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Setting und Seuche

von Franz Schandl

Wie kommt die Seuche zu dieser Sprache und warum fällt uns keine andere ein? Erstaunlich ist es zwar nicht, aber doch von Interesse, welch archaische Gesänge Demokratie, Rechtsstaat und Aufklärung intonieren. Das führt geradewegs zur trostlosen These, dass diese Frontpropaganda verdeutlicht, dass unsere Zeiten heller scheinen als sie finster sind.

Seit Corona herrscht Ausnahmezustand und Krieg. Da werden Schlachten geschlagen, Heroes erkoren, Wiederauferstehung gefeiert. Entsprechende Legenden bilden sich schon. Schlagworte stehen bereit, werden politisch magaziniert und medial multipliziert. Das Arsenal ist voll mit ideologischen Granaten. Neue und alte Phrasen werden geladen und abgeschossen. Manches wird adaptiert, vor allem aber wird vieles „neu“ geheißen: von der Normalität im Allgemeinen bis zur Freiheit im Besonderen. Spricht Kanzler Kurz stets von „neuer Normalität“, dann entdeckt die Jubelpresse sogleich „Die Woche der neuen Freiheit“, um schwer begeistert die „sehr harten Maßnahmen“ zu loben, denn: „Neue Freiheit erfordert weiter viel Disziplin“. So das Boulevardblatt Österreich am 27. April 2020.

Religiöse Bilder wie jenes der Wiederauferstehung werden ebenso beschworen wie das Durchhaltevermögen, an das unentwegt appelliert wird. Wir sind im Krieg. Dazu braucht es Heldinnen und Helden, ausdrücklich auch jene des Alltags und der Arbeit. Bürger werden gelobt, wenn sie spuren und bedroht, wenn sie nicht gehorchen. Krieg, Religion, Mythos, sie bilden einen Schulterschluss, der ein nationaler ist. Die Sprache ist bellizistisch. Dazu gesellt sich dann im Konkurrenzkampf der Standorte das Ranken. Wer ist besser?, meint: Wer beeindruckt mit den besseren Daten? Mögen die Zahlen nun stimmen oder nicht, sie sind nötig, um Erfolge messen und kreieren zu können. Da gibt es Tote, Verletzte, Rekonvaleszente, Gesundete. Die Schlacht ist auch ein Gemetzel der Zahlen. Und es ist gar nicht einfach zu sagen, welche real sind oder welche bloß als real realisiert werden.

Der Wirt ist der Feind

Mysophobie greift in diesem „neuen Alltag“ (Jens Spahn) um sich. Berührung und Nähe werden als allgemeine, nicht nur spezielle, Bedrohung aufgefasst. Niemanden an sich ranlassen, wird zum neuen Credo. Wo Distanzierung und Ängstigung die mentalen Haltungen prägen, wird Gehorsam zum Gebot oder im Neusprech zum Leitwert. Mündige Bürger sind Kinder, auf die man aufpassen muss. Deutlich zeigt sich das auch in der fortschreitenden Infantilisierung der Masse. Kriegsvergleiche schüren Angst, aber ebenso erzeugen sie Gefolgschaft samt Folgsamkeit. Das ist der Zweck. Selbst die Aussage keine Angst haben zu müssen, erhöht diese sofort.

Einschüchterung und Ohnmacht schreien unisono nach Führung. Einen Führer brauchen jene, die sich nicht auskennen, aber genau wissen, wer sie zu führen hat. Trotzdem kann kaum von Strategie gesprochen werden, höchstens von Taktik. Eigentlich ist niemand vorbereitet, geschweige denn, dass sich jemand auskennt. Nicht nur Verschwörungstheorien sind Verschwörungstheorien. Dekretieren statt diskutieren, ist angesagt. Identität wird weniger gestiftet als verordnet. Aber sie verfängt trotzdem. Derweil wir sind in keinem Krieg. Weder ist es ein Krieg, noch gibt es ein „wir“, so sehr wir uns beides auch einbilden. Da werden keine Schlachten geschlagen, da werden Maßnahmen getroffen und Verordnungen gesetzt. Über die könnte man streiten. Doch so einfach ist das in diesem infizierten Klima nicht.

Zucht und Ordnung verlangt das Seuchenregime. Wer den Feind im Virus ausmacht, kann diesen nur im Virusträger orten. Lediglich dort ist er zu Hause. Der Wirt ist der Feind. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) spricht bezüglich der Infizierten wie von Kriminellen. Da werden Glutnester lokalisiert, Verdachtsfälle isoliert, Infektionsketten „mit der Flex durchtrennt“. Daher war und ist man auch so geil auf „Contact Tracing“ via Überwachungsapp. Solch Vorwand für solch Vorhaben findet man so schnell nicht wieder. So ließe sich auch express erkunden, ob die Menschen wirklich als Wächter ihrer selbst funktionieren. Regt sich jemand auf, wird eilends der totalitäre Hammer geschwungen, indem ein Bündnis von rechten und linken Extremisten behauptet wird. Die Desinfektion wirkt gefährlicher als die Infektion. So gilt nicht mehr, dass erlaubt ist, was nicht verboten ist, sondern umgekehrt, dass verboten ist, was nicht erlaubt ist. Im Infotainment der österreichischen Bundesregierung bleiben oft wichtige Informationen auf der Strecke, wird aus gebotener Vorsicht ein Besuchsverbot. Ist das bloß ungeschickt oder schon Absicht?

Die Debatte, falls es überhaupt eine ist, gerät auf die Ebene von Tugend und Laster. Da gibt es Brave und Schlimme. Irgendetwas dürften sie angestellt haben, die Infizierten. Kranke werden zu potenziellen Tätern, derer man habhaft werden will. In des Kanzlers Leibblatt Österreich vom 8. Mai 2020 steht geschrieben: „Offiziell lobt Sebastian Kurz derzeit Kärnten und Salzburg. Dort seien einige Bezirke bereits virusfrei“. Was heißt das? Doch nur, dass, wo welche zu loben sind, auch andere zu tadeln wären. Vor allem Wien, namentlich die SPÖ-geführte Stadtregierung, wird hier angerempelt und drangsaliert, man denke bloß an die schikanöse Schließung der Bundesgärten in der Hauptstadt. Auf der gleichen Seite des zitierten Blattes findet sich auch ein Beitrag mit dem Titel „Auffällige Zunahme in Wien bei Covid-Erkrankungen.“ 42 Infektionen innerhalb von 24 Stunden, apportiert die Tageszeitung. Die passen nicht auf, die Wiener, die muss man zu Räson bringen. Dass das mit den Wiener Fallzahlen nicht ganz so stimmt, berichtet das Blatt gleichentags wie unzufällig auf seiner Website. „Entwarnung in Wien: Nur 10 neue Corona-Fälle“, heißt es nun. Des Rätsels Lösung ist einfach: Die statistische Schwankung der absoluten Zahlen bewegt sich im Bereich nicht aussagekräftiger Signifikanz. Der Warnung folgt nun „vorerst Entwarnung“. Ziel der Warnung war jedoch nicht die Warnung, sondern die Verwarnung.

Wir leben in einer Zeit, in der Disziplin gefragt und Disziplinierung angesagt ist. Das Drohvokabular läuft zur Höchstform auf. Maskulinistische Formeln der Kriegsrhetorik erfreuen sich großer Zustimmung. Da fühlt eins sich ideell aufgerüstet. Sprache wappnet. Die Seuche schreit nach diesem Setting von Spannung und Angst. Wo es keine Gewissheit gibt, siegt die Selbstvergewisserung. Sie bewirkt zweifelsfrei eine große Beeindruckung, mehr aber nicht. Was gewesen ist, wird sich erst zeigen, wenn es vorbei ist. Das ist zwar traurig, aber unmittelbar scheint man dem nicht entkommen zu können. Schon übermorgen wird man feststellen müssen, wie wenig wir heute gewusst haben.

Das weltweite Corona-Experiment gleicht auch einer Überprüfung der Folgsamkeit von Bevölkerungen. Bisher konnte man sich nicht groß beschweren. Die Herde ist loyal. Und dort, wo sie nicht loyal ist, hat das meist primitive ökonomische Gründe. It’s the business, stupid. Am extremsten etwa äußerte sich Tesla-Chef Elon Musk, er bezeichnete die Corona-Ausgangssperren in Kalifornien schlicht als „faschistisch“ und lässt in seinen Betreiben unbekümmert weiterarbeiten. Da macht dann die Wirtschaftsfraktion gegen die Seuchenpartie mobil, Aufsperrer und Zusperrer geraten in einen veritablen Gegensatz. Indes, Aufsperren oder Zusperren?, das ist sowieso zu kurz gefragt.

Die Welt nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein, heißt es jetzt vielerorts. Mag sein. Viel eher ist zu befürchten, dass dies gerade nicht der Fall sein wird, die Chose also bloß in die nächste Runde geht, insbesondere auch, weil man nun alle Verwerfungen dem Virus in die Schuhe schieben kann. Das funktioniert tatsächlich wie ein Alien und gerade deswegen auch als Alibi. So wird das unbekannte Außen zur multiplen Projektionsfläche, der man fortan alles anhängen kann, was an Verwerfungen droht oder geschieht. Denn in allen klein- und großbürgerlichen Gemütern geht es stets um die Schuld, die irgendwer zu haben hat. Was auch immer meint: Irgendjemand muss bezahlen. Diese Logik, schon an sich skurril, wird angesichts der Bedrohung durch ein Virus nur noch grotesker.

Message und Messias

„Schlagwörter sind Worte der Schlagenden zum Gebrauch für die Geschlagenen“, wusste Günther Anders. Typisch dafür etwa auch Phraseologie und Dramaturgie in des Kanzlers Rede zum 75. Jahrestag der Gründung der Zweiten Republik am 27. April 2020. Seine Hände hält er quasi betend in die Kamera, öffnet sie gelegentlich in der vereinnahmenden Weise. Der junge Mann dirigiert sein Volk. Angestimmt wird die Litanei von den Leuten, derer die „zeitlebens hart gearbeitet haben“, da ist die Rede von „Eigenverantwortung“, vom „Team Österreich“, vom „Lebensmodell der Demokratie“, vom „großen Erbe“ von „Wiedereröffnung“, um abschließend den „Wiederaufbau“ zu propagieren. Wir stehen vor einem „Comeback“, was heißt, „dass der Standort stark ist und die Menschen arbeiten gehen“, so der Kanzler bei einer Pressekonferenz vom 29. April. Neues meint lediglich Erneuerung, besonders neu ist also die Reinstallation des Alten.

Sebastian Kurz wirkt in seinem Auftritt wie ein smarter und souveräner Seriensieger gymnasialer Redewettbewerbe. Das gehörige Vokabular spult sich in gängiger wie eingängiger Weise ab. Da ist vieles drinnen, was drinnen sein muss. Man hört und horcht, worauf man wartet. Schlagworte, wohin wir blicken. Aber sie treffen und passen. Sie wollen vernommen werden. Sie gleichen ideologischen Dauerlutschern, die zwar den Gaumen verkleben, aber trotzdem reißenden Absatz finden, selbst wenn sie den Geschmackssinn verderben. Kurz ist inzwischen vom Gesellen zum Meister serieller Umgarnung aufgestiegen. Vorerst scheint der Hype unstoppable.

Natürlich könnte man sich über das triste Niveau des Trivialen mokieren, doch das bringt wenig, vor allem erschüttert es dieses in keiner Weise. Das Publikum will es so. So simpel das auch gestrickt sein mag, Sender und Empfänger treffen sich in der Botschaft. Nicht nur in Österreich. Vor allem in deutschen Springer-Zeitungen wird alles abgefeiert, was der österreichische Kanzler von sich gibt. Reputation wiederum wächst mit dem Zuspruch aus dem Ausland. Wir gelten wieder wer, fühlt das nationale Naturell. Sätze wie „Gerade Österreich scheint aus heutiger Sicht die Krise in vorbildlicher Weise zu meistern“, sind da bezeichnend. Kurz verkörpere „große Entschlossenheit, Entscheidungskraft und Klarheit.“ (Die Welt vom 6. April 2020) Nun gilt er gar als der Corona-Musterschüler. „So einen brauchen wir auch“, fordert die Bild. Und hierzulande gibt es aktuell bereits Umfragen, die ihn knapp unter der absoluten Mehrheit sehen wollen. Wird das nur lang genug kolportiert, dann wird das Land, geschüttelt vom hochansteckenden Türkisfieber, wohl stracks in jene stolpern.

Auch die Wortwahl des „Musterschülers“ ist tückisch, genauer gesagt heimtückisch. So werden ausgewählte Staaten (Österreich, Australien, Israel, Dänemark, Griechenland, Tschechien, Norwegen und Singapur) bezeichnet, die in der Corona-Krise zumindest der offiziellen Lesart nach, bisher am wenigsten Schaden genommen haben. Kurz, the Master of Briefing, spricht von „smarten“ Ländern, mit denen er auch gelegentlich Videokonferenzen abhält, um deutlich zu machen, wo denn die Avantgarde zu sehen sei. Deutschland, obwohl stets eingeladen, sträubt sich. Man will wohl doch nicht den Kotau vor dem Oberstreber in Wien machen. Das ist verständlich. Interessanterweise sind aber auch Kroatien und Slowenien nicht dabei. Da lässt sich wohl vermuten, dass die Alpenrepublik in der Reisezeit mehr auf Touristenzufluss als auf Urlauberabfluss setzt. Wer hätte das gedacht?

Kritiker bescheinigen dem Bundeskanzler hingegen „maximale Inszenierung und minimale Transparenz“. Tatsächlich sorgt ein „hoher Angstpegel für Herdendisziplin“, wie es in einem Gastkommentar in Der Standard vom 28. April 2020 heißt. Kurz empfiehlt sich dabei als Retter der Nation, eine Art Lord Protector. Elisabeth Köstinger, die rechte Hand des Kanzlers, Ministerin und Ministrantin in einer Person, garniert ihre ehrfürchtigen Statements oft mit: „Dank Sebastian Kurz“ oder „Danke, Sebastian Kurz“. Das sind Fürbitten pur. Niederknien. Aufschauen. Anhimmeln. Schon jetzt kursieren Gerüchte, dass das „politische Jahrhunderttalent“ Tausende, ja Zehntausende von Menschenleben gerettet habe. Das Team Kurz ist ganz auf Message und Messias trainiert. Selbst Ungläubige kapitulieren.

Und geht was schief, dann liegt der Fehler nicht beim eingeschworenen Kader der Jungtürkisen. Sich selbst haben sie unter Kontrolle, doch wenn die Anhängerschaft aus dem Häuschen gerät, wird es selbst für die Kontrolleure eng. Geschehen am letzten Mittwoch im Vorarlbergischen Kleinwalsertal, als die beflaggten und befeuerten Gläubigen bei einer spontanen Prozession des Kanzlers mehr an Basti-Himmelfahrt dachten als an einen anderen Erreger. Nur die rot-weiß-rote Kriegsbemalung fehlte. Maske her, Abstand hin, da ist der Kanzler wirklich nur knapp einer Busselorgie entgangen. Die schwerverliebten Fans auf Distanz zu halten, das ist selbst in Corona-Zeiten schwierig. Da gab es keine Regie mehr. Da wurde die Herde zur Horde. „Ich bitte euch alle, a bissl an Abstand zu halten, so gut als möglich“, sagte Kurz zu seinen Fans. Zweifellos, je größer, desto besser.