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Logica liber faciei

von Emmerich Nyikos

Die „neuen Medien“ – die social media, wie man sie irrtümlich nennt – können, wenn schon sonst nichts zu ihren Gunsten gesagt werden kann, so doch zumindest das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, die „Logik des Alltags“ sicht- und daher auch analysierbar gemacht zu haben, die „Logik“ also, die das „Denken“ derer beherrscht, die auf der Basis von Ignoranz – der Unwissenheit und dem Nicht-Wissen-Wollen – trotzdem vor sich hin räsonieren.

Diese „Logik“, wir wollen sie mit wissenschaftlichem Anstrich Logica liber faciei nennen, zeichnet sich durch eine gewisse Anzahl von „Denkfiguren“ aus, die wir hier kurz anhand von Eindrücken aus der „Corona-Krise“ vorstellen wollen:

1. Inductio imperfecta: Damit ein induktiver Schluß valide genannt werden kann, muß eine Unzahl von Fällen untersucht und in das Kalkül miteinbezogen werden. Die Inductio imperfecta besteht nun gerade darin, daß nur ein Fall, der genau das zu beweisen scheint, was man gern glauben will, herangezogen wird. Auf dessen Basis verallgemeinert man dann, d.h. man schließt von dem einen isolierten Fall (sofern es sich tatsächlich um einen „Fall“ handeln sollte) auf die Gesamtheit. Die Ausnahme bestätigt hier nicht die Regel, sondern die Regel ergibt sich aus dem Ausnahmefall. Das ist bequem, denn es genügt immer nur ein einzigerFall, und schon hat man die Meinung bestätigt. Es starb eine Frau an Covid-19 in ganz jungen Jahren (ob sie nun daran gestorben ist oder doch nur mit dem Corona-Virus, spielt hier dann gar keine Rolle) – daher ist das Leben aller bedroht, nicht nur das der Risikogruppen. Das Virus ist somit ein Killervirus, das vor nichts und niemandem haltmacht. Quod erat demonstrandum.

2. Kontextlosigkeit: Sehr beliebt ist es im Facebook-Universum, den Kontext einer „These“ auszuklammern, d.h. die Fakten, die für sich genommen vielleicht „wahr“ sein mögen, von allem anderen fein säuberlich zu trennen.

a. Man nimmt etwa die absoluten Zahlen und läßt sie isoliert stehen: Es gibt hier oder dort soundso viele Todesfälle, die im Zusammenhang mit dem CoV-2-Virus stehen, was mit Bezug auf die herangezogenen Fälle, die Fälle, auf die verweisen wird, sehr viel, mithin als eine Unmenge erscheint, weil man üblicherweise alles das, was über die Hundert hinausgeht, schon als eine beachtliche Anzahl empfindet. Ob das wirklich auch viel ist, wird nicht hinterfragt. Es genügen die absoluten Zahlen, um von einem Horror-Virus zu sprechen, welches das Leben aller bedroht.

b. Man vergißt, die Fakten in Relation zu anderen zu setzen: Es wird, was Covid-19 betrifft, kein Vergleich mit ähnlichen Krankheitsbildern gezogen, mit Influenza etwa, einer Atemwegsinfektion, gleichfalls provoziert durch ein Virus. Daß hier die jährlichen Todeszahlen in der Regel weitaus höher sind, wird nicht zur Kenntnis genommen. Man tut in der Tat so, als ob Atemwegsinfektionen bis jetzt noch nie auf diesem Planeten aufgetaucht wären: als ob Corona einmalig wäre, das Extraordinäre schlechthin.

c. Es werden die Umstände konsequent ausgeblendet. Daß solche Faktoren wie die hohe Luftverschmutzung, die Alterspyramide, das marode und totgesparte Gesundheitssystem, Fahrlässigkeit (wie etwa das Unding, mit CoV2 infizierte Personen wegen Kapazitätsmangel in den Spitälern in Altersheime „auszulagern“), falsche Medikation und anderes mehr, bei den „hohen Todeszahlen“ eine Rolle spielen könnten, kommt nicht in den Sinn.

3. Differenzierungsnegation: Alles wird über denselben Kamm geschoren. Differenzierung gibt es nicht: Das Durchschnittsalter der Verstorbenen, ob es Vorerkrankungen gab – alles das fällt aus dem Bild glücklich heraus. Toter ist Toter. Und daraus wird gefolgert, daß jeder an Covid-19 sterben kann.

4. Mechanisches Denken, dem die dialektische Dimension vollständig abgeht: Während die Dialektik die allgemeine Wechselwirkung postuliert, ist das mechanische Denken völlig linear. Rückkopplungen werden ignoriert und ausgeklammert. Daher kommt es zu wilden Extrapolationen: Weil heute die Rate der Neuinfektionen zugenommen hat, so wird sie auch morgen zunehmen müssen. Und so unendlich fort, bis man bei den 100.000den Toten angelangt ist, die es durch weise Maßnahmenbündel – „koste es, was es wolle“ – zu verhindern gilt.

5. Emotionales Räsonnement: Man denkt nicht mit dem Nerven-System, den Neuronen, sondern mit dem Lymph-System, also den Hormonen. Die Emotion, die das Denken steuert, führt dann auch zur Aggression: cum ira et studio. Diejenigen, die von Anfang an gegen den Strom geschwommen und so aus dem Mainstream ausgeschert sind, werden hemmungslos diffamiert und medial niedergemacht, in einer Art Lynchjustiz medialen Zuschnitts: Wie kann man auch eine Sache zu verharmlosen suchen, die uns alle mit dem Exitus bedroht?

6. Argumentum ex auctoritate: Alles ist so, wie es gesagt worden ist, weil es die oberste Instanz uns gesagt hat. Sagt die oberste Instanz, die Regierung mit ihren „Experten“, daß „bald ein jeder Corona-Tote aus seiner Umgebung, aus seinem Bekanntenkreis gekannt haben wird“, so glaubt man das auch – und plappert es nach.

7. Argumentum ex ignorantia: Dieses „Argument“ folgt direkt aus dem Argumentum ex auctoritate. Weil die oberste Instanz es gesagt hat, will man von anderen Standpunkten gar nichts mehr wissen. Was nicht ins Bild paßt, wird eliminiert oder gelangt erst gar nicht in den Gesichtskreis. Davor verschließt man beflissen die Augen.

8. Voluntas fidei: Fere libenter homines id quod volunt credunt. (Caesar) Man glaubt das gern, was man gern glauben will. Da das CoV2-Virus „neu“, daher unbekannt ist, kommt es der Finsternis gleich, und wo Dunkelheit herrscht, da fürchtet man sich. Und da man sich fürchtet, will man sich retten. Man glaubt also gern demjenigen, der einem die Rettung verspricht.

9. Conclusio ex specie: Es wird vom Anschein auf die Essenz einer Sache geschlossen. Es scheint so zu sein, daß Covid-19 eine Höllenseuche ist, da offenbar dieses Virus so viele Tote verursacht, die, horribile dictu, mit Lastwagen abtransportiert werden müssen, daher ist sie es auch.

10. Susceptio sine verificatione: Man nimmt die Daten als solche ohne Verifizierung. Sind die Corona-Toten denn wirklich an Covid-19 gestorben, an dem Virus oder mit ihm? So genau will man es gar nicht wissen, da die vorgefaßte Meinung dadurch ins Wanken gebracht werden könnte.

11. Concluso ex quantitate: Man schließt von der Quantität auf die Qualität einer Sache. Da weniger Tote hier als dort verzeichnet worden sind, muß es einen qualitativen Unterschied geben, und dieser besteht gerade darin, daß hier Maßnahmen zur Eindämmung gesetzt worden sind, dort aber nicht. Daher war der Lock-Down alternativlos. Genausogut könnte man argumentieren, daß, weil der Meister aus der fünften Liga ein besseres Torverhältnis hat als der aus der ersten, der Meister aus der fünften Liga die bessere Fußball-Mannschaft ist.

12. Argumentum ex opinione: Man vermutet ins Blaue hinein, ohne es zu wissen. Und aus der Vermutung wird schließlich Gewißheit, wenn nur viele vermuten und man lange genug vermuten hat dürfen. Denn die Zeit ist ein Meinungsverstärker. Es könnten in jedem x-beliebigen Land Hunderttausende sterben, so wird vermutet. Und am Schluß ist es gewiß, daß sie auch wirklich ableben würden, hätten die Regierungen nicht in weiser Voraussicht Rettungsmaßnahmen ergriffen.

13. Probabilitätsnegation (Worst-Case-Annahmen): Man klammert die Wahrscheinlichkeit aus. Ob eine Sache nun wahrscheinlich ist oder nicht, einerlei. Der Worst-Case wird nicht als eine Möglichkeit begriffen – als unwahrscheinlich, obgleich nicht gänzlich auszuschließen –, sondern als futurisches Faktum. Massen werden von Covid-19 dahingerafft werden, wer daran zweifelt, verharmlost.

14. Inverse Implikation (Regen-Implikation): Hier geht man, anstatt von der Antezedenz auf die Konsequenz zu kommen, den umgekehrten Weg von der Konsequenz zur Antezedenz – das Antezedens also darf aus der Konsequenz resultieren: Wenn A, dann B. Es gilt B, also A. Wenn es regnet, dann ist die Straße naß. Die Straße ist naß, also hat es geregnet. Das scheint logisch, ist es aber nicht, da die Straße auch mit Wasser besprengt worden sein könnte. In unserem Zusammenhang: Wenn die Sondermaßnahmen sich als effektiv erweisen, dann verschwindet das Virus. Das Virus verschwand, also haben sich die Sondermaßnahmen als effektiv erwiesen. Das Corona-Virus könnte allerdings auch ganz von allein abgetaucht sein, wie es desgleichen andere Viren (das Influenza-Virus zum Beispiel) Jahr für Jahr tun.

15. Cum hoc, ergo propter hoc: Das heißt, es wird Koinzidenz mit Kausalität verwechselt, eine „Denkfigur“, die seit jeher sich großer Beliebtheit erfreut. Das Corona-Virus wurde nachgewiesen, daher ist der Patient daran auch verstorben. Daß dies nicht zwingend ist, dürfte indessen einsichtig sein. Man kann es erst dann genau wissen, wenn Obduktionen durchführt werden, die bestätigen, ob oder ob nicht. Meistens heißt es dann auch, wenn obduziert wird, daß nicht.

16. Beweisverfahren: Im Facebook-Universum genügen Beweise, die keiner Überlegung bedürfen. Sie sind sub-begrifflich, daher auch unwiderlegbar.

a. Der Augenschein-Beweis: „Ich habe es selbst gesehen.“ Was man gesehen hat, ist augenscheinlich auch wahr. Man sieht, das sei zugestanden. Das heißt aber nicht, daß man auch alles sieht, man sieht immer nur einen winzigen Ausschnitt. Im Krankenhaus etwa kann man an (oder mit) Covid-19 Verstorbene sehen. Also ist das, was bezüglich der Mortalität von Covid-19 gesagt worden ist, bestätigt, bewiesen. Denn man hat es gesehen.

b. Der Hörensagen-Beweis: Im Face-Book-Universum kursieren „Berichte“, „Augenzeugenberichte“, von Leuten, die man kennt. Und weil man sie kennt, erwecken diese „Berichte“ Vertrauen. Warum auch sollte man dem, was der Bekanntenkreis sagt, nicht Glauben schenken? Und die aus dem Bekanntenkreis vertrauen ihrerseits wieder ihren Bekannten und so immer fort. Diese „Berichte“ bestätigen also die Meinung, daß das Corona-Virus ein Höllenvirus ist, und dies um so mehr, als sie so zahlreich sind. Zahlreich sind sie indessen, weil das „Netz“ so weitgespannt, weil es grenzenlos ist. Gegen Facebook ist kein Kraut gewachsen, gegen Facebook kommt man im Grunde nicht an.

c. Ikonischer Beweis: Bilder! Bilder aus dem Fernsehapparat und Bilder aus dem Netz: Bilder aus der Lombardei, Bilder aus New York, Bilder von gestapelten Särgen, Bilder von Kühlcontainern voll Leichen, Bilder von Massengräbern, Bilder von Lastwagen, die die Särge en masse abtransportieren. Man kommt so in den Genuß, es selbst gesehen zu haben. Hier haben wir sozusagen multiplizierte, ja potenzierte „Beweise“, die auf eigener Anschauung fußen, auch wenn diese nur indirekt ist – medial vermittelt –, was aber keine Rolle spielt, da man es ja trotzdem sieht. Es gilt somit, was oben über den Augenschein-Beweis gesagt worden ist.

Es versteht sich von selbst, daß alle diese „Denkfiguren“ sich in den konkreten Räsonnements miteinander verflechten und sich auf diese Weise gegenseitig ergänzen und stützen. Daraus ergibt sich ein Meinungskonglomerat, das alles das, was von außen eindringen könnte, glücklich abprallen läßt. Es ist eine Festung, gemauert mittels einer „logischen Apparatur“, die, weil sie so elementar und so anspruchslos ist, so erfolgreich und effektiv operiert.