wir haben keinen Platz mehr, sind ständig in Gefahr, in einen Unfall verwickelt zu werden, und nicht selten sogar gezwungen, bei dem ganzen Verkehrswahnsinn mitzumachen, um überhaupt unseren Lebensunterhalt bestreiten zu können und nicht „abgehängt“ zu werden. Die Mühle der Konkurrenz dreht sich um jeden Preis weiter und ihre Zentrifugalkräfte offenbaren sich u.a. auch in einer voranschreitenden Zersiedelung.

Gleichzeitig erweist sich das bürgerliche Subjekt als äußerst schwach. Durch die nicht enden wollenden Zumutungen des Konkurrenzkampfes zugerichtet und verängstigt, schreit es neurotisch nach Schutz, Schutz, Schutz. Und gerade die Protagonisten des Systems brauchen im bürgerlichen Gedränge diesen Schutz oft am ausgeprägtesten. Sie verkrallen sich in ihr Eigentum und das Auto wird zu ihrem Fetisch. Wie frisch aus dem Ei gepellt rollen sie damit durch die Gegend und wehe es entsteht unabsichtlich ein Kratzer im Lack. Dann bricht beinahe die Welt zusammen.

Doch die zunehmend ausgebeutete natürliche und soziale Umwelt schlägt immer wieder mit unvorhergesehenen „Kratzern“ zurück. Die einzige Antwort, die ihnen daraufhin einfällt, ist noch mehr Ausbeutung und noch mehr Schutz. Damit entzieht sich das bürgerliche Subjekt aber sukzessive seine eigenen Lebensgrundlagen. Ohne Ganzkörperschutz (z.B. mit Superfaktor-Sonnencreme) kann es sich schließlich nicht mehr in seiner Umwelt bewegen.

Als Gegenmodell zu dieser fatalen Entwicklung kann nur eine soziale Definition von Kategorien wie Eigentum, Freiheit und Mobilität dienen. Ein „Naturrecht“, auf das sich die Bourgeoisie mit ihrer Wettbewerbsideologie so gerne beruft, kann es in diesen Bereichen aus den angeführten Gründen nicht geben. Wir „leihen“ unser Eigentum, unsere Freiheit und unsere Mobilität also letztlich von der Gemeinschaft und sind dadurch verpflichtet, sie so in Anspruch zu nehmen, dass es allen Mitgliedern damit gut gehen kann. Es heißt also, wieder viel mehr Rücksicht zu nehmen bzw. ein neues Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass die Organisation von Mobilität in gesellschaftliche (staatliche) Hand zurücküberführt werden muss. Der Mensch ist ein soziales Wesen, hat ein soziales Gewissen und sollte dieses auch verwenden (können). Wir können frei und mobil sein, ohne dafür notwendigerweise ein verabsolutiertes Privateigentum zu brauchen. Im Gegenteil, wir werden dieses über kurz oder lang auf eine soziale Basis stellen müssen.

Als Konklusion komme ich daher wieder auf meine Meinung als Kleinkind zurück: Alle Autos müssen weg! Sie gehören bestenfalls auf eine Rennstrecke, wo sich ihre Freaks meinetwegen um Kopf und Kragen fahren können. Der gesamte Rest der Gesellschaft muss jedoch schleunigst von ihnen befreit werden. Genauso wie von der bürgerlichen Konkurrenz.